Eva Menasse – Dunkelblum

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit ihrem beeindruckenden Roman über eine burgenländische Kleinstadt ist Menasse eine schwarzironische Geschichte über ein Endphaseverbrechen und dem Fall des Eisernen Vorhangs gelungen.

Ort des Geschehens in Eva Menasses schwarzhumorigem Sittenbild ist die ungarisch-österreichische Grenzstadt Dunkelblum im Jahr 1989. Beinahe alle der zum Teil wunderlichen Bewohner*innen möchten die „braune“ Vergangenheit vergessen sein lassen, obwohl sich in ihrer Mitte ein alter Nazi und ehemaliger Gauleiter-Stellvertreter befindet.

Die unliebsame Erinnerung an diese Zeit hat mit dem Massaker im März 1945 zu tun, als etwa 180 nicht mehr einsatzfähige jüdische Zwangsarbeiter, welche den völlig sinnlosen „Südostwall“ errichten sollten, von betrunkenen Nazis aus dem Ort (die im Schloss der Gräfin eingeladen waren) hingerichtet wurden.

Doch es gibt auch einige Wenige, wie etwa den Herr Rehberg vom Reisebüro oder die 23-jährige „Flocke“ Malnitz, denen es wichtig ist, die Geschichte aufzuarbeiten. Auch Estzer Lowetz hat sich intensiv damit beschäftigt, doch sie ist unerwartet verstorben. Nach ihrem Tod kommt ihr Sohn zurück nach Dunkelblum. Dort eingetroffen ist auch ein Dr. Gellért aus Amerika, der sich ebenfalls für die dunkle Vergangenheit dieser Stadt interessiert und Holzkästchen für die Gebeine der ermordeten Zwangsarbeiter (von denen er hofft, dass sie gefunden werden) mit sich führt.

Dieses Wühlen in Vergangenem, aber auch die jungen Student*Innen aus Wien, die den Jüdischen Friedhof, den seit Jahrzehnten niemand mehr betreten hat, von wucherndem Stauden befreien und Grabsteine wieder aufstellen, sorgen für Getuschel in der Stadt.

Ein weiteres Gesprächsthema ist das Auftauchen des DDR-Bürgers Reinhard, der, nachdem man ihn beim Diebstahl von Lebensmitteln erwischt hat, von den Heuraffl-Brüdern verdroschen wird. Reinhard sucht verzweifelt nach Frau und Tochter, die er bei der Flucht über die Grenze aus den Augen verloren hat und bittet darum, ihn nicht wegzujagen. Kurz nach diesem Ereignis verschwindet Flocke Malnitz spurlos.

Doch damit nicht genug: Auf der Rotensteinwiese, auf der verhindert werden soll – wohl aus berechtigtem Grund- dass im Zuge des Wasserversorgungsstreits Grabungen stattfinden (was aber dann doch ein Dunkelblumer macht), werden menschliche Überreste gefunden. Wird nun eines von Dr. Gellérts Holzkästchen seiner Bestimmung zugeführt, oder gehören die Gebeine zu einem Soldaten?

Eva Menasse`s Roman über das kollektive Schweigen zum Massaker von Rechnitz ist eine spannend und dicht erzählte Geschichte. Auch wenn dieses historische Ereignis bereits vielfach aufgearbeitet wurde, ist es Menasse gelungen, eine beeindruckende Geschichte zu Papier zu bringen. Einzig die Menge der unterschiedlichen Charaktere hätte man reduzieren können, um den verbliebenen dafür mehr Raum und Tiefe zu geben.

 

Eva Menasse – Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch, 2021 | Hardcover
528 Seiten | € 25,70

Claudia Zawadil
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Claudia Zawadil
DI (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Arthouse Cinema-Fan und Vinyl-Lover.

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