25 Jahre City-Flyer: vom Jungspund zum Twen

25 Jahre City-Flyer: Das im Dezember 2000 im Cave analog aufgenommene Foto zeigt v.l.n.r. „Coffee Club“ Betreiber Dieter Willinger, CF-Techniker Michael Kern und Herausgeber Werner Harauer. Foto: privat
25 Jahre City-Flyer: Das im Dezember 2000 im Cave analog aufgenommene Foto zeigt v.l.n.r. „Coffee Club“ Betreiber Dieter Willinger, CF-Techniker Michael Kern und Herausgeber Werner Harauer. Foto: privat

Vor 25 Jahren hat Werner Harauer den City-Flyer ins Leben gerufen. Seither begleiten er und sein Magazin die St. Pöltner Szene durch dick und dünn und sind selbst ein unverzichtbarer Bestandteil jener Szene geworden. Ich nutze das Jubiläum, um von ihm mehr über die CF-History zu erfahren, zumal ich Werner seit nunmehr 20 Jahren kenne. Von Alexander Greiml

Eigentlich beobachtet der „ewige Mod“ Harauer die hiesigen Entwicklungen schon mindestens seit den frühen 80ern. Die erste Ausgabe des City-Flyer sollte dann im November 1997 erscheinen und wurde mit Hilfe einiger Freunde zusammengezimmert. Anfangs waren die technischen Bedingungen vergleichsweise rudimentär, aber Form und Inhalt standen schon fest: „Ein gefalteter DINA3-Flyer, der 14-tägig alle Kulturmeldungen der Stadt und ein paar internationale Buch-/Film-/Platten-Kritiken enthielt“, wie Werner erzählt.
Mit dem Erfolg der ersten Ausgabe meldeten sich überraschend jede Menge junger Leute, die darauf brannten, das Magazin mitzugestalten. Der Seitenumfang und die Auflage wuchsen und mit ihnen die Kosten und das Risiko, was Ende 1999 fast zum Aus des Printproduktes führte. „Gerettet“ wurde der Flyer durch seine Einbindung in das Stadtmagazin „St. Pölten Konkret“. Das ging zwar mit einem reduzierten Heftumfang einher, die Lösung war aber schnell gefunden: 1999 setzte die Redaktion eine Netz-Variante ins Leben, die „blaue Seite“ war geboren, die bald durch die legendäre „grüne Seite“ ersetzt wurde. In einer Zeit vor Social Media und Echokammern war das Online-Forum des CF der digitale Treffpunkt der Szene. Werner vermisst das Forum in seiner alten Form sehr: „Auch wenn ich mich oft über manch unqualifizierten Eintrag geärgert habe und die Verwaltung eine äußerst zeitaufwendige Angelegenheit war: man erfuhr in Windeseile, was die Szene gerade bewegt.“
Mitte der Nullerjahre löste Werner die freie Redaktion schließlich auf, um auf ein fixes, kleines Stammteam zu setzen. Obwohl man mittlerweile auf sämtlichen relevanten Online-Kanälen vertreten ist, hat die Druckausgabe bis heute Priorität: „Am Cover des City-Flyer zu sein freut nach wie vor jeden Künstler.“ Gegenwärtig versorgt uns der gedruckte City-Flyer mit spannenden Interviews, Fortgehtipps und Hinweisen auf junge KünstlerInnen. Naturgemäß hat es auch Acts gegeben, die sich mal ungerecht behandelt fühlten und dies auch äußerten: „Ich trag das niemandem nach und ich hoffe, mir trägt man es auch nicht nach, wenn mir mal was nicht so gut gefällt“, kontert der Redakteur.

Text: Alexander Greiml
Foto: privat

Alexander Greiml: Wie bist du zum Journalismus gekommen?

Werner Harauer: Durch meinen Vater, der Sportjournalist war. Im zarten Alter von 17 hat er mir offenbart eine Geschäftsreise machen zu müssen und ich hätte den Sportteil der Wochenzeitung vom damaligen Faber-Verlag fertigzustellen. Ich habe von Sport keine Ahnung – aber die Zeitung erschien. Mit Sportteil 🙂

Alex: Und wofür wäre Werner Harauer bekannt, wenn er nicht den City-Flyer aus der Taufe gehoben hätte?

Werner: Schwer zu sagen. Gut möglich, dass ich auf der Uni gelandet wäre. Aber ob ich dort bekannt geworden wäre? Oder ich hätte eine Werbeagentur gegründet. Ich hatte auch ein Angebot von der Ö3 Musicbox. Anfang der 90er sollte ich die Redaktion der WUK-Zeitung übernehmen, … wer weiß?
Aber eins weiß ich bestimmt: ein berühmter Rockmusiker wäre ich nie geworden. Die Band „If You Meet Buddha On The Road, Kill Him“, bei der ich als Twen Rhythmusgitarre gespielt habe, kennen nur die Bandmembers und deren (ex)Freundinnen.

Alex: Werner, der ewige Mod … War St. Pölten damals die richtige Stadt dafür?

Werner: Mod-sein ist eine Haltung, so wie Punk-sein. Die legt man nicht einfach ab.
Über die Mod-Kultur der 80er-Jahre herrscht viel Unwissen. Ich schrieb einmal einen Artikel im City-Flyer darüber. Es ging darum, dass wir die Mods der 60er kopieren wollten, die in ein ganz anderes Umfeld hineingeboren waren als wir. In den 60er-Jahren ging es wirtschaftlich nur bergauf, in den 80er-Jahren bergab. Das allein macht schon einen gewaltigen Unterschied. D.h., während die Ur-Mods eben „Modernisten“ waren, waren wir eigentlich „Traditionalisten“ und sehnten uns nach der Vergangenheit, so meine Theorie.
By the way: St. Pölten war in den 80er Jahren für niemanden die richtige Stadt.

Alex: Schildere bitte die wichtigsten Stationen in der Geschichte des Magazins: Von der Ursprungsidee und den Anfängen im tatsächlichen Flyer-Format über die „Inklusion“ im St. Pölten konkret und die Homepage bis heute.

Werner: 25 Jahre eindampfen auf ein paar Sätze? Das wird nicht möglich sein. OK, ich werd’s versuchen:
Zuerst hab ich ein paar Luftnummern hingelegt. Ich habe einen Flyer mit einem sperrigen lateinischen Namen mit der Absicht entworfen, den St. Pöltner Jugendlichen die sogenannte Pop-Linke näher zu bringen. Aber wen interessiert das, außer einer Handvoll Leute, die ich wahrscheinlich eh alle persönlich kenne?
Mitte der 90er Jahre hab ich vom neuen Medium „Homepage“ erfahren: Man könne digitale „Zeitungsseiten“ machen, die sich jeder zuhause auf dem Bildschirm ansehen kann. Ich war von der Möglichkeit begeistert, weil dadurch der teure und aufwendige Zeitungsdruck wegfällt.
Nach den ersten Versuchen verwarf ich die Idee wieder, da damals die Internetverbindung unserer Zielgruppe so grottenschlecht war, dass der Seitenaufbau endlos dauerte.
Also bin ich auf den guten alten Kopierer zurückgekommen, der damals schon erschwingliche und halbwegs ansehbare Farbkopien schaffte. Auch die Form und der Inhalt waren schon klar: ein gefalteter DINA3 Flyer, außen Farbe, innen schwarzweiß, der 14-tägig alle Kulturmeldungen der Stadt und ein paar internationale Buch/Film/Platten-Kritiken enthielt und in einem aufregenden Layout, angeleht an das Techno-Mag „Frontpage“, erscheinen soll.
Den ersten City-Flyer habe ich im November 1997 mit Hilfe einiger alter Freunde geschrieben und die 200 Exemplare selbst in den In-Lokalen verteilt. Das wollte ich mit steigender Auflage und vermehrtem Inseratenaufkommen eigentlich auch so beibehalten.
Das war praktisch die Gründungsgeschichte des City-Flyer.

Alex: Und wie ging’s weiter? Die City-Flyer Redaktion wuchs ja relativ rasch.

Werner: Mit dem Bekanntwerden der ersten Ausgabe meldeten sich überraschend einige hochmotivierte Leute bei mir und wollten mitarbeiten. Das waren kreative, gescheite Teenager/Twens, die vor der Matura standen, oder gerade zu studieren begannen und die etwas in St. Pölten verändern, bzw. sich selbst beweisen wollten. Die zusätzlichen Hände eröffneten neue Möglichkeiten, schraubten allerdings auch die Ansprüche und den Administrationsaufwand in die Höhe. Bald gab es einen Chefredakteur, bzw. eine Chefredakteurin, Zuständigkeiten für Fotografie, Layout, Rezensionen, … Die Arbeit und die wahrzunehmenden Termine wurde in Redaktionskonferenzen verteilt, wo auch das Grundgerüst der nächsten Druckausgabe festgelegt wurde.
Die Seitenanzahl der Druckausgabe wuchs mit der Redaktion, schließlich wollte jeder seine Geschichten unterbringen. Und es gab auch immer mehr zu berichten, da die Szene auch immer größer wurde.
Mit dem Wachsen des City-Flyer wuchsen auch die Probleme. Mehr Seiten und eine höhere Auflage bedeuteten nicht nur mehr redaktionelle Arbeit, wir musste auch von den fotokopierten Seiten auf einen professionellen Druck umsteigen, einen Vertrieb und ein Rechnungswesen aufbauen, den Inseratenverkauf forcieren, weil das alles inzwischen eine schöne Stange Geld kostete, die ich aufbringen musste. In den beiden ersten Jahren finanzierte sich der City-Flyer ausschließlich aus Inseraten und erhielt keinerlei Förderungen.
Mein Zeitaufwand für den Flyer hatte zu dem Zeitpunkt besorgniserregende, wenn nicht gesundheitsschädliche Züge angenommen. Meine freiberufliche Tätigkeit als Grafiker und Texter musste ich so gut wie einstellen, Freizeit gab es keine. Ich hoffte, eine Institution würde den City-Flyer eingliedern und auf gesunde finanzielle Basis stellen. Nach zwei Jahren sah ich im 14-tägigen Erscheinenmüssen nurmehr eine ausweglose Sisyphusarbeit. Aus einer anspruchsvollen Freizeitbeschäftigung ist ein riskantes Geschäft geworden, das von Beginn weg keine Chance auf finanziellen Erfolg hatte.
So ungefähr teilte ich das auch dem damaligen Kulturstadtrat Dr. Nasko bei einem Treffen mit und meinen Entschluss, den City-Flyer nach zwei Jahren einzustellen. Der nützte die Gelegenheit, „kaufte“ einen abgespeckten City-Flyer für das Stadtmagazin st.pölten konkret ein und rettete ihn damit.

Alex: Deine Hoffnungen auf eine Institution hatten sich mit der Übernahme ins st. pölten konkret erfüllt?

Werner: Manche Probleme erledigten sich damit, andere kamen mit dem Erscheinen im st. pölten konkret hinzu. Ein Problem war die Nähe zum Magistrat, die man uns jetzt vorhalten konnte. Dazu muss ich festhalten, dass es seitens des Magistrats nie zu Interventionen kam. Die CF-Redaktion stand z.B. voll hinter dem Begehren der Jugendlichen, eine eigene Jugendkulturhalle, den jetzigen Freiraum, zu erstreiten, als der damalige Bürgermeister dem Projekt noch ablehnend gegenüber stand.
Ein weiteres Problem war der Seitenschwund von 16 bis 20 Seiten pro Ausgabe auf nurmehr 4 Seiten und die monatliche, statt vierzehntägige Erscheinungsweise. Wir konnten keinen aktuellen Terminkalender mehr anbieten und die vielen Redakteure konnten ihre Fotos und Texte nicht mehr unterbringen.
Glücklicherweise hatten wir Ende 1999 die Internetpräsenz www.city-flyer.at eingerichtet, da sich die technischen Möglichkeiten seit unseren ersten Versuchen enorm verbessert hatten. Die Übertragungsgeschwindigkeit eines 56k-Modems war noch immer unterirdisch, jede einzelne Seite musste noch mit der Hand geschnitzt, die analogen Fotos per Scan digitalisiert werden – es gab keine Digitalkameras. Mir kam nun die Aufgabe zu, die Texte und Bilder, die keinen Platz in der Druckausgabe fanden, ins WWW zu stellen.
Aber immerhin: keinen eigenen Vertrieb mehr, kein Inserate keilen und somit kein finanzielles Risiko mehr.

Alex: Warum hast du die große freie Redaktion wieder aufgelöst?

Werner: Das war in den Nullerjahren, als ich die Redaktion auflöste. Eine große, aber notwendige Veränderung. Die Redaktion war beständig gewachsen, in der Spitzenzeit versammelten sich 35 Jungredakteure bei einer Redaktionskonferenz im ehemaligen Gasthaus Koll. Die waren auch sehr produktiv und hielten die meisten Veranstaltungen bild- und textmäßig fest.
Aber irgendwann stand mein Input in keinem Verhältnis mehr zum Output der freien Mitarbeiter. Die Mitarbeiterfluktuation war verständlicherweise sehr groß, die meisten arbeiteten nur ein Jahr mit, bevor sie sich nach Wien verabschiedeten, einen Job annahmen, oder was auch immer man im jungen Erwachsenenalter macht. Für mich hieß das, jedem Neuling einzuschulen, ihm Aufmerksamkeit widmen, seine Texte korrigieren, die Fotos kommentieren, etc…
Hinzu kam die Konkurrenz mit den anderen jugendkulturellen Institutionen. Für die Jugendlichen gab es jetzt viel mehr und viel coolere Möglichkeiten sich einzubringen. Man konnte DJ sein, oder Veranstalter, man konnte eine Band gründen mit der Perspektive, vor Publikum zu spielen, oder man heuerte im Warehouse, im Freiraum an, wurde Fotograf bei Veranstaltungen, oder richtete seinen eigenen Blog ein. Nach den ersten 10 Jahren seit Bestehen des City-Flyer wurde vieles leichter, es bestanden viel mehr Möglichkeiten, die von den Jugendlichen auch genutzt wurden. Eine Mitarbeit beim City-Flyer war nun nicht mehr automatisch mit einem Aufstieg in der Szene-Hierarchie verbunden, da gab es andere – einfachere – Wege. Entsprechende ließ auch die Motivation der neu Hinzugekommenen zu wünschen übrig. Das war der Hauptgrund, die freie Redaktion einzustellen und auf ein fixes Stammteam zu bauen.

Alex: Und wie habt ihr auf den Internet-Boom reagiert?

Werner: Auf den Siegeszug der elektronischen Medien reagierten wir mit insgesamt vier Relaunches der City-Flyer Internetpräsenz. Facebook und Instagram wurden trotz meiner Bedenken ein unumgängliches Tool. Die Zeit für das Vorantreiben der digitalen Präsenz des City-Flyer holte ich mir, indem ich die komplette Redaktion der Druckausgabe in fremde Hände legte. Am Beginn der Zehnerjahre übernahm Althea Müller die Druckausgabe für etliche Jahre, bevor ich 2018 auf ihren Wunsch wieder das Ruder übernahm.
Im Moment wird der City-Flyer von Claudia Zawadil (Gewinnspiel, Buchrezensionen, Betreuung Sozialer Medien), Michaela Leitner (Buchrezensionen) und mir bestritten. Markus Mader kümmert sich um die Bildbearbeitung und die Erstellung des druckfertigen PDFs.

Alex: Ich erinnere mich auch an einen kurzlebigen City-Flyer im TV-Format gegen Ende des letzten Jahrtausends. Wie kam es dazu, und was ist daraus geworden?

Werner: Rudolf Vajda, der den Lokalsender P3tv zwei Jahre vor dem City-Flyer gegründet hatte, wollte ein Format für junges Publikum schaffen und schlug uns eine Kooperation vor. Unsere Mitarbeiterin „Susi Q“ präsentierte im Namen des CF wöchentlich auf P3tv Konzert- und Clubbingtermine.
Lang hat sich das Format nicht gehalten. Für Suzi Q war es sehr aufwendig und letztendlich fehlte ihr auch das Interesse für den Job als „Fernsehsprecherin“. Auch ich hab mich nicht groß darum gekümmert, ritt ich damals eh schon auf 100 Kirtagen. Soweit ich mich erinnere, schrieb ich gerade am Buch „stp culture – Junge Kultur in St. Pölten“. Und die Mädels und Jungs von der Redaktion lagen mir in den Ohren, auch als Veranstalter aufzutreten – was wir 2002 mit dem „Melting Pot“ dann auch taten.
Rückblickend kommt es mir so vor, als wollte die CF-Gang die St. Pöltner Alternativ-Kultur im Alleingang revolutionieren. Alles schien möglich und vieles war möglich. Das unterscheidet die Nullerjahre vom Heute, wo kaum mehr was möglich ist.

Alex: Den City-Flyer haben von Anfang an junge Menschen mitgestaltet. War es eine bewusste Entscheidung von dir, das Magazin mit jugendlichen Inputs am Puls der Zeit zu füttern?

Werner: Nein. Wie schon erwähnt, wollte ich den City-Flyer am Beginn alleine machen als eine Ergänzung des „Kulturfalter“ der Kulturplattform St. Pölten, den ich zuvor redaktionell betreute. Aber Ende der 90er-Jahre fanden so große Veränderungen in der St. Pöltner Szene statt, die mich zwangen zu reagieren. Es war also mehr ein Reagieren als ein Agieren.
Letztendlich war es für den City-Flyer und auch für mich persönlich ein Riesenglück, dass sich die richtigen Menschen am richtigen Ort trafen. Ich durfte viel von ihnen lernen.

Alex: „Szene“ und „Jugend“ werden oft als untrennbar miteinander verbunden angesehen. Kann der City-Flyer den Status eines Jugendmagazins – falls er das je sein hätte sollen – heute noch für sich in Anspruch nehmen? Oder altert das Publikum ehrwürdig mit seinem Magazin? Die jüngst im Heft vertretenen Adrenaline Kings haben immerhin auch bereits vor 20 Jahren begonnen…

Werner: „Szene“ und „Jugend“ sind heute keine Synonyme mehr. Vielleicht waren sie das nie. Ich denke dabei an die Beatniks der 40er Jahre und an den prominenten, damals schon ergrauten William S. Burroughs, der mit ihnen herumzog.
Heute gibt es so viele verschiedene „Szenen“ in allen Alterskohorten. Da ist es schwer, eine Grenze zu ziehen zwischen jenen, die „drin“ sind und jenen, die „draussen“ sind.
Der City-Flyer hatte auch nie den Anspruch, alleinig die Jugendkultur zu vertreten. Mir ging es vielmehr darum, jene Künstler ins Rampenlicht zu stellen, die im Allgemeinen gerne übersehen werden.
Wobei ich anmerken will, dass sich auch in den lokalen Medien viel zum Guten gewendet hat und populäre Kultur immer präsenter wird. Vielleicht hat der City-Flyer auch dahingehend etwas bewirkt.

Alex: Wie siehst du überhaupt die Entwicklung der jungen Musikszene der letzten Jahre, gerne auch auf St. Pölten bezogen? Mir kommt vor, man setzt sich heute anders in Szene: Einen TikTok-Post abzusetzen ist möglicherweise kurzfristig motivierender, als eine Band zu gründen…

Werner: Unterschätze nicht die Professionalität der Influencer. Es ist auf Sicht genauso mühsam, eine hohe Klickrate als Influencer zu halten, wie als Musiker. Da gehört viel Wissen, viel Selbstdisziplin und geschäftliches Gespür dazu, um in der Oberliga mitzuspielen.
Die Musikszene in St. Pölten ist im Vergleich zur Größe der Stadt riesig. Wobei die „Alten“ zahlenmäßig den „Jungen“ voraus sind. Das kann aber auch mit dem demographischen Wandel zu tun haben. Als ich jung war, gab es unsereiner viele (Baby-Boomer). Die heutigen jungen Menschen hingegen sind eine Minderheit. Zieht man die Mädels und Jungs mit Migrationshintergrund (die ganz andere kulturelle Präferenzen haben) ab, bleibt nicht viel an Jugend übrig.

Alex: Man sagt, die St. Pöltner Kultur- und Fortgehszene hat sich stark zum Besseren verändert. Aber welche Dinge waren früher aus deiner Sicht vielleicht doch besser als heute? Kann gerne auch wieder auf die Musik bezogen werden.

Werner: Früher war gar nix besser – außer die Mods in den 60ern 😉
In den 80er- und frühen 90er-Jahren war St. Pölten punkto Subkultur- und Fortgehszene eine tote Stadt. Jeder der konnte, pendelte zum Fortgehen nach Wien aus, oder zog überhaupt gleich dorthin. Ich selbst lebte damals als Student in Wien, bzw. pendelte unter der Woche hin und her.
Wobei man dazu sagen muss, dass Wien auch erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zündete und ein internationaler Hotspot wurde. Zuvor war Wien der Endbahnhof des „Freien Westens“ und konnte bis auf ein paar Highlights wie das U4, das WUK oder die Arena auch nicht wirklich glänzen.

Alex: Und welche szenetechnische Entwicklung hat St. Pölten versäumt, bzw. sollte noch dringend nachgeholt werden?

Werner: Pfuuh, da gäb’s so viel Verbesserungswürdiges, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.
Zwei Dinge fallen mir ad hoc ein: das eine wär ein selbstverwaltetes Kulturzentrum, wie das Wiener WUK. Ein Kommunikationszentrum, Innovationszentrum, politisches Zentrum, … einfach ein Ort, an dem sich die kreativsten Köpfe der Stadt Tag und Nacht austauschen, ausprobieren und gemeinsame Sache (oder auch nicht) machen können. Das war eigentlich die Ursprungsidee des heutigen „Freiraum„. Diese Chance wurde vertan.
Das zweite wär das kommunale Fördersystem für Künstler. Da passiert meines Wissens viel zu wenig. Der „Youngster Of Arts“ wurde ohne Ersatz jahrelang auf Eis gelegt. Und warum finanzieren wir einem jungen Künstler eine zeitlang nicht seine Lebenshaltungskosten mit der Auflage, in der Zeitspanne seine Kunst voranzutreiben?

Alex: Punkto Szene schauen wir gerne mal nach Wien, obwohl da natürlich schon durch die Größe ganz andere Bedingungen herrschen. Ist es eine gute Idee, auf der Suche nach Szene-Inputs immer in Richtung Hauptstadt zu schielen?

Werner: Nö! Wenn ich im internationalen Pop-Biz mitspielen will, muss ich schauen, was die relevanten internationalen Hotspots machen. Wenn ich in Wien bekannt bin, auf FM4 gespielt werde, meine Tonträger in der Auslage der coolen Plattenläden hängen, … kennt mich international noch immer niemand.

Alex: Und welche St. Pöltner Band oder welcher Act hätte die Welt erobern und bis in alle Ewigkeit bestehen sollen?

Werner: Alle Musikprojekte von Georg Domböck (+) (Cosmic Crotonbugs, Contower …). Er war ein Paradebeispiel eines underrated artist, der die Förderung der öffentlichen Hand gebraucht hätte, so wie ich es oben vorgeschlagen habe. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ihn ein Leben lang gefördert und gewartet, welche musikalischen Schätze er auf die Welt bringt. Stattdessen musste er am Markt Erdäpfel verkaufen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Welche Verschwendung künstlerischer Ressourcen!

Alex: Das Online-Forum des City-Flyer war in den beginnenden 2000ern DER digitale Treffpunkt der St. Pöltner Szene. Die mitunter hitzigen Diskussionen wurden damals noch über die etwas unübersichtliche Baum-Struktur dargestellt. Vermisst du das Forum in seiner damaligen Form?

Werner: Ich vermisse es sehr. Auch wenn das CF-Forum aus heutiger Sicht technisch unzulänglich war, auch wenn ich mich oft über manch unqualifizierten Eintrag geärgert habe und die Verwaltung eine äußerst zeitaufwendige Angelegenheit war: man erfuhr in Windeseile, was die Szene gerade bewegt. Und es war wirklich jeder mit „Szenerelevanz“ drin.

Alex: Erinnerst du dich an eine besondere Forum-Anekdote? Aggressive Poster, Online-Heiratsanträge oder ähnliches?

Werner: Aggressive Poster gab es jede Menge, Heiratsanträge gab’s auch, aber eher selten 😉

Alex: Die Möglichkeit zur Online-Debatte – im Guten wie im Schlechten – war damals ein gewisses Alleinstellungsmerkmal der City-Flyer-Homepage, mittlerweile gibt es soziale Medien und Echokammern. Wertet das auf der anderen Seite die klassische Heftvariante wieder auf? Immerhin besteht z.B. der Instagram-Auftritt des City-Flyer zu einem guten Teil aus abfotografierten Heftcovern.

Werner: Mit dem Aufkommen von MySpace, Facebook, Insta, … verlor das CF-Forum schnell an Bedeutung. Die neuen Sozialen Medien waren zwar technisch top, sind aber die längste Zeit nurmehr Müll. Um eine relevante Info zu erhalten, muss ich durch kilometerlangen Schrott von Werbung, Weltverschwörungsmythen, Katzen- und Essensfotos … man versenkt viel Lebenszeit damit.
Die klassische Heftvariante wird und wurde immer höher bewertet, als das Online-Medium und der CF-Auftritt in den Sozialen Medien. Am Cover des City-Flyer zu sein freut nach wie vor jeden Künstler.

Alex: Und wann wird der letzte Mensch auf diesem Planeten eine gedruckte Zeitschrift in der Hand halten?

Werner: Ein kommunikationswissenschaftliches Gesetz lautet, dass kein etabliertes Medium jemals wieder verschwindet. Laut dieser These müsste es der gesamten Menschheit schon sehr schlecht gehen, wenn sie keine Zeitungen mehr druckt. Auch wenn es der Branche im Moment ganz ganz schlecht geht, glaube ich an die Zukunft von Zeitungen und Zeitschriften. Aber vielleicht werden sie nur als Luxusartikel und Statussymbol überleben. Wer weiß?

Alex: In der digitalen Welt können alle zu KritikerInnen werden. Was kann der klassische, „gelernte“ Kritiker (bzw. Journalist) dem entgegensetzen, um sich sein Alleinstellungsmerkmal zu bewahren?

Werner: Wie überall anders auch: durch Wissen und Können. Eine Faustregel lautet: Wer 10.000 Stunden in eine Tätigkeit investiert hat, ist wirklich gut in dem, was er macht. Welcher Hobbykritiker investiert schon so viel Zeit?

Alex: Wechseln wir vom Format zum Inhalt: Welchen Act, welche Band etc. hast du besonders gern interviewt, welches Live-Review hast du genossen zu schreiben?

Werner: Jene Portraits und Reviews, die während des Schreibens ganz woanders hinführen, als ich es mir erwartet hätte. Du musst dir das vorstellen wie bei Hunter S. Thompson, der über ein Wüstenrennen berichten soll und stattdessen über den Untergang der Hippiekultur schreibt und das Wüstenrennen nur beiläufig erwähnt.

Alex: Und gab es umgekehrt negative Erfahrungen im Austausch mit KünstlerInnen, die sich von dir durch ein Review oder Interview schlecht behandelt fühlten?

Werner: Die gab und gibt es immer wieder. Ich trag das niemandem nach und ich hoffe, mir trägt man es auch nicht nach, wenn mir mal was nicht so gut gefällt.

Alex: Wenn ich mich richtig erinnere, hast du einmal bemerkt, dass der schlimmste Lapsus einer Musikjournalistin oder eines Musikjournalisten darin besteht, den Bandnamen falsch zu schreiben. Gibt es da auch eine City-Flyer-Anekdote dazu?

Werner: Sicher gab es die Anekdote, sonst hätt ich den Lapsus nicht erwähnt. Mir fällt er bloß nicht mehr ein. Ist mir übrigens auch schon passiert.

Alex: Nun zur Sprache: Geschriebene Jugend- bzw. Online-Sprache zeichnet sich – seien wir ehrlich – durch nicht immer ganz sorgfältiges Einhalten von Rechtschreib- und Grammatikregeln aus, dafür gibt’s jede Menge Emojis und Anglizismen. Honestly: Für den klassischen Journalisten ein Gräuel? 😉

Werner: Es bereitet mir physische Schmerzen, Texte mit Rechtschreib- und Grammatikfehlern zu lesen. Wie ein Lehrer bin ich versucht, diese sofort korrigieren zu wollen. Ein Gräuel, ja.

Alex: Ich muss beim Verfassen von Texten selbst immer darauf achten, dass das Fabulieren nicht mit mir durchgeht. Es entstehen sonst gern Schachtelsätze, die ich selbst nicht verstehen würde, wenn sie jemand anderes geschrieben hätte. Wie geht es dir damit?

Werner: Früher war’s schlimmer. Inzwischen habe ich mir angewöhnt, meine Texte lesbarer zu formulieren. Einfach, weil ich mit den Lesern mitfühle. Wer hat heute noch die Zeit, einen Satz zweimal zu lesen?

Alex: Michael Ende hat einmal bemerkt, er „dreht“ einen Satz manchmal einen ganzen Tag lang, bis er passt. Wieviel Zeit nimmst du dir dafür maximal?

Werner: Ich bin kein Schriftsteller und kein Wissenschaftler. Ich muss weder den perfekten Satz formulieren, noch eine präzise Aussage treffen. Also nehm ich es nicht so genau mit dem einzelnen Satz. Ich lege allerdings Wert auf eine gewisse Stringenz der Geschichte. Mal von dem zu schreiben und im nächsten Absatz von ganz anderem, das vielleicht auch noch der Aussage vom vorigen Absatz widerspricht, geht bei mir nicht zusammen. Sowas zu lesen ist eine Pein für mich und wahrscheinlich für jeden anderen aufmerksamen Leser auch.

Alex: Weil vorhin von Anglizismen die Rede war: Warum ist die deutsche Sprache trotzdem die schönste der Welt?

Werner: Kann ich nicht ausschließen, aber auch nicht bestätigen. Dafür weiß ich zu wenig von anderen Sprachen. Von der Sprachmelodie her gefällt mir die französische Sprache besser. Ob sie so präzise wie die deutsche ist, glaube ich nicht. Mit den deutschen und österreichischen Philosophen muss es mal jemand aufnehmen können 🙂

Alex: Als Musikliebhaber muss man natürlich auch von dir wissen: Vinyl oder digital? Und haben CDs noch eine Daseinsberechtigung? Für mich ist deren letzte Bastion ja der CD-Player im Auto…

Werner: Ganz klar Vinyl! Und das, seit ich mir Tonträger kaufe. Ich habe den Hype um die CD nie verstanden. Klar, eine CD konnte man als Ersatz für die gute alte Musikkassette sehen. Man nahm sie mit ins Auto, oder schob sie in den Ghettoblaster. Aber selbst hier wurde sie ersetzt durch das Handy oder den Datenstick. Die CD ist inzwischen der uncoolste Tonträger überhaupt geworden, während die Musikkassette ihr Revival erlebt und die Schallplatte nie wirklich weg war.

Alex: Und was möchtest du abschließend loswerden?

Werner: Ich habe mal eine Excel-Liste mit allen ehemaligen Mitarbeitern angelegt und bin auf 85 gekommen. Ich habe so gut wie keine Namen ehemaliger Mitarbeiter im Interview genannt. Das hat den Grund, dass jede Erwähnung Auslassungen anderer Namen zur Folge hätte. Ich durfte während der letzten 25 Jahre mit so vielen hellen und sympathischen Köpfen zusammenarbeiten, dass ich es nicht verantworten will, aus Unachtsamkeit jemanden zu vergessen.
Auch habe ich im Gespräch das Maskulinum verwendet, obwohl der City-Flyer einen sehr hohen Frauenanteil hat und immer hatte und obwohl einige von ihnen die bedeutendsten Positionen im City-Flyer einnahmen.
Ich tu mir halt so leichter beim Antworten. Du kannst aber auch alles durchgendern wenn du willst.

Alex: Ich denke, ich lass es so stehen. Ich bedanke mich für das ausführliche Interview und drück die Daumen für die nächsten 25 Jahre.

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

City-Flyer – die Stadt bei Tag und Nacht Foren 25 Jahre City-Flyer: vom Jungspund zum Twen

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