Hinreißendes hin & weg mit der Bühne im Hof

Im Rahmen von ' hin & weg ' : St. Pöltner MusikerInnen mit verschiedensten kulturellen Wurzeln gemeinsam auf der Bühne. Foto @ Claudia Zawadil, z.V.g.

Linzer Straße, 22. September 2017: die Bühne im Hof organisierte mit ‚ hin & weg ‚ ein tolles Kleinkunst-Fest mit viel Musik, Kabarett, Straßentheater und Comedy für die ganze Familie. Anlass war die Wiedereröffnung des Eingangs zur Bühne im Hof in der Linzer Straße. Gleichzeitig wollte BiH-Intendantin Daniela Wandl einen Impuls zur Belebung des inzwischen etwas devastierten Straßenzuges setzen.

Alle Wege führen in die Bühne im Hof

Die Linzer Straße wurde für das Event in ihrer ganzen Länge für den Autoverkehr gesperrt (was meiner Meinung nach das ganze Jahr so bleiben sollte) und mit einem orangenen Teppich ausgelegt, der von der Promenade zum Eingang der Bühne im Hof führte und der von dort bis zum Riemerplatz reichte. Damit war auch der Bereich des Festivals abgesteckt.

Wir sind “ hin & weg “ von den gebotenen Acts

Insgesamt zwölf Acts stellten sich bei freiem Eintritt von 16 bis 20 Uhr dem Publikum. Jeder Act stand innerhalb dieser Zeitspanne dreimal für ungefähr eine halbe Stunde auf einer der acht Bühnen. So war es dem Publikum möglich, viele verschiedene Aufführungen zu besuchen.

Wir begannen unseren Rundgang in der Linzer Straße 26. In der ehemaligen Wunderbaldinger-Verkaufsstätte hatte sich eine illustre St. Pöltner Musikerschar mit überwiegend multikulturellen Wurzeln eingefunden. Unter der Regie von Martin Rotheneder (Soulitaire) wurden ‚Geschichten der Anderen‘ erzählt und erspielt. Rotheneder sammelte MusikerInnen aus verschiedenen Kulturen um sich, die ihre musikalischen Erfahrungen in Songs einbrachten. Assi und Servin Asgarifar (Ziehharmonika bzw. Keyboards), Roul Starka (Keyboards), Sakina Teyna (Gesang), Harry Stöckl (Gitarre), Sam Khoshnood (Gitarre bei Extreme Mind), Shervin Asgari aka Mohammad Shukri (Percussion) und Martin Rotheneder (Gitarre) himself begaben sich auf eine musikalische Weltreise, die die Zuhörer an einige exotische Plätze führte. Mit Sicherheit eines der anspruchsvollsten Programme dieses Abends.

Wenige Schritte weiter, an der Gabelung zur Prandtauer-Straße, hatten sich die in gelbe Schutzkleidung gehüllten R.A.M.B.O. hinter einem Schaufenster eingerichtet. Die große Musikermeute mit einem eindrucksvollen Blechbläseranteil setzte den Fensterguckern eine sehr tanzbare Mischung aus Reggae, HipHop und Ska vor. Gerne wieder in einem Club. Aber wer steckt hinter R.A.M.B.O.?

Am Ende der Linzer Straße, also in Rufweite des Metal-Kellers Underground, führten vier aus Südamerika stammende Musiker, die sich Garufa! nennen, auf einer fahrbaren Bühne Musik-Theater auf. Als Werkzeuge dienten Gitarre, Geige, Kontrabass und Gesang, mit denen Musik aus aller Welt und aus vielen Epochen erschaffen wurde. Begleitet mit augenzwinkerndem Humor, in kurzen Geschichten verpackt, welche die Lieder erlebbar machten.

Im Hof der Bühne im Hof wurde inzwischen ‚the world’s smallest Bigband‘ angekündigt. Marina & The Kats haben ein Faible für den Cotton Club im Harlem der 20er Jahre. Swing, Revuetheater, Lindy Hop und überhaupt die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen sind gerade sehr angesagt. Marina und ihre beiden Boys sind die Band der Stunde. Viel fehlte nicht und die sich stauenden und staunenden ZuhörerInnen hätten zu steppen begonnen.

Vor dem neuen Eingang drängte sich eine Handvoll Kinder um zwei lustige Personen, die Maßstäbe falteten und mit ihnen eine kleine Welt erschufen. Die Kurbel nennen sich Fabricio Ferrari und Emanuela Semlitsch, die das Figuren- und Objekttheaterstück „Drei Zentimeter“ aufführten.

Noch mehr Kinder zog die clowneske Show von Martha Labil in der Nische des ehemaligen Kleiderbauer-Kaufhauses an. Ganz sicher waren sich die Kleinen nicht, ob sie nun lachen oder sich fürchten sollten, so schräg und ver-rückt war ihr dennoch gelungener Humor.

Kehrt Marsch Richtung Bühne im Hof: Omar Sarsam hatte Auszüge aus seinem gefeierten Kabarett-Programm „Diagnose: Arzt“ angekündigt und das wollte ich unter keinen Umständen versäumen. Der Mann ist gut, sehr gut. Sarsams regulären Auftritt in der Bühne habe ich leider verschwitzt. Wenn er das nächste Mal in der Stadt auftritt, lasse ich mir das Programm mit Sicherheit nicht entgehen. Das beste Bauchmuskeltraining seit Hader.

Etwas kühl ist es inzwischen geworden, da kommen Klezmer Reloaded im Café Emmi gerade recht. Maciej Golebiowski (Klarinetten, Gesang) und Alexander Shevchenko (Bajan) ist nichts heilig. Der Russe und der Pole stellen klassische Musik vom Kopf auf die Beine, kleiden sie mal in ein Jazz-, mal in ein Salsa, mal in ein Tango-Kostüm, sodass es rumpelt und schunkelt. Reloaded statt verstaubt und Warm- und Muntermacher in einem.

Das Kabarett-Duo Marcel Mohab und Carlo Jacucci Vitamin habe ich nicht verstanden. Britischer Humor in denglish! Sorry, aber da ist meine Auffassungsgabe zu langsam. Den Kindern hat’s getaugt, die haben die beiden Comedy-Artists instinktiv erfasst.

Im Palais des Hauses Parzer & Reibenwein (Linzer Straße 2) traten Shlomit Butbul & Ensemble Fandujo mit einem sehr anspruchsvollen Programm auf. Die Schauspielerin und Sängerin Shlomit Butbul sang, rezitierte und spielte Liebesgedichte von Erich Fried, während sie das kammermusikalische Ensemble begleitete. Der Rahmen von ‚ hin & weg ‚ war für ein solches Programm unpassend. Hierauf muss man sich gefühlsmäßig einlassen und ausreichend Zeit veranschlagen. Schwer durchführbar, weil es so viel anderes zu entdecken gab.

Das Kontrastprogramm lieferte das Irrwisch Straßentheater. Die drei Männer auf meterhohen Stelzen machten sich einen Jux mit den Schaulustigen, indem sie sie als Sitzgelegenheit missbrauchten, ihnen Gegenstände stibitzten und anderen Personen zusteckten. Höhepunkt während unserer Aufführung war ein zufällig im Schritttempo vorbeifahrendes Auto, dessen Insaßen knapp vor dem Nervenzusammenbruch standen, weil Irrwisch die Innereien des Autos weg trugen.

Meinen Abschluss vom “ hin & weg “ machte das Harry Ahamer-Duo im McLaren’s Pub. Bei einem leckeren Burger mit Bier als Belohnung hörte ich Austro-Blues von der kritischen Sorte mit leicht nostalgischer Note.

Es war dieses Leichfüßige, Unkomplizierte, das mich so gut gelaunt stimmte beim ‚ hin & weg ‚. Kein langer Anfahrtsweg, keine Perlustration, kein Gedränge, kein Schlange-Stehen beim Getränkeausschank, alles easy. Das schreit nach einer Wiederholung, die auch tatsächlich geplant ist. Wir freuen uns schon auf nächstes Jahr!

Galerie mit 63 Pics @ Claudia Zawadil

Zum City-Flyer Vorankünder von ‚ hin & weg ‚.

Werner Harauer
Folge mir

Werner Harauer

Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
Werner Harauer
Folge mir

Letzte Artikel von Werner Harauer (Alle anzeigen)

Erzähl's weiter

Über den Autor

Werner Harauer

Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

Kommentar hinterlassen zu "Hinreißendes hin & weg mit der Bühne im Hof"

Hinterlasse einen Kommentar