Hanno Millesi – Der junge Mann und das Meer

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach seinen letzten beiden, sehr verdient für den österreichischen Buchpreis nominierten, Romanen präsentiert Hanno Millesi diesmal einen ebenso virtuosen Erzählband.

Die Titelstory handelt von einem jungen Mann, der sich von seiner Gastgeberin die besonders unattraktiven Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt aufzählen lässt, um genau diese zu besuchen. Die erste auf seiner Liste ist der Fischerhafen. Als er dort in den frühen Morgenstunden ankommt, herrscht bereits geschäftiges Treiben, die Fischer bieten lautstark ihre Ware an. Obwohl der junge Mann nichts kaufen wollte, hält er kurz darauf einen mit Wasser gefüllten Plastiksack inklusive Tintenfisch in Händen.

Er denkt jedoch nicht daran, seine Besichtigungstour deshalb zu unterbrechen und begibt sich auf die „Prélude“ um mit ihr eine Hafenrundfahrt zu machen. Den Plastiksack hat er auf einen Haken bei einem der Rettungsreifen gehängt. Als sich eine Mutter mit ihrem Kind seiner Fracht neugierig nähern, erblickt er einen Tintenfischarm, der aus dem Plastiksack herausragt und sich eindeutig bewegt. Nicht im Geringsten dachte unser Held daran, dass das Tier noch leben könnte. Anstatt nun den Heimweg anzutreten oder den Tintenfisch wieder ins Meer zu werfen, nimmt ihn der junge Mann einfach mit zu seinem nächsten Ziel. Das ist kein einfaches Unterfangen und führt, wie man sich denken kann, zu Missverständnissen.

Im Buch befinden sich noch fünf weitere, kürzere Geschichten, die bereits in Zeitschriften veröffentlicht wurden. Zu ihnen gehört „Shopping“, in der ein Mann im Supermarkt bemerkt, dass er seine Zahlungsmittel vergessen hat und daraufhin auf die Idee kommt, zu probieren, in welchen Geschäften man etwas geschenkt bekommt.

Die Erzählung „Old School“ handelt von einer Frau, die nach einem Krankenhausaufenthalt wegen eines schweren Unfalls wieder nach Hause zurückkehrt und feststellen muss, dass ihr Mann ein besonders makabres Geschenk für Sie hat. Er wollte ihr damit eine Freude machen, was allerdings ganz und gar nicht die erhoffte Reaktion hervorruft.

Der Schriftsteller und Künstler Hanno Millesi vermag es, auf ganz besonders feinfühlige und tiefgehende Art und Weise Geschichten zu erzählen. Seine sprachliche Virtuosität zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht einfach nur von Ereignissen erzählt, sondern vollständig in die Gedankenwelten seiner Figuren eintaucht. Schon mit dem ersten Satz im Buch bekommt man ein besonders schönes Beispiel von Millesi`s Wortkunst serviert: „Wer jetzt noch auf den Beinen ist, dem verabreicht der morgendliche Nieselregen einen ernüchternden Gutenachtkuss.“

Hanno Millesi
Der junge Mann und das Meer
Erzählungen | Atelier, 2023
114 Seiten | € 20,00

Claudia Zawadil
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Claudia Zawadil
DI (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Arthouse Cinema-Fan und Vinyl-Lover.

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      miss_marple
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