Der Flachmann geht an …. Corinna Bergmann

Corinna Bergmann liest im Café Opfestrudl. Foto © Claudia Zawadil für den City-Flyer

Der Ingeborg-Flachmann-Literaturpreis mag zwar für den Gewinner materiell nicht der große Wurf sein, ideell bedeutet er für die heurige Erstplatzierte des Bewerbs eine hohe Auszeichnung. Die St. Pöltner Literatin Corinna Bergmann hat sich auf „short-short-stories“ spezialisiert, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Die frisch gebackene Ingeborg Flachmann-Preisträgerin erklärt sich im Interview.

Interview: Werner Harauer
Foto: Claudia Zawadil für den City-Flyer

City-Flyer: Du hast kürzlich den „Ingeborg Flachmann Preis“ gewonnen. Hattest du dir im Vorfeld Chancen ausgerechnet? Und was hast du gefühlt, als dir der Flachmann verliehen wurde?

Corinna Bergmann: Da ich ein eher pessimistischer Mensch bin, habe ich nicht wirklich ans Gewinnen geglaubt. Gehofft habe ich es natürlich schon, sehr sogar. Und das Gefühl, tatsächlich gewonnen zu haben, war einfach überwältigend – noch dazu wenn man bedenkt, dass alle Texte so verdammt gut waren!

CF: Was bringt die Teilnahme an Literaturwettkämpfen?

Corinna: Viel Erfahrung. Der Vergleich mit andern wird oft als etwas Negatives angesehen, er weckt aber den Ehrgeiz, finde ich, und man lernt viel dazu. Abgesehen davon schließt man neue Bekanntschaften mit Gleichgesinnten und kann sich mit ihnen austauschen.

CF: Hast du schon bei anderen Lesewettbewerben mitgemacht?

Corinna: Ja, beim Literaturkarussell NÖ 2008 habe ich den ersten Preis gewonnen, im Jahr darauf hat das Literaturkarussell wieder einen Wettbewerb veranstaltet, bei dem ich Vierte geworden bin.

CF: Du bist Vegetarierin und engagierst dich für Tiere. Wirkt sich dieses Engagement in deinen Texten aus?

Corinna: Noch nicht. Ich arbeite aber gerade an neuen Geschichten, und zwei davon handeln von den Grausamkeiten, die sich täglich in den Schlachthöfen abspielen.

CF: Magst du auch Menschen?

Corinna: Sicher, auch wenn mir zu viele davon auf einmal schnell auf die Nerven gehen. Ich mag keinen Smalltalk. Und Partys, auf denen ich kaum Leute kenne und mich daher ständig vorstellen muss, sind mir ein echtes Gräuel. Und wenn ich zu häufig mit zu vielen Menschen zusammenkomme, brauche ich anschließend zwei, drei Tage Klausur – in meiner Wohnung, mit meinen Katzen. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich einige sehr wichtige Freunde und Freundinnen habe, die mir nie zu viel werden!

CF: Du hast mit dem Gedanken gespielt Thanatopraktikerin zu werden? Kannst du uns erklären, was eine Thanatopraktikerin macht? Und was hat dich veranlasst, diesen Berufswunsch ins Auge zu fassen?

Corinna: Das ist jemand, der Leichen einbalsamiert, damit die Angehörigen ihre Toten im offenen Sarg zur Schau stellen können. Sowas macht man bei uns aber kaum. Mich würde aber dieses Handwerk reizen. Ich finde es überhaupt nicht grausig, mit Leichen zu arbeiten. Es ist ein Teil der Natur. Und es gehört ja auch Pietät dazu und nicht nur schwarzer Humor.

CF: Du beschreibst dich selbst als Person mit morbidem Charakter. Was fasziniert dich am Tod?

Corinna: Dass er das Leben irgendwann beendet. Und wenn so manche so genannte Zukunftsforscher voller Enthusiasmus das ewige Leben oder zumindest 200 mögliche Jahre ankündigen, ist für mich allein die Vorstellung echter Horror. Die Begrenztheit des Lebens und die Tatsache, dass wir nicht wissen, wie lange es dauert, bringt uns ja erst dazu, uns Ziele zu setzen und diese auch zu verfolgen – wenigstens hin und wieder… Welche Bedeutung würde der Begriff „Prokrastination“ erst erlangen, wenn wir ein paar hundert Jahre alt werden könnten. Hm, Bügelwäsche …? Erledige ich in 25 Jahren…

CF: Ist ein morbider Mensch zwangsläufig ein melancholischer Mensch? Und ist die Melancholie eine Charaktereigenschaft oder einfach Ergebnis eines durcheinander geratenen Stoffwechsels im Körper, wie die moderne Wissenschaft meint?

Corinna: „Melancholisch“ ist ein sehr passender Ausdruck, zumindest für mich. Ich war immer ein bissl schwermütig, schon als Kind. Ich hab den schönen Dingen ewig nachgetrauert und mich in die weniger schönen so richtig hineinfallen lassen. Später ist mir das bewusst geworden und ich wollte es ändern. Geht aber nicht. Ich hab wirklich schon viel an mir zum Positiven verändert, aber dieses Schwermütige und Pessimistische ist nicht wegzubekommen. Also für mich ist es definitiv eine Charaktereigenschaft. Oder es liegt an eben dieser melancholisch-pessimistischer Haltung, dass ich es nicht zum Positiven verändern kann. Mittlerweile lebe ich aber gut damit. Und die morbiden Geschichten hätte ich als lebenslustiger, fröhlicher Mensch nicht schreiben können.
Sollte es aber am Stoffwechsel liegen, dann könnte sich so vielleicht meine Sucht nach zuckerhaltigen Lebensmitteln erklären lassen.

CF: Welche Verbindung hast du zum Café Opfestrudl, außer die zuckerhaltigen Lebensmittel?

Corinna: Ich habe bis vor Kurzem im Opfestrudl als Serviererin gearbeitet und bei LimO (Literatur im Café Opfestrudl) mitgewirkt. Letzteres mache ich weiterhin.

CF: Hast du die LimO initiiert?

Corinna: Nicht allein, sondern gemeinsam mit Wilhelm und Michaela Lipp, die vor einiger Zeit den L&L Verlag gegründet haben. Der Begriff LimO geht auf die beiden zurück. Wir haben uns gemeinsam etwas überlegt und meine ehemalige Chefin, Tamara Brunnsteiner, ist kulturellen Ambitionen gegenüber sehr aufgeschlossen.

CF: Findet im Opfestrudl ein regelmäßiges literarisches Programm statt?

Corinna: Ja, außer LimO gab es letztes Jahr eine Halloween-Nacht mit einer kurzen Lesung aus meinem Buch und im Dezember hat die Schauspielerin Veronika Polly im Rahmen einer Weihnachtslesung Geschichten von Hugo Wiener und Kishon gebracht.

CF: Wie war der Zuspruch?

Corinna: Ausgezeichnet. Inzwischen hat sich LimO herumgesprochen. Es kommen jedesmal neue Autor*innen und Zuhörer*innen dazu. Die letzte Veranstaltung fand am 12. Juni statt, an einem der heißesten Tage bisher. Trotzdem sind 32 Interessierte gekommen. Auch die anderen Veranstaltungen sind immer ausgebucht.

CF: Ich habe das Gefühl, das die Literaturveranstaltungen in St. Pölten mehr geworden sind. Ist da was dran?

Corinna: Ich glaube schon. „Lesestoff und Schnaps“ ,von Marlies Eder organisiert, soll es ab Herbst wieder geben. Das Cinema Paradiso macht sehr viel. LimO findet, wie gesagt, einmal im Monat statt. Und ab September finden ein paar literarische Abende im Flohmarktstüberl Unterradlberg statt. Da gibt es einen sehr gemütlichen Extra-Raum für solche Veranstaltungen. Am 27. September, 19.00, findet dort z.B. ein Sprechtraining statt, am 18. Oktober,19.00, eine Schreibwerksstatt … Beides initiert von Wilhelm und Michaela Lipp sowie dem Betreiber Karl Bergmann.

CF: Wie geht es den Literat*innen in St. Pölten?

Corinna: Sicher viel besser als noch vor 15, 20 Jahren. Wie gesagt, die Gastronomie scheint den Schreibenden gegenüber recht aufgeschlossen zu sein. Es gibt mittlerweile etliche Lesemöglichkeiten. Auch der Buchhandel ist aufgeschlossen. Mein Buch wurde z.B. von den Buchhandlungen Schubert und Thalia St. Pölten ins Programm genommen, was ich als echte Chance betrachte. Die Stadtbücherei könnte aber für die St. Pöltner Autor*innen mehr tun. Da gibt’s zwar immer wieder Lesungen, aber so weit ich mitbekommen habe, hat man als „UnbekannteR“ keine Möglichkeit, in der Bücherei zu lesen. Ich finde das wirklich schade…

CF: Bist du Mitglied der Literarischen Gesellschaft oder eines ähnlichen Vereins?

Corinna: Nein.

CF: Wo hast du bisher veröffentlicht?

Corinna: In verschiedenen Literaturmagazinen, z.B. im „etcetera“ von der Literarischen Gesellschaft insgesamt drei Geschichten, im „Reibeisen“, dem Literaturmagazin aus Kapfenberg und in der Anthologie „St. Pöltner Geschichten“, herausgegeben von Hans Rankl.

CF: Wann wurde dein erstes Buch veröffentlicht?

Corinna: Im September 2018 brach­te der Verlag am Rande mein Buch „Das Unheil geschehe: Friedhofsnovelle und 23 makabre Kurzgeschichten“ heraus.

CF: Seit wann schreibst du? Und wann wurde ein Text von dir erstmals veröffentlicht?

Corinna: Ich schreibe seit meiner Kindheit. Angefangen habe ich mit harmlosen Kindergedichten, als Jugendliche habe ich dann die ersten Kurzgeschichten geschrieben. Davon hab ich mit naiven 14 Jahren ein paar an einen Jugendbuchverlag geschickt und ein nettes, einfühlsames Absagebriefchen bekommen. Das ist das Schöne an der Jugend. Heute würde mir kein Verlag mehr eine derart liebevolle Ablehnung schicken! Die erste Veröffentlichung hatte ich erst spät – 2007 im „etcetera“.

CF: Du hast dich auf „Short-Short-Stories“ spezialisiert. Ist das eine anerkannte literarische Gattung?

Corinna: Ich glaube schon. Zumindest habe ich diesen Begriff schon einige Male in Literaturbeiträgen gelesen und vor ungefähr drei Jahren habe ich in einem Antiquariat ein Jugendbuch mit Gruselgeschichten gefunden. Die meisten der Texte waren nicht einmal drei Seiten lang, ein paar sogar noch kürzer. Was mich daran fasziniert hat, war, dass man mit so wenig Text und vor allem beinahe ohne Informationen über die Figuren so viel ausdrücken und in die Tiefe gehen kann.

CF: Du gibst an, am liebsten im Kaffeehaus zu schreiben. In welchen Kaffeehäusern kann man dich da antreffen?

Corinna: Sehr häufig im Paradiso, im Emmi und eben – im Opfestrudl.

CF: Wir danken für das Gespräch.

Werner Harauer
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Werner Harauer

Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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