Theater Perpetuum spielt zum 35er „ Höllenangst “

Eine Höllenangst : Wendelin (Bernhard Scharl) sitzt der Teufel im Nacken (Fritz Humer). Foto © Claudia Zawadil, z.V.g.

_Mit Nestroys „Höllenangst“ hat sich das St. Pöltner Theaterensemble Perpetuum für die 50. Premiere in weitgehend unbekanntes Terrain gewagt. Die Jubiläumsproduktion zählt zu den Besten ihres 35-jährigen Bestehens.

Nestroy? – Schreckt ab. Schließlich ist der Meister des Alt-Wiener Volkstheaters seit mehr als 150 Jahren tot. „Höllenangst“ aus dem Jahr 1849? – Macht neugierig. Der Titel lässt einen Thriller vermuten, und das Stück entstand zu einem geschichtlich hochinteressanten Zeitpunkt, nämlich nach der niedergeschlagenen bürgerlichen Revolution 1848. Warum aber hat Theater Perpetuum gerade diese Nestroy-Posse als 50. Stück gewählt? Regisseur Gerhard Egger begründet die Wahl mit der Herausforderung, heute ein Biedermeierstück mit vielen interessanten Rollen aufzuführen und dabei auf allzu vordergründige Aktualisierung zu verzichten. Bezüge zur Gegenwart finden sich dennoch. So wird der damals weit verbreitete Aberglaube in Person des Wendelin Pfrim vorgeführt, der gegenwärtig wieder fröhliche Urständ feiert. Oder das Verinnerlicht-haben der Mächtigen und Ohnmächtigen an der bestehenden Ordnung (das TINA-Prinzip: „there’s no alternative“), das sich exemplarisch in der Rolle des Pförtners zeigt, die sich auf den Ausspruch „Jo mei, s’is hoit a’so“ beschränkt.

Worum geht es in dem Stück?

Bei Blitz und Donner flüchtet Oberrichter Thurming nach einem Schäferstündchen mit seiner heimlichen Gemahlin Adele unerkannt aus dem Haus ihres Onkels und Vormunds, des Freiherr von Stromberg. Der Oberrichter springt just in dem Moment durch das offene Fenster des angrenzenden Hauses von Schuster Pfrim, als dessen Sohn Wendelin gerade dem Teufel seine Seele verspricht, weil er an der Ungerechtigkeit der Welt verzweifelt. Wendelin glaubt, den Leibhaftigen vor sich zu haben und gerät in Höllenangst. Weil ihm der Oberrichter aus Dankbarkeit einen Sack Geld zuwirft und weitere Dienste in Aussicht stellt, wenn er Wendelins Jacke überstreifen darf, um unerkannt zu entkommen, glaubt der Unglückliche, er habe eben seine Seele an den Teufel verkauft.

Freiherr von Stromberg darf von der heimlichen Hochzeit seines Mündels Adele nichts erfahren, will er sie doch in ein Kloster abschieben, um an ihr Erbe zu kommen. Zwei Jahre zuvor hat er bereits Adeles anderen Onkel, den Freiherrn von Reichthal, durch eine politische Intrige ins Gefängnis gebracht.

Hier kommt wieder der abergläubische Wendelin Pfrim ins Spiel. Er hat sich damals als Gefangenenwärter anwerben lassen und Reichthal zur Flucht nach England verholfen. Reichthal erhält im Exil die Nachricht vom baldigen Ableben des Ministers und glaubt einen günstigen Augenblick für die Rückkehr aus England gefunden zu haben. In seiner Heimat angelangt, laufen die Dinge anders als erwartet und er muss seinen Freund, Richter Thurming, um Hilfe bitten. Die beiden verbünden sich gegen Stromberg. Der Eine, um seine Unschuld zu beweisen, der Andere, um seine geliebte Adele auch offiziell in die Arme schließen zu können.

Erst als einige für Stromberg sehr kompromittierende Briefe auftauchen, welche dessen Mutter auf dem Sterbebett geschrieben hat, stellt sich Reichthals Unschuld heraus und das junge Paar kann sich offen zu seiner Ehe bekennen.
Auch Wendelin, der sich den Fängen des „Teufels“ entziehen will, indem er sich mit seinem Vater auf eine Pilgerreise nach Rom verabredet, sieht seinen Irrtum ein und kann seine verstoßene – weil von bösen Mächten besessen geglaubte – Rosalie zurück erobern.

Die Schauspieler

Bernhard Scharl spielt den Wendelin, die Hauptfigur des Stückes, sowohl einfältig und abergläubisch, als auch rasend und besessen, gegen die Ungerechtigkeit der Welt anrennend. Scharl lotet die vielschichtige Figur des Wendelins eindrucksvoll aus. Vor allem im Zusammenspiel mit seinem gebrochenen und versoffenen Vater, dem Schuster Pfrim (hervorragend gespielt von Georg Wandl), gibt es verdienten Szenenapplaus. Auch die beiden von Scharl gesungenen und von Christoph Richter begleiteten Couplets fügen sich gut in das Schauspiel ein und stellen Bezüge zur Gegenwart her (von der Homöopathie zu Chemtrails ist es nur ein kurzer [Gedanken]gang).

Maisa Srndic, die als Rosalie dem Wendelin schöne Augen macht, mimt überzeugend die gestandene Frau, die sich vom Aberglauben ihres Geliebten nicht anstecken lässt. Martin Freudenthaler in der Rolle des Bösewichts Stromberg gibt einen guten Gegenspieler von Fritz Humer, dem Oberrichter, ab. Humer spielt den Oberichter als rechtschaffende und überlegte Figur, die nur schwerlich mit dem personifizierten Teufel in Verbindung gebracht werden kann, so wie Wendelin es tut.

Dem Regisseur Gerhard Egger ist es gelungen, die „Höllenangst“ in eine zeitlose Form zu gießen, in welcher nur die Namen der Figuren an das Alter des Stückes erinnern. Die kurzweiligen zwei Stunden Theater (inklusive einer viertelstündigen Pause) sind ein Muss für jeden kulturinteressierten Hauptstädter.

DIE 50. PREMIERE VON THEATER PERPETUUM

DAS STÜCK
Posse mit Gesang von Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy
Uraufführung: 17. November 1849
Textfassung: Gerhard Egger
Musik: Christoph Richter

DAS TEAM
Es spielen: Susanne Denk, Heidi Scheibelreiter-Leppich, Maisa Srndic, Susanne Steigenberger, Iris Teufner, Matthias Buchinger, Martin Freudenthaler, Heimo Huber, Fritz Humer, Hans-Jörg Kickinger, Hasan Ocak, Bernhard Paumann, Bernhard Scharl, Mario Seltenheim und Georg Wandl.

Regie: Gerhard Egger
Musik: Christoph Richter
Kostüme: Ale Elsbacher
Bühnenbild: Maria Schwarzmayr, Edgar Lessig
Bühnenbau und Lichtdesign: Thomas Gallhuber
Illustration: Filius de Lacroix

Noch bis 5. Mai jeden Freitag und Samstag im ehemaligen Forumkino

DER KARTENVORVERKAUF [€ 15,- / € 9,- ermäßigt*]
Buchhandlung Thalia, Kremser Gasse 12, St. Pölten

DIE ABENDKASSA [€ 17,- / € 11,- ermäßigt*]
Ab 19.00 Uhr an den Vorstellungstagen

KARTENRESERVIERUNG [€ 17,- / € 11,- ermäßigt*]
Bitte bis spätestens 12.00 Uhr des jeweiligen Vorstellungstages:
Tel: 0676 / 33 28 967
Mail: tickets@perpetuum.at
Web: www.perpetuum.at
* Ermäßigte Karten erhalten SchülerInnen, StudentInnen, Präsenz- und Zivildiener und Arbeitslose gegen Vorlage eines Ausweises.

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    Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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