Althea Müller: 17 Stories über 17 Facetten der Liebe

Althea Müller hat im Mai ihren Kurzgeschichtenband "17 Facetten der Liebe" fertiggestellt. Bild: privat
Althea Müller hat im Mai ihren Kurzgeschichtenband "17 Facetten der Liebe" fertiggestellt. Bild: privat

Das Wort „Liebe“ löst bei vielen von uns ein Neuronen-Feuerwerk aus, worauf sich in der Regel ein feel-good Gefühl einstellt. Beim Lesen der Kurzgeschichten aus dem Buch „17 Facetten der Liebe“ von Althea Müller ist das eher die Ausnahme denn die Regel. In ihrem im Mai erschienenen zweiten Buch hat die Autorin auch Aspekte der Liebe unter die Lupe genommen, die mit ebenjener nur mehr am Rande zu tun haben.

Interview: Werner Harauer
Fotos: privat

City-Flyer: Welches Buch liegt gerade auf deinem Nachtisch? Und wie ist es?

Althea Müller: Aufgrund von Corona sind wir in extrem komprimierter Zeit umgezogen und immer noch am Herrichten vom neuen Habitat. Deshalb sind meine aktuellen „Pressefotos“ auch Baustellen-Fotos. Das fand ich witzig. Auf meinem provisorischen Nachtkastl liegt aus all diesen Gründen auf jeden Fall grad original nur die Fernbedienung, und selbst die erreiche ich zurzeit nur selten.

CF: Du bist Mutter, Einzelunternehmerin, hast einen 20-Stunden-Job, eine Menge Hobbys und hast im Mai dein zweites Buch veröffentlicht. Wie viele Stunden hat dein Tag?

Althea Müller: Das Teilzeit-Jobben zusätzlich habe ich nach in Summe einem Jahr Ausprobieren per Jänner 2020 wieder gelassen. Hobbys habe ich eigentlich in dem Sinne keine, weil sich meine beruflichen und privaten Interessen überkreuzen. Das Buch war und ist (m)eine persönliche Herzensgeschichte; ich war immer dankbar, wenn ich dran schreiben konnte, es war keine Arbeit oder gar Last. Mein Tag hat, um ehrlich zu sein, wahrscheinlich weit weniger Stunden als bei anderen, weil ich mir als selbständige Texterin meine Zeit relativ frei einteilen darf – und auch abseits von Corona kaum Termine mit persönlicher Anwesenheit habe. Unsere Kleine ist außerdem schon sehr kooperativ und verständig – bis zu einem gewissen Grad. Sie versteht bereits, dass es Dinge gibt, die mir sehr wichtig sind und die ich zu tun habe, weil ich das WILL – und dass das nicht zwingend nur Dinge sind, die Geld bringen.
Einzurechnen als Mama eines kleinen Kindes aber ist in jedem Fall das Minus an (durchgehendem) Schlaf. Menschen ohne Kinder können sich das nicht vorstellen. Ich konnte es ja auch nicht, als ich noch kinderlos war.

CF: Was treibt dich an ein Buch zu veröffentlichen, das zu schreiben viel Zeit kostet, welche mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Verkaufserlöse nicht abgegolten wird?

Manchmal wäre ich auch gerne Mechanikerin …

Althea Müller: Ich möchte ja nichts anderes als schreiben.
Manchmal wäre ich auch gerne Mechanikerin, weil ich das cool und vor allem sehr ertragreich fände, oder Sängerin, oder ich hätte gern einen Second Hand Shop. So viele mögliche Leben. Aber das, was ich gut kann und auch über die Jahre gut weiterentwickelt habe, ist das Schreiben. Ich bin jetzt fucking Vierzig, und es ist der Punkt gekommen, an dem ich mich damit auseinandersetzen muss und darf, dass ich wirklich gut schreibe und dass das offensichtlich meine Profession ist – nicht nur als Texterin und zeitweilige Redakteurin, sondern auch literarisch, was wirtschaftlich gesehen ein schwieriges, aber detto machbares Feld ist. Das Feld wird jedenfalls nicht dadurch bewässert, dass ich keine Bücher herausbringe. Auch, wenn ich als verlagslose Schriftstellerin kein großes Einkommen generiere, so mache ich jetzt wenigstens doch, was ich am liebsten tun will: schreiben auf allen Ebenen.
Ich brauche immer sehr lang, bis ich ins Tun komme, aber wenn, dann zieh ich meine Projekte auch durch. Also, meistens.

CF: Thematisch beziehen sich die Kurzgeschichten aus deinem neuen Buch „17 Facetten der Liebe” im weitesten Sinn auf die Liebe. Hat die Liebe momentan Konjunktur?

Althea Müller: Ich würd eher sagen, ohne Liebe gäbe es einfach nichts. Weder Miteinander noch Gegeneinander, weder Zusammen noch Alleine, weder Krieg noch Frieden, weder Steinzeit noch Technologie: Liebe zu sich, zueinander, zu Dingen, Tätigkeiten etc. … Ich denke und antworte da jetzt weder pseudophilosophisch oder Lebenshilfebuch-versunken, sondern logisch: Ohne Liebe kein Fortbestand der Menschen und schon gar keine Entwicklung – in welche positive oder negative Richtung auch immer. Die Liebe war und ist immer da, ob wir wollen oder nicht. Dabei kommt sie aber mitunter in sehr seltsamen Verkleidungen daher. Manche davon sind schrecklich.

Das ist nicht mehr Althea Müller, das bin nicht mehr ich.

CF: In deinem Roman „Kofferkind“ aus dem Jahr 2015 ging es wesentlich ruppiger zu. Hat deine Hinwendung zur Liebe mit den geänderten Lebensumständen (Mutter, in einer Beziehung, Hausstand, …) zu tun?

Althea Müller: Die jetzt publizierten Geschichten sind über viele Jahre hinweg entstanden – nur weniger als die Hälfte davon habe ich während Corona ganz neu geschrieben. Allein, sie tatsächlich jetzt rauszubringen, hat etwas mit veränderten Lebensumständen zu tun, nämlich mit mehr Mut.
2015 war ich noch so ängstlich und wollte zwar ein Buch schreiben, aber auf einer sehr unernsten, übertriebenen Ebene. Damit wollte ich die Sicherheit haben, dass mir niemand was anhaben kann, weil ich mich ja eh selbst lächerlich mache. Das alte Spiel halt.
Heute sage ich jedem*r, der*die mich heute nach dem „Kofferkind“ fragt, er*sie soll es bloß nicht kaufen – das bin nicht mehr ich. Und das stimmt.

Als das Buch damals rauskam, stand ich außerdem unwissentlich gerade vor der größten Wendung meines Lebens, nämlich Schwangerschaft und Muttersein. Große Herausforderung, immenses Geschenk. Und eine Veränderung vieler meiner Ebenen, privat und beruflich. Es hat ein wenig gedauert, aber durch diese große Veränderung habe ich jetzt auch gar nicht mehr das Bedürfnis gehabt, mich selbst klein zu machen. Ich bin alt, ich ziehe ein wunderbares Kind auf, ich arbeite, ich mache nach wie vor viele Fehler, ich lerne aber auch laufend dazu. Und ja, ich darf jetzt auch so schreiben, wie ich es mir wünsche, und nicht mehr länger auf leiwand, lässig, lustig, selbstverletzend.
Wenn jemand von meinen jetzigen Geschichten abgestoßen wird, dann ist das halt so. Es ist mir egal, und das ist wirklich sehr befreiend.

CF: Gab es einen inneren oder äußeren Anlass, gerade jetzt dieses Buch zu schreiben? Hat dir dein Gefühl gesagt, das muss jetzt raus? Oder lieferte die Quarantäne die idealen Voraussetzungen für das Schreiben?

Althea Müller: Es war so, wie du sagst: Ich dachte mir, jetzt ist Zeit. Und diese Zeit will ich nutzen. Für etwas, das ich schon länger machen wollte und wo mir die Zeit immer gefehlt hat bzw. wo ich ständig zu lethargisch war, um sie mir zu nehmen.

CF: Hatte die Quarantäne Einfluss auf deine Themenwahl?

Althea Müller: Überhaupt nicht. Es gibt zum Beispiel eine Geschichte über einen Mensch mit Zwängen, unter anderem mit einem Waschzwang. Da habe ich zwar wirklich kurz überlegt, ob ich hier etwas von wegen Händewaschen abändern soll, hab es dann aber gelassen, weil es für die Geschichte überhaupt nicht relevant ist bzw. die Geschichte sogar kaputtgemacht hätte.

Du kannst dich nicht einfach waidwund in die Badewanne legen.

CF: Für jemanden, der sich vorgenommen hat ein Buch zu schreiben, muss die unfreiwillige Kasernierung in den eigenen vier Wänden höchst willkommen gewesen sein. Konntest du dich ganz deinem Buch widmen?

Althea Müller: Nachdem unsere Tochter vier Jahre alt ist, ist eine ganzheitliche Widmung von Egal-was im gemeinsamen Zuhause natürlich undenkbar. Aber ich habe wirklich auch neben und mit ihr geschrieben, im Wohnzimmer oder im Garten. Den Großteil der Arbeit an dem Buch habe ich aber gemacht, wenn sie mit dem Papa unterwegs war oder abends und nachts, wenn sie (falls sie :-)) geschlafen hat.
Ansonsten war die gesamte „Kasernierung“ eher heilsam: Mein Kalender war vor allem privat sehr durchgetaktet. Es war zuerst ganz schön schockierend, als alle geplanten Aktivitäten gestrichen waren und die Folgeblätter leer blieben. Nach etwa zwei Wochen aber war ich dann „drin“ in der neuen Situation und habe auch versucht, sie gut zu nutzen.
Du musst dir dabei immer denken, ich war und bin ja nie allein. Als Mama bist du so oder so gefordert, vor allem, wenn jegliche private und öffentliche Kinderbetreuung mit einem Schlag wegfällt. Du kannst dich nicht einfach so fadisieren, du kannst keinen Couch-Marathon mit irgendwelchen Serien machen oder dich waidwund in die Badewanne legen und vor dich hinphilosophieren – Sachen, die ich in der Isolation auf jeden Fall gemacht hätte, wenn ich kein Kind gehabt hätte 🙂 Na denn. Hab ich halt ein wunderbares Buch gemacht, das ich eh schon längst machen wollte.

CF: Gibt es so etwas wie einen roten Faden, der sich durch die 17 Kurzgeschichten zieht? Was verbindet die Geschichten außer der Liebe?

Althea: 17 ist eine meiner Glückszahlen, und das Wort „Facetten“ mag ich wirklich sehr, es ist so spannend und feinsinnig. Verbunden werden die Geschichten mit und ohne Herz dadurch, dass jede Geschichte menschlich berührend ist – oder es zumindest beim Lesen sein sollte – wenn auch auf ihre Weise: tragisch, überraschend oder tröstend.

CF: Designerin und Illustratorin Bettina Planyavsky lieferte die Grafiken zu den Kurzgeschichten. Wusste sie im Vorfeld, wie die Stories verlaufen werden? Oder zeichnete sie die Motive erst am Ende des Buches?

Althea: Bettina hat von einigen Geschichten von mir die Handlung erzählt bekommen, ohne die ganzen Stories selbst zu lesen. Dazu hatte ich weiters nur den persönlichen Input für sie mit dem Herz, wie ungefähr ich es gern hätte. Bereits kurze Zeit später hat sie mir eine völlig individuelle Cover-Illustration sowie als zusätzliche Überraschung die zusätzliche Illustration mit dem Drachen präsentiert. Ich war sehr glücklich darüber.
Und ich habe daraufhin einige Geschichten aus der Sammlung rausgeworfen und durch andere ersetzt, weil plötzlich nicht mehr nur der Inhalt die Illustration inspiriert hatte, sondern die Illustration den Inhalt. Das war wirklich ein total cooler Prozess. Ich hab es ihr eh ein paar Mal gesagt: Sie hat das Buch ganz grandios bereichert und ich bin ihr voll dankbar für die Kooperation.

CF: Ist die Kooperation mit Bettina eine einmalige Geschichte gewesen?

Althea: Ich dachte, es ist schwierig, mit einer so langjährigen Freundin – ich kenne sie bereits seit der Hauptschule, also ca. hundert Jahre – ein so emotionales Projekt zu machen. Aber nachdem das blanke Gegenteil der Fall war und uns die Zusammenarbeit beiden getaugt hat, hab ich bereits jetzt, obwohl es noch Zukunftsmusik ist, für den nächsten Kurzgeschichten-Band schon wieder um ihre Künstler-Hand angehalten. Und sie hat JA gesagt 🙂

CF: Das Thema „Liebe“ könnte man auch mit Blick auf diesbezügliche wissenschaftliche Erkenntnisse behandeln. Kann man dann noch ein Buch über die Liebe schreiben, wenn man zuvor im Kopf die moderne Forschung durchdekliniert?

Althea: Ich habe so vor zehn Jahren immer wieder einiges zum Thema „Liebe“ gelesen, aber es war nie mein Lieblingsthema. Meine 17 Facetten zeigen nun eine winzige Palette daraus von unschuldig und märchenhaft bis hin zu Mord und Totschlag auf. Forschungsergebnisse hatte ich dabei gar nicht im Kopf. Ich denke, jede zwischenmenschliche Begebenheit lässt sich auf Liebe oder Nicht-Liebe (und damit wiederum Liebe) zurückführen.

CF: Ist Liebe politisch?

Althea: Also wenn sie es ist, ist sie was auch immer, aber sicher keine Liebe. Glaub ich halt.

CF: Du bist auch Texterin und Journalistin, betreust Firmen-Blogs und hattest bis vor kurzem einen eigenen Baby-Blog. Der erfordert gründliche Recherche. Braucht es für deine literarischen Geschichten auch Recherche?

Althea: Ich liebe es sehr, beruflich zu recherchieren bzw. ist es ein Muss. Für meine literarischen Geschichten aber war das für dieses Buch nicht nötig, und ich bin auch glücklich mit dem Ergebnis.

Ich möchte mich aber trotzdem nach und nach dorthin weiterentwickeln, dass Recherche auch für meine literarischen Ausflüge nötig ist. Mein Gedankengang ist nämlich folgender: Wenn ich als Schriftstellerin Geschichten schreibe, für die ich zusätzlich recherchieren muss, sind das einfach „vollere“ Geschichten, weil ich währenddessen ja dazulerne und außerdem mehr als das, was ich bereits im Schädel habe, in die Geschichten packen kann. Das sind dann einfach noch reichhaltigere Stories.

CF: Hat dich deine herausgeberische Tätigkeit bei der Babyplattform stp-baby.at weitere Überlegungen in diese Richtung anstellen lassen? Hast du vor, nochmals in die Herausgeberrolle zu schlüpfen und einen Verlag zu gründen? Eine Zeitschrift? Ein Web-Zine?

Einmal im Leben reicht diese Erfahrung völlig.

Althea: Es war ein tolles Learning, fast komplett alleine eine solch umfangreiche Info-Plattform und Community aufzuziehen – aber einmal im Leben reicht diese Erfahrung völlig. Ich würde das niemals wieder tun, weil das nicht meine Rolle ist, wie ich jetzt weiß. Ich bin eine gute Unternehmerin, aber solche umfangreichen Websites sollen lieber die Länder und Organisationen machen, die von Haus aus die nötigen Ressourcen an Geld, Redakteuren und Infrastruktur haben. Gibt in Österreich bzw. im deutschsprachigen Raum eh genug davon zum Thema Baby+Kleinkind.
Das Schöne an stp-baby waren jedenfalls die Eltern- (vor allem Mama)-Kontakte in Niederösterreich, die ich gemacht habe – und von denen mir auch ohne die Website einige bis heute geblieben sind. Das ist fein.

CF: Angenommen, dein Buch verkauft sich wie wild, ein renommierter Verlag drängt auf eine große Auflage und will dich zu einer Lesetour durch die deutschsprachigen Länder drängen, … bist du auf den Erfolg vorbereitet?

Althea: Aber natürlich. Bitte drück jedem renommierten Verlag, der dir auf panischer Suche nach alternden Nachwuchstalenten über den Weg läuft, zur Sicherheit meine Karte in die Hand. Das wäre sehr nett von dir, Werner. Ah, ich hab gar keine Karten. Egal. Bitte schreib ihnen mit Edding meine Telefonnummer in die Handfläche. Gott vagöts!

CF: Welche Liga strebst du an? Jene mit den 5000 verkauften Büchern? Oder reicht es dir, dass es deine Bücher gibt?

Althea: Als österreichische Kleinunternehmerin, die sich laufend mit dem Gesetz der Anziehung auseinandersetzt und Louise Hay als Pflichtlektüre erachtet, habe ich meine Ziele das Buch betreffend einerseits an meiner ganz sachlichen Einnahmen-Ausgaben-Rechnung ausgerichtet. Und andererseits an dem fliegenden Wunsch, dass so viele Menschen als möglich die eine oder andere Geschichte aus meiner Facetten-Sammlung lesen und für sich als Inspiration – in welcher Hinsicht auch immer – annehmen möchten.

Musik prägt, trägt und motiviert mich beim Schreiben.

CF: Auffallend an deiner Biografie ist auch deine große Affinität zur Musik. Du warst Chefredakteurin beim City-Flyer, hast für das Planet Music Magazin geschrieben und schreibst nach wie vor im Metal Magazin „Stark!Strom“. Kann man sagen du bist deep into pop-culture?

Althea: Ich glaub, schreibende und musizierende Menschen haben sich immer schon prächtig ergänzt – und können einander gut unterstützen, wenn sie nicht sowieso beide Leidenschaften in sich vereinen, wie es ja auch sehr oft der Fall ist. Musik prägt, trägt und motiviert mich beim Schreiben. Als Interviewerin und Redakteurin wiederum kann ich Musiker unterstützen. Da ich mit Metal und Gothic aufgewachsen bin und die ersten Arbeitsjahre im damaligen, noch im 20. Bezirk beheimateten Planet Music verbracht habe, kann ich bis heute mit älterem Metal viel anfangen (bei Gothic lauf ich mittlerweile eher kreischend weg), zusätzlich zu den ganz normalen Radio-Schnulzen, die ich mir mittlerweile tagtäglich reinziehe, ohne mich dafür zu schämen.

„Deep“ ist da aber gar nichts, solange es Neues betrifft, dazu bin ich viel zu lange und viel zu weit weg von der Szene. Mit den alten Hasen der 90er und Nullerjahre kenne ich mich ganz gut bis leidlich aus. Neue Metal-Bands aber kenne ich wenig bis gar nicht, und mir fehlen sowohl Zeit als auch Interesse, mich hier laufend fortzubilden. Früher war dieses „uptodate-sein” im Rahmen meiner laufenden Bezahlt-Jobs – fürs Planet genauso wie für den City-Flyer – ganz schlicht gesagt mein täglich Brot und somit Teil meiner Arbeit. Heute dagegen darf ich mir fürs Stark!Strom-Magazin Sachen rauspicken, wenn es meine eigentlichen Texter-Jobs zulassen, oder wenn es um eine Band geht, die ich persönlich sehr schätze und gut kenne.

CF: Im Rock gibt es seitens des Publikums eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber Rockmusikern. Gibt es das im Literaturbetrieb auch? Hast du das Gefühl, dem Bild einer Literatin entsprechen zu müssen?

Althea: Ich habe das Pech und gleichzeitig Glück, dass ich mich absolut nicht in Literatur-Kreisen bewege, abgesehen von dem einen oder anderen Event mal alle unheiligen Zeiten. Für den City-Flyer durfte ich einige Schriftsteller*innen interviewen, jede*r war unterschiedlich. Ich habe also kein Bild, welche Erwartungshaltungen bezüglich schreibender Personen vorherrschen.

Ich möchte – ganz im Gegenteil zu meiner beruflichen Tätigkeit als kundenorientierte Texterin – dadurch einer Literatin entsprechen, dass ich mir im Rahmen meiner ganz eigenen Bücher – von denen es ja erst zwei gibt – nichts scheiße und das schreibe, was ich möchte. Da ich meine Sturm-Drang-Hass-Zeit zum Glück hinter mir gelassen habe, bedeutet dies aber trotzdem nichts Schlechtes oder Abartiges. Auch, wenn ich so schreibe, wie ich will, kommt meist was relativ Schönes raus. Da kann ich machen, was ich will.

Über unglückliche Menschen, die Liebe finden – oder auch nicht

CF: Ich habe einige Texte von dir gelesen. Sie handeln oft von Außenseitern, von der dunklen Seite des Lebens. Was macht das Leben am Rand für dich so interessant?

Althea: Weil wir vorher beim Thema „Musik“ waren: Eine meiner liebsten Bands früher waren Therapy?, und in einem ihrer bekannteren Lieder propagierten sie: „happy people have no stories“. Das unterschreibe ich dir sofort, und das ist auch die Erklärung für die Wahl der Held*innen in meinen Geschichten. Wobei ich mich bis heute zum Glück auch selbst ein wenig weiterentwickelt habe und mittlerweile zusätzlich weiß, dass sich unglückliche Menschen auch zu glücklichen verändern können bzw. dass gerade jene, die einen echten Scheiß hinter sich haben, trotz allem und gerade deshalb auch so richtig glücklich werden können – im Endeffekt häufig viel glücklicher als jene, wo immer alles pipifein oder zumindest so lala gelaufen ist.
Manche aber halt auch nicht. Die verenden dann.

Das sind die Lebensläufe, die ich gern „be-schreibe“: die unglücklich Dochnoch-Glücklichgewordenen genauso wie die unglücklich Verendeten. Beides berührt mich – und im besten Fall auch jene Menschen, die meine Geschichten lesen.

CF: Ich kenne einige St Pöltner Literaten, die ebenfalls das Dunkle und Mystische anzieht. Hat die gefühlte Häufung etwas mit St. Pölten oder mit mir zu tun?

Althea: Mit dir hat das sicher nichts zu tun. Ich glaube, der Großteil der Literaten – wurscht, welchen Geschlechts und Alters bzw. welcher Herkunft – ist eher düster angehaucht. Wir als schreibende Zunft sind halt so: Aufstehen, Kaffee und Zigaretten, in die Ferne durch Regenschleier schauen und sich fragen, wie lange das noch so gehen soll. Der Grant geht erst weg oder wird wenigstens in etwas Sinnvolles transformiert, wenn wir einen Stift in der Hand oder eine Tastatur vor uns haben. Schön ist das.

CF: Aktuell schreibst du auch für das Comedy-Team von Ö3 Sketches für „Casa Chaos“. Wie geht das mit meinem obigen Befund zusammen?

Althea: Es sind Schmähs nicht nur für die Casa, sondern auch für andere Comedy-Formate. Wie das zusammengeht? Ich bin sehr facettenreich, was das Schreiben angeht. Und ich genieße meine durchaus witzige Seite genauso wie meine dunkle. Das macht mich aus und ich kenne zum Glück mehrere Menschen, die auch so drauf sind. Hier sind spannende Begegnungen möglich. Nur Kasperl oder nur Tränendrüse zu sein, das stelle ich mir sehr anstrengend und auch unecht vor. Niemand sollte dauerhaft lustig oder rund um die Uhr am Boden zerstört sein. Da wird man ja verrückt. Ich bin froh, beruflich für so viele verschiedene Branchen und Ziele schreiben zu dürfen, denn das stärkt auch laufend die in meinem Job extrem wichtige Fähigkeit, unterschiedlichste Textsorten und Stile liefern zu können.

Drehbücher zu schreiben ist definitiv eine Option.

CF: Du hast für die Aufnahmeprüfung an der Filmakademie Wien ein Drehbuch für einen Spielfilm verfasst, das bei der Jury sehr gut angekommen ist. Wäre Drehbuchautorin eine interessante Option für dich? Welche Bedeutung hat für dich das Medium Film?

Althea: Ja, ich wäre fürs Master-Studium aufgenommen gewesen. Aber es war illusorisch, als selbständig tätige Mutter mit Baby dieses damals auch wirklich anzutreten und vor allem durchzuziehen. Trotzdem bin ich bis heute sehr happy über die damalige positive Aufnahmeprüfung, das ist schon ein feines Highlight in meiner Vita.
Drehbücher zu schreiben ist trotzdem definitiv eine Option, weswegen seit zwei Jahren auch mehrere Drehbuch-Konzepte von mir durch den heimischen Äther rotieren. Gerade diese Branche ist aber eine, in der Geduld und Ausdauer besonders gefragt sind. Es hängt so irre viel dran – allein die Finanzierungsfrage ist massiv, wenn es ums Realisieren geht. Und die letzten Corona-verseuchten Monate haben nicht eben dazu beigetragen, dass irgendetwas schneller gehen würde. Ich denke, in frühestens drei Jahren kann ich dir dazu mehr – und vor allem Spannenderes – berichten.

CF: Welche Schritte wirst du setzen, um dein Buch „17 Facetten der Liebe” zu promoten?

Althea: Ich mache selbst Presseaussendungen und informiere auch nach und nach mein privates Umfeld zum Buch. Im Sommer bin ich außerdem vielleicht wieder so weit, um meinen Facebook Account neuerlich zu aktivieren und hier auch ein wenig Promo zu betreiben. Im Laufe der Corona-Wochen musste ich ihn nämlich für unbestimmte Zeit deaktivieren, weil mich seine Nutzung und die vielen grassierenden Memes, Sprüche etc. fast wahnsinnig gemacht haben.

CF: Wirst du das Buch in naher Zukunft öffentlich präsentieren?

Althea: Nein. Ich glaub auch nicht, dass es das braucht, um mein Buch bekannter zu machen. Außerdem sind Lesungen von mir immer überschattet von dem Umstand, dass ich einen Sprachfehler habe, weswegen ich unschuldige Leute in der ersten Reihe unabsichtlich anspucke. Das ist mir erstens sowieso unangenehm, und zweitens ist das in Virus-Zeiten wie jetzt noch riskanter. Ich kann sehr gut schreiben, aber sicher nicht besonders gut öffentlich lesen. Das ist halt so. An meinem Schreibtisch bin ich bestens aufgehoben.

CF: Müssen wir wieder 5 Jahre bis zu deiner nächsten Veröffentlichung warten?

Althea: Nein, ich möchte gerne dran bleiben und auch literarisch mehr schreiben – und veröffentlichen – als die letzten Jahre. Denn es macht mich wirklich so etwas wie glücklich. Und ab und zu auch satt.

Abseits davon steht bereits ein Buch ganz anderer Art im Raum, wo es sowohl einiges an Text-Fragmenten als auch schon das komplette und dabei total geniale Cover Artwork von einem tollen Designer mit Sitz in St. Pölten gibt. Es ist ein Buch im Bereich Sachbuch, es geht um eine Krankheit, und es ist für mich schwieriger anzufertigen, als ich letztes Jahr gedacht hätte, als ich es als Projekt gestartet hatte. Es wäre schön, wenn ich es im Herbst/Winter weiterschreiben und dann mithilfe des tollen Designers abschließen könnte – und nächsten Frühling veröffentlichen.

CF: Sagt dir das was?
“Althea Mueller war ein Genie auf dem Gebiet der Dimensionsforschung. Sie schuf ein Gerät, das die Wände zwischen den Dimensionen einreißen konnte. Während ihrer Experimente war ihr Geist in einem psychischen Wirbel gefangen und musste in einen instabilen geklonten Körper integriert werden. Der Tänzer ergriff das Gerät und versteckte Müller in einer Dimension, in der die relative Zeit viel schneller verging. Sie war dort für relative Jahrhunderte gefangen und beobachtete, wie Zivilisationen um sie herum fielen und verrückt wurden. Als sie gerettet wurde und nach Cynosure zurückkehrte, löste sie ihre Schöpfung in der Hoffnung aus, die Stadt zu zerstören, und wurde dabei getötet.”
Althea Mueller ist ein Charakter der Comic-Serie „Grimjack“. Du hast hier nicht zufällig die Finger im Spiel 😉

Althea: Ich kenne die Geschichte nur aus der Google Recherche – alle paar Monate google ich mich nämlich selbst. Das ist so ein Tick von Leuten, die a bissi a schweres Vogerl haben. In Zuge dessen habe ich das mit dieser Grimjack-Althea Mueller auch schon ein paarmal entdeckt gehabt. Bis heute hab ich mich aber nicht näher damit beschäftigt. Witzig finde ich die Namensgleichheit aber auf jeden Fall!

CF: Vielen Dank für das Interview.

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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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