Nullzeit – abtauchen mit Theater Perpetuum

Unterwassernahkampf in " Nullzeit " von Theater Perpetuum. Foto © Claudia Zawadil, CF.

Und wieder in die Falle getappt! Wir Zuschauer haben es auch wirklich nicht leicht mit Nullzeit, dem neuen Stück von Theater Perpetuum. Schnell zaubern wir eine Erklärung aus der tiefsten Schublade der Vulgärpsychologie, um das Bühnengeschehen einordnen zu können. Wir Menschen handeln schließlich rational – wir sind homo oeconomicus, wie uns die Neocons seit Jahrzehnten einbläuen.

Wie kann ein Tauchurlaub auf Lanzarotte so eskalieren? Warum ist die bildhübsche Schauspielerin Jola mit dem alten Sack Theo verheiratet? Hat sie einen Vaterkomplex? Warum schlägt der erfolglose Schriftsteller Theo seine Frau, wenn er doch vorgibt sie zu lieben? Ist er ein Sadist? War der Aussteiger und Tauchlehrer Sven immer schon so phlegmatisch und herzlos zu seiner Frau Antje? Oder steckt er in der Midlife-Crisis? Ist Antje einfältig? Oder bloß denkfaul geworden durch die langen Ehejahre im Urlaubsparadies?

Wir Menschen stricken unaufhörlich „Geschichten“ um die Geschehnisse, die wir täglich (er)leben. Alles muss SINN ergeben, für alles muss es einen GRUND geben, erst wenn die Ursache von uns identifiziert wurde, können wir das Geschehene im Hirn als erledigt abspeichern. Wir Menschen sind SINNMASCHINEN, und wenn uns die Vulgärpsychologie dabei die Zusammenhänge liefert … gebongt!

So leicht macht es uns das Kammerspiel „Nullzeit“ in der Inszenierung von Bernhard Scharl nicht. Fast das gesamte Stück können wir alle vier handelnden Personen auf der Bühne agieren sehen, selbst ihre Gedanken vertrauen sie dem Publikum an. Und trotzdem lassen sich ihre Handlungen schwer nachvollziehen.
O.K., Künstler können ganz schön durchgeknallt sein, aber sie gehen selten bis zum Äußersten. Ja, auch ein träger Mann jenseits der besten Jahre kann sich von einer schönen Frau den Kopf verdrehen lassen und zum liebestollen Hund werden. Rennt er dann tatsächlich sehenden Auges voll gegen die Wand? Auch wenn sich die Handlung auf die Romanvorlage der Bestseller-Autorin Juli Zeh stützt, wir die Geschichte also als Fiktion abtun können, müssen wir davon ausgehen, dass menschliche Beziehungen auch so verlaufen können. Wir suchen nach Erklärungen und haben schnell welche parat. Und ver-rückt sind schließlich immer die Anderen.

Der flotte Vierer zeigte eine hervorragende schauspielerische Leistung. Iris Teufner, der jüngste Spross der Theater Perpetuum-Familie, spielt die durchgeknallte und selbstverliebte Schauspielerin Jola mit jeder Faser ihres Körpers. Mit Routinier Georg Wandl, der den egomanischen Schriftsteller Theo spielt, ginge ich glatt auf ein Bier, um mehr von seinen zynischen Lebensweisheiten aufzusaugen. Dem Tauchlehrer Sven, gespielt von Martin Freudenthaler, und seiner Frau Antje bzw. Daniela Freudenthaler würde ich gerne zu Hilfe eilen, auf die Bühne springen und sie durchrütteln: „Seht ihr denn nicht? Eure beiden Gäste sind total verkommen!“

Das Bühnenbild reduziert sich im wesentlichen auf Baupaletten, die während des Stückes oftmals von den Protagonisten umgeschlichtet, aufgetürmt und wieder abgebaut werden und sind mal Betten, Korallenriff und Felsvorsprung. Die Unterwasserszenen spielen vor Videoprojektionen die von den Schattenrissen der Schauspieler durchschnitten werden. Eine einfache und sehr gelungene Unterwasserkulisse, die noch durch das Hang-Spiel von Andreas Seltenheim verstärkt wird.

Ob Theater Perpetuum mit „Nullzeit“ das Herz des St. Pöltner Publikums getroffen hat, bezweifle ich. Ich jedoch kann den Theaterabend uneingeschränkt weiterempfehlen.

Wer jetzt auf die Handlung neugierig geworden ist, dem haben wir den Inhalt hier zusammengefasst.
Wer ein Interview mit Jola aka Iris Teufner lesen will, das ich vor der Premiere mit ihr geführt habe, ist hier gut aufgehoben.
Wer die Bilder zum Stück sehen will, der scrollt ans Ende des Artikels.
Wer sich Tickets sichern will, macht das hier …

Tickets online bestellen: www.perpetuum.at/Tickets-und-Reservierung

Spieltage:

Freitag, 22. März, 19.30 Uhr
Samstag, 23. März, 19.30 Uhr
Freitag, 29. März, 19.30 Uhr
Samstag, 30. März, 19.30 Uhr
Freitag, 5. April, 19.30 Uhr
Samstag, 6. April, 19.30 Uhr

 

Galerie mit 62 Pics (c) Claudia Zawadil Du musst eingeloggt sein, um die Bilder sehen zu können!

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    Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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