Clemens J. Setz – Die Bienen und das Unsichtbare

Die Bienen und das Unsichtbare

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Grazer Schriftsteller gibt mit “Die Bienen und das Unsichtbare” einen spannenden Einblick in die faszinierende Welt der Plansprachen und ihren Erfindern, deren Schaffen oft belächelt oder gar als gefährlich gedeutet wurde.

Es ist eine gelungene Mixtur aus Wissenschaft und Abenteuer, wenn uns Clemens J. Setz in die Welt der Kunst- bzw. Plansprachen mitnimmt. Zu ihr gehören, neben der bekanntesten Kreation, dem Esperanto, auch Volapük, die feministische Sprache Láadan, Blissymbolics, Tolkiens Sprachen der Elben und einige mehr.

Der Schöpfer der berühmtesten und bis heute am häufigsten verwendeten Plansprache war der Augenarzt Ludwik Zamenhof, der sich selbst „Dr. Esperanto“ nannte. Passend dazu wird im letzten Kapitel die Lebensgeschichte des blinden russischen Esperanto-Dichters Vasilij Eroschenko erzählt. Für die einen war Eroschenko ein Popstar, bei anderen erweckte er Argwohn. In Sowjetrussland hielt man ihn für einen Bolschewisten-Feind, in China wurde er von der Geheimpolizei überwacht.

Nicht nach Plan verlaufen ist die Geschichte von Charles K. Bliss`s erfundener Bildsprache „Blissymbolics“, um die 20 Jahre musste dieser warten, bis er seine Anerkennung bekam. Lehrerinnen aus Kanada legten die Symbole jungen Patient*innen mit Zerebralparese vor, wodurch diese erstmals zeigen konnten, dass sie ein Bewusstsein haben. Doch die Freude von Bliss langersehntem Erfolg verblasste, als er erfuhr, dass die Lehrerinnen seine Sprache durch neue Wörter ergänzten und sie von den Patient*Innen durch Metaphern weiterentwickelt wurde (was er absolut nicht wollte). Bliss begann einen jahrelang anhaltenden Rechtsstreit gegen die medizinische Einrichtung.

Zum Schmunzeln gibt es ebenfalls reichlich, etwa, wenn Setz von den absurden Untertiteln einer Software erzählt, welche die Nobelpreisrede von Peter Handke übersetzte oder über Elisabeth Mann Borgese, die jüngste Tochter Thomas Manns, deren Hund Arli angeblich Gedichte auf einer Schreibmaschine tippen konnte.

Ihren Platz im Buch bekommen ebenso drei Künstler, die in der Niederösterreichischen Landesnervenklinik im „Haus der Künstler“ in Gugging untergebracht waren. Der berühmteste von ihnen war August Walla, der in seiner eigenen Fantasiesprache zahlreiche Arbeiten hinterlassen hat.

„August Walla beschriftete alles, was ihm in die Finger geriet, Wände und Bänke, Bäume und Bücher und Steine, auch sich selbst. Er hinterließ Tausende lesbare und auch unlesbare Texte, und wer sich einmal länger in seinem Buchstabenland aufhält, dem vergeht jedes verständige Hören und Sehen“.

Walla`s Texte waren zwar keine bewusst konstruierte Plansprache, sie zeigen jedoch, ebenso wie „Blissymbolics“, wie wichtig es ist, dass auch psychisch oder körperlich beeinträchtigte Menschen eine Möglichkeit zur Kommunikation mit ihrer Umwelt haben.

Liest man jede gedruckte Zeile in diesem Buch, kann dies mitunter etwas mühevoll sein, denn es finden sich darin zahlreiche Gedichte unterschiedlicher Plansprachen. Die jeweiligen Übersetzungen ins Deutsche sind aber vorhanden.

Auch wenn es kein Leichtes ist, völlig fremde Buchstabenensembles zu lesen: es kann spannend sein, sich in exotischen Wortgefügen zu verlieren. Lassen Sie sich daher auf das gelungene Experiment „Die Bienen und das Unsichtbare“ ein!

Die älteste der Kunstsprachen ist übrigens „Volapük“, sie wurde 1879/80 von Pfarrer Johann Martin Schleyer erschaffen und ihr Wahlspruch lautet:
“Menade bal püki bal” – Einer Menschheit eine Sprache.”

Clemens J. Setz – Die Bienen und das Unsichtbare
Suhrkamp, 2020 | Hardcover
416 Seiten | € 24,70

 

Claudia Zawadil
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Claudia Zawadil
DI (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Arthouse Cinema-Fan und Vinyl-Lover.

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