Elias Hirschl – Content

Elias Hirschl - Content

 

 

 

 

 

 

 

 

In einer Content-Fabrik werden sinnlose Listen und Videos für Social Media Plattformen produziert. Die Mitarbeiterinnen wundern sich täglich, warum sie noch immer nicht von einer KI ersetzt wurden. Bitterböse Romansatire über eine Welt, in der Menschen nur mehr als Hüllen fungieren.

Die Erzählerin in „Content“ arbeitet bei der Firma “Smile Smile”, die direkt über einem stillgelegten Bergwerk in einer Stadt namens „Staublunge“ liegt. Sie erstellt Listicles, also Auflistungen von Fakten oder Tipps, die meistens aus 10 Teilen bestehen und auf diversen Social Media Plattformen geteilt werden.

Die Inhalte, die sie und ihre Kolleginnen Karin und Marta (Video-Producer) und auch die anderen Mitarbeiter produzieren, wird nachträglich von der PR-Abteilung und einer internen Prüfstelle so stark zensuriert, dass am Ende vom Original nichts mehr übrigbleibt.

Während sich die Erzählerin nach einem halben Jahr damit abfindet, das sie selbst und ihre Arbeit völlig überflüssig sind, treibt Karin, die schon länger dort arbeitet, dieser Umstand erst nach etwa drei Jahren in den Wahnsinn. Eines Tages, nachdem sie ohne Pause stundenlang hunderte von Listicles produziert hat, steht sie auf, geht in die Video-Abteilung und steckt blitzschnell ihre rechte Hand in eine Hydraulikpresse, bei der Marta gerade vor laufender Kamera eine Mikrowelle und somit auch Martas Hand zerquetscht.

Letztendlich ersetzt sich die Erzählerin selbst, in dem Sie eine KI erfolgreich darauf trainiert, fortan für sie die Listicles zu erstellen und abzuschicken. Den Chefs fällt es nicht auf, dass sie nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz erscheint, das Gehalt wird ihr weiter aufs Konto überwiesen.

Aber nicht alles ist düster in diesem Buch. Es darf auch geschmunzelt werden, etwa, wenn von der „Is it Cake?“ Ära erzählt wird, in der diverse Alltagsgegenstände im Büro durch täuschend echt aussehende Kuchen-Kopien ausgetauscht wurden und man so statt der Computer-Mouse oder der Kaffeetasse seine Finger plötzlich in einem Kuchen stecken hatte. Oder, wenn beim Thema Musik die Rede von „One-Second-Alben“ ist, bei denen kein Song länger als eine Sekunde dauert. Dass man sich solch eine Kakophonie natürlich nicht anhören kann, ist nicht weiter verwunderlich.

Eine Szene, ganz im Stile eines Cronenberg, darf ebenfalls nicht fehlen: Aufgrund eines Stromausfalls fährt die Protagonistin ungewollt mit dem Fahrstuhl (der eigentlich ein alter Förderkorb mit Ummantelung ist) tief nach unten in den Bergwerksstollen. Dort findet sie in einer Halle einen riesigen organischen Klumpen, der an zahlreiche Kabel und Schläuche angeschlossen ist. Worum es sich dabei handelt, erfährt man später im Buch.

Elias Hirschl ist mit „Content“ eine böse, aber unterhaltsame Romansatire gelungen, die eine frustrierende Version der sehr nahen Zukunft zeigt und kaum mehr fiktiv ist. Deutliche spürbare Erdbeben sind zu gewöhnlichen Ereignissen geworden, die niemanden mehr erschrecken, eine Ewigkeitspumpe läuft Tag und Nacht, damit der Grundwasserpegel nicht ansteigt und dadurch ehemalige Bergwerksstollen zum Einstürzen bringt. Und es lässt sich nicht leugnen, dass der meiste Content auf diversen Social Media Channels schon jetzt meist sinnbefreit ist.

Elias Hirschl
Content

Roman | Zsolnay
220 Seiten | € 23,70

Claudia Zawadil
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Claudia Zawadil
DI (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Arthouse Cinema-Fan und Vinyl-Lover.

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      miss_marple
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