Gestatten: Oskar Beneder; btw, I am gay

Oskar Beneder, Obmann des Vereins Queerisity , bekennt sich offen zu seiner Homosexualität. In seiner Freizeit macht er sich für Menschen stark, die sexuelle Normen nicht zu 100% erfüllen. Foto: Stefan Fröhlich, z.V.g.

Eine Kleinstadt wie St. Pölten ist kein ideales Biotop, seine Neigungen abseits der heteronormativen Vorstellungen nachzugehen. Oskar Beneder, Obmann des Vereins Queeriosity , gibt Einblick in seine Lebenswelt als homosexueller St. Pöltner und erzählt uns, was er und seine MitstreiterInnen vom Verein noch alles vor haben. Interview: Werner Harauer

City-Flyer: Wenn du dich mit drei Adjektiven beschreiben müsstest, wie würden die lauten?

Oskar Beneder: Aufgeschlossen, lustig, tolerant

C-F: Du bezeichnest dich selbst als „the only gay in town“. Die Statistik widerspricht dir. Sie geht davon aus, dass zwischen 1-10% der männlichen Bevölkerung gay sind. Was für St. Pölten ca. 500 bis 5000 Männer bedeuten würde.

Oskar: Diese Bezeichnung ist natürlich nur eine Überspitzung und kommt aus der Britischen Comedy Serie „Little Britain“ und diese Bezeichnung stellt sich auch in der Serie als total falsch für den Protagonisten heraus da sich herausstellt, dass es sehr wohl sehr viele schwule Männer in der gezeigten Kleinstadt gibt.
Sie soll allerdings schon auf ein für mich persönlich sehr wichtiges Thema hinweisen und zwar, dass es in St. Pölten nicht so leicht ist, abseits von Online Plattformen homosexuelle Männer kennen zu lernen. Dies war auch lange Zeit bei uns im Verein ( Queeriosity ) so, da bisher sehr wenige homosexuelle Männer unsere Treffen besucht haben. Es werden aber nun doch ständig mehr.
Ebenfalls soll mit dieser Bezeichnung darauf hingewiesen werden das es gerade im eher „ländlichen“ Raum nach wie vor sehr schwierig sein kann, sein Coming Out zu haben und dazu auch öffentlich zu stehen. Somit beschreibt diese Bezeichnung meinen sehr offenen Umgang mit dem Thema und meine Bereitschaft auch in der Öffentlichkeit mich hierzu zu bekennen. Diesen Mut hätte ich allerdings nicht gehabt, würde nicht meine gesamte Familie hinter mir stehen und mich unterstützen.

C-F: Welche Rolle spielt es in deiner Selbstwahrnehmung, einer Minderheit anzugehören?

Oskar: Puh. Das ist eine schwierige Frage. Manchmal spielt es eine größere Rolle, manchmal eine kleinere. Allgemein kann ich hierzu nur sagen das es nicht immer leicht ist dieser Minderheit anzugehören. Während und vor meinem Coming Out spielte es eine bei weitem größere Rolle, da ich sehr viele Selbstzweifel hatte und mich nicht so wirklich zugehörig fühlte.
Heute ist es zu einem wichtigen Teil meiner Identität geworden schwul zu sein und meine Vergangenheit hat mich hier sehr gestärkt. Das Gefühlt nicht gleichwertig zu sein ist jedoch auch heute noch immer Teil meines Seins. Dies macht sich besonders bei der Partnersuche bemerkbar, da sich diese durchaus schwierig gestalten kann. Alleine aus dem Grund, weil die Anzahl der homosexuellen Personen um einiges eingeschränkter ist.

C-F: Ich bin hetero, gehe aber davon aus, dass ich mich mit der Mehrzahl der übrigen Heteros aus ideologischen, kulturellen und was weiß ich für Gründen nicht an einen Tisch setzen würde. Gibt es bei den homosexuellen Männern aufgrund ihres Minderheitenstatus so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl über alles Trennende hinweg?

Oskar: Ja, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl gibt es zum Teil schon, aber es geht definitiv nicht über alles Trennende hinweg. Gerade bei homosexuellen Männern gibt es oft sehr viel Oberflächlichkeit und Streit. Jedoch würde ich nicht soweit gehen und sagen, ich würde mich deshalb mit jemanden nicht an einen Tisch setzen. Eventuell würde ich den Tisch verlassen wenn mir die Gespräche zu ausgrenzend werden. Gerade das Thema Rassismus und Bodyshaming ist in gewissen Kreisen sehr ausgeprägt. Einen „berühmten“ Satz, den man öfter hört bzw. liest ist: „no fats, no fems, no asians“. Zu Deutsch, keine Fetten, femininen oder Asiaten.
Aber wie überall kann man hier sagen, es kommt immer auf die Menschen an, mit denen man sich umgibt und da bilden homosexuelle Menschen keine Ausnahme.

C-F: Gerade junge heteronormative Menschen werden sich ein Leben als Gay nicht vorstellen können. Sie orientieren sich an eingespielten Ritualen bei der Partnersuche, gehen in Cliquen fort, albern in aller Offenheit herum und wenn alles gut geht, hat sich ihr Beziehungsstatus am nächsten Tag geändert. Wie war das bei dir? Gab es da auch Rituale?

Oskar: Also ich hätte das nicht so wirklich als Ritual bezeichnet aber es gibt schon so einige Fixstationen, durch die man als junger schwuler Mann durch muss.
Allem voran steht das Coming Out. Bei mir ist das mit 15 bekommen. Da hatten meine Schulkollegen alle bereits ihre ersten „Erfahrungen“ gesammelt oder waren in einer Beziehung oder versuchten es zumindest. Für mich war das ebenfalls Thema, vor allem weil ich reinpassen wollte. Also habe ich versucht, mit einer Schulkollegin zusammen zu kommen – zum Glück hat das nicht funktioniert! Mit 16 hatte ich dann endlich mein Coming Out im Freundeskreis. Einiges ist dadurch leichter geworden und einiges komplizierter. Auf der anderen Seite ich hatte sehr viele weibliche Freunde und einige wollten ja schon immer einen „schwulen besten Freund“ haben. Plötzlich stand ich da mit gefühlten 10 „besten“ Freundinnen und alle wollten shoppen gehen, was mich bis heute nicht sonderlich interessiert.
Aber ein Ritual, durch das glaube ich auch jeder homosexuelle Mann mal geht, ist der erste Besuch in einer schwulen Bar. Für mich war das ein Lokal in Wien, um das ich gefühlte zehn Mal gegangen bin, weil ich mich nicht hinein getraut habe. Dieses Erlebnis haben, glaube ich, viele homosexuelle Männer. Als ich dann drin war, wurde ich erstmal gemustert und dann sehr freundlich von allen im Lokal begrüßt; also halb so schlimm.
Was bei mir nie so wirklich stattgefunden hat, war das in der Clique fortgehen. Für mich war diese Zeit um mein Coming Out herum sehr prägend und sehr einsam. Auch wenn ich nach außen immer sehr viele Freunde hatte, aber nie viele Menschen, mit denen ich eben diese Erfahrungen teilen konnte, weil die Lebenswirklichkeit einfach eine andere ist.

C-F: Zumindest die Städte sind offener geworden (vom Land wollen wir lieber nicht reden). Heute stößt sich kaum jemand daran, wenn ein Mann in Stöckelschuhen durch die Fußgängerzone stolziert. Verändert sich das Verhalten der Community, weil sich das Verhalten der Mehrheit verändert hat? Wenn ja, wie zeigt sich das?

Oskar: Das Klima hat sich in dieser Hinsicht etwas verbessert. Aus meiner Erfahrung heraus ist es jedoch schon so, dass ein Mann in Stöckelschuhen nicht so wirklich ein Problem darstellt. Sobald jedoch zwei Männer händchenhaltend durch die Stadt gehen, merkt man schon, dass es Aufmerksamkeit erregt. Die Blicke gehen von angewidert bis erfreut, und aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass man durchaus auch mal beschimpft werden kann. Auch in Wien ist mir dies (zwar vor 5 Jahren) passiert.
Allgemein kann man aber trotzdem sagen, dass das Verhalten vor allem von jungen Menschen sich hier sehr verändert hat und sich dies auch in der Community widerspiegelt, da die rechtliche Gleichstellung in weiten Teilen gegeben ist. In der Community bemerkt man vor allem einen stärkeren Fokus aus andere Minderheiten wie zum Beispiel auf die Rechte von transidenten Menschen, sowie intergeschlechtliche Personen. Auch das Thema Non-Binary wird vor allem von jungen Initiativen verstärkt aufgenommen. Der Weg ist nach wie vor weit und es liegen hier auch definitiv noch Steine am Weg.

C-F: Mit deinem „Coming Out“ vor einer breiten Öffentlichkeit wirst du bei einem Teil auf offene Ablehnung gestoßen sein. Wie gehst du damit um?

Oskar: Ich begreife mich hier als sehr glücklich, da ich sehr wenig Ablehnung erlebt habe und bei dieser Frage wirklich überlegen muss. Ich gehe mit diesen seltenen Situationen sehr verschieden um. Meistens begegne ich diesen Menschen aber mit einer Haltung der Offenheit und versuche aufzuklären. Allgemein kann ich nur sagen, ein Coming Out macht deine Schale immer etwas härter und man versucht über solchen Anfeindungen zu stehen und sie nicht all zu persönlich zu nehmen. Dies gelingt natürlich nicht immer und in manchen Situationen wollte ich schon einfach nur heulen oder der Person einen Schlag verpassen. Aber am meisten regen mich Personen auf, die nicht homophob sein wollen, mich aber nach einem Getränk fragen, ob ich denn nicht ihr „schwuler bester Freund“ sein möchte, da ich dies als geringschätzend und abwertend wahrnehme. Ich meine, ich kenne diese Person vielleicht 30 Minuten, ja auch sowas ist homophob…
Allgemein kann ich aber sagen bis jetzt hatte ich da eigentlich Glück.

C-F: Kann es eine Verständigung mit Menschen geben, die jede Art von Sexualität ablehnen, sobald sie von der heteronormativen abweicht?

Oskar: Ich hoffe ich habe die Frage richtig verstanden.
Auf der einen Seite gibt es natürlich asexuelle Menschen, welche es mit Sex oft nicht so haben, jedoch schon zum Teil romantische Gefühle spüren. Mit diesen Menschen ist natürlich Verständigung gewünscht. Aber worauf du wahrscheinlich eher anspielst sind Menschen, die einfach alle abweichende Lebens- und Liebesformen ablehnen. Ich denke, hier wird sich die Verständigung schwierig gestalten. Ich persönlich versuche hier aufklärend zu wirken. Also solange es nicht beleidigend wird und Interesse besteht, kann man sich sicherlich verständigen. Wenn natürlich totale Ablehnung vorherrscht, wird es mit der Verständigung schwierig und bei unseren Treffen wird jegliche Art von Diskriminierung nicht toleriert.

C-F: Du bist Obmann beim St. Pöltner Verein „ Queeriosity “, der Anlaufstelle für Menschen, die sich keinen sexuellen und gesellschaftlichen Normen unterwerfen wollen. Der Verein wirkt nach innen, weil sich die Leute vernetzen können. Soll er auch nach außen wirken? Wie wollt ihr von außen wahrgenommen werden?

Oskar: Ja, unser Verein wirkt momentan zum größten Teil nach innen. In Zukunft möchten wir aber auch verstärkt nach außen wirken aus diesem Grund haben wir in Zukunft auch Pläne, eine abgewandelte Regenbogenparade in St. Pölten zu veranstalten oder einen Kongress abzuhalten. Nach außen wollen wir vor allem als sichere Anlaufstelle wirken, in der sich jeder wohl fühlen kann und Fragen stellen kann.

C-F: Der Verein ist sehr umtriebig und betreibt auf Campus & City Radio 94.4. die Sendung „Café QUEER OnAir“, die jeden vierten Freitag im Monat ausgestrahlt wird. Du moderierst die Sendung und ladest Gäste ein. Was erwartet die Hörer?

Oskar: Momentan erwartet die Hörer vor allem eine frisch gestartete Sendung, da nun einige Zeit pausiert wurde. Wer sich die Sendung anhört, kann eine sehr bunte Musikauswahl erwarten und interessanten Input aus dem Leben von queeren Personen sowie Kritik an Politik und Medien.

C-F: Siehst du deine Arbeit auch als politische Arbeit?

Oskar: Derzeit sind wir nicht sehr politisch unterwegs, aber da es bei uns auch um Gleichberechtigung und Gleichstellung geht, ist meine Arbeit auch immer zu einem gewissen Teil politisch und mir ist es auch wichtig, etwas positives zu bewirken in unserem Umfeld.

C-F: Die Art, wie ich meine Sexualität auslebe, hat auch mit meinem Kulturkreis zu tun. Wie kommst du mit Kulturen zurecht, die eine rigide Sexualmoral haben?

Oskar: Eine sehr spannende Frage, die ich mir persönlich auch schon oft gestellt habe. Vor allem wie ich als Person und der Verein diese Kulturen ansprechen. Wir halten ja unsere Treffen meistens im Saal der Begegnung statt und bis jetzt kam es zu keinem Eklat. Generell gehe ich im persönlichen Kontakt sehr offen mit Personen aus anderen Kulturkreisen um und ich habe bis jetzt einiges erlebt. Von Überraschung bis Neugier und Schock war alles mit dabei. Meine Einstellung ist einfach, das Thema anzusprechen, da wir alle in Österreich leben und verschiedene Lebens- und Liebensformen hier einen Platz haben. Mein Standpunkt ist hier die Aufklärung und bis jetzt hatte ich noch keine wirklich schlechten Erfahrungen gemacht.

C-F: Ich bedanke mich für das Gespräch.

Werner Harauer
Folge mir

Werner Harauer

Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
Werner Harauer
Folge mir

Letzte Artikel von Werner Harauer (Alle anzeigen)

Erzähl's weiter

Über den Autor

Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

1 Kommentar zu "Gestatten: Oskar Beneder; btw, I am gay"

  1. Tolles Interview! Toller Mensch! Danke Oskar!

Einen Kommentar hinterlassen