Kuhbus – ein halbes Leben im Bass

Die Kuhbus Gang bereit für neue Abenteuer. Foto: privat, z.V.g.

Die Kuhbus-Gemeinde ist schon etwas besonderes. Benannt nach dem kuhgescheckten VW-Bus, der die Mitglieder von den wilden Partys der 90er sicher nach Hause brachte, halten die Kuhbussler auch 20 Jahre nach ihrer Gründung eisern zusammen. Von 1998 bis 2007 haben die Veranstalter und DJs alternative Veranstaltungskonzepte geprobt und uns elektronische Musik, Reggae und Ragga näher gebracht.
Was wurde aus den Mitgliedern des ersten St. Pöltner Soundsystems? Heute sind die meisten Unternehmer, haben Familie und sind … Kuhbussler.

Um unseren jungen Lesern die Möglichkeit zu geben, die Lücken ihres (sub)kulturellen Wissens aus der frühen St. Pöltner Partyszene zu schließen, haben wir eine Auswahl an city-flyer-links zu früheren Kuhbus-Stories und Interviews gesetzt.

Straight outta Heaven Was um Gottes Willen ist Kuhbus? (03/2001)

Interview mit Kuhbus + Fotos (08/2004)

| REGGAE WE-STORY | StP Reggae History (07/2007)

| Get in the Ring | (12/2007)

Kuhbus ist 10 (04/2008)

 

Interview: Werner Harauer
(Anm.: Um den Teamgeist zu unterstreichen, antworten nicht einzelne Mitglieder von Kuhbus, sondern der Geist von Kuhbus, quasi die Konsenswolke der persönlichen Meinungen)

 

CF: Die Gründung von Kuhbus-Soundsystem mit der „Hawaianischen Tiefenrauschparty“ liegt jetzt über zwanzig Jahre zurück. 20 Jahre hört sich an wie eine Ewigkeit. Was empfindet ihr dabei?

Kuhbus: Gut, dass diese Frage erst 20 Jahre danach kommt. Nach der Tiefenrauschparty hat es eh länger gedauert bis man wieder was empfunden hat.

CF: Immerhin seid ihr das älteste Soundsystem St. Pöltens.

Kuhbus: Und das schönste.

CF: Peter Wallner von Kuhbus hat einmal in einem CF-Interview gesagt: „Einmal Kuhbussler, immer Kuhbussler.“ Stimmt das? Und was bedeutet das?

Kuhbus: So profan es klingen mag, aber Kuhbussler sein ist eine Lebenseinstellung. Wir haben vor über 20 Jahren aus den verschiedensten Ecken zueinander gefunden und haben uns bis heute nicht auseinandergelebt. Ganz im Gegenteil! Wir verbringen sehr viel Zeit miteinander und lassen es gemeinsam auch hin und da krachen. Abgesehen davon sind wir auch füreinander da, meistens in guten, aber auch in schlechten Zeiten. Diese Gemeinschaft ist schon etwas sehr Besonderes.
Wir haben jetzt auch angefangen Ehrenmitgliedschaften in Form eines Eheringes zu verleihen. Unserem langjährigen Weggefährten und Freund Rob STP wurde letztes Jahr diese Mitgliedschaft verliehen.

CF: Job und Familie verschieben die Wertigkeiten. Was bleibt vom gemeinschaftlichen Spirit? Fahrt ihr noch gemeinsam auf Festivals? Oder in den Urlaub?

Kuhbus: Job und Familie ist bei jedem von uns präsent. Wir fahren aber jedes Jahr in den unterschiedlichsten Konstellationen gemeinsam auf Urlaub und ein paar Mal im Jahr gibt’s ein Wochenendausflug mit fast der gesamten Crew. Das ist immer recht witzig. Und mittlerweile ist auch eine ganze Schar von Junior Kubusslern mit dabei.

CF: Apropos Job: von einigen von euch weiß ich, wie sie ihre Brötchen verdienen. René Schneider führt die Radschneiderei, Klaus Zichtl stellt Öko-Lebensmittel her und vertreibt sie, Franz König ist Besitzer einer Werbeagentur. Nicht unspannend alles. Gibt’s sonst noch jemanden, der sich selbständig gemacht hat?

Kuhbus: Rene Schneider betreibt die Radschneiderei (www.radschneiderei.at) und arbeitet gerade an einem Bikepark inklusive Lift, der demnächst in der Nähe von St.Pölten in Betrieb gehen wird. Nikolaus Zichtl (vomnikolaus.at) ist als Pocornproduzent, Schnapsbrenner und Landwirt in Pummersdorf aktiv. Franz König leitet seit über 10 Jahren die Werbeagentur könig.digital (koenig.digital). Andreas Tober ist mit seinem Grafikstudio Reboton (www.reboton.at) selbstständig. DJ Infinit ist ein erfolgreicher Musikproduzent in der Metal Szene (Abigor etc.), Peter Wallner ist im Sportbereich als Coach und Schiedsrichter tätig und alle anderen beschreiten auch einen erfolgreichen beruflichen Weg. Die Erfahrungen aus den Kuhbus Projekten haben uns sehr geholfen.

CF: Was war der primäre Gedanke Kuhbus zu gründen?

Kuhbus: Wir wollten gemeinsam mit dem Sound den wir feiern Party machen.

CF: Wer von den damals aktiven Künstlern ist heute noch als Künstler in der Öffentlichkeit präsent?

Kuhbus: Es hat keinen generellen Schlussstrich unter unseren künstlerischen Unternehmungen gegeben. Also wenn jemand Unterhaltung für die 50er- oder 60er-Feier braucht könnt Ihr Euch gerne melden 😉

CF: Gibt’s von euch in nächster Zeit was zu hören/zu sehen?

Kuhbus: Haze und Plettartnik am 23. Februar beim Club „Freifach Musik“ im St.Pöltner Underground. Lukascher sieht man am 9. Mai im St.Pöltner VAZ. Aktuelles findet Ihr auf unserer Facebook Seite www.facebook.com/kuhbus/ oder auf www.kuhbus.com

CF: Ich habe über die jugendkulturelle Bedeutung von Kuhbus in stp nachgedacht und bin zum Schluss gekommen, dass ihr der stp-Gegenkultur gelehrt habt, Spaß ohne schlechtes Gewissen zu haben. Anderswo war Spaß immer an Bedingungen geknüpft. Man musste „nachhaltig“ Spass haben. Oder „politisch korrekt“, …, man musste „klare Kante zum Mainstream“ ziehen, usw.
Wo seht ihr die primäre Bedeutung von Kuhbus?

Kuhbus: Wir wollten den elektronischen Sound bzw. Reggae-Sound, den wir feierten, auf unsere eigene Art interpretieren. Es sollte kein Abklatsch von Konzepten aus London, Wien oder Kingston sein. 
Es war unserer Ansicht nach wichtig den Leuten, die sich zu ernst genommen haben, eine Persiflage vor die Nase zu setzen. Das hat dann die Leute, die gerne bei uns waren, geeint und darauf sind dann auch die verschiedensten Projekte entwachsen.
Die Durchmischung unseren Partys war genauso wie bei uns in der Gruppe. Bauernbuam mit Arbeiterkindern vermischt mit Kids aus „gutem“ Hause.
Wir haben in den Jahren 98 – 07 dafür gesorgt, dass ist etwas bewegt in St. Pölten und auch sicher vielen Menschen hier elektronische Musik, Reggae und Ragga und alternative Veranstaltungskonzepte näher gebracht.

CF: Würde ein Projekt wie Kuhbus heute noch möglich sein?

Kuhbus: Ja sicher – solche Projekte sind immer möglich. Es benötigt nur motivierte junge Leute, die Spaß haben wollen und sich etwas zutrauen.

CF: Es waren auch etliche Mädchen im Verein, die zwar ordentlich mit anpackten, aber nie auf der Bühne standen. Aus euren Reihen rekrutierte sich kein weiblicher DJ und auch kein MC. Es gab niemanden aus der weiblichen Belegschaft, der Manifeste schrieb oder Flyer entwarf. Das wäre, so glaube ich, heute nicht mehr möglich.

Kuhbus: Unsere Mädels haben einen sehr wichtigen Part eingenommen. Ohne Mädels, die Deko kreierten, administrative Sachen erledigten, sich engagierten oder gute Laune verbreiteten, wären unsere Unternehmungen genauso unmöglich gewesen, wie ohne DJ´s. Die Mädels waren die Königinnen der Herzen und pflegten wie wir einen astralen Lebensstil.
Ob jetzt ein Mann oder eine Frau am DJ Pult stand oder einen Flyer entwirft, stand bei uns nie zur Frage. Jeder hatte seinen Zugang zum Projekt – es wurde kein Unterschied zwischen all den verschiedenen Rollen im Verein gemacht. Es ging und immer um das ganze Projekt, nicht um den Einzelnen.
Was uns schon damals ein Dorn im Auge war und heute noch ist, sind Sachen wie überzogene „Political Correctness“ – meist ist diese eh nur geheuchelt bzw. werden viele Themen einfach nur marketingmäßig ausgeschlachtet.

CF: Jetzt muss ich nachfragen: was bitte ist ein „astraler Lebensstil“?

Kuhbus: Das kann man so nicht übersetzen. Zwei Worte beschreiben es aber ungefähr: „Astraluego“ und „Astralavista“.

CF: Aha, …. Musikalisch wart ihr in der DJ-Culture mit Schwerpunkt Drum&Bass, Ragga/Reggae und Ska beheimatet. Lag das am damaligen Zeitgeist oder wart ihr einfach zu faul ein Instrument zu lernen?

Kuhbus: Es stand nie zur Diskussion eine Band mit Gitarren und Schlagzeug zu gründen. Keiner von uns das dieser „Band Typ“. Wir waren begeistert von elektronischer Musik und Reggae. Von dieser Begeisterung getragen wollten wir diese Musikrichtungen in hiesige Gegenden bringen und nicht mit Gitarrensoli für Furore sorgen.

CF: Kuhbus hat mit der KW und später mit dem Klub Vorsicht! ein Angebot für Fans elektronischer Musik geschaffen. Davon leben konnten die Betreiber nicht, obwohl der Betrieb fast deren gesamten Zeitressourcen in Anspruch nahm. War in stp das Interesse für diese Art von Musik zu gering? Ließen die Gäste zu wenig Geld da?

Kuhbus: Es waren temporäre Clubs, die zu ihrer Zeit ihre Berechtigung hatten. Die Ausrichtung war sicherlich etwas zu speziell um jetzt nachhaltig die große Kohle zu machen. Durch die eher „komplexe“ Struktur unserer Unternehmungen ging es auch nie wirklich um Geld. Es wurde eher der Wunsch nach hedonistischer Unterhaltung befriedigt.

CF: Wäre die Zeit heute reif für ein derartiges Minderheitenprogramm?

Kuhbus: Nein, ich denke in St. Pölten nicht. Die Nähe zu Wien ist durch die ideale Zugverbindung noch größer geworden und die feierwütigen Partyhorden jenseits der 20 sind scheinbar auch noch nicht in St. Pölten eingetroffen. Es würde uns aber sehr freuen, wenn wer das Gegenteil beweist.

CF: Angenommen ihr seid Teenager in stp im Jahr 2019. Wärt ihr dann HipHopper? In welchen St. Pöltner Locations würdet ihr unterwegs sein?

Kuhbus: Man trifft uns als Enddreißiger im Cinema Paradiso, Mittndrin, Tennessee, Underground, in anderen Beisln oder in Wien. Wären wir wieder Teenager, wären es wahrscheinlich dieselben Locations. Als HipHopper würde – denke ich – keiner von uns durchgehen. Wir wären Kuhbusssler …

Werner Harauer
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Werner Harauer

Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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