Martin Horváth – Mein Name ist Judith

Eines Tages findet der Historiker und Schriftsteller León Kortner beim Saubermachen unter dem  Kinderzimmer-Bett einen kleinen Vorrat an Lebensmitteln. Er kann sich das nicht erklären, denn seit seine Frau Lydia und seine Tochter Hanna vor einigen Jahren bei einem Anschlag auf dem Wiener Hauptbahnhof ums Leben gekommen sind, hat ihn kaum jemand besucht. Schon bald weiß er, wer das Essen dort versteckt hat, denn die Person befindet sich eines Morgens in seiner Wohnung: Ein ca. 10-jähriges Mädchen, bekleidet mit einem altmodischen Mantel, dickem Schal und roter Haube.

Ihr Name ist Judith und sie sucht ihre Familie. Nach einigen Überlegungen kommt León zu dem kaum vorstellbaren Entschluss, dass es sich um die verschwundene Schwester von Max Klein handeln muss. Dieser bewohnte mit seiner jüdischen Familie die selbe Wohnung, in der León jetzt wohnt. Seine Eltern schickten die jüngste Tochter damals mit einem Kindertransport in die Niederlande. Dieses damals jedoch war in den Wirren des 2. Weltkrieges. Hat er einen Geist vor sich oder spielt ihm seine Fantasie einen Streich?

Als das Mädchen wiederholt nach seinen Eltern fragt, beschließt er, ihr nicht die Wahrheit über deren Tod zu sagen und erfindet eine Geschichte. Judith kommt ihm jedoch bald dahinter und so versucht er schrittweise, ihr die tatsächlichen Begebenheiten zu erzählen. Vor über 20 Jahren reiste León in die USA zu Max Klein und seiner Schwester Lena, um mehr über die Familie und ihre Flucht vor den Nazis zu erfahren. Dort verliebten sich er und ihre Enkelin Judith ineinander und verbrachten ein paar gemeinsame Wochen.

Der Roman fesselt einen sehr schnell und entfaltet einen Sog, den man sich nicht entziehen kann. Dies aber nur so lange, bis die (10-jährige) Judith wieder aus dem Leben des Erzählers verschwindet. Denn sofort hat sich auch die Magie verflüchtigt, die einem so verzaubert hat an dieser herzergreifenden Geschichte. Es entsteht ein etwas zu harter Bruch und plötzlich hat man das Gefühl, sich fast in einer mehr oder weniger typischen Liebesgeschichte zu befinden. Man vermisst León`s kleine Begleiterin, auch wenn man ihr natürlich von Herzen wünscht, dass sie/ihr Geist nun endlich Frieden gefunden hat.

Martin Horváth „Mein Name ist Judith“
Penguin | 2019
362 Seiten | € 22,70
Bewertung: 4,5/5

 

Claudia Zawadil

Claudia Zawadil

Dipl. Ing. (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Bücherwurm, Vinyl-Lover und Gartenfee.
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Über den Autor

Claudia Zawadil
Dipl. Ing. (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Bücherwurm, Vinyl-Lover und Gartenfee.

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