Ein Ausrufezeichen am „Blätterwirbel“ setzen!

Marlies Eder bringt frischen Wind in den St. Pöltner Literaturbetrieb. Foto © Patrick Staudinger, z.V.g.

INTERVIEW: Mit dem „Krimi-Herbst“ und dem „Blätterwirbel“ steht uns ein spannen­­der Lesemonat bevor. Als Teil der jungen Lite­ra­turszene St. Pöltens, der keine Scheu vor der sogenannten Hochkultur und auch keine vor der Populärkultur kennt, organisiert Marlies Eder einen eigenen Programmpunkt am „Blätterwirbel“: den „Lesestoff & Schnaps Royal“. Was genau ist das? Und wie geht es der Literatur in St. Pölten?

Interview: Werner Harauer
Foto: Patrick Staudinger

City-Flyer: Bist du gebürtige St. Pöltnerin?

Marlies Eder: In Pyhra stand meine Wiege. In Summe lebe ich die meiste Zeit in St. Pölten.

C-F: Du hast eine zeitlang in Wien gelebt. Ich habe ein Foto von dir im Netz gefunden, das dich mit einem Musikinstrument auf der Bühne zeigt.  Warst du auch Musikerin?

Eder: Musik ist eine alte Liebe, es ist bestimmt nur eine Trennung auf Zeit. Aus der „Wiener Zeit“ kommt auch die Faszination für Poetry Slams und Open Mics.

C-F: Die Literarische Gesellschaft veranstaltet Slams, die du moderierst. Gibt es schon einen Termin für den nächsten Slam?

Eder: Im April wird es den nächsten Slam mit Andi Pianka und mir im Cinema Paradiso geben. Ein Herzensprojekt. Wegen dem LitGes Slam bin ich nach meiner aktiven Zeit aus Nostalgie noch einmal im Jahr auf die Bühne gegangen. Bis zu dem Zeitpunkt, als LitGes-Obfrau Eva Riebler Andi und mich gefragt hat, ob wir den LitGes Slam moderieren möchten.

C-F: In einem Interview im „mfg“ habe ich gelesen, du möchtest ein Buch schreiben? Hast du schon ein Konzept?

Eder: Das Ding liegt fertig in der Schublade. Eine Illustratorin müsste sich noch finden.

C-F: Du stehst oft auf der Bühne und trägst selbst Verfasstes vor. Wie spürst du, dass du die Zuhörer mit deiner Geschichte fesselst?

Eder: Ich bin vor Publikum hypernervös und versuche, meine Gesichtsmuskel unter Kontrolle zu halten. Wenn ich nach der Lesung aufstehe und das Publikum ist noch da, hat es funktioniert.

C-F: Du organisierst unter anderem die offene Literaturbühne „Lesestoff & Schnaps“. Welche Faktoren müssen zutreffen, damit du von einer gelungenen Veranstaltung sprichst? Die Anzahl der Besucher? Die Anzahl der Teilnehmer? Die Qualität der Texte, ….?

Eder: Das Gefühl mit dem ich raus gehe muss passen. Die Leute fragen oft nach der Veranstaltung, wie viele Besucher da waren … ich mach das aber nicht für die Quote.

C-F: Worum geht es dir dann?

Eder: „LSS“ ist ein zweckfreier Literaturraum in dem alles darf und nichts muss. ZuhörerInnen finden eine Motivation selbst zu schreiben, die Bühne ist ein heterarchischer Ort. Es gibt keine Unterscheidung von Laien und Profis bei „LSS“.

C-F: Kannst du dich an einen besonderen Moment während einer deiner Veranstaltungen erinnern?

Eder: Während einer Performance wurde eine Zuhörerin von Requisiten außer Kontrolle verletzt … warum fallen mir spontan immer die schlimmen Geschichten ein?

C-F: Im Rahmen des Blätterwirbels wird es ein „Lesestoff & Schnaps Royal“ im EgonTV geben. Was wird uns dort erwarten?

Eder: Gags, Gags, Gags! Ich freu mich, dass wir dieses Jahr das Satiremagazin „Hydra“ gewinnen konnten. „Hydra“ ist möglicher­weise die letzte Bastion ehrlichen Journalismus. Zusammen beleuch­ten wir vollkommen sachlich Presse­-Mythen wie die „Mondlandung“ und die unwiderlegbare Kausalität von Massenmanipulation und Chemtrails.

C-F: Wie schätzt du die Situation des St. Pöltner Literaturbetriebs ein? Gibt es in den letzten Jahren mehr Veranstaltungen? Mehr Publikum?

Eder: Hui, die Veranstaltungen die ich früher besucht habe, gibt es zum Teil nicht mehr. Auch die Autoren, die ich mag, lesen alle nicht mehr selbst.

C-F: Bist du vertraut mit dem Literaturbetrieb in anderen Städten? Hat stp etwas Spezielles vorzuweisen?

Eder: Ich durfte in sämtlichen Landeshauptstädten und auch in vielen kleineren Gemeinden auftreten. Trotzdem sehe ich mich nicht als Expertin, sondern als literaturaffin, weshalb ich nur eine persönliche Einschätzung abgeben kann. Was St. Pölten hat – und das zieht sich durch alle Bereiche – ist seine Unaufgeregtheit.
Eine Besonderheit möchte ich hervorheben und zwar das „Stücke-Fest“ vom Landestheater. Es handelt sich dabei um einen Wettbewerb für JungautorInnen. Zu gewinnen gibt es das „Peter-Turrini DramatikerInnenstipendium“ und das ge­wählte Stück wird im Theater inszeniert. Ich freue mich schon jetzt drauf.

C-F: Es gibt den Trend, die sogenannte Hochkultur des Bildungsbürgertums in veränderter Form einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Wenn wir als Beispiel die Literatur hernehmen, so ginge die Entwicklung von der klassischen Lesung, mit all ihren formalen Vorgaben hin zum Poetry Slam, der diese Vorgaben negiert und so eine größere Zuhörerschaft erreichen will. Geht die Rechnung auf? Muss man der Jugend heute Show bieten, um sie zur Literatur zu bringen?

Eder: Poetry Slam ist eine eigene Richtung der Literatur. Ein Poetry Slam ist kurzweilig und der Wettbewerbsgedanke zieht Publikum wie Teilnehmer an. Die Gattung „Poetry Slam“ wäre mir aber auf Dauer doch zu wenig.
Und um die Jugend in deine Veranstaltung zu bringen, brauchst du den Freund/ die Freundin, der/ die sie mitbringt. Bei mir war es so. Danke Julian!

C-F: Du hast erst kürzlich mit einer spektakulären Aktion während des St. Pöltner Höfefestes auf dich aufmerksam gemacht: du bist mit einer handvoll Slammer im Rahmen des Höfefestes mit dem „Poetry-Slam-Train“ durch die Innenstadt gefahren. Wie ist der fahrende Slam vom Publikum aufgenommen worden?

Eder: Sehr gut! Dass es den Zug überhaupt gab, hat mit dem Mut und dem Vertrauen von Höfefest-Macherin Patricia Liberti zu tun. Den Zug für das Kulturprogramm nutzen zu dürfen war ein Traum.

C-F: Hast du eine Erklärung, warum das Krimi-Genre derzeit boomt?

Eder: Einen Menschen zu töten ist ein ultimatives Tabu, abstrakt und faszinieren.

C-F: Haben die Macher des „Krimi-Herbst“ bei dir angefragt, ob du etwas zur Veranstaltung beitragen willst?

Eder: Da bin ich die falsche Ansprechperson. Es gibt keinen einzigen Krimi in meinem Bücherregal, dafür beinahe sämtliche Werke von Hans Bankl, dem ehemaligen Leiter am Institut für Klinische Pathologie am Landeskrankenhaus.

C-F: Wer hat deiner Ansicht nach gesellschaftlich mehr Renommee? Der Schauspieler, der Musiker, der Literat oder der Maler?

Eder: Um es auf eine kleine Zelle runterzubrechen: nicht einmal in meiner Familie bekommen wir einheitliches Ranking zusammen.

C-F: Sind Frauen im Literaturbetrieb besser aufgestellt als im Musikbetrieb?

Eder: Genreabhängig gibt es zwar weniger Djanes und Rapperinnen, bei Musikerinnen und Sängerinnen ist die Gewichtung wieder eine andere.
Mein Empfinden ist, dass sich Mädchen früh mit Literatur auseinandersetzen, die Jungs hingegen stellen sich früher auf eine Bühne.

C-F: Was müsste deiner Meinung nach ein St. Pöltner Literat erreichen, um erfolgreich zu sein?

Eder: Von seinen Worten leben können.

C-F: Die Stadt St. Pölten hat den „Youngster of Arts“ seit Jahren nicht vergeben. Fällt dir ein St. Pöltner Jungliterat ein, dem der Preis deiner Ansicht nach zustehen würde?

Eder: Dafür sind wir alle schon zu alt 😉

C-F: Wer in deinem literarischen Umfeld wird das nächste große Ding zünden?

Eder: Thomas Fröhlich! Da hat die Stadt einen Sohn auf den sie sehr stolz sei kann.
So eine Thomas-Fröhlich-Allee hätte doch was?

C-F: Es gibt mit dem „ectetera“ ein regelmäßig erscheinendes St. Pöltner Literaturmagazin. Ist diese Publikation die geeignete Plattform für einen Jungliteraten? Gibt es andere Möglichkeiten, in einem jugendlicheren Medium zu veröffentlichen?

Eder: Als Jungliteratin war ich schon Stolz auf eine Veröffentlichung im ecetera, das ist sicher heute genau so. Die Junge Literatur 2018 findet man heute aber eher auf Blogs.

C-F: Was müsste getan werden, um in St. Pölten ein ideales Umfeld für Literaten und Literaturliebhaber zu schaffen?

Eder: Ui, wäre das Interview hier „wünsch dir was“, hätte ich bitte gerne eine Büchertelefonzelle in der Innenstadt.

C-F: Wird die Bewerbung um die Kulturhauptstadt dem Literaturbetrieb in St. Pölten einen Schub verpassen?

Eder: Haha, vielleicht kommen wir endlich in die Verlegenheit, einen Ö-Slam, also eine Poetry-Slam-Nationalmeisterschaft in Nieder­österreich abzuhalten.

www.facebook.com/LesestoffSTP/
www.blaetterwirbel.at (5.-31.10.)
www.krimi-herbst.at (4.-13.10.)

Werner Harauer
Folge mir

Werner Harauer

Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
Werner Harauer
Folge mir

Letzte Artikel von Werner Harauer (Alle anzeigen)

Erzähl's weiter

Über den Autor

Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

Einen Kommentar hinterlassen