Auch Parque del Sol 2017 vom Publikum bestürmt

Der bevorstehende Auftritt des Multiinstrumentalisten Wandl am Parque del Sol 2017 zog viele Besucher an. Foto © Claudia Zawadil

Es ist Samstag, der 22. Juli, 19:30 Uhr. Angenehme Temperaturen locken immer mehr interessierte Besucher zum Parque del Sol 2017, dem fünftägigen „symposium of interdisciplinary art“, das heuer von 19. bis 23. Juli im Sonnenpark stattfindet. Die Gäste drängen sich an den Heurigenbänken, sie drängen an die Bars und nehmen sich den Platz zwischen den beiden Gebäuden. In Grüppchen wird getratscht und gelacht. Mal verlässt jemand die Gruppe, um sich der nächsten anzuschließen und weiter zu plaudern. Mal zieht eine Gruppe weiter Richtung nächster Bühne. Alles sehr entspannt – man kennt sich.
„Hat der durchschnittliche PDS-Besucher eine Liste jener Künstler im Kopf, die er unbedingt sehen will?“, frage ich mich. Wohl kaum. Er müsste einen aufwendigen Rechercheaufwand betreiben, was wer wo macht. Das Programmheft, so irgendwo im Vorfeld erhältlich, liefert nur Basisinformationen, die neugierigen Menschen außerhalb des Fankreises wenig weiterhelfen. Einen fetten Folder mit ausführlicher Vorstellung aller Künstler, Wochen vor dem Festival verteilt, würde ich mir wünschen. Das wäre nicht nur eine klare Ansage über das herausragende standing des Parque del Sol in stp, sondern wäre auch für die Künstler und deren zukünftigen Fans eine große Hilfe.

Ich habe einen Plan für diesen Abend und der schaut wie folgt aus: unbedingt Wandl sehen, im Anschluss Dorian Concept, dann in den Schwarzen Raum eintauchen, dazwischen herum mäandern und mit Bekannten plaudern.
Ausgebremst wird mein Vorhaben von Alicia Edelscheiss und die Ministrantinnen, die auf der Weidenhaus-Wiese vor der Centrale so penetrant aufspielen, dass ich einfach innehalten muss. Katzenmusik mit der walisisch-österreichischen Singer-Songwriterin Alicia Edelweiss am Akkordeon und zwei Ministranten von Sweet, Sweet Moon an den Streichinstrumenten. Den lautstarken weirdo Folk verfolgen neben mir zahlreiche andere Zuhörer; weniger wegen der verstiegenen Musik, eher wegen der konsequenten schludrigen Umsetzung. Zeit für ein Bier.

Der 22-jährige, aus St. Pölten stammende Lukas Wandl, oder schlicht Wandl, spielt nach langer Bühnenabstinenz wieder in der Heimat. Das letzte Mal sah ich ihn beim „Abschiedskonzert“ von Bauchklang im VAZ St. Pölten und er war groß. Zwei EPs und einen Longplayer auf Affine Records später ist der junge Multi-Instrumentalist nochmals gewachsen. Abgesehen von seiner lässigen Bühnenpräsenz wirken die Tracks state of the art, ich meine auf Augenhöhe mit den international avanciertesten elektronischen Acts.
Am besten gefällt mir Wandl da, wo er zu eiernden RnB-Rhythmen singt, die sich schon beim ersten Hören als Ohrwurm entpuppen. Hier auf der Hofbühne erhält Wandl prominente Unterstützung von Dorian Concept, der bei einigen Songs am Piano improvisiert. Das Publikum bleibt während des anspruchsvollen Programms bei der Stange und feiert die Musiker.

Wandl überlässt nach einer knappen Stunde Dorian Concept die Hofbühne. Geht es nach den internationalen Referenzen, ist der Austro-Amerikaner der Star des heurigen PDS-Festivals. Der Autodidakt steht beim rennomierten Label Ninja Tune unter Vertrag, absolvierte bereits erfolgreich eine Solo-Welttournee und stand bei Flying Lotus und Cinematic Orchestra an den Keyboards. Erst kürzlich (22.6.) konnte man sich von seinen Qualitäten am Wiener Arena open-air überzeugen, wo er mit Flying Lotus, Jameszoo, Thundercat und artverwandten Künstlern auf der Bühne stand.
Im Gegensatz zu Wandl kommen Conceps Tracks gänzlich ohne Gesang aus. Wie ich an mir schon längere Zeit feststelle, lässt meine Aufmerksamkeit bei rein elektronischen Acts bald nach. Zu wenig für’s Auge, auch wenn Clemens Haas aka CEEN mit seinen tollen Visuals dagegen wirkt. Ich denke mir dann bei solchen Anlässen, dass „es zuhause auf meiner Anlage einfach besser klingt.“

Die Luft ist also draußen, daher schließe ich mich einer kleinen Gruppe an, die sich eine Nachtbesichtigung des Sonnenparks in den Kopf gesetzt hat. Wir stolpern durch den so gut wie lichtlosen Park, stoßen auf einer kleinen Lichtung auf einen einsamen Computerkünstler, der Visuals auf ein Tuch projiziert. Mehrmals begegnen wir anderen Grüppchen, die ebenfalls auf Entdeckungsreise sind, oder einfach ihren Zeltplatz suchen, bis wir plötzlich beim sogenannten Jazzheurigen landen. Das Duo mit Namen Belach dürfte schon eine Weile spielen; der Gig war für 19:00 Uhr angesetzt und jetzt ist es bestimmt schon 22:00 Uhr. Inzwischen haben Musikerfreunde von Belach die Bühne gekapert und zusammen wird gejammt, was das Zeug hält.
Der Jazzheurige ist für die vielen Zuhörer zu knapp bemessen. Es gibt zu wenige Tische, selbst die Stehplätze sind rar. Wir wollen niemandem die Sicht nehmen, also ziehen wir weiter, obwohl die Musik und das Plätzchen wirklich einnehmend wirken.

Unsere Gruppe hat sich längst aufgelöst, als ich erneut die Hofbühne erreiche. Das Geschehen hat sich inzwischen in den Schwarzen Raum verlagert, vor dessen Eingang eine dichte Menschentraube steht. Mit einem ohrenbetäubenden Brummen macht Hypercycle auf sich aufmerksam. Einige Besucher drängen nach draußen – der Lärm ist wirklich heftig – und mir gelingt es, bis zu Eingang des Schwarzen Raumes zu gelangen. Dann ist es aus. Anstatt mich durch den Türrahmen zu pressen, erhasche ich nur einen kurzen Blick von der Bühne, bevor mich weiße, lange, schlangenförmige Luftballons, die immer fetter werden zurückdrängen. Von der audiovisuellen Fahrradperformance muss ich das „visuell“ also streichen, ich höre nur ein unglaublich lautes Brummen, hervorgerufen durch einen Radler auf einem aufgebockten Rad und verstärkt durch allerlei technisches Equipment, welches von einem zweiten Künstler bedient wird.

Halb so schlimm. Jetzt ist die Zeit reif um einzutauchen in die Nacht, in die Menschenmenge, um Kontakte zu knüpfen und verloren geglaubte Bekannte zufällig zu treffen. Der Parque del Sol ist ja nicht nur ein kulturelles Highlight des Sommers, sondern auch ein soziales. Denn nirgendwo ist die Chance größer, in die Bundeshauptstadt oder anderswo hin migrierte gleichgesinnte Menschen anzutreffen, als in dieser Nacht am Parque del Sol 2017.

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    Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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