Christa Berger: geschenkt wird mir nix

„Tschelsie“ Christa Berger (li.), Geschäftsführerin der „Theaterei“, im Bild mit Julia Bachtrögler für das musikalische Kabarett „Waschechte Weiber“. Foto © Lena Berger, z.V.g.
„Tschelsie“ Christa Berger (li.), Geschäftsführerin der „Theaterei“, im Bild mit Julia Bachtrögler für das musikalische Kabarett „Waschechte Weiber“. Foto © Lena Berger, z.V.g.

Ein Theaterensemble baut sich in einem ehemaligen Lebensmittelgeschäft in St. Christophen seine eigene Kleinkunstbühne.
Im letzten Jahr zog die charmante „Theaterei“ neben einer Eigenproduktion ca. 30 Veranstaltungen in den Ort. Nun kämpft Christa Berger, die Geschäftsführerin des Vereins, mit den Folgen der Corona-Pandemie und versucht einen normalen Spielbetrieb im Herbst zu ermöglichen.

Interview: Werner Harauer
Foto: Lena Berger

City-Flyer: Stammst du aus St. Christophen?

Christa Berger: Nein, aber aus Neulengbach und das liegt nur 3km weit entfernt.

CF: Dein Spitzname lautet „Tschelsie“. bezieht er sich auf das berühmte Chelsea-Hotel in New York? Oder auf das berühmte Lokal „Chelsea” am Wiener Gürtel?

Berger: Weder noch, bin auch kein Fußballfan. Eigentlich heiße ich ja Christine, aber alle rufen mich Christa, was klar ist, denn ich stelle mich ja auch als solche vor. Wenn mein Mann mich ärgern möchte oder ganz „lustig“ drauf ist, ruft er mich Christine. Daraus wurde im Laufe der Zeit „Chelestine“, wie immer man das auch schreibt. Auf jeden Fall hörten dies eines Tages meine Bühnenkollegen, fanden es toll und machten Tschelsie daraus. Als ich ein paar Jahr später einen Künstlernamen für meine CD Produktion suchte, war klar, dass ich gleich meinen Spitznamen nehme. Die Schreibweise habe ich „verösterreichert“ 😉

CF: Du bist vor einem Jahr Geschäftsführerin der Theaterei Entertainment geworden. Hat es die Theaterei schon vorher gegeben? Wie kommt man zu einem eigenen Theater?

Berger: Die Theaterei gibt es als Verein seit 2003. Kennengelernt hat sich die Gruppe bei einem Projekt im Rahmen des 4telFestivals, als dieses 2002 in Neulengbach gastierte. Das Ensemble war auf der Suche nach Proberäumen und fand diese in unserem Haus, welches früher ein kleines Lebensmittelgeschäft war. Nach diesem Projekt war allen klar, dass diese tolle Gruppe gemeinsam mit dem Regisseur Alfred Rupprecht weiterspielen möchte. Kurzer Hand wurden mit viel Herzblut und einfachen Mitteln, die Räumlichkeiten zu einer Kleinkunstbühne adaptiert und 2003 konnte die Bühne mit der ersten Eigenproduktion eröffnet werden. Über die Jahre konnte immer mehr investiert werden und so entwickelte sich eine einzigartige, gemütliche Atmosphäre.
Eine Kleinkunstbühne im Wohnzimmerambiente findet man nicht überall und so sprach es sich auch in der Künstlerszene schnell herum, dass es in St. Christophen eine tolle Location gibt. So kam es zu den ersten Gastauftritten von Thomas Maurer, Mercedes Echerer, Andrea Händler und vielen mehr. Über die Jahre wurden es langsam mehr Veranstaltungen und so entschloss ich mich, 2019 die Theaterei hauptberuflich zu betreiben.
Mit der Gründung von Theaterei Entertainment machte ich auch den Kostümfundus zugänglich, vermiete die Räumlichkeiten und biete Kindertheaterworkshops an.

CF: Ihr verleiht auch Theaterkostüme? Woher hast du den Kostüm-Fundus?

Berger: Kostüme sammle ich schon seit meinem 5. Lebensjahr. Begonnen hat alles mit Kleidern und Kombinegen meiner Oma, meiner Tante und meiner Mutter – besonders Teile mit Rüschen und Glitzer waren vor mir nicht sicher. Anfangs war es ein Koffer, in dem ich all meine Schätze aufbewahrte, aber im Alter von 18 waren es dann schon mehrere. Wieder aufgeflammt ist meine Sammelleidenschaft mit der Gründung der Theaterei vor 17 Jahren. Denn für die Theateraufführungen wurden Kostüme gebraucht. Teilweise wurden diese von meiner Freundin Renate Gstöttner, einer Schneiderin, genäht oder billig auf Flohmärkten gekauft. Weiters besuchte ich die Flohmärkte der Bundestheater. Bald wurde meine Kostümfundus publik und immer mehr Leute brachten mir alte Ballkleider, Accessoires und vieles mehr. Auch zwei Kleider von Niki Laudas Oma und maßgeschneiderte Gewänder einer echten Prinzessin sowie zwei Auftrittskleider von Sissy Kraner befinden sich in meinem Fundus. Mehrere tausend Teile sind im Laufe der Jahre zusammen gekommen.

CF: Ihr habt eine eigene Theatergruppe, bei der du mitspielst. Wie nennt sich die Theatergruppe?

Berger: Die Theatergruppe heißt Theatereiensemble

CF: Wie viele Leute umfasst das Ensemble?

Berger: Das Stammensemble umfasst 7 Personen, bei der heurigen Produktion sind wir 10 Personen.

CF: Wie viele Stücke werden im Jahr aufgeführt?

Berger: Anfangs spielten wir noch zwei Produktionen im Jahr, jetzt sind wir froh, wenn wir ein Stück schaffen.

CF: Wer wählt die Stücke aus? Und nach welchen Kriterien? Schaffen es auch anspruchsvolle Stücke auf die Bühne und kommen dann auch ausreichend Besucher?

Berger: Während der ersten 10 Jahre kamen die Vorschläge von unserem damaligen Regisseur Alfred Rupprecht, er war zu dieser Zeit Schauspieler am Volkstheater Wien. Für ihn war das wichtigste Kriterium die Besetzung. Es sollte für jeden eine tolle Rolle dabei sein. Daher waren es oft nicht nur Stücke, sondern auch Collagen diverser Literatur. Vom sozialkritischen Stück „Mit dem Rücken zur Wand“, über die Balladen von „Francois Villon“, bis hin zu einer Collage aus Texten von Nestroy, Valentin und Roth u.v.m. … anspruchsvoll waren sie alle. Um so mehr hat es uns gefreut, dass wir immer ausreichend Besucher hatten und über die Jahre immer mehr gewinnen konnten.
2013 hat sich Alfred dann in den „Theaterei“-Ruhestand begeben und seither suchen wir selber die Stücke aus. Dabei lese ich oft 30-40 Skripten, eine sehr intensive Zeit, aber wenn mich die Story nicht von Beginn an „abholt“, hat es das Stück schwierig, mich noch von sich zu überzeugen. In den letzten Jahren haben wir uns mit Stücken unter anderem von Uli Brée, Neil Simon und Susanne Felicitas Wolf dem Genre der Komödie verschrieben. Mit Erich Furrer haben wir den perfekten Regisseur für diese Genre gefunden, denn er weiß, wie man die Besucher zum Lachen bringt. Damit sprechen wir natürlich ein noch breiteres Publikum an.

CF: Das Programm der Theaterei umfasst neben den Aufführungen des hauseigenen Ensembles noch zahlreiche andere Veranstaltungen. Wie viele sind das ungefähr im Jahr?

Berger: 2019 waren es 28 weitere Veranstaltungen.

CF: Wirtschaftlich wird sich das nicht rechnen. Bekommst du Unterstützung von der öffentlichen Hand?

Berger: Damit es sich wirtschaftlich rechnet, habe ich noch einmal die „Schulbank“ gedrückt und habe am WIFI die Gastgewerbeprüfung absolviert. Dadurch kann ich bei Veranstaltungen selbst die Bar betreiben. Bisher kam ich ohne Förderungen von der öffentlich Hand aus, allerdings gibt es Sponsoren aus der Privatwirtschaft, seit kurzem eine Kooperation mit der Arbeiterkammer. Und die Gemeinde Neulengbach unterstützt vier Veranstaltungen im Lengenbacher Saal Neulengbach.

CF: Mitte März wäre eigentlich die Premiere des Comedy-Thrillers „Schau nicht unters Rosenbeet“ am Programm gestanden. Die Vorstellungen mussten abgesagt werden. Steht schon ein Ersatztermin fest?

Berger: Die Premiere von „Schau nicht unters Rosenbeet“ und vier weitere Termine konnten wir ja zum Glück noch spielen, und ja, drei Veranstaltungen mussten wir leider wegen „Corona“ absagen. Wir haben diese Termine jetzt auf den 31.10., 6.11 und den 7.11.2020 verschoben.

CF: Aufgrund der Pandemie musstest du zahlreiche weitere Veranstaltungen absagen bzw. verschieben. Wie es aussieht, ist die Frühjahrssaison vorbei, bevor sie begonnen hat. Und im Sommer habt ihr geschlossen. Habt ihr genug Rücklagen, um den Verdienstentgang zu kompensieren?

Berger: Ja, die Frühjahrssaison ist gelaufen. Alle Termine abgesagt, bzw. teilweise verschoben. Zum Glück liefen die Veranstaltungen im Jänner, Februar und auch Anfang März sehr gut, aber von Gewinnrücklagen kann man in der Kulturbranche nur träumen.

CF: Du wolltest heuer voll durchstarten. Wie gehst du damit um, wenn dir das Schicksal einen dermaßen unerwarteten Streich spielt?

Berger: Ich bin im zweiten Jahr meiner selbstständigen Tätigkeit und der Kalender war voller toller Events und neuer Herausforderungen. Durch das Aufbauen eines großen Netzwerkes in den letzten Jahren, haben sich im Frühjahr viele Möglichkeiten ergeben. Neben all den tollen Konzerten und Kabarettvorstellungen, sollten im März historische Kostüme eine „Reise“ ins Schloss Halbturn machen um dort Teil einer Ausstellung zu sein. Ein Video für eine CD-Produktion einer Künstlerin sollte in der Theaterei gedreht werden. Und jetzt ist alles auf „Eis“ oder fällt ganz aus. Die Stimmung schwankt zwischen „wie soll das alles nur weitergehen?“ und „das wird schon wieder, Hauptsache deine Liebsten sind alle gesund“. Schwer zu beschreiben diese Wellen zwischen Hoch und Tief.

CF: Wie sind die Rückmeldungen der Stammgäste?

Berger: Einige Stammgäste unterstützen mich mit dem Kauf von Gutscheinen und sprechen mir Mut zu. Die meisten behalten die gekauften Karten und nehmen den Ersatztermin war.

CF: Was kann der Staat, was kann das Land machen? Hast du das Gefühl, dass Privatinitiativen, die das kulturelle Leben mit viel Herzblut am Leben erhalten, genügend Unterstützung erfahren?

Berger: Gerade jetzt fühle ich mich von den Verantwortlichen im Stich gelassen. „Es ist genug für alle da“ und „jedem wird geholfen“ – da kommt mir nur das Lachen, eigentlich das Weinen. Aber ich bin nicht die Einzige, die durch diesen viel zu bürokratischen Rost fällt. Ich bin enttäuscht, denn 30 Jahr habe ich als Unselbstständige in System einbezahlt und mache jetzt schon 18 Jahre Kulturarbeit ohne jemals um eine Förderung beim Land angesucht zu haben, und jetzt wo ich wirklich einmal Hilfe brauche, bekomme ich nichts aus diversen Fonds.

CF: Falls sich die Situation im Herbst wieder normalisiert, musst du dann Abstriche im Programm machen? Oder packst du so viele Termine in das restliche Jahr, wie nur geht.

Berger: Ich muss auf jeden Fall Abstriche machen, es hat keinen Sinn das Programm zu überladen. Alle Veranstalter müssen in den Herbst verschieben daher wird es sowieso zu einem Kulturstau kommen.

CF: Wie schätzt du die Besucher ein? Werden sie, sobald die Regierung Entwarnung gibt, in Strömen von ihren Häusern in dein Haus kommen? Oder werden sie abwarten, ob die Lage wirklich so stabil ist, wie angekündigt? Oder werden sie vorsichtshalber mit Schutzmasken in den Publikumsrängen bzw. an der Bar sitzen?

Berger: Ich denke, dass sich meine Stammkunden nicht abschrecken lassen – in einigen Telefonaten haben sie bereits angekündigt, dass sie sich jetzt schon sehr auf das Herbstprogramm freuen. Besonders auf die Highlights wie Flo & Wisch mit ihrem neuen Programm „Lockvögel“, die Vorpremiere von Die Echten mit ihrem Jubiläumsprogramm, das Best of von Steinböck und die Udo Jürgens Story mit Alex Parker und Gabriela Benesch. Letzte Woche haben wir unser Herbstprogramm online gestellt und bereits die ersten Buchungen erhalten.
Aber ich denke, dass es länger dauert, bis das Haus wieder voll sein wird und darf. Es kommt natürlich auch auf die Maßnahmen der Regierung an. Mit Maske an der Bar einen Gin Tonic trinken, ist ein sehr befremdlicher Gedanke.

CF: Du hast 2006 den Song „Wenn die Kugel amoi rollt“ aufgenommen. Hast du in Zeiten wie diesen noch Zeit zu singen?

Berger: Gerade der Titel „Wenn die Kugel amoi rollt“ ist sehr passend für die derzeitige Situation. Im letzten Jahr hatte ich, abgesehen von drei bis vier Gastauftritten, sehr wenig Zeit zum Singen. Aber auch jede Krise hat seine Chance und so hoffe ich, dass ich mit der durch Corona gewonnen Zeit auch wieder mehr zum Singen komme. Jetzt wäre Zeit für die Planung und Umsetzung meines neuen Soloprogramms – Ideen habe ich bereits einige.

CF: Vielen Dank für das Interview.

Hier geht’s zur Homepage von Christa Berger: www.tschelsie.at/

Die Termine in der Theaterei und den Anfahrtsweg findet ihr in den City-Flyer Locations.

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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