Erlesener Feminismus: Feministischer Leseclub

Erlesener Feminismus: Feministischer Leseclub
Ursula und Maja vom Feministischen Leseclub laden zum Lesen und Diskurs ein. Foto: Christoph Böhm, z.V.g.

Bücher und Feminismus begleiten Maja Sito und Ursula Ebel schon seit ihrer Jugend, in der sie sich vor über zwei Jahrzehnten am Gymnasium in Lilienfeld anfreunden. Dass sie im Vorjahr gemeinsam einen feministischen Leseclub in St. Pölten initiiert haben, ist für sie daher eine logische – und schöne – Konsequenz.

„Durch Literatur ist es im Idealfall möglich, mehr zu sehen als zuvor“, führt die in Pottenbrunn lebende Literaturvermittlerin und -kritikerin Ursula (39) ihre Beweggründe für den Feministischen Leseclub aus. „Feminismus kann als ‚Tool‘ helfen, die Welt, die über Jahrtausende primär von Männern geprägt wurde, auf andere Weise zu begreifen.“ Die Ungleichheiten, gibt sie zu bedenken, bemerken wir nämlich nicht so en passant. „Wir müssen erst lernen, sie zu sehen – und das geht nur, wenn man* sich auf die Expertise von anderen verlässt und sie in die eigene Gedankenwelt aufnimmt.“

Feminismus hilft, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen, ist auch Kommunikationsexpertin Maja (39) überzeugt, denn: „Wir leben in einer komplexen Welt und gesellschaftlichen Strukturen, die durchwegs patriarchal und kapitalistisch geprägt sind.“

Im November fiel der Startschuss für den Club, der nun als regelmäßige Literatur-Veranstaltung im Cinema Paradiso stattfindet. Das nächste Mal am 14. Juni. „Wir haben beim letzten Mal im März gemeinsam Buchtitel gesammelt, die wir als aktuell und spannend erachten“, gibt Ursula Einblick zum Juni-Programm, „die hohen ästhetischen Prinzipien gerecht werden und wichtige Inhalte aufgreifen.“ Die Wahl fiel auf „Dream Count“ von Chimamanda Ngozi Adichie, einem Roman über vier Frauen zwischen Nigeria und den USA, sowie auf Manon Garcias „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“ – einem Sachbuch über die vielen Facetten von Gewalt an Frauen.

„Gleichzeitig ist es keine starre Voraussetzung, beide Bücher zur Gänze gelesen zu haben“, wirft Maja ein: „Es trägt zur gemeinsamen inhaltlichen Auseinandersetzung bei, aber wir begrenzen uns nicht, sondern bewegen uns zwischen literarischen und gesellschaftspolitischen Themen und Perspektiven. Die Bücher sind für diesen Austausch der Ausgangspunkt.“

Ursula Ebel und Maja Sito vom Feministischen Leseclub im Interview

Fragen: Althea Müller
Foto: Christoph Böhm, z.V.g.

CF: Welchen Zugang zum Thema Feminismus bringt ihr mit – wie war euer Weg zum Leseclub, woher kam eure Idee und wie seid ihr in die Umsetzung gekommen?

Ursula: Neulich habe ich in einem Gedichtband der tschechischen Lyrikerin Marie Iljašenko folgende Zeile gelesen: „Wir lernen lieben und sehen“. Da steckt schon vieles drin. Durch Literatur ist es im Idealfall möglich mehr zu sehen als zuvor, wir lernen Lebenswirklichkeiten kennen, andere Schicksale, Blickwinkel und vieles mehr. Es erschließt sich die Welt ›besser‹ als zuvor, und besser heißt für mich in diesem Zusammenhang umfassender. Stichwort: umfassend, hier lässt sich mein Verständnis von Feminismus wiederum gut einbauen. Denn Feminismus kann als einziges ›tool‹ dabei helfen, die Welt, die, wie alle wissen, über Jahrhunderte und Jahrtausende primär von Männern geprägt wurde, auf andere Weise zu begreifen. All die Ungleichheiten bemerken wir nicht so en passant, wir müssen erst lernen sie zu sehen, und das geht nur wenn man* sich auf die Expertise von anderen verlässt und sie in die eigene Gedankenwelt aufnimmt.

Maja: Ursula und ich sind seit der Schulzeit am Gymnasium in Lilienfeld miteinander befreundet und wir wollten schon immer ein gemeinsames „Projekt“ realisieren, einmal war es zum Beispiel ein Wiener Stadtplan. Seit einigen Jahren arbeite ich auch in St. Pölten und Ursula wohnt mittlerweile in Pottenbrunn. Bücher und Feminismus haben uns beide seit der Jugend begleitet und da war der feministischer Leseclub eine logische und zugleich schöne Konsequenz.

CF: Am 14.6. ist die nächste Ausgabe im Cinema. Was erwartet die Besucher:innen – was verpassen wir, wenn wir nicht dabei sind?

Ursula: Wir haben gemeinsam im Kollektiv bei unserem letzten Leseclub am 8. März 2026 Titel gesammelt, Buchtitel, die wir als aktuell, wichtig und spannend erachten, die hohen ästhetischen Prinzipien gerecht werden, wichtige Inhalte aufgreifen. Folgende Titel haben wir ausgewählt:
Chimamanda Ngozi Adichie: »Dream Count« (Fischer Verlag), ein aktueller Roman über vier Frauen und vier Leben, zwischen Nigeria und den USA.
Manon Garcia: »Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess« (Suhrkamp), ein Sachbuch über die vielen Facetten von Gewalt an Frauen.

Maja:Gleichzeitig ist es keine starre Voraussetzung, beide Bücher zur Gänze gelesen zu haben. Es trägt sicherlich zur gemeinsamen inhaltlichen Auseinandersetzung bei. Im feministischen Leseclub möchten wir uns nicht begrenzen. Wir bewegen uns bewusst zwischen literarischen und gesellschaftspolitischen Themen und Perspektiven. Mit dem feministischen Leseclub schaffen wir den Rahmen für einen solchen Austausch – die literarischen Werke oder Sachbücher sind der Ausgangspunkt.

CF: Was bedeutet für euch heute Feminismus, sprich: wie hat sich die Bedeutung des Begriffs im Verlauf eures Lebens verändert?

Maja: Klar, mit 16 Jahren standen ganz stark Frauenrechte oder die Sozialisierung der Frau in der (westlichen) Gesellschaft im Vordergrund. Heute habe ich ein sehr breit gefasstes Verständnis von Feminismus – ich betrachte ihn als eine, wenn nicht sogar, die wichtigste Menschenrechtsbewegung. Darin finden sich Aspekte sozialer Gerechtigkeit und Intersektionalität, ohne diese lässt sich Feminismus für mich heute nicht mehr denken.

Ursula: Meine Vorstellungen von Feminismus haben sich glücklicherweise auch etwas verschoben und weiterentwickelt, einfach weil der Diskurs immer weitergeht, und neue Themengebiete, Terrains.. kontinuierlich erschlossen werden, gleichzeitig ist auch ein wesentliches Kriterium geblieben, dass es darum gehen soll, dass sie Welt für alle gerechter werden kann. Dafür setzen wir uns ein, im privaten und beruflichen Kontext, in der Schule war das schon ein Thema, wo wir auch dank feministischer Bewusstseinsbildung gute Freundinnen geworden sind. Nun geht das Engagement auch in Form des feministischen Leseclubs weiter.

CF: Wo seht ihr Potentiale und Herausforderungen für Feminismus an sich im täglichen Leben – und wo in der Literatur?

Maja: Wir leben mittlerweile in einer komplexen Welt und gesellschaftlichen Strukturen, die durchwegs patriarchal und kapitalistisch geprägt sind. Feminismus hilft mir dabei, diese Strukturen stets kritisch zu hinterfragen.

Ursula: Es gibt eine Reihe an Potentialen, eine große Palette sozusagen, das Bemerkenswerte am Feminismus ist ja, dass es kaum einen Bereich gibt, wo eine feministische Perspektive nicht gefragt ist, eher anders: es gibt gar keinen solchen Bereich.

CF: Sind eure Veranstaltungen nur für Frauen?

Maja: Wir freuen uns über alle, die gerne mitreden oder einfach auch nur dabeisitzen und zuhören möchten. Die nächste Möglichkeit ist am 14.6.2026 ab 16 Uhr in der Bar im Cinema Paradiso. Gerne auch mit kurzer informeller Anmeldung unter femleseclub@gmail.com

Ursula: Genau, unsere Veranstaltungen sind für alle, die sich gerne mit literarischen Texten beschäftigen möchten und über diese ins Gespräch kommen wollen. Dadurch ergibt sich Vernetzung von Menschen in St. Pölten und Umgebung, die die Welt abseits von den gängigen Plattformen kennenlernen möchten. Und am 14. Juni gibt’s ja die Sommer-Edition! Da können wir witterungsbedingt hoffentlich draußen unter den Sonnenschirmen im Schanigarten sitzen und diskutieren.

Feministischer Leseclub – Sommer-Edition:
14.6.2026 ab 16 Uhr in der Bar im Cinema Paradiso. Gerne auch mit kurzer informeller Vorab-Anmeldung unter femleseclub@gmail.com
Instagram: www.instagram.com/feministischerleseclub_stp/

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