Daniel Hoesl konstatiert: “Uns fehlt die Mitte”

Der österreichische Regisseur Daniel Hoesl am World Economic Forum in Davos. Foto © European Film Conspiracy, z.V.g.
Der österreichische Regisseur Daniel Hoesl am World Economic Forum in Davos. Foto © European Film Conspiracy, z.V.g.

Die Loich im äußersten Südwesten von St. Pölten-Land ist vor allem eines – ursprünglich. Der aus der Loich stammende Regisseur Daniel Hoesl thematisiert in seinen Filmen das genaue Gegenteil. Es sind die Reichen und Schönen in ihren funktionalen Umgebungen, die er dem Leben im Prekariat gegenüberstellt und damit internationale Filmpreise heimholt.
Sein jüngstes Werk, eine Dokumentation über den jährlichen Austragungsort des „World Economic Forum“, dem Schweizer Ort Davos, wurde kürzlich beim Festival „Visions du réel“ vorgestellt.

Interview: Werner Harauer
Foto: European Film Conspiracy

City-Flyer: Du hast in einem Interview erwähnt, du bist durch Zufall Regisseur geworden. Wie wird man durch Zufall Regisseur?

Daniel Hoesl: Ich musste für mein Studium ein Praktikum machen und habe mich bei verschiedensten Künstlern beworben. Beispielsweise hätte ich auch bei Frank Castorf an der Volksbühne hospitieren können. Aber ich bin bei Ulrich Seidl („Hundstage“) gelandet und so nahm die Geschichte ihren Lauf.

CF: Kern deiner Filme ist die Kritik am Kapitalismus. Es geht um das Wesen des Geldes, um dessen ungerechte Verteilung, aber auch – wie beim Film „WinWin“ – um die Chancenungleichheit von Geburt weg. Du bildest im Film den Ist-Zustand, so wie du ihn wahrnimmst, ab. Hast du auch schon Lösungsansätze bzw. Utopien in deinen Filmen eingebaut?

Daniel Hoesl: Das Geldsystem hat sich in den letzten einhundert Jahren mehrmals geändert, beispielsweise durch die Abkommen von Bretton-Woods oder die Auflösung des Goldstandards. Wir BürgerInnen haben es in der Hand zu bestimmen, wie das Geldsystem reguliert wird und wie gesellschaftliche Werte festgelegt werden. Konkret spreche ich beispielsweise von den Möglichkeiten der Modern Monetary Theorie. Andererseits sind Formen der Gesellschaftsorganisation wie das Matriarchat für mich interessant, wo nicht individueller Profit im Vordergrund steht, sondern das Wohl der Allgemeinheit, also eine Gesellschaft in Balance. Da ist kein Funken Esoterik zu verorten. Änderung ist möglich.

CF: Wenn jemand in eine reiche Familie geboren wird, hat er/sie einen kaum zu nehmenden Vorteil. Wie willst du da Chancengleichheit walten lassen?

Daniel Hoesl: Wenn wir unsere Gesellschaftsform nicht ändern, dann wäre ich für Besteuerung. Hier müssten sich Millionäre aber keine Sorgen um ihr Geld machen. Ich spreche von der Besteuerung von Superreichen und auch für ein striktes Ende von Steueroasen. Es gibt so unfassbar viel Geld auf der Welt und wir können es uns nicht mehr leisten, dass manche Leute hungern und kein Dach über dem Kopf haben. Millionäre sind der neue Mittelstand. Ich denke, dass die Leere im Dasein vom Millionärsmaterialismus immer trauriger wird, weil es kein Fundament mehr dafür gibt, was diesem Wohlstand auszeichnet beziehungsweise besonders macht.

CF: Ist es zwingend notwendig, die einschlägigen Werke von Marx, Bourdieu, Piketty oder Foucault zu lesen, um Machtverhältnisse zu kritisieren?

Daniel Hoesl: Nein, aber es könnte einem helfen, den Blick auf die Welt zu schärfen. Ich habe in letzter Zeit einige Bücher von liberalen Autoren gelesen, um ihre Sicht der Dinge zu verstehen. Adam Smith würde ich auch empfehlen. Oder die Bücher von Ayn Rand.

CF: Kapitalismuskritik hin oder her: Ich finde die Art, wie in den USA Filme finanziert werden gar nicht mal so übel. Risikokapitalgeber, die meist keine Ahnung vom Film haben, investieren in zehn Filme in der Hoffnung, dass ein Kassenschlager die Verluste der neun Flops mehr als wettmacht. Mancher Flop stellt sich als wahre Perle heraus. Was hältst du von dieser Art der Filmfinanzierung?

Daniel Hoesl: Die USA sind ein Markt mit über 300 Millionen potentiellen BesucherInnen, während wir uns hier als Steuerzahler leisten, Kunst zu finanzieren, welche sich nie rechnen kann, weil wir diesen großen Markt nicht haben. Man darf Äpfel nicht mit Birnen vergleichen.

CF: Du hast die Rolle des kritischen Filmemachers selbst gewählt. Fühlst du dich in der Wahl der Themen nicht eingeschränkt?

Daniel Hoesl: Nein, ich interessiere mich für das Spannungsfeld von Gesellschaft und Wirtschaft und gehe damit auf verschiedenste Weise ein, mit Satire, mit Komödie, zuletzt mit einem Dokumentarfilm.

CF: Du hast gemeinsam mit Julia Niemann einen Film über dem schweizerischen Ort Davos gedreht, wo sich am „World Economic Forum“ alljährlich die mächtigsten Männer er Welt treffen. Wie funktionierte die Arbeitsteilung?

Daniel Hoesl: Wir haben uns sehr gut ergänzt. Julia hat viele Entscheidungen eingeleitet, die einerseits die Basis der Finanzierung betroffen haben, andererseits hat sie die Dramaturgie und den Schnitt geprägt. Weiters waren wir fast immer gemeinsam unterwegs und haben also fast alles gemeinsam gemacht. Eine tolle Zusammenarbeit seit vielen Jahren.

CF: Ihr wart über ein Jahr lang mit eurem kleinen Filmteam in Davos. Ihr habt euch sicher schon eingelebt und eine Menge Einwohner kennen gelernt. Hat man da noch die nötige Distanz, die man für eine Dokumentation wie „Davos“ braucht?

Daniel Hoesl: Ein Jahr ist ja eigentlich keine lange Zeit für ein Vertrauensverhältnis mit Menschen, deren Leben man abbildet. Dass ich aber für die Davoserinnen und Davoser eine Sympathie habe, ist gewissermaßen auch eine Voraussetzung.

CF: In vielen Bildern ist vom Leben der Davoser zu sehen. Seid ihr schon mit der Absicht hingefahren, die Paradoxien zwischen dem Leben der einfachen Einwohner und den WEF-Besuchern festzuhalten? Oder hat sich der Schwerpunkt im Laufe der Dreharbeiten erst entwickelt?

Hoesl: Die Paradoxien wurden durch die Dreharbeiten immer deutlicher und im Schnitt, bei dem sich aus der Fülle des Materials der eigentliche Film verdichtet hat, schälte sich letztlich die zentrale Frage heraus: „Leben wir in einer fragmentier­ten Welt, der die Mitte abhanden gekommen ist?“

CF: „Davos“ wurde erstmals beim Festival „Visions du réel“ aufgrund der Corona-Pandemie als Online-Premiere gezeigt. Wie fiel die Resonanz aus? Ist es über die Foreneinträge nicht viel schwieriger dahinter zu kommen, wie der Film aufgenommen wurde? Eine spontane Publikumsreaktion im Kinosaal stelle ich mir aussagekräftiger vor.

Hoesl: Die Rückmeldungen von Publikum und Protagonisten als auch von der Presse waren sehr gut. Natürlich hat der direkte Kontakt zum Publikum gefehlt. Ich würde es mit der Ausstrahlung eines Fernsehfilms vergleichen, da hast du auch keine direkten Rückmeldungen.
Natürlich freue ich mich darauf, wenn der Film im Kino zu sehen sein wird. Wichtig ist aber, dass der Film gesehen wird.

CF: Im Zuge der CoVid-19 Pandemie wurde „Davos“ für kurze Zeit und für eine beschränkte Seherzahl im Netz freigegeben. Erhöht diese Freigabe nicht die Chancen, Menschen außerhalb des Filmfestivalbetriebes zu erreichen? Könnte das eine Dauerlösung sein? Hat das Kino Zukunft?

Hoesl: Ja, ich denke es wird bei Festivals zu Hybridlösungen kommen, wo digitale Verfügbarkeit das Kinoangebot ergänzen könnte. Gewisse Filme möchte ich aber auf der großen Leinwand sehen; ich denke, da geht es ganz vielen so. In meiner nächsten Umgebung in Wien gibt es fünf Kinos, da habe ich natürlich andere Möglichkeiten als in meiner Heimatgemeinde Loich.

CF: Deine beiden vorhergehenden Filme „Soldate Jeannette“ und „WinWin“ waren Spielfilme, „Davos“ ist eine Dokumentation. Welches Genre ist dir näher? Welches geht dir leichter von der Hand?

Hoesl: Ehrlich gesagt wollte ich nie einen Dokumentarfilm machen, aber die Umstände haben mich dazu gezwungen. Nun habe ich Lust weitere Dokumentarfilme zu machen, aber mein Fokus hat sich nicht verschoben. Ich bevorzuge Spielfilme.

CF: Du erreichst mit deinen Filmen ein themenaffines Publikum. Jene Menschen, die unter der Globalisierung hauptsächlich leiden, sehen deine Filme nicht. Wie wäre es mit einer Komödie über Globalisierungsgewinner/verlierer? Welche Möglichkeiten siehst du, an oben erwähnte Zuseher zu kommen?

Hoesl: Das ist eine berechtigte Kritik, die in die Ästhetik von unserem Dokumentarfilm über DAVOS bereits eingeflossen ist. Bei diesem Film habe ich größten Wert darauf gelegt für ein Publikum lesbar zu sein, welches nicht vordergründig filmaffin ist. Mein kommendes Spielfilmprojekt wird noch weiter in diese Richtung gehen, sodass die Thematik ein breiteres Publikum findet.

CF: Du bist Gründer des Film-Kollektivs “A European Film Conspiracy“. Kannst du uns kurz die Funktion des Kollektivs schildern?

Hoesl: Unser Kollektiv ist ein Verein, der unabhängig von konventioneller Filmförderpraxis Filme herstellt. Beispielsweise wäre es in der Schweiz unter normalen Umständen nicht möglich einen Film zu machen, wie wir ihn gemacht haben, weil wir kein Drehbuch vorgelegt hatten. Deshalb hat uns die Zürcher Filmförderung abgelehnt. Wir haben den Film trotzdem gemacht; mit wenig Geld, aber ohne der formatierenden Erwartungshaltung, die künstlerische Freiheit erstickt.

CF: Du kommst immer wieder in die Loich, um in Ruhe zu arbeiten. Sind die Verlockungen in der Großstadt zu groß? Wie schwer fällt es dir, dich 14 Tage in der Wiener Wohnung in Klausur zu begeben?

Hoesl: Wien ist mir so aufregend oder langweilig wie Loich, nur dass es in Wien weniger Wald gibt. Davos ist auf ungefähr 1500m Seehöhe und ich war manchmal zwei Monate am Stück dort, und glücklich. Von dort sind es übrigens nur 2,5 Stunden nach Mailand, wo es mir viel besser gefällt als in Wien.

CF: Die österreichische Filmszene ist sehr klein. Brät man da nicht zu sehr im eigenen Saft? Kommen da nicht immer wieder dieselben Inputs?

Hoesl: Die österreichische Filmszene ist groß, gemessen daran, wie klein unser Land ist. Es gibt tolle Leute, die oft sehr unterschiedliche Ziele verfolgen.

CF: Du warst bei Ulrich Seidl Regieassistent. Nimmt man da etwas von seiner Arbeitsweise mit?

Hoesl: Ulrich Seidl ist ein verdammt großartiger Regisseur, wenn ich da irgendwas von ihm mitgenommen habe, super. Glücklicherweise habe ich aber ganz andere Interessen und war nie verleitet abzukupfern.

CF: Ich hab gelesen, Seidl hat einen ziemlichen Verschleiß an Regieassistenten. Wie lange hast du bei ihm gearbeitet?

Hoesl: Ich war wohl acht Jahre bei ihm und bin immer noch mit ihm in Kontakt und mit seiner Firma verbunden, die mein nächstes Projekt produzieren wird. Seine Weihnachtsfeiern sind legendär!

CF: Du hast schon eine Menge nationaler und internationaler Filmpreise erhalten. Helfen die Preise bei der Finanzierung zukünftiger Filmprojekte?

Hoesl: Ich wünschte sagen zu können, das trifft zu. Aber leider gestaltet sich die Finanzierung meiner Projekte nach wie vor sehr schwierig.

CF: Wird man als Regisseur nicht dazu angehalten, mit Kalkül auf den nächsten Preis hinzuarbeiten, um seinen „Marktwert“ zu erhöhen?

Hoesl: Ich denke, dass RegisseurInnen, die auf ihren Marktwert achten, das einkalkulieren. Meine Sache ist das nicht und vielleicht ist das eine Schwäche. Ich verfolge mein Interesse, unabhängig davon, ob mein Thema, nämlich „Der Preis des Geldes“, gerade en vogue ist. Ich denke aber, dass dieses Thema immer mehr an Relevanz gewinnen wird.

CF: Es gibt ein Foto von dir, auf dem du den “outstanding artist award” von Bundesminister Gernot Blümel entgegen nimmst und dermaßen angepisst ins Leere blickst, dass ich mir das Lachen nicht verkneifen konnte. Wie fühlt man sich, von jemanden geehrt zu werden, der meilenweit von den eigenen Prinzipien entfernt ist?

Hoesl: Zum einen muss ich sagen, dass ich als Vorstandsmitglied des Verband Filmregie lange den Kontakt und Dialog zu Herrn Blümel suchte. Leider hat er uns zu jener Zeit nie einen Termin gegeben. Auch die Verleihung hat er vorzeitig verlassen.

CF: Was kannst du als österreichischer Filmemacher noch erreichen?

Hoesl: Oh, wie schön wäre es, einmal einen Film mit einem normalen Budget und ohne Ausbeutung und Prekariat zu machen!

CF: Hast du bereits ein neues Projekt ins Auge gefasst? Wieder eine Doku, oder ein Spielfilm? Oder etwas ganz anderes?

Hoesl: Zurzeit bin ich in Berlin als Autor für eine Serie engagiert, die nächstes Jahr gedreht werden soll. Weiters hatte ich selbst eine schöne Rolle in einem Spielfilm neben Lilith Stangenberg und Corinna Harfouch, der hoffentlich bald seine Premiere haben wird. Ich hatte im Film die Ehre, einen adeligen Schnösel zu spielen, was mir größte Freude gemacht hat!
Selber plane ich einen Spielfilm über einen Milliardär und seine Familie, der gerne zur Jagd geht – jedoch keine Tiere jagt. Und außerdem einen Dokumentarfilm über einen Ort im Tessin, wo sich das größte Casino Europas befindet – es ging allerdings bankrott und steht leer. Wieder ein Paradox!

CF: „Davos“ ist im Jänner 2021 in Österreichs Kinos zu sehen. Weißt du schon, ob er auch in St. Pölten gezeigt wird?

Hoesl: Meine bisherigen Filme waren immer in St. Pölten zu sehen. Ich hoffe, dass es diesmal auch so sein wird, aber fix ist es nicht. Das hängt von den Betreibern der Kinos ab, in diesem Fall vom Cinema Paradiso.

CF: Vielen Dank für das Interview.

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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