LAMES ist zwanzig!
20 Jahre Musik und Sonne

Agnes Peschta und Andi Fränzl, beide Vorstandsmitglieder des Kunst- und Kulturvereins LAMES , sprechen über die ereignisreiche Vergangenheit und die Pläne für die Zukunft des Vereins. Fotos © Hanna Menne und Konstantin Taufner, z.V.g.

Stolz blicken Agnes Peschta und Andi Fränzl beim Interview mit dem City-Flyer auf die 20-jährige Geschichte des Kunst- und Kulturvereins LAMES zurück. Seit der Unterzeich­­nung des Pachtvertrages im März 2018, welcher die Nutzung des Spratzerner Kirchenwegs 83-84 für 10 Jahre garan­tiert, hat sich für die beiden Vorstandsmitglieder, ja für den gesamten Verein viel verändert. Im Interview geben die beiden Einblicke in die Entstehung des Vereins und spekulieren über die Zukunft von LAMES.

Die Fragen stellte Werner Harauer

City-Flyer: Andi, du warst seit Beginn von LAMES mit dabei. Warst du/bist du auch Obmann des Vereins?

Andi Fränzl: Ja, ich war von Anfang an dabei, immer wieder im Vorstand, dann gab’s Zeiten wo ich intensiv mit der Band (Bauchklang, d. Red.) unterwegs war – und nur partiell in der Lames-Organiation war. Seit 3 Jahren bin ich wieder Obmann.

CF: Der Name LAMES (La Musique Et Sun), den ihr euch gegeben habt, lässt schon einige Assoziationen zu. Die Musik scheint sehr zentral zu sein. Und die Sonne bringe ich mit Naturverbundenheit in Beziehung. Was gab den Anstoß, euch so zu benennen?

Andi: Wir haben damals, als wir die ersten Partys machten, viel mit den Veranstaltungstitel herum experimentiert und eben auch Sprachen gemixed. Unser Projekt hat sich praktisch aus dem Proberaum heraus entwickelt. Wir haben von der Stadt Räume in einem Abbruchhaus, der ehemaligen Malerei Frostl, zur Verfügung gestellt bekommen und waren ein paar Bands unter vielen, die ebendort geprobt haben. Die Musik war zentral für uns. Ob als Band oder als DJ bei Events und überhaupt in unserem Leben. Die Sonne ist Synonym für das Positive und eine lebensbejahende Einstellung.

Agnes Peschta: Ich lese den Namen so wie du ihn beschreibst. Konkret soll der Begriff „Musik“ als Synonym für Kunst und Kultur und der Begriff „Sonne“ als eines für Natur aber auch Energie verstanden werden. Die wilde Mischung an Sprachen in dem Namen ist ein Zeichen für Offenheit und Diversität. Für mich passt der Name sehr gut zu dem was LAMES sein will.

CF: Ich vermute, ihr habt euch nicht von Beginn weg in einem Verein organisiert.

Andi: Wie schon vorher erwähnt, hat sich alles aus dem Proberaum entwickelt. Neben dem Proben haben wir begonnen, die Räume zu gestalten und mit kleinen Events wie Super-8 Filmabenden und Auflegereien zu beleben. Es sind auch andere Menschen dazugekommen, die mit Markus Weidmann Krieger, der damals vor allem mit spektakulären Visuals zu begeistern wusste, und mir diese Schiene weiter ausgebaut haben. Wir sahen uns als Party- und Künstlerkollekiv.
Nachdem alle anderen Bands das Gebäude aufgrund einer Einbruchserie verlassen hatten, starteten wir mit unseren „Erlebnis-Room-Parties“ ziemlich durch. Ich erinnere mich an sehr viele schöne Momente!

CF: Wie viele Leute wart ihr vor der Vereinsgründung?

Andi: Ich schätz mal es waren so ca. 10 Leute.

CF: Was war der Ursprungsgedanke, als ihr erste Feste zu organisieren begonnen habt? Stand da der Fun im Vordergrund? Oder hattet ihr schon einen Masterplan?

Andi: Es gab keinen Masterplan, außer vielleicht den unausgesprochenen Masterplan unseren Leidenschaften nachzugehen, Musik und Kunst und gute Feste zu machen. Die Party, das Fest war sicher unsere zentrale Ausdrucksform. Es war die Gunst der Stunde, dass wir dafür Raum hatten und die richtigen Leute da waren, die bereit waren und Lust hatten mitzuziehen. Rückblickend gesehen waren es wirklich spektakuläre kunstvolle Partys. Wir haben und unsere eigene Welt geschaffen …

CF: Gehen wir ganz zum Anfang zurück: zur Besetzung des Frostl-Areals. Wann war das? Und zu welchem Zweck habt ihr es besetzt?

Andi: Es war keine Besetzung – wie kommst du darauf? Wir waren ab 1994 in dem Haus. Mehrere Bands bekamen die Räume von der Stadt St. Pölten zur Verfügung gestellt. Wie schon erwähnt, sind wir dann als eine kleine Gruppe übriggeblieben und haben begonnen, weitere Räume zu gestalten und neben dem Proben, unter anderem auch mit Bauchklang, verwendeten wir die Räume für Foto-Shootings, Musikproduktion, Malen, Handwerksarbeiten und natürlich auch für weitere Partys und Kunst-Events. Aus einem Raum wurden dann letztendlich ein kleines Raumlabyrinth, das wir dafür ein bisschen selbstermächtigt nutzten 😉 Es war klassischer Leerstand, eine Zwischennutzung. Das Haus freute sich, glaub ich, über so viel Leben bevor es geschliffen wurde.

CF: Also doch eine Besetzung 😉 Eine Besetzung bleibt in der Regel nicht unbemerkt. Wann seid ihr in Verhandlung mit dem Magistrat getreten? Wie lief das ab?

Andi: Es gab damals gewisse Meinungsverschiedenheiten, auch aufgrund von Missverständnissen und Fehlinterpretationen und auch zu wenig guter Kommunikation – vor allem mit der Gebäudeverwaltung. Sie hatte natürlich keine große Freude, dass wir die Räume damals auch für Partys verwendeten. Letztendlich gab es eine Räumung, die auch „etwas“ unglücklich verlief und bei der ca. 200 Schallplatten, zwei Stützflügel und vieles mehr weggeschmissen wurden. Es gab dann auch Schadenersatzzahlungen und die Stadt hat uns dann auch erfreulicherweise eine Ersatzlocation angeboten, eben den Spratzerner Kirchenweg 81-83.

CF: Ihr seit keine Punks gewesen, die wie in den 80er Jahren in Wien Häuser in der Aegidigasse und der Spalowskygasse besetzt hielten. Ihr habt eher einen bürgerlichen Familienhintergrund. Hast du dir damals Chancen ausgerechnet, durch Verhandlungen mit dem Magistrat etwas zu erreichen?

Andi: Mein Eindruck ist, dass die Struktur im Magistrat damals nicht wirklich ausgelegt war für Fälle wie uns und wir wollten damals einfach nur machen anstatt ständig zu kommunizieren oder zu verhandeln. Es gab kaum greifbare Ansprechpersonen und auch kaum Kommunikation auf Augenhöhe. Wir hatten fast nur Kontakt zur Gebäudeverwaltung und es gab keine wirklichen „Übersetzer“ – das war definitiv nicht ideal – für beide Seiten. 
Rückblickend gesehen hätte es aber wahrscheinlich den Spratzerner Kirchenweg und Sonnenpark nie gegeben, wenn wir damals nicht diese verlustreiche Räumung gehabt hätten.

CF: Was wolltet ihr erreichen? Wolltet ihr ein Vereinsgebäude erkämpfen? Geldmittel für ein alternatives Kulturprogramm?

Andi: In der ersten Phase, beim Frostl wollten wir eigentlich nur „wirken“ und werken. Es waren aufregende, gute Feste mit, meiner Meinung nach, super Output. Neben den lokalen DJs und Bands gab es auch eine super Connection zu den Kremser Künstlern rund um Alois Huber, Leute wie Pulsinger & Tunakan spielten ebenso wie das gesamte Dub Club Aufgebot rund um Sweet Susie und Sugar B. Das war damals schon eine Challenge, die Leute aus Wien nach St. Pölten zu bekommen. Wir waren aber auch Plattform und Wirkungsstätte und konnten unsere Ideen in dem von uns geschaffenen Rahmen 1:1 umsetzen. Das mit der Vereinsgründung kam erst mit der Umsiedelung in den Spratzerner Kirchenweg!

CF: Was bedeutete damals ein „alternatives Kulturprogramm“? Und was bedeutet es heute?

Agnes: Ein alternatives Kulturprogramm bedeutet immer einem gesellschaftlich vorherrschenden Kulturbegriff Alternativen entgegen zu setzen – was das im Detail bedeutet ist sehr vielfältig.
In einer Stadt der Größenordnung von St Pölten kann bereits das Booking von FM4-Stars eine Alternative sein oder eben ein Tauschraum, eine Radlselbsthilfe-Werkstatt, Workshops, Sommerkino, Lectures, etc …

CF: Würdet ihr den „Gang durch die Institutionen“ nochmals auf euch nehmen, wenn ihr damals gewusst hättest, er würde 20 Jahre dauern, um dorthin zu gelangen, wo ihr jetzt steht?

Andi: Glaub schon … es waren ja trotzdem sehr gute und aufregende Jahre, trotz der ständigen Unsicherheit!

Agnes: Für die Jahre, die ich bei LAMES engagiert bin, seit 2006: Ja! Ich kann mich gut daran erinnern, wie oft es absolut unklar war, ob die Gebäude und der Park je erhalten bleiben können. Insofern ist es für mich rückblickend beeindruckend, dass wir jetzt einen Pachtvertrag für 10 Jahre haben, der Aufwand hat sich schon gelohnt.

CF: Was siehst du rückblickend als die bisher größte Errungenschaft von LAMES an?

Agnes: Eindeutig den Pachtvertrag und damit die Sicherheit, dass das Gelände in der Form für vorerst 10 Jahre besteht mit der Option zur Verlängerung.

Andi: Da bin ich bei Agnes. Dass wir das gesamte Gelände vor der Verbauung bewahrt und den Platz für Natur, Kunst und Kultur – letztendlich auch für die Bevölkerung – gesaved haben, macht schon sehr glücklich. Sehr wichtig war damals auch, dass wir uns als Allianz formiert und gemeinsam mit unserem Partnerverein Sonnenpark und der „Plattform Sonnenpark bleibt!“ die Kräfte gebündelt haben.

CF: Stellen wir uns vor, Geld und Personal spielt keine Rolle: welche Aufgaben sollte LAMES am Spratzerner Kirchenweg übernehmen?

Agnes: LAMES wäre wie der Name des WUK in Wien, ein Werkstätten und Kulturenhaus, nur kleiner und mit viel mehr Grün – mit Proberäumen, Ateliers und Werkstätten, Fahrradwerkstatt und Kaffeehausbetrieb, Tauschraum und so weiter und einem Veranstaltungsbetrieb der sich aus eine Programm von LAMES und von Gästen, bzw. diversen Kooperationen zusammensetzt. Es wäre schön, wenn es für manche Themenfelder, zum Beispiel dem Ausstellungsbetrieb, Kurator*innenteams gebe, die für eine bestimmte Zeit die programmatische Ausrichtung gestalten.
LAMES sollte ein Raum für kreatives Schaffen und für alle Formen der Kunst sein, ein Ort der Inspiration, der Begegnung, der Utopien und Träume.
LAMES hätte genug Angestellte und könnte diese und alle Künstler*innen und viele andere temporäre Mitarbeiter*innen korrekt bezahlen und so eine gute Arbeitgeber*in sein und damit auch eine wirtschaftliche Kraft darstellen.

CF: Trotz der wunderbaren Kombination von Vereinsgebäude und Grünflächenareal bleibt der Kirchenweg zu klein, um ein regelmäßiges Kulturprogramm zu etablieren, welches über kleines Insiderpublikum hinausgeht. Ich schätze, es werden keine 50 Personen in einem der Räume Platz finden. Gibt’s dazu Überlegungen? Würdet ihr punktuell in größeren Locations veranstalten?

Agnes: LAMES geht es bei den Veranstaltungen nicht um Quantität. Regelmäßigkeit bei Kulturveranstaltungen hat meines Erachtens gar nichts mit der Größe der Veranstaltungsstätte zu tun. LAMES möchte an diesem Ort arbeiten und dahingehend wird das Veranstaltungsprogramm ausgerichtet, dazu gehören regelmäßig Events, teilweise seit vielen Jahren, wie „Parque del Sol“, Ausstellungen, Workshops, Radlselbsthilfe-Werkstatt, Tauschraum, Kino und vieles andere. Es gab bereits einige LAMES Auswärts- und Gastspiele und für die Zukunft ist es nicht auszuschließen.
Allerdings, mit entsprechenden finanziellen Mitteln, die vermutlich ein klares politisches Bekenntnis erfordern, wäre es durchaus möglich die Häuser zu sanieren und Räume besser nutzbar zu machen.

Andi: Ich glaub auch, dass das regelmäßige Kulturprogramm nicht mit Raumgröße zu tun hat, siehe auch kleinere Locations in Wien, zum Beispiel in den Gürtelbögen.
Klar ist, dass wir uns schon manchmal auch nach einem größeren Raum sehnen und auch einen größeren Raum brauchen würden. Diesen Bedarf besprechen und untersuchen wir übrigens auch gerade bei unserem Architekturworkshop „Raumdings“!

CF: Ist die Idee für euch reizvoll, als kleiner Haufen von Avantgardisten gesehen zu werden, als Experimentierstätte, die zukünftige künstlerische und soziale Entwicklungen vorwegnimmt?

Agnes: Jein. Nicht ausschließlich.

Andi: Es wär wünschenswert wenn wir noch mehr Labor und auch Experimentierraum für gesellschaftliche Entwicklungen und Innovationen sein könnten. Es ist für mich aber keineswegs so, dass wir deshalb abgehoben sein müssen wenn du das mit avantgardistisch gleichsetzt. Es ist schon sehr reizvoll in einem kleinerem geschützten Rahmen neue Modelle ausprobieren zu können, wie zum Beispiel ohne klassischen Geldfluss auszukommen, oder alternative Währungsformen und Tauschformen weiterzuentwickeln und auch den interdisziplinären Ansatz „Kunst trifft auf Natur“ weiterzuentwickeln. Auch das Thema Kunst in Kombination mit nachhaltigen Themen und Ökologie ist extrem spannend. Da haben wir ja schon in Form der „Visionale“ ein paar Formate ausprobiert. Als Freiraum für neue Ideen ist der Ort meines Erachtens sehr ideal – sei es für Avantardisten, Künstler*innen, Studen*innen und Schüler*innen, aber auch Pensionist*innen und Nachbar*innen.
Es geht, glaub ich, sehr stark um diese gesellschaftliche generations- und szeneübergreifende Synergie, um neue Formen des selbstorganisierten Miteinanders, es geht um gemeinsame Produktivität ohne Druck in einer angenehmen Umgebung.

Agnes: Wenn man so möchte, passiert das einmal im Jahr, wenn das Jahresprogramm erarbeitet wird. Das ist oft anstrengend, es muss viel diskutiert, geplant, konzipiert, kalkuliert, geschrieben werden.
Ich bin mir sicher, dass wir als Verein, der auf ehrenamtlicher Arbeit aufgebaut ist, nicht ernsthaft künstlerische oder soziale Entwicklungen vorwegnehmen können. Natürlich sind aktuelle Diskurse und Trends sehr relevant und wir versuchen informiert zu sein, was nicht so schwer ist, wenn die Themen einen auch persönlich interessieren.

CF: Wie real schätzt du die Gefahr ein, dass Otto Normalverbraucher LAMES als abgehobenen Verein betrachtet? Dass auch Menschen aus der links-alternativen Szene Berührungsängste mit dem doch sehr homogenen Verein haben?

Agnes: Das ist tatsächlich gerade aktuell an uns herangetragen worden und prompt gleich darauf, unabhängig von der ersten Kritik, das Gegenteil: LAMES ist schon fad, nur FM4-Musik, alternde DJs.
Ich weiß es nicht!
Wer ist Otto Normalverbraucher? Geht Otto Normalverbraucher ins Museum, Kino, Theater und zu Konzerten? Wie oft?
Ich befürchte, dass Otto Normalverbraucher oft nur Berührungspunkte mit popkulturellen Erscheinungen hat. Alles darüber hinaus bedarf einer gewissen Anstrengung, die unabhängig von der Herkunft, aber meist leider schon stark beeinflusst vom Bildungsgrad, nur von einer Minderheit einer Gesellschaft aufgebracht wird, die sich in ihrer Freizeit dann wirklich mit Kunst und Kultur auseinandersetzen.
Ich nehme LAMES nicht als sehr homogen war, eine gewisse Sehnsucht und einen Gestaltungsdrang eint uns aber vermutlich schon.
Es ist schade, wenn Menschen Berührungsängste gegenüber LAMES haben, das brauchen sie nicht! Keine Angst! Wir sind offen!

Andi: Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg mit dem Gesamt-Projekt. Wir sind zwei Vereine am Grundstück und decken, wie gesagt einige Bereiche ab. Von Natur über Bildung bis hin zu Subkultur. Ich glaube weiters, die Mischung machts aus – und es verträgt sich mehr als man glaubt.
Die größte Herausforderung ist im Moment nicht, alle und alles unter einen Hut zu bekommen – und auf’s Image zu schauen, sondern vielmehr die (Personal)Struktur zu stärken, die die Grundlage für die Vereine und deren Gesamtprogramm ist.
Und da ist, glaube ich, sowohl für Otto, als auch Elektra etwas dabei.

CF: Ein Freund sagte mir bei unserem letzten Treffen: „Stünde LAMES ganz am Anfang, würden die jungen LAMES-Streiter den Spratzerner Kirchenweg, so wie er sich heute zeigt, besetzen. Seid ihr zu bürokratisch geworden? Seid ihr schon Establishment?

Agnes: Diese Frage verstehe ich nicht ganz!
Natürlich sind wir als Pächter*innen in einer ganz anderen Verantwortung und müssen dieser auch gerecht werden und das beinhaltet, wenn man es so zusammenfassen will, Bürokratie. Die gab es in einem etwas kleineren Ausmaß aber auch schon davor. Für manche sind wir sicher Establishment seit wir Jahresförderungen bekommen haben, für andere in dem Moment, als wir Anstellungen hatten und für manch andere mit der Pacht. LAMES hat sich sicher verändert, ist strukturierter geworden und arbeitet auch daran es noch viel mehr zu verbessern. Für mich gehört LAMES noch lange nicht zum Establishment.

CF: LAMES hat Verbindungen zu vielen jungen Initiativen. Wie mühsam ist es, den jungen Enthusiasmus abzubremsen und ihn in halbwegs vernünftige Kanäle zu leiten?

Agnes: Wir erleben auch „ungehemmten Enthusiasmus“ bei nicht mehr ganz so jungen Menschen. Das ist grundsätzlich ein sehr schwieriges Unterfangen und braucht viel Fingerspitzengefühl und auch transparente Rahmenbedingungen.

Andi: Es ist super, wenn was nachkommt. Und ich glaube für alle sprechen zu können, dass wir uns über jede junge Initiative freuen. Es gab letztes Jahr zum Beispiel einige tolle Geschichten – von Ausstellungen bis Kunst-Events und Partys. Auch heuer geht’s weiter mit ein paar jungen Kunstschienen! Next One 22. Juni (soleil levant, d. Red.).
Manchmal klappen diese Synergien extrem gut, manchmal stößt man auch auf Grenzen – beiderseitig! Aber das ist nicht unbedingt ein Generationenthema – Das ist, glaube ich, auch normal. Grundsätzlich sehen wir, wie gesagt den Ort als generationsübergreifenen Raum für kreatives Schaffen und können je nach Ressourcen Raum und Zeit zur Verfügung stellen.

CF: Nochmals zurück zum elitären Verein: siehst du die Blase, in der ihr euch befindet, als Schutz oder Gefahr für den Verein?

Agnes: Ich sehe LAMES nicht in einer Blase, die sich von anderen Kunst- und Kulturblasen unterscheidet. Es ist ein Schutz für jene in der Blase und eine Gefahr für die Gesellschaft, die sich ihr entzieht und der das grandiose Angebot, dass Kunst- und Kulturinstitutionen und -initiativen überall anbieten, entgeht.

Andi: Die Frage stellt sich was „elitär“ ist? Wir waren seit jeher und sind auch nach wie vor ein gut durschmischter Haufen an Leuten die den „Freiraum“-Gedanken schätzen, die gestalten wollen, das miteinander Werken und Kreieren schätzen und vielleicht durch eine gewisse „Haltung“ verbunden sind. Würdest du das Kuhbus-Kollektiv, den Künstlerbund, die stp-skate association auch als elitär bezeichnen? Ich glaube, jede Gruppe ist irgendwie in einer Blase und das ist auch meistens gar nicht vorsätzlich, sondern entwickelt sich so. Wir sind gerade in einem Prozess, in dem wir auch intensiv darüber nachdenken, wohin der Weg von LAMES gehen soll, stellen uns auch kritische Fragen bezüglich unserer Durchlässigkeit und wie wir von außen wahrgenommen werden.
Wir haben vor, deutlicher nach außen zu kommunizieren, welche Angebote wir als Verein an die Gesellschaft haben. Da geht’s unter anderem um unser Jahresprogramm, aber auch um Raummieten usw. Aber dafür braucht’s auch noch eine Verbesserung der gesamten Organisationsstruktur.
By the Way: Vor Kurzem hatten wir zum Beispiel Das Borg St. Pölten zu Gast mit einer Ausstellung und ich hatte das Gefühl, dass sich die SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern sehr wohl in der Kirchenweg/Sonnenpark Blase wohl gefühlt haben!

CF: Noch ein Gedankenexperiment, in dem wir die Infrastruktur beiseite lassen: Gabalier bietet euch einen Gratis-Auftritt zum Zwecke der „Blasenverständigung“ an. Auftritt? Ja oder nein.

Andi: Als Gast oder Vortragenden für eine Lecture über Blasentees wär auch der Gabalier willkommen! Im Ernst: Für eine Diskussionsrunde am Podium kann ich mir fast jeden vorstellen. Es ist oft so, dass Diskussionsrunden, vor allem in der „freien Szene“ etwas zu homogen besetzt sind. Insofern das als Auftritt zu sehen ist: Ja!

Agnes: Nein!

CF: Ich vermute, die Entscheidung zu einem Gabalier-Auftritt müsste ein Gremium treffen, was hitzige Diskussionen innerhalb des Vereins auslösen würde. Gibt es bei LAMES auch die Realo- und Fundi-Fraktion?

Agnes: Das würde keine hitzigen Diskussionen auslösen, da es relativ klare Vorstellungen davon gibt, welche Veranstaltungsformate schwer oder eben auch gar nicht möglich sind. Das betrifft ein Konzert von Andreas Gabalier, genauso wie eines von Herbert Grönemeyer. Sogar wenn es ein kleines Konzert wäre, wären die Sicherheitsvorkehrungen zu invasiv für den Ort.
Sicher gibt es verschiedene Zugänge bei Lames aber keine Fraktionen.

Andi: Es gibt schon Unterschiede zwischen Gabalier und Grönemeyer für mich 😉
Und ich sehe schon, dass es im Verein verschiedene Ansätze gibt. Ein Teil kommt mehr aus dem Subkulturbereich und ein Teil kann sich wahrscheinlich auch durchaus gängigere Formate vorstellen. Wir reden nicht von Gabalier oder Christine Stürmer! Kritik gibt es aber natürlich auch – Für die einen könnte es durchaus noch subversiver sein für die anderen ein bisschen harmonischer. Ich glaube, wir haben insgesamt ein gute Mischung bei Veranstaltungen am Gelände – ich seh’s auch sehr positiv, welches Spektrum wir insgesamt mit zwei Vereinen abdecken.

CF: Ihr könnt durch den gewährten Pachtvertrag die nächsten 10 Jahre die Gebäude nützen. Was soll LAMES deiner Meinung nach anbieten, was dem Gemeinwohl dient?

Andi: Wir sind mitten in einem Prozess, der auch diese Fragen stellt: Seit jeher geht’s um Raum-Fragen aber auch um eine dazugehörige Verwaltungsstruktur oder Organisationsform, die auch Zugänglichkeit ermöglicht. Wenn ich zum Beispiel eine Werkstatt zu einer für alle offenen Werkstatt mache, dann brauch ich entweder ein geniales selbstregulierendes System, nur selbstdisziplinierte ordentliche Menschen oder eine Person bzw. Gruppe, die das organisiert.
Wir wollen weiterhin Räume zur Nutzung anbieten bzw. die Vereinshäuser noch weiter öffnen – sei es für Ausstellungen, für kreative Prozesse (Ateliers, Werkstatt) Klausuren oder gemütliches Zusammenkommen.

CF: Ein Teil der Lames-Mitglieder steht für einen Lebensentwurf, dem die Gesamtgesellschaft skeptisch gegenüber steht. Wofür ihr seid und wogegen ihr seid, steht meinem Gefühl nach diametral zur Mehrheitsbevölkerung. Lebensentwürfe gehen meiner Meinung nach über das Künstlerische hinaus und kann man durchaus politisch sehen. Wie weit seht ihr euch auch als politischen Verein?

Andi: Meinem Empfinden nach sind wir nicht so weit entfernt von der Mehrheitsbevölkerung mit unserem Lebensentwürfen bwz. wir sind doch einfach nur ein Teil es gesamten Kuchens! Ein Kuchenteil mit sehr vielen bunten und auch lustigen Streuseln 😉 Im Verein sind neben Künstler*innen – die wenigsten können davon leben und gehen einem Brotberuf nach – sehr viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Professionen. Vom Landmaschinen-Mechaniker über Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, Musiker*innen, Grafiker usw.
Ich glaube, diese Menschen verbindet unter anderem der jahrelange gemeinsame Prozess als Kunst- und Kulturverein und als Bürger*innen, einen Ort vor der Bebauung zu retten und für das auch gemeinsam ehrenamtlich zu arbeiten und einzustehen. Klar – dahinter steht auch eine gesellschaftspolitische Haltung. LAMES ist im Lauf der Jahre immer vielfältiger geworden und durch die Gründung eines zweiten Vereins (Nachbarschaftsinitiative und später Verein Sonnenpark) sind wir auch als Gesamtes noch breiter aufgestellt. Wir sind definitiv alle für Kunst, Kultur und Natur und ein friedliches und kreatives Miteinander!

Agnes: Alles ist politisch! Wir beschäftigen uns mit Natur und Kunst, mit Umwelt und Mitmenschen und das ist, für mich, schon ziemlich politisch. Aber LAMES ist kein parteipolitischer Verein.

CF: Politik ist heute ein Minenfeld. Kulturpolitik erst recht, siehe Gabalier. Wie würdet ihr argumentieren, wenn jemand in der Diskussion die Arbeit von LAMES als vollkommen unnötig wegwischt und das Geld für andere kulturelle Zwecke besser aufgehoben sieht?

Agnes: Ich würde mit einem pluralistischen Kulturbegriff argumentieren und auf Vernunft hoffen.

Andi: Es ist deutlicher denn je zu erkennen, dass neben der unreflektierten Versiegelung durch Bebauung von Flächen auch die Frei-Räume für Menschen immer weniger werden. LAMES und der Sonnenpark sind ein Ort ohne Konsumzwang, der nicht überreguliert ist und wo man das Gefühl hat, dass man nicht vom „System“ eingenommen ist und auch etwas beitragen kann. Vereine wie wir federn auch soziale Probleme ab, geben Raum für Menschen, die sich schwer tun mit dem jetzigen Zustand der Gesellschaft, dem enormen Druck und auch den öffentlichen Räumen, die oftmals eher blutleer und wenig beseelt sind. Ich bin davon überzeugt, dass Orte wie der Sonnenpark die gewissermaßen als Freiraum erkämpft wurden, in Zukunft eine wichtige Rolle für die Balance unserer Gesellschaft spielen werden.

CF: Andi, du bist auch Künstler. Wie lässt sich die organisatorische Arbeit beim Verein mit deiner künstlerischen Tätigkeit unter einen Hut bringen?

Andi: Ich bin momentan auch sehr mit Organisationsaufgaben beschäftigt – bei LAMES und auch im Prozess rund um die Kulturhauptstadtbewerbung und ja, manchmal wünsch ich mir schon wieder mehr Raum für die freie Kreation. Performen, musikmachen, proben. Wobei es sowohl beim Verein als auch bei der Kulturhauptstadt natürlich auch einiges zu kreieren und zu gestalten gibt – das auch extrem spannend ist, mir große Freude bereitet und auch viel Kreativität verlangt. Aber nichts desto trotz will ich mich nicht vollkommen von Orga-Aufgaben einnehmen lassen und diese auch wieder reduzieren. Was im Fall von LAMES  eh schon teilweise passiert ist. Wir haben unsere Strukturen ja schon mit einer Geschäftsführung erweitert und auch eine weitere neue Kraft für Öffentlichkeitsarbeit kam dazu.

CF: Du vertrittst die freie Kulturszene bei der Bewerbung für die Europäische Kulturhauptstadt. Hast du einen Plan, was du nach der Bewerbung machen wirst?

Andi: Ich bin Teil des künstlerischen Projektteams, gemeinsam mit Elisabeth Schack, die lange Zeit Dramaturgin bei den Wiener Festwochen war und jetzt fürs künstlerische Programm beim Forum Alpbach zuständig ist und Thomas Edlinger, Fm4 Moderator „im Sumpf“ und Donaufestival Krems Kurator. Ich bring in dieser Runde einerseits die lokale Expertise mit und sehe mich auch als eine der Schnittstellen zur sogenannten „freien Szene“. Andererseits kann ich meine Kuratierungs-Erfahrung und meine Kontakte von LAMES über Bauchklang und Café Publik einbringen.
Wir sind mitten in einem intensiven Prozess und entwickeln gemeinsam mit dem Bewerbungsbüro erste Ideen für verschiedene potentielle Spielstätten für die zweite Einreichung, die Ende Juli praktisch fertig sein muss.

Übrigens: es gibt auch einen Aufruf an alle Kunst- und Kulturschaffenden noch Ideen für die Einreichung einzureichen!

Ich hab noch keinen konkreten Plan was ich danach machen will. Wir sind gerade in einem fordernden Prozess mit LAMES. Es geht um die bevorstehende Renovierung der Vereinsgebäude, um ein gesamtheitliches Nutzungskonzept usw. und LAMES wird auch in Zukunft für mich eine große Rolle spielen. Aber natürlich gib es auch den Bereich über LAMES hinaus. Ich merke, dass ich gerade für den Kulturhauptstadt Bewerbungsprozess einiges an Erfahrung und Ideen einbringen kann und bin auch diesbezüglich sehr motiviert mitzugestalten und die Stadt gemeinsam voranzubringen.
Ich seh mich aber nach wie vor als Künstler, sowohl im Musikbereich als auch im bildenden Bereich. Die Musik ist gerade etwas runtergeschraubt aber ich lege nach wie vor leidenschaftlich gerne auf – schraub immer wieder an „hidden tracks“ rum und bin ständig am zeichnen! Im Moment halt wieder eher bei langen Sitzungen!

CF: Beabsichtigst du, nochmals mit einem Musikprojekt auf die Bühne zu gehen?

Andi: Mir geht die „Musikwelt“ und die Bühne schon ab! Mit der Gruppe unterwegs zu sein und die gemeinsam Musik zu machen und das ganze auch per Stimme in die Welt zu tragen war schon etwas ganz besonderes, das ich sehr sehr mochte und schätzte – auch ein Privileg. Vielleicht tut sich ja noch die eine oder andere Möglichkeit auf – würde mir schon sehr taugen – aber es gibt keine konkreten Pläne … Schaun wir mal 😉

CF: Siehst du dich in fünf Jahren eher in der Kunstproduktion oder in der Organisation?

Andi: Ich fand immer schon Kombinationen aus verschiedenen Bereichen gut.

CF: Möchtet ihr etwas aus der bürgerlichen Tradition übernehmen? Heiraten, Haus bauen, Kinder aufziehen, … ?

Agnes: Ja, wenn ich Kinder kriegen würde, würde ich aus Vorsorgegründe, Stichwort Pension, heiraten. Vermutlich aber nicht bürgerlichen Traditionen folgend, sondern als rein formaler Akt. Ein Haus zu bauen geht sich für mich gar nicht aus. Aus ökonomischen und ökologischen Gründen wie Zersiedelung, der Zwang zum MIV (motorisierter Individualverkehr, d. Red.), Bodenversiegelung, … Ich backe gerne Pinzen zu Ostern, das ist für mich genug bürgerliche Tradition.

CF: Ich bedanke mich für eure umfangreichen Ausführungen.

www.lames.at

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Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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