Martin Rotheneder: Künstler und Manager

Martin Rotheneder, Künstler und Manager. Foto © Benedikt Weiss, z.V.g.

Interview: Als Künstlerischer Leiter der Kulturbühne Freiraum richtet Martin Rotheneder das Veranstaltungsprogramm für ein Publikum aus, das der Jugend- und Subkultur nahe steht. Beim booking kommen vor allem nicht-kommerzielle Kulturveranstaltungen und die regionale kreative Live-Musikszene zum Zug. Eine erfolgreiche Strategie, wie die Zahlen belegen.

Interview: Werner Harauer
Foto: Benedikt Weiss

City-Flyer: Seit wann bist du Programmchef der Kulturbühne Freiraum?

Martin Rotheneder: Seit Jänner 2012, also seit sechseinhalb Jahren. Meine Position nennt sich offiziell „Künstlerischer Leiter“, was bedeutet, dass ich nicht „nur“ das Programm, sondern auch die Ausrichtung des Hauses nach außen im Blick habe.

C-F: Besteht deine Tätigkeit für den Freiraum hauptsächlich im booking und in der Künstlerbetreuung?

Rotheneder: In meiner Funktion als künstlerischer Leiter bin ich für die Programminhalte, unsere Außenwirkung beim Publikum und die stetige Weiterentwicklung unseres programmatischen Wegs zuständig. Darüber hinaus gestalte ich Plakate und Monatsflyer, betreue die Website, bin für die Abrechnungen verantwortlich und versorge alle im Team mit den jenen Informationen die sie brauchen, um ihren Job am Abend gut zu machen.

C-F: Wenn du das Programm des Freiraums in einem Touristenfolder kurz beschreiben müsstest, wie würde der Text aussehen?

Rotheneder: Der Freiraum ist eine Kulturbühne für Jugend- und Subkultur, versteht sich dabei vor allem als Homebase für die regionale kreative Live-Musikszene, aber auch als professioneller Partner in der Umsetzung von nicht-kommerziellen Kulturveranstaltungen und -initiativen.

C-F: Hat sich in den Jahren deiner Tätigkeit die Programmierung in die eine oder andere Richtung verändert?

Rotheneder: Die Programmierung ist ständig in Bewegung, da sich rundherum ja ständig alles ändert. Bands kommen und gehen, Trends ändern sich, da muss man auch flexibel bleiben in der Programmgestaltung.

C-F: Wie muss man sich den zeitlichen und organisatorischen Ablauf einer Veranstaltung vom booking bis zur show vorstellen? Und wer ist damit befasst?

Rotheneder: Zwischen dem ersten Kontakt und dem tatsächlichen Auftritt liegen oft Monate, der Vorlauf ist in den letzten 1-2 Jahren auch länger geworden, da sich die Bands mehr und mehr professionalisieren und langfristiger planen.
Einige Wochen vor der Show laden wir die Bands oder Co-Veranstalter zu uns in den Freiraum ein, um im Team die Veranstaltung durchzubesprechen. Steffi Dumfahrt ist für den organisatorischen Ablauf des Abends sowie die Social Media Bewerbung und Plakattour im Vorfeld zuständig, unser technischer Leiter Sebastian Haas kümmert sich um die Tontechnik und eventuelle andere technischen Anforderungen, Benjamin Muhr ums Licht und ich bin einerseits Schnittstelle zwischen außen und innen und kümmere mich andererseits um Plakate, Monatsflyer, Website – neben der Programmierung natürlich. Wolfgang Matzl ist wie immer unser Leitwolf und kümmert sich darüber hinaus dann am Veranstaltungsabend um die Videodokumentation des Abends. Und dann gibt’s natürlich noch unseren Fotografen Klaus Engelmayer, das Bar-Team von Gastro-Chef Stefan Weiss, das Team von Security-, Ordner und Kassapersonal der Firma Silent Force Security und zu guter letzt – aber ebenso wichtig wie alle anderen – Yüksel, der seit Jahren für die Fa. Markas bei uns die Reinigung macht.

C-F: Plan war vor der Inbetriebnahme des Freiraums, dass kleine bis mittelgroße internationale Bands auf ihren Weg zwischen Linz und Wien einen Konzertstopp in St. Pölten machen. Der Plan wurde nie umgesetzt. Wo liegen die Gründe?

Rotheneder: Es wurde in den Überlegungen zu Beginn an vieles gedacht, die angesprochenen internationalen Bands sind nach wie vor immer wieder bei unseren Subkultur-Veranstaltungen auf der Bühne, Mainstream-Acts waren nie wirklich im Focus, falls das gemeint sein sollte.

C-F: Wie muss man sich das gentlemen’s agreement zwischen privaten Veranstaltern und dem Freiraum vorstellen, gewisse Veranstaltungen im Freiraum gar nicht anzubieten, um die Privaten „leben“ zu lassen?

Rotheneder: Das ist relativ einfach: Wir sind für nicht-kommerzielle Kulturveranstaltungen da, die ohne unsere Mithilfe nicht oder nur unter größtem finanziellen Risiko umsetzbar wären. Veranstaltungen, deren vorrangiges Ziel es ist Geld zu verdienen, lehnen wir ab. Müssen wir aber eh selten, denn derartige Anfragen waren immer spärlich und kommen inzwischen eigentlich gar nicht mehr vor. Wir verweisen außerdem immer wieder an andere Locations, Warehouse, cinema paradiso, Bühne im Hof, wenn wir der Meinung sind, das passt dort besser hin. Wir sehen keinen Sinn darin, anderen Konkurrenz zu machen oder das Wasser abzugraben. Viel wichtiger ist uns, dass die Szene belebt wird, davon profitieren letztlich alle.

C-F: Es gibt genug Künstler, die zu wenig Publikum anlocken, um die Veranstaltung kostendeckend zu führen. Sie sind somit für private Veranstalter nicht interessant. Was müssen sie vorweisen, um für euch interessant zu sein?

Rotheneder: „Vorweisen“ wäre vielleicht zu streng gesagt. Wir begegnen allen KünstlerInnen auf Augenhöhe und als gleichwertige Partner. Gleichzeitig arbeiten wir natürlich auch lieber mit Leuten, die uns ebenso respektieren und mit uns gemeinsam einen guten Abend gestalten wollen.
Eine wichtige Basis ist auch die Frage, ob eine Band/ein(e) KünstlerIn zumindest so viel Publikum bringt, dass der Saal nicht leer bleibt, das wäre angesichts des nicht unbeträchtlichen Aufwands ja für alle frustrierend. Mit 20-50 Leuten sollte man schon rechnen können, damit sich für alle Beteiligten der Aufwand gefühlsmäßig lohnt. Dadurch ist unser Programm automatisch eher regional ausgerichtet, da es in der weiteren Umgebung leichter ist, die Fans zum Mitkommen zu mobilisieren. Das reicht übrigens bis Amstetten und sogar Waidhofen a.d. Ybbs!
Aber ganz generell, eines gilt immer: Nachwuchs aus der Region ist für uns auf jeden Fall interessant. Da bekommt jede(r) einen Slot – und für Unkonventionelles lassen wir uns auch gern begeistern.

C-F: Von welchen Faktoren hängt es noch ab, um bei euch auftreten zu dürfen? Vom Preis? Von den geschätzten Besuchern? Vom Genre? Vom Renommee des Künstlers?

Rotheneder: Bei Genres sind wir generell offen, viel wichtiger ist es für uns, ein guter Partner für die lokale Szene zu sein.
Auch wenn es uns ehrt, mit Künstlern wie Manu Delago, Andy Baum & Günter Mokesch oder anderen bekannten Namen zu arbeiten, so ist uns jede unbekannte leiwande Band genauso lieb.

C-F: Warum gibt es keine Clubs mehr im Freiraum?

Rotheneder: Wir hatten ja einige erfolgreiche Clubs im Freiraum, HardTech etwa oder Minimal Techno, aber das ist mit der Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes schlagartig vorbei gewesen, Clubs und Rauchverbot scheinen sich nicht ganz zu vertragen. Bei Live-Konzerten ist das anders, RaucherInnen gehen dann halt in den Pausen oder zwischen zwei Songs vor die Tür, um zu rauchen. Darüber hinaus ist das Angebot an Clubs in der Stadt tendenziell besser, als das an Live-Locations für die regionale Szene, daher sehen wir unsere Aufgabe eher darin, vordergründig für die Live-Musik da zu sein.

C-F: Die Betriebsmittel einer Fabrik beispielsweise sind dann am besten eingesetzt, wenn sie rund um die Uhr Verwendung finden. Der Freiraum hingegen wird an manchen Wochenend-Tagen nicht bespielt. Ist das betriebswirtschaftlich sinnvoll?

Rotheneder: Zum Einen heißt „nicht bespielt“ in dem Zusammenhang ja nicht, dass nichts stattfindet. Wir haben öfters geschlossene Veranstaltungen, Schulvorführungen oder ähnliches, manchmal auch Bühnenproben oder Videodrehs, das scheint im Programm natürlich nicht auf. Zum anderen ist es auch eine Frage der Ressourcen, wir haben unsere Technikerstunden, mit denen wir über die Runden kommen müssen, zusätzliche Veranstaltungen würden hier eine Kostenquelle darstellen, die potentiell lukrierbaren Mehreinnahmen würden das nicht decken.

C-F: Gibt es eine DaumenmalPi-Auflage seitens des Eigentümers, an wie vielen Tagen im Jahr der Freiraum bespielt werden soll?

Rotheneder: Nein, das gibt es in der Form nicht. Der Mix aus öffentlichen/geschlossenen Veranstaltungen sowie Proben und Vorbereitungen wird nicht in Zahlen vorgegeben.

C-F: Andere betriebswirtschaftliche Frage: wäre ein interessantes gastronomisches Angebot in einem passenden Ambiente nicht eine zusätzliche Einnahmequelle?

Rotheneder: Wir haben das bei der Eröffnung des neuen Freiraums mit unserem Pächter und Gastronomen auch überlegt, aber wieder fallengelassen. Wir sehen den Bedarf nicht, die bestehenden Nachtlokale in St. Pölten platzen ja auch nicht aus allen Nähten. Außerdem ist unsere Gastronomie für Veranstaltungen bestens geeignet, aber für einen Lokalbetrieb würde einiges fehlen, wir haben auch keine Küche.

C-F: Wann sprecht ihr von einem erfolgreichen Jahr? Wenn die Besucherzahl stimmt? Wenn die Einnahmen aus den Kartenverkäufen einen bestimmten Prozentsatz der Ausgaben abdecken? Wenn ihr euch medial erfolgreich verkauft habt?

Rotheneder: Erfolgreich sind wir dann, wenn KünstlerInnen und Publikum gleichermaßen zufrieden nachhause gehen und wenn wir das Gefühl haben, dass wir etwas Positives zur St. Pöltner Musikszene beitragen konnten. Ebenso ist jeder von uns im Team auf seine/ihre Art sehr ehrgeizig, alle sind stets darum bemüht, den bestmöglichen Job abzuliefern und kontinuierlich noch besser zu werden. Natürlich freuen wir uns auch darüber, dass die Besucherzahlen und auch die Einnahmen über die Jahre leicht ansteigen, letztlich ist das aber eher ein positiver Nebeneffekt unseres unermüdlichen Einsatzes als vordergründiges Ziel.

C-F: Trittst du an die Künstler heran und fragst nach, ob sie bei euch spielen wollen? Oder melden sich die Künstler bei dir?

Rotheneder: März bis Mai und Oktober bis Dezember weiß ich nicht wohin mit den vielen Anfragen und muss mit Terminen herumjonglieren, damit sich alles gut ausgeht. Februar, Juni und September sind ein wenig lockerer, im Sommer haben wir ohnehin zu und Jänner ist meistens tote Hose, da braucht auch das Publikum meist eine Pause und es lohnt sich kaum, auf Muss Konzerte zu bringen. Wenn’s also nicht gerade um eine spezielle Veranstaltungsreihe mit einem Sonderbudget geht kommt es also eher selten vor, dass ich bei Bands anfrage.

C-F: Welche Veranstaltungen werden deiner Meinung nach in St. Pölten momentan bevorzugt besucht?

Rotheneder: Dazu fehlen mit leider die Statistiken und BesucherInnenzahlen, um das beurteilen zu können. Nach aktuellen Berichten zufolge wäre wohl „Frequency“ eine passende Antwort 😉

C-F: Ihr seid gerade dabei, euer Veranstaltungskonzept nachzujustieren. An welchen Stellschrauben wollt ihr drehen? Werden die Besucher die ersten Veränderungen bereits im Herbst bemerken?

Rotheneder: Hierbei handelt es sich um ein Missverständnis. Wir nehmen zwar laufend Feinjustierungen vor um auf aktuelle Gegebenheiten einzugehen, gröbere Veränderungen planen wir jedoch nicht.

C-F: Wenn ihr das Wort „Jugend“ vor der Jugendkulturhalle streicht, impliziert das (auch) den Wunsch nach einem älteren Publikum. Ein älteres Publikum hat aber andere Ansprüche, nicht nur in programmatischer Hinsicht. Wie wollt ihr dem nachkommen?

Rotheneder: Im Gemeinderatsbeschluss zum Freiraum steht „Jugend- und Subkultur“, in den ersten Jahren wurde der Begriff „Jugendkulturhalle“ verwendet. Bereits seit unserer Neueröffnung 2014 verwenden wir ausschließlich den Begriff „Kulturbühne“, da sich über die Jahre gezeigt hat, dass die Bezeichnung als „Jugendkulturhalle“ einen großen Nachteil mit sich bringt: viele Menschen stellen sich darunter ein womöglich noch betreutes Angebot für Jugendliche zwischen 14 und 25 vor, fühlen sich also dem nicht mehr zugehörig und blenden den Freiraum als Teil des für sie relevanten kulturellen Angebots in der Stadt aus. Das wiederum ist von großem Nachteil für unseren Auftrag um die Subkultur, die ja eindeutig keine Altersgrenzen nach oben und unten kennt.
Dazu kommt das Phänomen, dass Jugendkultur in Wahrheit ebenso keine Altersbeschränkung kennt, denn die Menschen nehmen die in ihrer Jugend prägende Kultur in der Regel ihr Leben lang mit, sei es als KünstlerInnen oder als KonsumentInnen. Bei der Eröffnung der Ausstellung „Vom 5 Uhr Tee zum Frequency“ im Freiraum Ende April 2014 konnte man das recht eindrücklich am Konzert der „Blue Heaven Sax Band“ erkennen: Einige der Bandmitglieder spielten in ihrer Jugend in den 60ern bei den „Swing Boys“ bei 5 Uhr Tee Tanzveranstaltungen in den Stadtsälen, standen nun fast 80-jährig mit der gleichen Musik vor dem gleichen Publikum auf der Bühne. Sie brachten ihre eigene Jugendkultur also mit ins Jahr 2014. Ähnlich verhält es sich mit Vertretern der St. Pöltner Punkszene, die vor 20 Jahren ihre ersten Konzerte spielten und bis heute aktiv in der Szene als Musiker und Veranstalter tätig sind.
Die Ansprüche unseres Publikums sind eigentlich in allen Altersgruppen gleich: Coole Bands, guter Sound, schönes Licht, kühle Getränke, keine langen Wartezeiten an der Bar, saubere WC’s, reibungsloser Ablauf. Das versuchen wir, möglichst perfekt zu bieten, und das Feedback zeigt uns, dass uns das ganz gut gelingt.

C-F: Ist im Zuge der Bewerbung zur Kulturhauptstadt ein Aufstocken der finanziellen Mittel seitens der Stadt angedacht?

Rotheneder: Wir sind zwar bei allen Überlegungen zur Bewerbung engagiert dabei, aber diese Details sind noch nicht besprochen.

C-F: Wird die Bewerbung auch neue Aufgabenbereich für den Freiraum mit sich bringen? Habt ihr da schon was in der Pipeline?

Rotheneder: Dazu lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussage treffen, auch das hängt von der Bewerbung und den darin enthaltenen Punkten ab. Es geht hier ja auch nicht nur um den Freiraum, es geht um ein Gesamtkonzept. Wir sind jedenfalls gut aufgestellt und freuen uns auf alle Herausforderungen!

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Werner Harauer

Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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