Ground Control: Kinofreaks verwirklichen ihren Traum

Florian Sebastian Fitz und Viktoria Hillisch in “Ground Control” Foto: Lukas-Kuehberger, z.V.g.
Florian Sebastian Fitz und Viktoria Hillisch in “Ground Control” Foto: Lukas-Kuehberger, z.V.g.

Einen No-Budget Film in Spielfilmlänge macht man nicht allein über Nacht. Für „Ground Control“ haben viele Menschen mit Hingabe gearbeitet und während der über 4-jährigen Entstehungszeit einige Hürden nehmen müssen. Am 23. August ist das Werk erstmals am Cinema Paradiso Open Air Festival zu sehen. Wir sprachen mit den beiden Drehbuchautoren Helmut Karner und Christoph Hödl.

Interview: Werner Harauer
Foto: Lukas Kühberger

City-Flyer: Christoph, welche Gegenstände unterrichtest du im BORG St. Pölten?

Christoph Hödl: Musik & Informatik
. Helmut war auch Schüler im Borg, aber nicht zu der Zeit, in der ich zu unterrichten begonnen habe.

CF: Könnt ihr unseren LeserInnen die Handlung des Films in drei Sätzen beschreiben?

Christoph: Der Autor unterstützt seine Jugendliebe Madeleine bei ihren Fantasiereisen, indem er mit ihr schon im Kindesalter Geschichten erfindet, die er dann mit ihr als Theaterstücke durchlebt, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Ausgelöst durch tragische Ereignisse in der Kindheit, versucht der erwachsen gewordene Autor seine Vergangenheit in seinen Drehbüchern festzuhalten. Dieser anfangs therapeutische Vorgang entfremdet jedoch den Autor im Verlauf seines weiteren Lebens immer mehr von der realen Welt und seine Geschichten beginnen sich mit seinem Alltag zu verweben …

Helmut Karner: Ich beschreibe den Film meistens so: Es ist ein modernes Märchen, das sich um die Themen Macht, Kontrolle und Rollenbilder kreist und mehr Fragen stellt als Antworten liefert. Der Film wird aus verschiedenen, oszillierenden Perspektiven erzählt: Einer femininen und einer maskulinen Sicht, eines kindlichen Theaterstücks und einer erwachsener Realität. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit sind stets fließend.

CF: Ist das euer Debut als Drehbuchautor?

Christoph: Für mich war es ein völliger Neueinstieg.

Helmut: Ich hab davor schon an kleineren Filmprojekten gearbeitet und auch kürzere Drehbücher verfasst. Ground Control war aber auch für mich das Debut im Langspielfilm.

CF: „Ground Control“ hat mit einer Stunde und 34 Minuten volle Spielfilmlänge. Für ein Debut/eine Low-Budget Produktion beachtlich. Hattet ihr von Anfang an vor, einen „vollwertigen“ Film zu drehen?

Christoph: Nein, wir hatten eigentlich vor einen Kurzfilm zu machen. Jedoch konnten wir unsere Figuren in dieser Kürze nicht gut genug erzählen. So sind mit der Figurenentwicklung auch immer mehr Geschichten entstanden, die ihnen Glaubwürdigkeit verleihen sollten bzw hatten wir das Gefühl, dass unsere Art die Geschichte zu erzählen, mehr Tiefe braucht.

CF: Der Titel des Films weckt Assoziationen Richtung Science Fiction. In welches Genre würdet ihr den Film einordnen?

Christoph: Ich tu mir mit Schubladen generell schwer. Am ehesten ein Drama.

Helmut: Ich bleib beim Märchen. Ich gebe aber Christoph recht, dass das Drama wohl das übergeordnete Genre ist. Ansonsten gibt es noch Anleihen aus dem Thriller, dem Experimentalfilm und dem Animationsfilm. Wer will, findet aber bestimmt auch kleine Sci-Fi-Referenzen.

CF: Die Kurzbeschreibung wiederum lässt mich an ein Psychodrama denken. Es geht um „traurige Familienverhältnisse“ und „tragische Ereignisse in der Kindheit“. Christoph, kommt in der Geschichte der Pädagoge in dir zum Vorschein?

Christoph: Ich glaube nicht, dass das mit meinem Beruf zu tun hat. Desto älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, dass uns unsere Kindheit in vielen Dingen sehr tiefgehend prägt. Viele Menschen schleppen diese Erfahrungen jahrelang herum, ohne ihre Verhaltensmuster zu hinterfragen. Ich denke Selbstreflexion ist hier ein Schlüssel, um zu sich zu finden.
 Unser Protagonist hat ein Trauma erlebt und wir zeigen in einer hoffe ich sehr kreativen Weise, wie er es verarbeitet. Ich hoffe, das Publikum kann in diesen Ideenkosmos eintauchen.

CF: Die Autoren drehen einen Film über einen Autor. Dieser fiktive Autor hat Probleme, seine erfundenen Geschichten von der Realität zu unterscheiden … Schließt sich hier ein Kreis? Wie weit verändert der fiktive Autor das Leben der beiden realen Autoren?

Christoph: Wir sind uns dieses Kreislaufes immer bewusst gewesen. Es ist auch eine Art Film im Film. Wir haben hier auf vielen Ebenen gearbeitet und ich hoffe, dass es uns gelungen ist, das auch für das Publikum greifbar zu machen.
 In erster Linie habe ich in den letzten Jahren viele tolle Menschen kennenlernen dürfen, die uns bei unserem Projekt geholfen haben. Ich habe tiefe Einblicke in die vielen Phasen und Departments einer Filmproduktion nehmen dürfen, die man sonst so nirgends bekommt. Es ist und war ein großer Lernprozess.

Helmut: Für mich ist die Darstellung des Autors auch Sinnbild für das Klischee des „gebrochenen Künstlers“, dessen Welt sich nur um ihn und seine Probleme kreisen soll. Wir wollten diesem Bild einen satirischen Spiegel vorsetzen. Die Trennlinie sehe ich ganz klar im Umgang mit der Autor*innenschaft. Ein Film ist ein Gemeinschaftswerk und kein Egotrip.

CF: Welche Funktion haben die Zeichentrickfrequenzen im Film?

Christoph: Nun einereseits, hatten wir kein Geld mehr um mehr Drehtage zu erwirken und andererseits wollten wir der Kindheitsebene noch mehr Raum geben. So sind wir auf die Idee gekommen, Animationen dafür zu verwenden. Mit Vladimir Savic hatten wir einen Freund und Künstler an der Hand, der unsere Vorstellungen einzigartig umgesetzt hat.

Helmut: Vladimir hat da etwas wunderbares erschaffen, finde ich. Er hat sich der Geschichte angenommen, einen eigenen „kindlichen“ Stil entwickelt und mit ausgeklügelten Mittel versucht, dem Film noch eine weitere Ebene zu geben. Bemessen an dem Endergebnis war es wohl mehr Segen als Fluch, dass wir nicht alles drehen konnten. Wobei das aus unserer Perspektive natürlich leicht gesagt ist. Vladimir hat tausende handgezeichnete Frames für die Zeichentricksequenz alleine angefertigt. Für mich wirkt das noch immer ein wenig surreal.

CF: Lasst uns über die Entstehung des Filmes sprechen: Wie habt ihr euch kennengelernt?

Christoph: Helmut und ich haben uns 2017, glaube ich, im Narrenkastl beim Fortgehen kennengelernt. Ein gemeinsamer Freund, Lukas Kühberger, hat uns vorgestellt, da wir beide einen Film machen wollten. Schnell war klar, dass wir beide gut miteinander können.

CF: Von wem stammt die Idee, einen Film zu machen?

Christoph: Wir wollten das beide schon bevor wir uns kannten. Und bevor wir an GROUND CONTROL zu arbeiten begonnen haben, haben wir auch schon versuch andere Ideen zu spinnen. Jedoch fehlte uns der Stachel im Hintern, der sich Deadline nennt. Erst als ehemalige StudienkollegInnen von Helmut – der Filmproduktion studiert hat – an ihn herantraten, er solle was schreiben, hatten wir den nötigen Ehrgeiz. So begaben wir uns auch 2018 auf Klausur in Sardinien und begannen ernsthaft zu arbeiten.

CF: Du, Helmut bist 26 Jahre alt und du Christoph 45. Hat sich der Altersunterschied zwischen euch beiden auf die Ideenfindung ausgewirkt?

Christoph: NEIN, ich denke nicht. Eigentlich sind wir schnell gute Freunde geworden. Wir haben auch immer gut gemeinsam träumen und arbeiten können. Wir haben die Ideen des jeweilig anderen auch immer ernst genommen und respektiert. Aber wir haben immer den Konsens gefunden auf der Suche nach der besten Idee.

Helmut: Stimme da Christoph vollkommen zu. Ich glaub, dass sowas im Arbeitsprozess schnell ad acta gelegt wird. Da geht’s darum: „bist leiwand oder bist nicht leiwand“. Alles andere ist nebensächlich. Ich bin froh, dass es mit Christoph so gut geklappt hat und wir uns trotz aller kreativer Hürden auch privat super verstehen.

CF: Wie bewältigen zwei Personen die Fertigstellung eines Drehbuches? Habt ihr euch regelmäßig getroffen und über den Fortgang der Handlung diskutiert? Gab es auch Meinungsverschiedenheiten, wie es weitergehen soll?

Christoph: Zuerst haben wir eben eine Woche Klausur auf Sardinien gemacht. Danach haben wir uns die Ideen geschickt bzw viel telefoniert und gechattet. Es gab auch weiterhin regelmäßige Treffen. Wir haben alle Möglichkeiten der Kommunikation ausgeschöpft.

Helmut: Meinungsverschiedenheiten sind für den Arbeitsprozess absolut förderlich. Die gab es definitiv und die gehören einfach dazu. Diese Reibungsflächen haben uns dann oft wieder auf neue Ideen gebracht. Manche waren dann gut oder besser, manche weniger. Im Nachhinein ist man immer gescheiter, aber dieser Lernprozess war auch wichtig für das gemeinsame Schaffen. Ich finde, dass das Arbeiten mit Christoph sehr harmonisch war und wir immer die Meinung und die Perspektive des anderen voll wertgeschätzt haben. Dieses Aufeinander-Einlassen ist unumgänglich. Da verhält es sich aber mit jeder Band bzw. mit jedem anderweitigen Gemeinschaftsprojekt ähnlich.

CF: Was muss man als Drehbuchautor beachten? Was unterscheidet ein Drehbuch von einem Roman?

Christoph: Nun ja ein Drehbuch ist eine Vorlage für die Regie bzw die SchauspielerInnen. Also es liest sich eher wie ein Theaterstück. Was an der Dramaturgie des Filmes besonders ist, dass man dem Publikum mehr zeigen, als erzählen kann. Die Bild- und Tonebene können oft viel direkter eine Handlung erzählen, als Worte.

CF: Jessica Lind (siehe CF-Interview), auch eine St. Pöltner Drehbuchautorin, freut sich am 31. Juli über den Sneak Preview ihres Films „Rubikon“. Kennt ihr euch? Habt ihr euch ausgetauscht?

Christoph: Leider nein, ich kenne nur ihren Namen.

CF: Habt ihr auch eine Rolle im Film übernommen?

Christoph: Helmut hat einen Cameo-Auftritt, aber er ist nur als Stimme zu hören.

CF: Ich hab in eurer Aussendung folgende Personen als St. PölterInnen identifiziert: TON – Studioaufnahmen: Bernhard Habusta / SZENENBILD – Requisite: Thomas Gallhuber / KOSTÜM: Sandra Axinte / FARBEN: Andi Winter / TYPOGRAPHIE: Joe Wannerer /
 
Set Photographer, Set Design: Lukas Kühberger
Welche St. PölterInnen haben mitgewirkt?

Christoph: Wanitas Stimme: Peter Waldert / Set-Ton: Wolfgang Riedl. Nun bei den StatistInnen gab es noch mehr, aber sonst fällt mir auch niemand mehr ein. Wobei ich Andi Winter als ehemaligen St. Pöltner bezeichnen würde 😉

CF: Eine No-Budget-Produktion gibt es nicht. Der Film muss ja was gekostet haben. Die Internet Movie Database (IMDb) schätzt die Kosten auf €10.000,-. Habt ihr euch ausgerechnet, was euch der Film ungefähr gekostet hat?

Christoph: Natürlich, wir haben ja alle unsere Rechnungen bezahlt. Die Summe liegt derzeit bei ca 15.000 Euro – bei Festivals werden aber teilweise Langfilme unter 250k Dollar als No-Budget oder Minimal-Budget bezeichnet.

CF: Gab es Förderungen?

Christoph: Ja, von Stadt und Land. Jedoch nur eine Kurz-Film-Förderung.

Helmut: Damit ich nicht verstoßen werde, wenn ich vom fernen Wien wieder in die Heimatgemeinde zurückkehre, sei an dieser Stelle auch angemerkt, dass uns die Gemeinde Bischofstetten, in der wir auch gedreht haben, ebenso mit einer kleinen Förderung unterstützt hat.

CF: Die Produktion dauerte vier Jahre. Hat euch Corona übel mitgespielt? Oder war der Film von Beginn weg als Sideprojekt neben vielen anderen Projekten angelegt?

Christoph: Corona war ein Thema für uns, aber kein Großes. Nein, wenn man kein Geld hat, dann muss man viele Leute ins Boot holen, die für nichts oder weniger als branchenüblich für dich arbeiten – das kostet Zeit und Nerven. Und natürlich springen auch viele wieder ab, wenn sie Jobs bekommen, bei denen sie bezahlt werden, oder schieben dich halt ganz nach hinten in der Prioritätenliste. Ich bin aber sehr positiv überrascht gewesen, wie viele Leute immer wieder Pro-Bono Projekte machen, weil sie genau wissen, wie hart die Branche ist. Es gibt sehr viele besondere Leute in diesem Kosmos – danke dafür.

CF: „Ground Control“ wurde für die Rom Prisma Film Awards in drei Kategorien nominiert. Wann fällt die Entscheidung?

Christoph: Ich werde von der Preisverleihung am 28. Juli in Rom berichten.



CF: „Ground Control“ wird am 23. August anlässlich des Cinema Paradiso Open Air Filmfestivals erstmals aufgeführt. Wird die Crew anwesend sein?

Christoph: Helmut und ich werden anwesend sein – wer von der Crew kommt, kann ich erst sagen, sobald ich alle Rückmeldungen habe. Teilweise sind die SchauspielerInnen in Engagements.

CF: Das Wiener Filmcasino zeigt den Film am 6. September. Sind außerdem weitere Vorführungen geplant?

Christoph: Da wir leider keinen Vertrieb gefunden haben, müssen wir die Screenings selbst veranstalten. Aber wir versuchen noch einige aufzustellen, damit noch mehr Leute die Chance haben „Ground Control“ zu sehen.

CF: Vielen Dank für das informative Gespräch. Wir drücken euch die Daumen für Rom.

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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