Raja Alem – Sarab

Das Beduinenmädchen Sarab (als Junge verkleidet) und ihr Zwillingsbruder Saif gehören zu jenen 500 radikalen Islamisten, die im November 1979 in Mekka die Große Moschee einnehmen und zahlreiche Gläubige zu ihren Geiseln machen. Während Sarab keinen einzigen Schuss abfeuert, stattdessen die Verwundeten versorgt, verfallen ihr Bruder und die anderen Rebellen immer mehr dem aussichtslosen Kampf mit der französischen Anti-Terroreinheit. Sarab gelingt im letzten Moment die Flucht durch die Katakomben, an ihrer Seite als Geisel ist der Soldat Raphael. Sie versteckt sich mit ihm in einer verlassenen Wohnung mit einem einzigen Zimmer, dem eines Kindes, wie es scheint.

„… Und rundherum ganze Reihen von Puppen, starrend saßen sie da, die meisten enorme Plastikpuppen, einige wenige handgefertigt aus Baumwollstoff. Die grellweiß leuchtenden Gesichter der baumwollenen glotzten ausdruckslos vor sich hin. Sie hatten riesige Glupschaugen, die mit grobem schwarzem Faden angenäht waren, darüber extrem nach oben gebogenen Brauen. Sie schienen sich über die beiden Gestalten zu mokieren, die da keuchend und unaufgefordert in ihre vergessene Welt hereinplatzten.“

Wenn die Worte des Feindes die Gedanken verändern

Raphael spricht Sarab`s Sprache und in den ersten Tagen ihres unfreiwilligen Zusammenseins verspotten sie jeweils den Glauben des anderen und beschimpfen sich. Doch schon bald beginnen sie sich füreinander zu interessieren (Raphael weiß anfangs nicht, dass er eine Frau vor sich hat) und erinnern sich an ihre eigenen Schwächen und den Schmerz, den sie in der Vergangenheit erlitten haben. Der gegenseitige Hass erlischt und verwandelt sich in eine tiefe Liebe. Raphael möchte Sarab nicht zurücklassen und überredet sie zur Flucht nach Paris.

Die 1970 in Mekka geborene Schriftstellerin Raja Alem taucht mit ihrem erschütternden Roman tief ein ins Zentrum des islamistischen Terrors und beschreibt die dramatischen Szenen in der Großen Moschee mit einer Wucht, auch wenn sie selbst nicht dabei gewesen ist. Man erlebt als LeserIn die brutale Realität, die sich dort abgespielt haben muss, als die Toten immer mehr wurden und die unmöglich gewordenen hygienischen Maßnahmen für immer unmenschlichere Bedingungen sorgten. „Sarab“ ist eines dieser Bücher, die weh tun. Und doch möchte und sollte man sie lesen, um fremde Kulturen (besser) zu verstehen.

Übersetzt wurde das Buch vom vielfach preisgekrönten Hartmut Fähndrich.

Raja Alem „Sarab“, 2018
Unionsverlag | Roman
352 Seiten | € 24,70

 

Claudia Zawadil

Claudia Zawadil

Dipl. Ing. (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Bücherwurm, Vinyl-Lover und Gartenfee.
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Über den Autor

Claudia Zawadil
Dipl. Ing. (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Bücherwurm, Vinyl-Lover und Gartenfee.

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