Auf der Suche nach dem Narrativ mit Happy End

Oben oder unten? Links oder rechts? Welches Narrativ "zieht"?
Oben oder unten? Links oder rechts? Welches Narrativ "zieht"?

„Warum finden die Parteien kein Narrativ, das sie der extremen Rechten entgegenstellen können?“ Die Frage eines Freundes galt mir; aber wie soll ich eine Antwort auf etwas geben, das auch die mit allen Wassern gewaschenen Parteistrategen nicht wissen?
Rechtsaußen hat es leicht: “Bleibt wie ihr seid. Ihr seid die besten”, attestieren die Rechten den potentiellen Parteigänger*innen, die das Lob gerne annehmen angesichts des massiven Problemstaus, dessen Beseitigung eigentlich neue und riskant zu schreitende Wege einfordern würde. Seit der Europawahl wissen wir, ein Viertel der wahlberechtigten österreichischen Bevölkerung ist dazu außerstande. “Mia san mir. Mia haum des imma scho so g’mocht. Und guat woas.”

Szenenwechsel. Ein Monat vor den Europawahlen fand im Sonnenpark die dreitägige Klimakonferenz der Zivilgesellschaft “Tipping Time” mit prominenter Beteiligung der Physikerin und Klimaforscherin Friederike Otto (“Wütendes Wetter“) und des Soziologen und Bestseller-Autors (“Landkrank“) Nikolaj Schultz statt. Zuversicht und gegenseitiges Mutmachen stand am Programm. Vielleicht finde ich hier das Narrativ, das man der erstarkenden Rechten entgegenhalten kann?
Von der “Zivilgesellschaft” auf der sehr gut besuchten Veranstaltung konnte ich allerdings nur einen Zipfel ausnehmen. Hätten sich die Teilnehmenden die Europawahl untereinander ausgemacht, wären die Grünen mit absoluter Mehrheit durchs Ziel gegangen.

Die beiden Hauptreferent*innen ließen in ihren Vorträgen keinen Zweifel an der Dringlichkeit eines radikalen Kurswechsels aufkommen.
Schultz ist auf der Suche nach einem neuen Vokabular, das den Schmerz über den Verlust eines Großteils der Biosphäre auszudrücken vermag. Er hat uns also schon abgeschrieben. Otto lässt Zahlen für sich sprechen – 2 Milliarden (Binnen)Flüchtlinge bis zum Ende des Jahrhunderts – und be(un)ruhigt die Zuhörerschaft mit ihrer Prognose, die Menschheit würde sich durch Kriege um Ressourcen selbst dezimieren, bevor es der Klimawandel tut.
Auch kein Platz, um Zuversicht und Mut zu schöpfen. Welche Wählerin, welcher Wähler will schon hören, dass es fünf nach Zwölf ist? So wird das nichts mit dem Narrativ.

Szenenwechsel. Ich surfe kürzlich auf Facebook und stoße auf folgende Meme:

so-oder-so

Hinter dem Posting, vermutlich von einem umweltbewegten User verbreitet, spüre ich die besten Absichten. Nur kann er nicht rechnen! Wenn wir die verbauten Flächen des ersten Bildes mit jenen des zweiten Bildes vergleichen, kommen wir zum Schluß: die Fläche des versiegelten Bodens wird in etwa gleich groß sein. Blöderweise ist Boden endlich, so wie Luft und alles auf der Erde (ausgenommen Dummheit vielleicht).
Was ich damit sagen will: ohne Verzicht sind wir bei Schultz und Otto. Der zukünftige Otto-Normalverbraucher wird kein Einfamilienhaus besitzen, kein E-Auto und wird keine Fernreise mehr buchen. Diese Konsequenzen, die den Erhalt der Biosphäre sichern, dürfte den Öko-Bobos bislang entgangen sein; Verzicht steht nicht unbedingt auf deren To-Do Liste (ok, Verzicht auf das Plastiksackerl und den Plastikstrohhalm ist drin).
Zu Ende gedacht bedeutet Verzicht Minuswachstum, was wiederum das Ende des Kapitalismus bedeutet, da dieser auf Wachstum angewiesen ist.
Welche politische Partei fühlt sich berufen, Klartext zu sprechen? Ich fürchte, mit dem Klartext-Narrativ wird sie die Fünf-Prozent Hürde nicht erreichen.

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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