Filius de Lacroix stellt im Ateliertheater aus

Der Bildende Künstler Filius de Lacroix will dem Betrachter seiner Bilder kein Gedankenkorsett aufzwingen. Foto: privat, z.V.g.

Mit der Ausstellung „Kalbscola“ im Wiener Ateliertheater greift Filius de Lacroix auf die Figurative Malerei zurück und stellt sie in einen neuen Kontext. De Lacroix lehnt Eindeutigkeiten ab und will nichts vorgeben: der Betrachter besitze aufgrund seiner Lebenserfahrung genug Ressourcen, die Bilder selbst zu interpretieren.

Interview: Werner Harauer

 

City-Flyer: Hast du das Monochrome, die Pornographie, das Papier, … aufgegeben?

Filius De Lacroix: Ich hab nach Jahren, in denen ich ausschließlich mit weißem Papier gearbeitet habe, neue Perspektiven gebraucht. Ich bin mit meiner Technik an die Grenzen des Möglichen gestoßen und irgendwann hat sich bei mir Langeweile eingestellt.
Zum Thema Pornographie: Ich finde es spannend, dass ich immer wieder auf dieses Thema angesprochen werde, obwohl ich es nur einmal in einer Serie aufgenommen habe. In dieser habe ich den verkappten und spießigen Umgang mit Sexualität, den unsere Gesellschaft noch immer oder eher immer mehr hat, visualisiert. Meinen Themen – damals wie jetzt – drehen sich immer um Menschen und Emotionen in allen erdenklichen Formen.

C-F: Deine bisher erfolgreichsten Arbeiten?

De Lacroix: Die größte und erfolgreichste Arbeit war wohl, ein süditalienisches Schloß aus dem 14. Jahrhundert für die Hochzeit der Tochter eines indischen Stahlmagnaten mit Papierblumen zu verpacken. Und das mit gerade einmal einem Monat Zeit. Des weiteren gibt und gab es auch immer wieder Rauminstallationen und Auftragsarbeiten für Hermes, Steffl, derStandard Rondo, Presse Schaufenster, Sleekmagazine, Vice, usw.
Die spannenderen Arbeiten sind aber immer die freien, und die schönsten Momente die, wenn diese von Sammlern gekauft werden.

C-F: Unterrichtest du noch an der New Design Universität St. Pölten?

De Lacroix: Nope, aber ich gebe jetzt Zeichen- und Malkurse für Kinder und Jugendliche, da die Schulen und Universitäten meines Erachtens in diesen Bereichen total versagen.

C-F: Gibt es in St. Pölten eine Künstlerszene?

De Lacroix: Ja natürlich! Ich finde sogar eine sehr ausgeprägte. Die bildenden Künstler aus STP entwickeln fast alle eine sehr eigene Bildsprache. Nur leider wandern die meisten nach Wien ab, weil St. Pölten das Bewusstsein für seine Kunstszene fehlt. Wir haben keine Galerie, und die wunderbare Shedhalle schließen wir und geben sie nach Krems ab? Hallo geht’s noch? Und die tollen Räumlichkeiten des DOK (Stadtmuseum) werden auch mehr oder weniger nur für Esoterikmessen verwendet.

C-F: Jetzt wird’s visionär: Wirst du im Kulturhauptstadtjahr eine große Ausstellung deiner Werke in St. Pölten haben?

De Lacroix: Tja, ich denke wenn St. Pölten ganz lieb „Bitte, Bitte“ sagt (lacht).

C-F: Sich in der Musikszene zu behaupten ist schon schwer. Ich habe den Eindruck, sich in der Kunstszene zu etablieren, steht eine Klasse darüber. Wie siehst du das?

De Lacroix: In der Musik ist es – glaub ich – leichter, einen Trend zu erkennen und diesen zu bedienen. Das funktioniert natürlich auch in der Kunst, dann nennt man das aber Deko. Ich finde, es ist in beiden Bereichen schwer. Und wie immer geht es hauptsächlich um’s Netzwerken gepaart mit Glück. Heutzutage spielt das Können gar keine so große Rolle, ist aber natürlich auch nicht hinderlich.

C-F: Apropos Musik: Wie geht es deinen musikalischen Ambitionen?

De Lacroix: Sind da, nur mit der Zeit hapert’s ein bissl. Mal schauen, Pläne gibt’s.

C-F: Deine Ausstellung hat den Untertitel „Nichtigkeit der Definition“. Brauche ich nicht die Definition, um sicherzustellen, dass ich mit meinem Gegenüber vom selben Ding spreche? Um ein Mindestmaß an Verständigung zu garantieren, muss ich mich auf ein gemeinsames Fundament an Begrifflichkeiten, Wertungen und Definitionen einigen. Wenn sich die Gesellschaft in immer mehr Tribes zersplittert, die nicht mehr miteinander kommunizieren können, wird das nicht lange gut gehen.

De Lacroix: Der Titel ist natürlich überspitzt. Aber es geht mir darum aufzuzeigen, dass in unserer Gesellschaft fast alles zu Tode definiert wird. Da gibt es einen Witz, der das ziemlich genau auf den Punkt bringt: „Woran erkennt man Veganer? Sie sagen es dir.“ Und das zieht sich durch alle Bereiche. Musik, Politik, Essen, Sport und und und. Wir umgeben uns nur noch mit Menschen, die gleich denken, diskutieren – hauptsächlich nur mehr online – und wenn jemand anderer Meinung ist, kommt kein Diskurs mehr auf, sondern derjenige wird geblockt und entfreundet. Obwohl wir in einer globalen Welt leben, suchen wir uns die kleinen Gruppen, die exakt zu unseren Ansichten passen. Und vereinsamen mehr und mehr. Der Mensch in der heutigen Gesellschaft hat ein wahnsinniges Problem mit Kritik bzw. mit anderen Meinungen. Und ich spreche jetzt gar nicht von linker und rechter Politik. Sondern jeder, dessen Leben ich nicht verstehe, ist sofort quasi der Feind. Da wundert es mich nicht, dass unserer Welt gerade so stark nach recht rückt. Weil ja sogar bei den Linken faschistoide Züge erkennbar werden.

C-F: Aber erhält die Definition nicht erst durch die Wertung den von dir kritisierten negativen Touch? Der Nazi auf deinem Bild ist erst mal ein Nazi. Ein Nazi ist ein Begriff, der sich relativ einfach definieren lässt. Erst durch die (Be)Wertung erhält er einen bestimmten Spin. Eine Definition ist doch per se wertfrei.

De Lacroix: Eine Definition sollte per se wertfrei sein, aber das menschliche Ego kennt, glaub ich, nichts wertfreies. Und somit ist jede Definition wohl eher eine Interpretation des Individuums. Und wie zuvor beschrieben, fehlt leider der Diskurs: weil die Menschheit residenter gegen neues und anderes ist. Man sucht sich die Zeitungen, die die eigene Meinung niederschreiben und holt sich dann noch Bestätigung auf irgendwelche dubiosen Webseiten. Und Satire wird von Vielen nicht mehr als solche erkannt.

C-F: Deine Bilder „stellen dar“. Was stellen sie dar? Das objektive Abbild der Wirklichkeit? Deine subjektive Sicht auf die Wirklichkeit?

De Lacroix: Sie stellen dar, weil das der Sinn eines Bildes ist. Sie stellen Menschen mit Emotionen dar, sichtbar oder auch nicht. Ich gebe keine Gefühle vor. Meine Bilder haben auch keine Titel. Natürlich empfinde ich beim Malen der Bilder immer wieder etwas anderes, aber das will ich dem Betrachter nicht vorgeben. Ich will, dass die Betrachter so wertfrei wie möglich an meine Bilder herantreten und somit jeder seine eigene Geschichte und seine eigenen Gefühle zu den Bildern entwickeln kann. Nur so finde ich, kann auch konstruktive Kritik entstehen. Es bringt mir nichts, wenn der Betrachter, Kritiker usw. mir dann nur meine eigene Meinung wiedergibt. Ob positiv oder negativ.

C-F: Du sagst, Kunst sei Anarchie, sei banal, … ist Kunst nicht in erster Linie eine andere Form von Kommunikation? Eine Übersetzung von Wort und/oder Gefühl?

De Lacroix: Ich finde jetzt nicht, dass Kunst eine andere Form verbaler Kommunikation ist, sie hat eher die Form eines bildhaften Kommentars. Dieser Kommentar kann weit stärker und kräftiger sein als das Wort, da wir ja visuelle Lebewesen sind und die Sprache uns in der Kommunikation schon stark einschränkt. Das Gegenteil von „hungrig“ ist „satt“. Aber das Gegenteil von „durstig“? Da hab ich mit dem Bild weit mehr Möglichkeiten das auszudrücken.

C-F: Kannst du mir den Begriff „Chiralität“ erklären, sodass ich ihn auch verstehe? Und wie darf ich mir eine chirale Realität vorstellen?

De Lacroix: Physikalisch und chemisch bezeichnet „Chiralität“ die Eigenschaft bestimmter Gegenstände oder Systeme, dass ihr Spiegelbild durch Drehung nicht mit dem Original zur Deckung gebracht werden kann.
Also so wie unsere rechte und linke Hand.
Diesen physikalischen Begriff auf die Kunst zu übertragen ist für mich ist es ein Gedankenexperiment. Wenn zwei Betrachter vor dem gleichen Bild stehen und keine Vorgaben wie Bildtitel haben, sieht jeder die gleichen Farben, Formen, die gleiche Geschichte. Aber durch die jeweilige Lebenserfahrung, Bildung, Erinnerungen, usw. wird jeder etwas vollkommen anderes fühlen bzw. interpretieren. Für die einen wird das Bild vermutlich positive Assoziationen wecken und beim nächsten vielleicht sogar Abscheu oder Trauer.
Wie ich vorher schon gesagt habe: ich spiele in meinen Bildern mit Emotionen. Und hier wird der Betrachter ein Teil des Werkes. Willkommen in der Chiralen Realität.

C-F: Ich bedanke mich für das Interview.

facebook.com/Filius.deLacroix

Die Ausstellung „Kalbscola – Nichtigkeit der Definition“ von Filius de Lacroix ist noch bis 26. November im Ateliertheater, 1070 Wien zu sehen.

Werner Harauer
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Werner Harauer

Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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