Milena Michiko Flašar: Rollenspiele auf Japanisch

Milena Michiko Flašar, die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters mit tschechischen Wurzeln, schreibt in ihrem neuen Buch über unerfüllte Träume . Foto © Helmut Wimmer, z.V.g.

Der gebürtigen St. Pöltner Schriftstellerin Milena Michiko Flašar gelang mit ihrem Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ der literarische Durchbruch. Er wurde über 100.000 Mal verkauft, am Maxim Gorki Theater uraufgeführt, mehrfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Mit „Herr Katō spielt Familie“ kehrt sie zurück auf die literarische Bühne. Der City-Flyer bat die Autorin um ein Interview.

C-F: Wie kam es zu der Idee, die Hauptfigur deines neuen Romans während ihrer Freizeit in die Rolle eines Mitgliedes fremder, unglücklicher Familien schlüpfen zu lassen?

Milena Michiko Flašar: Auf die “Stand-In”-Agenturen, um die es in meinem Buch u.a. geht und die es in Japan tatsächlich gibt, bin ich beim Lesen gestoßen. Sehr aufschlussreich war auch die Dokumentation “Rent a Family Inc.” (2012) von Regisseur Kaspar Astrup Schröder. Er erzählt darin die Geschichte eines Herrn Ichinokawa, der – ohne das Wissen seiner Frau – eine solche Agentur leitet, wobei er beim Spielen diverser Rollen mehr Glück zu erfahren scheint als in seinem wirklichen Leben. Ein Widerspruch, der mich fasziniert hat und dem ich als Grundstimmung in meinem Roman gerne weiter nachgegangen bin.

 

C-F: Soll man sich im Alter an den kleinen Dingen erfreuen und an schönen Erinnerungen festhalten, wie du es im Buch nahelegst? Oder sollte man auch stets neue, ungewöhnliche Sachen ausprobieren? Und wie verhält es sich mit Menschen, die noch nicht im Ruhestand sind?

Flašar: Stehenzubleiben und sich an den Kleinigkeiten, die einen umgeben, zu erfreuen, ist wohl unabhängig vom Alter eine gute Achtsamkeitsübung. Aber ja, wenn das, was man dabei sieht, tatsächlich unerfreulich ist, dann tut man sicher gut daran, loszugehen und es verändern zu wollen. Ob beim Stehenbleiben oder im Losgehen – es gilt sich einen wachen Blick zu bewahren.

 

C-F: In deinem vorigen Roman hat ebenfalls ein Mann seiner Frau etwas verschwiegen. Damals war es der Jobverlust, diesmal die heimliche Beschäftigung in der Freizeit. Bist du abseits deiner Protagonisten selbst auch der Meinung, dass Ehepartner (kleine) Geheimnisse voreinander haben sollten, egal, ob es sich um positive oder negative handelt?

Flašar: Hmmm…ich persönlich ticke da anders als meine Figuren und finde, dass, sobald man etwas ausspricht, gerade auch etwas Quälendes, wofür man sich eventuell geniert, es eine handhabbare Form annimmt. Zu erzählen, das bedeutet ja auch immer sich zu offenbaren und zu befreien. Geheimnisse dagegen, auch wenn es zu viele und zu große sind, erzeugen eine Atmosphäre des Misstrauens und gerade das Unausgesprochene wirft einen Schatten auf die Beziehung zueinander.

 

C-F: Dein Vorgängerwerk “Ich nannte ihn Krawatte” wurde mehrfach ausgezeichnet und stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreis. Hattest du nach diesem großen Erfolg den Wunsch, den Focus für einige Zeit auf andere Dinge zu legen und die Schreibkunst ruhen zu lassen? Oder war die Zeit einfach noch nicht reif für ein neues Buch?

Flašar: In der Zwischenzeit ist unser Sohn zur Welt gekommen und ich habe mir die Freiheit genommen, aus dem Literaturbetrieb “herauszufallen”, auch weil ich das Gefühl hatte, dass ich – schreibtechnisch – einen Abstand zur Krawatte brauchte. Für mich war es gut, mir zwischen den Büchern Zeit zu lassen, denn ich wollte gerne einen neuen Tonfall finden. Richtig “herausgefallen” bin ich dabei ohnehin nicht. Es gab neben den vielen Lesereisen, die einfach nicht abreißen wollten, auch viele Entwürfe und Fingerübungen. Als AutorIn entkommt man dem einfach nicht: Auch wenn´s nur im Kopf passiert, man ist doch immer am Schreiben.

 

C-F: Die beiden ebenfalls in St. Pölten geborenen Autorinnen Cornelia Travnicek und Vea Kaiser sind offensiver wenn es um ihre bzw. die Bewerbung ihrer Arbeit geht. Wie ist deine Einstellung zum Thema Selbstvermarktung?

Flašar: Was die Vermarktung meiner Bücher betrifft, verlasse ich mich voll und ganz auf meinen Verlag, der seine Sache sehr gut macht. Des Weiteren verlasse ich mich natürlich auch auf die Bücher selbst: Dass sie ihre Reise antreten, hinaus in die Welt. Facebook & Co finde ich toll, wenn man´s gerne macht – ich selbst bin da vielleicht zu lax. Hoffen wir, dass es auch ohne geht 😉

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www.milenaflasar.com/

Claudia Zawadil

Claudia Zawadil

Dipl. Ing. (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Bücherwurm, Vinyl-Lover und Gartenfee.
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Über den Autor

Claudia Zawadil
Dipl. Ing. (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Bücherwurm, Vinyl-Lover und Gartenfee.

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