Melvin Tricoire organisiert soleil levant

Melvin Tricoire veranstaltet den "soleil levant" im Sonnenpark. Foto privat, z.V.g.

Am 21. und 22. Juni hat sich das soleil levant am Spratzerner Kirchenweg „ein­gemietet“. Skate-Enthusiast Melvin Tricoire organisiert das 2-tägige interdisziplinäre Festival, um „die Vernetzung der verschiedenen Szenen, die sich im Raum St. Pölten fin­den lassen“ voranzutreiben. Die Künstler*innen rekrutieren sich hauptsächlich aus seinem Bekannten- und Freundeskreis, die Bands gegründet oder sind der DJ(ane)-Szene verschrieben haben. „Manche malen auch auf kleinen Leinwänden oder alten Skateboards, andere stehen lieber hinter der Kamera und der eine oder andere verliert seine Geduld auf einem Holzbrett.“ erklärt der Veranstalter, dessen größtes Anliegen das Zusammenführen dieser Talente ist.

Die Fragen stellte Werner Harauer.

City-Flyer: Aus welchem Szene-Umfeld kommst du?

Melvin Tricoire: Mit etwa 11 Jahren habe ich zum Skateboarden begonnen. Da habe ich auch meine Freundschaften geschlossen, die mir bis heute geblieben sind und die sich hoffentlich auch so bald nicht mehr lösen werden. Einige von uns haben dann mit großem Engagement den Verein STPSkateAssociation gegründet, um bei der Stadt St. Pölten einen neuen Skatepark beantragen zu können und sind mit diesem Anliegen auch erfolgreich gewesen. So gesehen bin ich wohl ein Teil der St. Pöltner Skateszene. Allerdings beschränken sich meine Freundschaften nicht nur auf die Mitglieder und Nahestehende unseres Vereins, sondern reichen bis weit über diese Grenzen hinaus.

CF: Was machst du beruflich?

Melvin: Momentan bin ich Vollzeit-Student der Politikwissenschaft und der Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Wien, sofern man das denn sein kann.
Da mich der Sog der Bundeshauptstadt nun aber auch erreicht hat, bin ich auf der Suche nach einem netten Wiener Kaffeehaus, eines wie das Cinema Paradiso in St. Pölten, wo ich auch bereits etwas Zeit hinter der Kaffeemaschine verbringen durfte.

CF: Du organisierst das interdisziplinäre Festival „soleil levant“ im Sonnenpark. Welche „Disziplinen“ werden vertreten sein?

Melvin: Im Wesentlichen geht es mir um die Vernetzung der verschiedenen Szenen, die sich im Raum St. Pölten alle finden lassen. Viele Freunde von mir widmen ihre Freizeit der Musik, haben eigene Bands gegründet oder sind in der DJ(ane)-Szene aktiv. Manche malen auf zu kleinen Leinwänden oder alten Skateboards, andere stehen lieber hinter der Kamera als davor – in Zeiten des Selfies durchaus mal angenehm – und der eine oder andere verliert seine Geduld auf einem Holzbrett. Dieses Talente zusammenzuführen und gemeinsam etwas zu schaffen wäre mir persönlich das größte Anliegen bei dem „Festival“.

CF: Mein französisch ist schon etwas eingerostet. Die deutsche Übersetzung von „soleil levant“ bedeutet „aufgehende Sonne“. Ist der Name des Festivals eine Verbeugung vor dem Sonnenpark, dem Verein LAMES, der ja auch die Sonne im Namen hat (LA Musique Et Sun)?

Melvin: Es steht außer Frage, dass ich damit dem Team rund um LAMES, das mir dieses Projekt schlussendlich auch erst ermöglichen, eine kleine Hommage widmen möchte.
Eine kleine Anspielung geht allerdings auch auf eine vorangegangene Veranstaltung zurück, die ich mit Kollegen organisiert habe und die ja schon im Namen „Bellypains & Headaches“ eine gewisse Kritik an unserer Zeit ausdrücken sollte. Bekanntlich kommt nach dem Regen auch wieder die Sonne zurück. Spricht man „levant“ übrigens etwas unbeholfen aus, kommt „leiwand“ raus! Hahaaa.
Ich finde es an dieser Stelle auch notwendig zu sagen, dass die Zusammenarbeit mit LAMES reibungslos abläuft und ich für die Gelegenheit unglaublich dankbar bin.

CF: Du hast also freie Hand bei der Umsetzung deines Konzeptes seitens der Lames-Verantwortlichen?

Melvin: JA! Danke LAMES – juhuuuuu.

CF: Was verstehst du unter einer gelungenen Kulturvernetzung?

Melvin: Ich fand es persönlich immer schade, dass es hier so viele Kunst- und Kulturschaffende gibt, diese aber oft nicht aus ihrem Umfeld heraustreten um mit anderen zu kollaborieren. Oft ist das auch eine Frage der Finanzierung. Durch die Vernetzung der verschiedensten Akteure könnten sich auch Kulturprojekte durchbringen lassen, bei denen es nicht am Geld scheitert. Gemeinsam etwas zu schaffen macht am Ende ja auch mehr Spaß!

CF: Braucht die Kulturvernetzung in St. Pölten einen Schub? Sind die jungen KünstlerInnen hier nicht sowieso vernetzt? Zumindest über die digitalen Medien?

Melvin: Zu einem gewissen Teil sind sie das bestimmt. St. Pölten ist schließlich auch nicht allzu groß und leider beschränkt sich das Jugendangebot auf wenige hotspots der Stadt, da kommt man schon mal zusammen. Das Problem sehe ich vielmehr am Zugang: Wie finanziere ich mein Projekt? An wen muss ich mich bei Fragen wenden? Habe ich die Mittel und den Platz für mein Projekt? Etc. Das sind viele Fragen, bei denen man als junger Kulturschaffender schon schnell mal wieder aufgibt und es dann doch lieber sein lässt. Ich würde mir auch wünschen, dass die verschiedenen Szenen einfach aus sich herausgehen und den Willen zur Kooperation über die eigenen Grenzen hinweg aufbauen können, egal um welche Gruppierungen es sich dabei handelt. 😎😎

CF: Du hast vorhin erwähnt, dass du mit „Bellypains & Headaches“ bereits ein Festival organisiert hast. Was war hierfür der Anlass und was unterscheidet die beiden Festivals voneinander?

Melvin: „Bellypains & Headaches“ war die Abschlussarbeit zweier Schulkollegen und mir für den IT-Schwerpunkt der HLW St. Pölten, bei dem wir unser erlerntes Können in Illustrator, InDesign, Photoshop etc. anhand eines Unternehmens bzw. einer Privatperson darstellen sollten. Da ich es mir grundsätzlich immer etwas schwieriger und dafür schöner – als leicht und fad – mache, kam mir die Idee, eine Ausstellung des Herrn Christian Tanzer zu organisieren, die unter dem Aspekt der weitgehenden Digitalisierung unserer Lebensräume stand und mit einem Plädoyer verbunden war, dass es manchmal doch schöner ist, sich persönlich gegenüberzustehen als seine Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen.
Bei „soleil levant“ möchte ich die verschiedensten Akteure zusammenbringen und damit aufzeigen, dass sich sehr wohl etwas um uns herum entwickelt und sich auf dieser Basis noch viel mehr schaffen lassen kann. Ibiza halt! Hahaaaa, nur ein Spaß natürlich.

CF: Mit dem Festival willst du bekannte mit weniger bekannten Künstlern zusammenbringen. Kannst du mir ein vergleichbares Festival nennen, bei dem diese Vernetzung bereits gut funktioniert?

Melvin: Keine Ahnung ehrlich gesagt. Ich möchte bei „soleil levant“ wirklich versuchen, bestehende Hierarchien oder Vorurteile aufzubrechen und zu einer Diskussion anregen, die auf Augenhöhe stattfinden soll. Anerkennung und Respekt für das Schaffen jeglicher Art ist dementsprechend Hausordnung!

CF: Du stellst ebenfalls Werke von dir aus. In welche Richtung schlagen die? Grafiken? Malerei?

Melvin: „Werke“ ist schon fast übertrieben. Meinerseits wird es wohl ein, zwei Fotos geben. Grafiken auch, ich habe mit zwei Freunden eine kleine Marke aufgebaut, die zwar noch in den Kinderschuhen steckt und auch eher am Budget als an der Leidenschaft scheitert. Idee der Marke ist, immer eine Stadt als Kollektionsbezug heranzuziehen und dementsprechend die Grafiken zu gestalten bzw. Künstler dieser Stadt zu repräsentieren. Die ersten drei Shirts und ein Goodie sollten aber bis zur Ausstellung hoffentlich unter dem Namen „sosie“ angekommen sein und können dort auch zum Freundschaftspreis gekauft werden.

CF: Ist die Bildende Kunst ein Steckenpferd von dir? Oder stecken da ernsthafte Ambitionen dahinter?

Melvin: Haha. Als Bildender Künstler würde ich mich keinesfalls bezeichnen. Ich habe über die Jahre hinweg einfach eine Liebe zum analogen Fotografieren entwickelt und nutze die Fotografie vor allem auf Reisen, um meine Umgebung besser wahrnehmen zu können. Fotografieren ist also eher etwas, das ich für mich persönlich gerne tue.
Natürlich stellt sich die Frage, ab wann jemand de facto als Künstler gilt oder nicht. Ein bisschen Künstler ist wohl jeder von uns, ob MusikerIn, SkateboarderIn oder leidenschaftliche/r Kaffeehaus-DebatteurIn, denn das ist ja vielleicht auch eine altbekannte österreichische Kunst 😉😉

CF: Es sind auch Interviews mit Vertretern von Institutionen wie Kulturhauptstart, dem Jugendzentrum Steppenwolf und Medien geplant. Werden diese Interviews aufgezeichnet und später von einem Sender ausgestrahlt?

Melvin: Das wird wohl eine Überraschung! Hahaa.

CF: Du kommst aus der StpSkateAssociation. Ist das Verlangen der Skater nach – sagen wir mal Bildender Kunst – nicht enden wollend?

Melvin: Dem Bild des rebellischen Skaters, der sich gegen die Obrigkeit wehrt und sowieso ein apolitischer Mensch ist, möchte ich mich hier vehement entgegenstellen. Du spielst auf ein Cliché aus den 90ern an, das uns bis heute erhalten geblieben ist. Natürlich möchte ich nicht generalisieren, aber ich kann aus meiner Erfahrung und meinem Freundeskreis mit bestem Wissen und Gewissen behaupten, dass dem nicht so ist. Darüber hinaus hat gerade in der Skateboardszene die Kunst – ob als Grafik auf einem Deck oder einem Shirt, ob Skatevideo oder Fotografie – seit jeher einen Fixplatz. Der Skateboarder und der Künstler, um sie jetzt in so sperrigen Analysekategorien zu definieren, die es natürlich nicht gibt, sind sich nämlich ihrem kreativen Schaffen nach näher als man denken möchte.

CF: Werden auch interaktive Aktionen geboten? Angebote, bei denen das Publikum aktiv mitmachen kann?

Melvin: „soleil levant“ soll interaktiv sein und dementsprechend ist jeder herzlich willkommen, der sich in irgendeiner Weise beteiligen möchte. Konkret bedeutet das für mich in Kontakt treten, Fragen im RadioKaffee stellen und sich an Gesprächen beteiligen, keine Scheu zu haben aufeinander zuzugehen und sich auszutauschen.

CF: Bei dir hat die Vernetzung ganz gut geklappt. Ich nehme an, die meisten KünstlerInnen kennst du persönlich. Wie würdest du den Profit beschreiben, den ein Künstler durch die Vernetzung mit anderen Künstlern erhält?

Melvin: Ganz im Sinne der Europäischen Union bin ich der Meinung, dass es zusammen eben besser funktioniert als alleine. Übersetzt auf das Thema soll das heißen, dass sich Kollektive bilden können, die dann vielleicht in Finanzierungsfragen enger beisammenstehen und auf diese Weise auch mehr erreichen können. Darüber hinaus, ist jeder Austausch ein wertvoller Beitrag zum eigenen kreativen Schaffen und der Grundstein dynamischer Entwicklungen egal welcher Hemisphäre. Egoismus hat in einer solchen Gesellschaft ebenso wenig etwas verloren wie Nationalismus.

CF: Worin besteht der Zusammenhang zwischen dem Festival und dem St. Pöltner Skatepark?

Melvin: Leider ist der Skatepark durch seine landschaftsarchitekturelle Ausstattung etwas verkommen. Nicht dass die Lage schlecht wäre, der Park ist gleich am Ratzersdorfer See und immer für eine Abkühlung gut. Vielmehr ist es aber die fehlende Bepflanzung, von Bäumen bis über Urban Gardening wäre hier viel möglich. Es fehlen Sitzbänke, auf denen auch die vielen Familien mit ihren Kindern platz nehmen und sich entspannen können. Diese Ressourcen sehe ich in den verschiedenen Szenen vorhanden und möchte sie im Rahmen des Festivals Beim „Skatebash“ auch zusammenbringen.

CF: Pilgern Interessierte während des Festivals zum Skatepark und sollen bei den Umbauarbeiten mit anpacken? Oder handelt es sich Beim „Skatebash“ nur um eine Diskussionsrunde im Rahmen des Festivals, wie der Skatepark neu gestaltet werden kann?

Melvin: Beim „Skatebash“ soll es noch nicht zu den wirklichen Arbeiten kommen. Der „Skatebash“ soll die Plattform bieten, auf der sich bei gemütlichem Beisammensein und einer entspannten Atmosphäre freie Künstler, Skater aber auch Personen der Stadt St. Pölten, die mehr Gewichtung haben, auf Augenhöhe unterhalten können.

CF: Vielen Dank für das Interview.

Programm Soleil Levant

Werner Harauer
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Werner Harauer

Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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