dsud – the new Gods of Thunder

Die Prog-Rock Band dsud im Proberaum (v.l.n.r.): Stefan Dangl (guit.), Clemens Rosenthaler (dr.) und Alexander Gruber (bass) Foto: Niamh Jones, z.V.g.
Die Prog-Rock Band dsud im Proberaum (v.l.n.r.): Stefan Dangl (guit.), Clemens Rosenthaler (dr.) und Alexander Gruber (bass) Foto: Niamh Jones, z.V.g.

Seit gut einem Jahr existiert das instrumentale Prog-Rock-Trio dsud, benannt nach einer Extremwetterlage in der Mongolei. Der Bandname und der bisherige Weg der Musiker lässt bereits Schlüsse zu, was uns akustisch widerfährt. Der erste Live-Auftritt im Freiraum verfestigt das Bild. Jetzt wird an der Debut-EP gearbeitet. Oder gleich an einer LP?

Die Welt ist ein Dorf. Oder ist Loosdorf die Welt? Die Musiker von dsud verbringen jedenfalls ihre Kindheit und Jugend ebendort. Stefan Dangl und Clemens Rosenthaler sind Nachbarn, wachsen gemeinsam auf, gehen gemeinsam auf Konzerte und starten relativ zeitgleich mit dem Erlernen ihrer Instrumente. Über Clemens lernt Stefan Alexander Gruber kennen und das trio infernale hat sich gefunden. Noch gibt es keine gemeinsame Band. Alexander und Clemens werken als Gitarrist bzw. Schlagzeuger bei Green Coloured Sun, während Stefan in der progressiven Death Metal Band Defiled Utopia spielt. Er mischt und mastert auch beide Green Coloured Sun Alben.
Inzwischen sind alle drei Musiker nach St. Pölten gezogen und der Wunsch reift heran, ein gemeinsames Bandprojekt zu starten. dsud war geboren. Doch welche Musik schwebt dsud vor? Das sollen sie uns am besten selbst erklären.

Interview: Werner Harauer
Foto: Niamh Jones, z.V.g.

City-Flyer: Ich hab mir heute von der Prog-Rock Band Rush „Moving Pictures“ aus dem Jahr 1981 angehört, weil die Neuauflage der LP auf pitchfork.com eine Spitzenbewertung bekam. Technisch brilliant, der Sänger Geddy Lee ist ein Unikat, aber was bitte hat das im Jahr 1981 verloren?
Worauf ich hinaus will: warum glaubt ihr hat Prog-Rock bzw. Psychedelic-Rock, der ja aus den späten 60ern und frühen 70er stammt, heute wieder eine Bedeutung?

Stefan Dangl: Auch wenn der Progressive Rock seinen Höhepunkt in den 70er hatte, hat er noch nie an Bedeutung verloren. Der Sound, das Songwriting entwickeln sich weiter. Gerade “Moving Pictures” ist ein sehr gutes Beispiel. Das Album lässt sich nicht mehr mit Alben wie “In the Court of the Crimson King” von King Crimson vergleichen. Man kann es vielmehr als progressive Variante des 80er Rocks sehen.

Alexander Gruber: Ich denke Prog-Rock ist nicht nur ein Genre, sondern vielmehr eine Einstellung oder Herangehensweise zur Musik. So gesehen funktioniert Prog Rock immer und die Idee lässt sich in jedem Genre und zu jeder Zeit verwirklichen. Hör dir beispielsweise King Crimson Platten aus den 70ern und den 90ern an, da hörst du immer genau das Jahrzehnt in dem sie entstanden sind und dennoch klingen sie immer nach derselben Idee und immer nach King Crimson. Prog ist nicht die Musik an sich sondern die Idee dahinter. In den 80ern haben beispielsweise Bands wie Universe Zero auch klassisch kammermusikalische Mittel mit Prog verbunden und in jüngerer Zeit beweisen The Mars Volta oder Tool was diese Idee aus Punk oder Metal machen kann.

CF: Ich hab die Bedeutung von „dsud“ gegoogelt. „dsud“ bezeichnet eine extreme Wetterlage in der Mongolei, bei der eine große Zahl von Nutztieren aufgrund von Hunger oder Kälte stirbt. Ein sehr deprimierender Name für eine Band, findet ihr nicht auch?

Clemens Rosenthaler: Bei unserem Bandnamen geht es uns nicht darum, Tod und Leiden zu betonen. Wir waren auf der Suche nach einem fern klingenden Wort, mit dem wir unserer Musik einen Namen geben wollten. Wenn jemand darin eine Bedeutung sucht, dann würde ich sagen, es geht uns um das Naturphänomen, um diese raue und pure Spielart unserer Natur und die Atmosphäre, die wir damit assoziieren und nicht um die leidvollen, humanitären Folgen, die damit verbunden sind.

Alexander: Uns hat der Klang des Wortes einfach gut gefallen und auch die Verbindung zu den weiten, einsamen Steppen des fernen Ostens. Wenn Du aber eine Bedeutung in unserem Namen finden willst, dann ist der Name vielleicht als Warnung zu verstehen, dass, wenn wir unser Handeln in Bezug auf den Umgang mit unserem Planeten und seinen Ressourcen nicht unmittelbar ändern, Extremwetter-Phänomene wie ein Dsud uns bald alle heimsuchen wird.

CF: Ich find den Namen auch extrem gut. Alexander und Clemens, ihr spielt auch bei der Band Green Coloured Sun. Der Bandname strahlt irgendwie positive Vibes aus. Ist dsud die böse Variante von Green Coloured Sun?

Clemens: Nach dem es mit dsud konkreter geworden ist, bin ich bei GCS letztes Jahr ausgestiegen.

Alexander: Ich denke nicht, dass unsere Musik böse oder düster ist. Sicherlich ist sie oft härter und schwerer als jene von GCS, sie überrascht aber immer wieder auch mit verspielten und melodiösen Elementen. Auf jeden Fall ist sie anders.

CF: Beide Bands sind im Psychedelic- und Prog-Rock beheimatet. Abgesehen davon, dass ihr nur drei Bandmembers habt und auf den Gesang verzichtet: was unterscheidet euch von GCS noch?

Clemens: Ich glaube es wäre irreführend, den Stil von dsud über die Unterschiede oder Ähnlichkeiten zu GCS zu definieren. dsud gibt es nun seit einem guten Jahr. Wir sind mit keinem geschlossenen Konzept an die Sache herangegangen, sondern das Erarbeiten unseres Materials war bis jetzt ein recht offener Prozess, aus dem nun mehr und mehr unsere persönliche Handschrift hervortritt. Was sich durch unsere Songs zieht, ist ein Experimentieren mit verschiedenen rhythmischen Ideen, ein Hang zu exotisch klingenden Tonleitern, sowie Kontraste in der Dynamik und Stimmung innerhalb und zwischen den Songs.

Alexander: Stilistisch hat die Musik von dsud und GCS nicht viel gemeinsam. Auch unsere Herangehensweise an das Songwriting und das Proben ist eine gänzlich andere. Die Spannweite innerhalb des Prog- und Psychedelic-Rocks ist ja genauso groß und vielfältig, wie unsere persönlichen musikalischen Präferenzen und Einflüsse.

CF: Ist dann dsud ein Sideprojekt von GCS, in dem ihr Songs probiert, die nicht zu Green Coloured Sun passen?

Alexander: Nein. dsud ist keinesfalls ein Sideprojekt, sondern etwas gänzlich Neues. Wir verfolgen dabei ganz andere Ziele und setzen andere musikalische Ideen um.

CF: Wird dem Publikum nicht langweilig, wenn ich eine Dreierformation habe, die mit ihren Instrumenten beschäftigt ist und ohne Frontmann auskommt? Wer macht die Show? Oder macht ihr Kopfmusik?

Stefan: Jedes unserer Lieder baut auf gewissen musikalischen Ideen auf, die sich von herkömmlicher Musik unterscheiden. Sei es jetzt die Songstruktur, die Rhythmik oder Spielereien auf tonaler Ebene. Das Unübliche und Überraschende sorgt dann live für die Unterhaltung.

Alexander: Bei dsud geht es um die Musik. Wir verzichten bei Konzerten bewusst auf unnötiges Pathos oder die typische Rock-Attitüde, das lenkt nur ab. Keiner von uns steht im Vordergrund – wir spielen gemeinsam, weil es uns so gelingt, unsere musikalischen Vorstellungen zu verwirklichen und uns das Ergebnis gefällt. Ob es dem Publikum auch gefällt, muss es natürlich selbst entscheiden. Was die Zukunft noch bringt, ist letztlich offen. Wir befinden uns schließlich erst am Anfang der Reise. Vielleicht brauchen wir eines Tages Gesang, Keys oder eine Posaune, um unsere Ideen umzusetzen.

CF: Im September 2019 spielte die Band Klanthu im Freiraum ihren – soweit ich weiß – ersten und einzigen Gig. Paul Schubert (guit.), Michael Willomitzer (guit.), Christoph Hödl (bass) und Johannes Forstreiter (dr.) von Klanthu haben sich auch dem Prog-Rock verschrieben und eine EP veröffentlicht. Wie geht ihr es an, um die Booker von euren Live-Qualitäten zu überzeugen?

Clemens: Meinst du Klanthu konnte die Booker nicht überzeugen?

Alexander: Lustigerweise war ich auf dem besagten Konzert und von Klanthu hellauf begeistert. Hallo Klanthu, falls ihr das also lest und mal Lust auf ein gemeinsames Konzert habt, würde uns das sehr freuen.

Stefan: Durch diese Frage bin ich erst auf Klanthu gestoßen – ein echt geiles Projekt!

CF: Stefan, hast du 2016 als Gitarrist der Band Cosmo beim Jugendmusikwettbewerb teilgenommen? Ich nehme an, dass du damals noch keinen progressiven Rock gespielt hast. Woher kommst du musikalisch?

Stefan: Diese Frage birgt nur eine Wahrheit – meinen Namen. Ich spielte früher nicht in der Band Cosmo, sondern in der progressiven Death Metal Band Defiled Utopia. Das erklärt auch meine musikalische Herkunft. Hab ich einen Namensvetter in St.Pölten?

CF: Wo seit ihr eigentlich ortsmäßig ansässig? Seid ihr alle St. Pöltner Stadt/Land?

Alexander: Spannenderweise sind wir alle in der Umgebung von Loosdorf aufgewachsen und mehr oder weniger unabhängig voneinander nach St. Pölten gezogen. Wir sind mittlerweile fest in dieser Stadt verwurzelt.

CF: Wie seid ihr auf Stefan gestoßen?

Clemens: Stefan und ich waren früher Nachbarn und sind gemeinsam aufgewachsen. Wir tauschten recht früh bereits Musik aus, gingen gemeinsam auf Konzerte und haben relativ zeitgleich gestartet unsere Instrumente zu lernen. Von Punk und Metal beeinflusst, haben wir dann begonnen Songs zu covern und zu schreiben und später mit anderen Musiker gemeinsam geprobt. Nachdem ich bei GCS begonnen habe, hatten Stefan und ich eine längere Schaffenspause. 2020 haben wir wieder Songideen ausgetauscht und Ende desselben Jahres zu Proben begonnen.

Alexander: Stefan kannte ich schon lange als Freund von Clemens, außerdem hat er beide GCS-Alben gemischt und gemastert.

CF: Stefan spielt die Gitarre bei dsud und Alexander musste von der Gitarre (bei GCS) auf den Bass umsteigen. Alexander, spielst du lieber/besser den Bass, oder die Gitarre?

Alexander: Ob ich besser Bass oder Gitarre spiele und wie gut ich das überhaupt kann, sollen lieber andere entscheiden. Tatsächlich macht mir das Bass-Spielen aber mittlerweile mehr Spaß. Ich kann mich am Bass besser auf das Wesentliche – also das Spielen selbst – fokussieren und benötige nicht so viele technische Spielereien und Effekte, außer natürlich ein Fuzz ;). Auch das Zusammenspiel mit Clemens am Schlagzeug, das mir schon immer sehr wichtig war, ergibt am Bass viel mehr Sinn als wenn ich die Gitarre in der Hand halte.

CF: Dem Foto nach zu urteilen probt ihr in den Proberaumcontainern bei der Müllhalde St. Pölten. Besteht dort die Möglichkeit, sich mit Musiker*innen anderer Bands auszutauschen?

Alexander: Durchaus. Allerdings sind wir meist so aufs Proben und Songwriting konzentriert, dass nicht allzu viel Zeit dafür bleibt.

Clemens: Mich freut es immer wieder, bei unseren Proben von den Räumen nebenan die Musik der anderen Bands zu hören. Es macht das Leben, welches in der lokalen Szene steckt, hörbar. Ich finde die Rockszene bei uns sehr vielfältig.

Stefan: Auf diesem Wege möchten wir uns nochmal bei der Stadt St.Pölten für diese großartige Location bedanken!

CF: Ihr habt am 25. Februar im Freiraum euer Live-Debüt gegeben. Interessanterweise mit The End Of Radio, derselben Band, die den oben genannten Konzertabend mit Klanthu bestritt. Habt ihr schon weitere Gigs in Aussicht?

Alexander: Wir haben vergangene Woche einen Gig in Oberösterreich gespielt, der sich spontan ergeben hat. Weitere Konzerte kommen bestimmt bald, aber noch ist nichts fixiert.

CF: Ende November 2021 fand ich die Meldung in den Sozialen Medien, dass ihr an einer EP arbeitet. Wann werden wir sie zu hören bekommen?

Alexander: Wir haben eben ein erstes Pre-Recording im eigenen Proberaum hinter uns und mit verschiedenen Möglichkeiten beim Recording experimentiert. Nun sind wir dabei, unseren Songs den letzten Feinschliff zu verpassen. Als nächstes brauchen wir einen Ort an dem die eigentlichen Aufnahmen stattfinden können. Bis das alles soweit ist, wird es also noch dauern. Wir wollen uns bewusst keinen Stress machen, sondern ein Ergebnis liefern, mit dem wir zufrieden sind. Wenn es soweit ist, werden wir das jedenfalls auf den üblichen Kanälen kundtun und vielleicht magst Du uns dann ja auch nochmal erwähnen.

CF: Wird sich einrichten lassen 😉 Wisst ihr schon, wie viele Songs die EP enthalten wird? Und gibt’s bereits einen Titel?

Alexander: Titel gibt es noch keinen. Auch die Songs haben bisher nur recht witzige Arbeitstitel. Wir wollten uns dadurch bisher nicht von der Musik ablenken lassen. Wie es derzeit ausschaut, wird das ganze von der Spielzeit her keine EP, sondern sogar eher ein vollwertiges Album.

CF: Für welche österreichische Band, die in eure Richtung schlägt, würdet ihr gerne den Support spielen? Und in welchem Club?

Alexander: Da gibt es eine ganze Menge. Es gibt ja zum Glück viel gute Musik in Österreich. Bands mit denen ich auf sehr gerne spielen würden, wäre MILK+. Und wenn Du nach einem Club fragst und ich mal ganz frech träumen darf, dann würde ich gerne im Radiokulturhaus spielen. Ich war dort unlängst auf einem Konzert und sowas von begeistert.

Clemens: Ich bin ein großer Fan von Mother’s Cake. Aber grundsätzlich bin ich immer wieder überrascht mit wie vielen großartigen Bands man durchs Livespielen in Kontakt kommt. Am liebsten spiele ich auf kleinen Festivals bei denen man auch gleich Gast bleibt und das gesamte Wochenende verbringt.

Stefan: Als Support für 5K HD aufzutreten wäre echt cool. Der Club ist mir nicht so wichtig, solange die Atmosphäre und das Publikum passt.

CF: Ich bedanke mich für das Interview.

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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