Im Ecstatic Dance seinen Körper wiederfinden

„Zeremonienmeister“ Jörg Eigenbauer führt die Teilnehmer durch den Ecstatic Dance . Foto: privat, z.V.g.

Ecstatic Dance ist eine weltweite (Barfuß)Tanz-Bewegung, die 2001 in Hawaii ihren Anfang nahm und sich von dort aus in Städten auf der ganzen Welt etabliert hat. Seit Ende 2017 gibt es auch einen Ableger der sich selbstorganisierten Bewegung in St. Pölten. Initiiert hat die Partyreihe Jörg Eigenbauer, dem die Rolle des „Zeremonienmeisters“ zufällt.

Interview: Werner Harauer

 

City-Flyer: Woher kommt die Ecstatic Dance-Bewegung? Gibt es einen Gründer?

Jörg Eigenbauer: Wenn ich weiter aushole, dann können ich mich auf 40.000 Jahre alte Höhlenmalereien beziehen, auf denen dargestellt ist, wie Menschen ausgelassen und wild tanzen. Mit Dionysos, Shiva, Pan uva. gibt es verschiedene Gottheiten, die ich mit Ekstase und einer Kultur des Rausches in Verbindung bringen kann.
Wenn ich auf die Moderne schaue, dann ist sicherlich Gabrielle Roth mit ihren 5Rhythms (Flow, Stakkato, Chaos, Lyrik, Stille) eine zentrale Formgeberin. Die Ecstatic Dances wie sie sich heute in Städten all over the planet zeigen, haben 2001 in Puna/Hawaii Fahrt aufgenommen.

C-F: Ist das eine Art Franchise-Unternehmen?

Jörg: Ecstatic Dance ist eine selbstorganisierte Open Source-Bewegung, die sich in verschiedenen Ländern und Städten dementsprechend unterschiedlich zeigt und auch von den jeweiligen Veranstalter_innen abhängt.

C-F: Handelt es sich um einen Trend, der gerade beginnt? Oder wieder am Abflauen ist?

Jörg: Es ist definitv ein Trend, der momentan stark wächst, z.B. in verschiedenen europäischen Städten (Amsterdam, Zürich, Berlin, Wien). In Österreich ist zum Ecstatic Dance Vienna letztes Jahr der erste Dance in St. Pölten dazugekommen und heuer weitere in Baden und Graz. Bei den mittlerweile fünf Dances, die wir in St. Pölten angeboten haben, haben beim ersten Mal um die 30, beim letzten Mal rund 50 Menschen mitgetanzt.

C-F: Am Beginn der Rave-Bewegung wurden dieselben Prinzipien propagiert: Rasse, Klasse, Geschlecht spielen keine Rolle. Jede/r ist willkommen, solange man sich friedlich verhält. Auch das Ziel war dasselbe, nämlich ein „Higher State Of Consciousness“ (Josh Wink). Wo liegt der Unterschied zwischen einem Rave in den frühen 90ern und einem Ecstatic Dance?

Jörg: Es gibt sicher die eine oder andere Parallele, aber ich (der ich die Rave-Bewegung Mitte der 90er mitgelebt habe) nehme doch deutliche Unterschiede wahr. War die Rave-Bewegung substanzunterstützt unterwegs, so verzichten die Ecstatic Dances bewusst auf Alkohol und Drogen, da uns ein sicherer, klarer und vertrauensvoller Rahmen essenziell wichtig ist, um ekstatische Räume zu betreten.
Hat mensch sich bei Raves die Nächte um die Ohren getanzt mit dementsprechenden Nachwirkungen, so haben die Ecstatic Dances Workshop Charakter (in St. Pölten von 18-21 Uhr). Somit liege ich bereits gut durchgetanzt und zufrieden im Bett, wenn andere Partys erst beginnen.
Ein wichtiger Unterschied betrifft auch die Ecstatic Dance Regel „Kein Sprechen am Dancefloor“. Dadurch wird die Veranstaltung grundsätzlich körperlicher und weniger kopfig und der Tanzraum ist in puncto Anbaggern geschützter.

C-F: Kannst du uns kurz schildern, wie so ein Ecstatic Dance abläuft?

Jörg: Die Ecstatic Dances in St. Pölten haben einen klaren Ablauf. Ab 18 Uhr bieten wir ein Ankommen in Stille an, sprich am Dancefloor selbst gibt es kein Sprechen mehr. Um 18.30 Uhr gibt es einen Anfangscircle, bei dem kurze einleitende Worte gesprochen werden. Danach übernimmt eine Djane/ein DJ und die individuelle und gemeinsame Tanzreise beginnt. Um 20.30 Uhr endet das DJ-Set und ein Live-Soundhealing (z.B. Gesang, Hang) begleitet beim Landen. Um 21 Uhr gibt es einen Abschlusskreis und danach ist der Raum auch wieder für Gespräche und Austausch offen.
Dieses Ritual oder zyklische Wiederkehr des Gleichen, welches das Ecstatic Dance Team zur Verfügung stellt und verantwortet, bietet meiner Erfahrung nach den sicheren Rahmen, in welchem innere Bewegungen und Gefühle durch (Tanz-)Bewegung nach Außen transportiert und sichtbar gemacht und dadurch verändert werden können.

C-F: Der Name enthält das Wort „Ekstase“. Welchen Stellenwert nimmt die Ekstase im Tanz ein? Wofür ist sie notwendig?

Jörg: Ekstase im Rahmen vom Ecstatic Dance bedeutet für mich ein „Aus Sich Heraustreten“, ein „Sich Zeigen“. Und das, was ich durch Bewegung zeigen/ausdrücken kann, kann sich verändern.
Ekstatisches war und ist notwendig, um in Abständen immer wieder eine neue Ordnung anzuregen und es betont, dass das Individuelle in das Kollektive eingebettet ist.

C-F: Gibt’s da auch DJ-Stars in der Szene?

Jörg: Auf Star-Djs will ich nicht näher eingehen, da es mehr drum geht, dass der Tanz und das Kollektiv im Vordergrund steht und nicht das Djing.

C-F: Du warst früher als DJ und Clubgeher fest mit der Clubbing-Szene verdrahtet. Ist das heute noch so? Oder füllt der Ecstatic Dance nun die Stelle?

Jörg: Da vermutest du ganz richtig. Ich bin mittlerweile 40 und nicht mehr motiviert, mir Nächte in Clubs um die Ohren zu schlagen. Da ich aber nach wie vor leidenschaftlich gern tanze, ist es geradezu perfekt für mich, wenn ich das an einem Sonntag von 18-21 Uhr machen kann und dann Montag Morgen nicht nur nicht verkatert bin sondern ausgeschlafen und energetisiert.

C-F: Welche Rolle nimmst du im St. Pölten-Ableger ein?

Jörg: Ich habe die Anfangsphase der Ecstatic Dances in Wien ab dem Frühjahr 2017 miterlebt und war sofort Feuer und Flamme. Im Sommer hab ich das Wien-Team darauf angesprochen, ob wir gemeinsam einen St. Pölten Dance veranstalten wollen, worauf wir im November 2017 erstmalig in St. Pölten am Start waren.
Meine Rolle ist also in erster Linie die des Initiators und Mitveranstalters. Ich nehme zwischen den Dances aber auch die Rolle des Öffentlichkeitsarbeiters ein und vor Ort die des „Zeremonienmeisters“.

C-F: Welche Musik komm zum Einsatz?

Jörg: Das DJ-Set ist so angelegt, dass es vielfältigste Bewegungs- und Tanzmöglichkeiten bietet. Schnell, langsam, energetisch, melancholisch, zum Lachen komisch, zum Schreien ausgelassen usw, so dass die Teilnehmer_innen Wut, Freude, Trauer, Scham, Angst etc zum Ausdruck bringen können.

C-F: Welche Personen kommen zu euren Veranstaltungen? Den typischen Straßenarbeiter werde ich dort nicht antreffen, nehme ich an.

Jörg: Bis dato kommen in St. Pölten Frauen und Männer im Alter von Anfang 20 bis Mitte 60. Es waren bereits Eltern mit Kindern dabei und auch Jugendliche. Es waren Menschen dabei, die nicht oder wenig Deutsch sprechen und Menschen mit Behinderung.
Der gemeinsame Nenner dieser Menschen ist wahrscheinlich eine Sehnsucht nach Embodiment/Verkörperung und spontanem Ausdruck des ganzen Körpers in einem sicheren, gehaltenen Rahmen.

C-F: Muss ich mich vorher anmelden? Muss ich Mitglied werden? Zahle ich Eintritt?

Jörg: Keine Anmeldung, keine Mitgliedschaft. Aktuell empfehlen wir beim Eintritt eine Spende von 12-25 EUR.

C-F: Gibt es eine door policy? Einen dresscode?

Jörg: Abgesehen davon, dass wir ohne Alkohol und Drogen auf Tanzreise gehen, gibt es keine door policy. Dresscode gibt es keinen, aber ich empfehle ein bequemes Outfit und T-Shirts etc zum Wechseln, da es schweißtreibend werden kann.

C-F: Wie viele Menschen kommen durchschnittlich auf einem Ecstatic Dance in St Pölten?

Jörg: Beim ersten im November 2017 waren wir rund 30, beim letzten im Oktober 2018 rund 50.

C-F: Wenn es darum geht sich selbst zu spüren und selbstreflektiert zu tanzen, wozu brauche ich dann die anderen Tänzer um mich?

Jörg: Eben darum, um sich selbst durch die anderen und mit den anderen zu spüren und reflektieren zu können. Meiner Wahrnehmung nach spüren wir uns alle über andere und mit anderen und sind per definitionem soziale Wesen. Ein Ecstatic Dance ist immer eine Co-Kreation verschiedener, einzigartiger Individuen.

C-F: Ist die introspektive Nabelschau die richtige Antwort auf eine Welt, die massenhaft selbstbezogene, Ich-verliebte, egoistische Typen hervorbringt?

Jörg: In einer massenhaft ich-verliebten und egoistischen Welt möchte ich nicht leben. Aber Innenschau, Selbstreflektion und Selbstbezogenheit finde ich ungemein wichtig. Und zwar deswegen, um sich aus einer geerdeten Körperbezogenheit auf andere hoffentlich gut geerdete Individuen beziehen zu können. Die Selbstbezogenheit steht beim Ecstatic Dance also an erster Stelle, um in einem zweiten Schritt aus einer guten Position heraus eine Partnerbezogenheit/ein Miteinander zu entwickeln. Und in diesem gemeinsamen Spielen, diesem Co-Kreieren, dem Sozialen finden sich für mich die Antworten dieser Zeit.

C-F: Warum gibt es so viele Verbote bei einem Ecstatic Dance?

Jörg: Ecstatic Dances stehen nicht für Verbote, aber für eine klare Ausrichtung und einen sicheren Rahmen. Deshalb keine Drogen und kein Alkohol. Kein Sprechen am Dancefloor steht vor allem dafür, dass wir mehr in unsere Körper kommen sowie hingebend und weniger aus dem Kopf, sprich überlegt, tanzen.

C-F: Was macht eine pure Tanzerfahrung besser, als eine Tanzerfahrung plus Drogen, Flirt und ausgefeilte Lichttechnik?

Jörg: Bitte jedem das seine, ein besser/schlechter empfinde ich nicht. Der Ecstatic Dance ist für mich der Jazz des Tanzes – leidenschaftlich verspielt und kompromisslos frei.

C-F: Kannst du den Lesern deine Gefühle bei und nach einem Ecstatic Dance schildern?

Jörg: Oft empfinde ich währenddessen und danach eigene und kollektive Lebendigkeit und Klarheit, die dann gern noch ein, zwei Tage lang anhält.

C-F: Der Gesundheitsaspekt spielt auch eine Rolle. Kann man heute nichts mehr ins Leben rufen, ohne auf die positive Wirkung auf Körper und Geist hinzuweisen?

Jörg: Beim Ecstatic Dance seh ich Bewusstsein im Mittelpunkt. Wenn ich eine bewusste Entscheidung für etwas „Ungesundes“ treffe wie z.B. Drogenkonsum bei einer Party oder 60 Stunden Arbeit im Büro, dann find ich es okay. Beim Ecstatic Dance wollen wir auf nix hinweisen wie z.B. einen gesunden Lebensstil, sondern die eigene Körperwahrnehmung stärken, um das, was mir widerfährt, auch vermehrt bemerken und verändern zu können.

C-F: Wie wichtig ist es dir die Entwicklung deiner Persönlichkeit und wie weit hilft dir dabei der Tanz?

Jörg: Ecstatic Dances unterstützen mich zu erkennen, dass ich selbst meine eigene Mauer bin, über die ich mich hinwegheben kann. Und sie supporten mich das zu erkennen, was ich mich bis dato weigere zu sein.

C-F: Vielen Dank für das Interview. Für Interessierte: Der nächste Ecstatic Dance startet am 9.12., ab 18 Uhr im Saal der Begegnung, Gewerkschaftsplatz 2.

www.facebook.com/ecstaticdancestpoelten/

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Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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