Hängen geblieben in der Endlos-Schleife

Laurel Halo am Donaufestival 2018 . Foto © Claudia Zawadil, z.V.g.

Worin besteht der Kick, das Donaufestival zu besuchen? Einmal darin, radikale KünstlerInnen zu entdecken, die sich an aktuellen gesellschaftlichen Fragen abarbeiten. Oder weil eine längst vergessen geglaubte Kult-Band aus der Hochzeit der (hier beliebiges Genre einsetzen)-Musik vom pop-historisch beschlagenen Publikum abgefeiert wird. Messen wir an diesen beiden Vorgaben den Unterhaltungswert, war der Besuch des ersten Abends eine denkbar ungünstige Wahl für den Einstieg in das Donaufestival 2018. Oder vielleicht die passende Antwort, um dem diesjährigen Motto „Endlose Gegenwart“ gerecht zu werden?
Jahrzehntelang bekannte Namen wie Godspeed You! Black Emperor setzten keine neuen Impulse, obwohl sie noch heute in den Medien wie der heiße Scheiß gehandelt werden. Und Laurel Halo, die Neuentdeckung vom letzten Jahr, entpuppte sich live als alter Wein im neuen Schlauch. Gegenwart franst aus in die Zukunft und Vergangenheit. Hoffentlich nicht endlos!

Bereits mein Einstieg mit Grouper in der Minoritenkirche scheiterte grandios, als mir mitten im Konzert bewusst wurde, wie wenig mich die hingehauchten Texte berühren, dass die field recordings-Zutaten sich bei mir nicht mehr verfangen und die Anzahl der zwischengeschalteten Effektgeräte nichts über die Qualität eines Songs aussagt. Und dass verklärt auf die Bühne starrende Menschen nicht das Potential haben, mich mitzureißen und meine Meinung umzudrehen.

Bei Godspeed You! Black Emperor im Stadtsaal ging es nicht minder sakral zu, nur mit dem Unterschied, dass ein Songs schon mal eine Viertel Stunde dauern kann, um in einer bombastischen Lärmorgie zu enden.
Als ich 1997 „F♯ A♯ ∞“, mein erstes Album von Godspeed!, am Teller rotieren ließ, tat sich für mich eine neue akustische Welt auf. Die Euphorie hielt einige Jahre an, bis sie in Desinteresse umschlug. Die kanadische Band dürfte von ihrem kreativen Output selbst nicht mehr überzeugt gewesen sein und verschwand von der Bildfläche. Seit den 10er-Jahren sind die Kanadier wieder aktiv und knüpfen dort an, wo sie von zehn Jahren aufhörten. Als ob in dieser Zeitspanne nichts geschehen wäre!

Das kürzlich zusammengefundene Trio Mopcut, welches am Donaufestival 2018 in dieser Besetzung seine Live-Premiere feierte, rüttelte mich aus meinem lethargischen Schockzustand. Genauer genommen war es der Wiener Schlagzeuger Lukas Koenig (KoenigLeopold, kompost3, 5KHD, …). Gemeinsam mit den ebenfalls jazz-affinen MusikerInnen Audrey Chen (Synthesizer, Stimme) und Julien Desprez (Gitarre) wuchtete er eine vollkommen aus der Spur geratene Geräusch-Orgie auf die Bühne, die ihresgleichen sucht. Wenn hier von „Stimme“ und „Gitarre“ zu lesen ist ist, so darf das nicht wörtlich verstanden werden – „grunzen“ und „sägen“ trifft es besser. Mopcut also werfen knüppelnd, grunzend und sägend Grouper und Godspeed! aus der Wertung.

Und Laurel Halo obendrein! Ihr Debut Album “Quarantine” von 2012 fand sich ganz oben in den Jahresbestenlisten der Washington Post und des Wire Magazines. Das aktuelle Album „Dust“ wurde auf Pitchfork, FM4 und in der Spex abgefeiert und wird auch bei mir zuhause gern gehört.
Im Stadtsaal gerät das Konzept der US-Künstlerin, Soul und R’n’B ein futuristisches Gewand überzustreifen, ins Schlingern. Live zerfließen ihre fast schon poptauglichen Tracks auf Platte in belangloses Ambient-Gedöns, das bei mir den Fluchtreflex auslöst. Überhaupt fällt mir auf, dass viele von mir geschätzte Künstler aus dem Hyperdub-Stall live die Qualität nicht halten können.

Brian Chippendale und Brian Gibson, das Duo aus Rhode Island, welches als Lightning Bolt seit 20 Jahren seine Devastationen auf Platte presst, höre ich mir nur an, wenn eine Katharsis überfällig ist. Zu brutal sind die mittels Bass und Schlagzeug erzeugten Speed-Metal und Noise-Attacken. Live kann das Berserker-Duo sein musikalisches Können gepaart mit seinem unbändigen Spieldrang voll ausspielen. Also genau das Mittel der Wahl, die Gehörgänge wieder frei zu kriegen von der Überdosis Töne der vorherigen Acts. Alles wird gut!

Galerie mit 58 Pics (c) Claudia Zawadil Du musst eingeloggt sein, um die Bilder sehen zu können!

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    Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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