Harry Stöckl checkt Benefiz für die Kleinsten

Harry Stöckl tauscht die Gitarre mit dem Handy und organisiert ein Benefizkonzert für ukrainische Kinder. Foto © Thomas Schnabel, z.V.g.
Harry Stöckl tauscht die Gitarre mit dem Handy und organisiert ein Benefizkonzert für ukrainische Kinder. Foto © Thomas Schnabel, z.V.g.

Wenn am Samstag, den 16. April die besten MusikerInnen der Umgebung im Freiraum aufspielen, dann handelt es sich nicht nur um einen Pflichttermin für deren Fans. Harry Stöckl hat mit seiner Band Nattastoy und mit den befreundeten Formationen Litha, The Attic, Gravögl, Freischwimma und Jangoony ein Lineup für ein Benefizkonzert zusammengestellt, das Geld für jene einspielen soll, die am meisten am Krieg in der Ukraine leiden: die Kinder.

Interview: Werner Harauer
Foto: Thomas Schnabel, z.V.g.

 

City-Flyer: Hast du noch in Erinnerung, was der Auslöser für deinen Entschluss war, das Ukraine Benefiz zu organisieren? Ein Fernsehbericht? Die Bilder in den Sozialen Medien?

Harry Stöckl: Ich denke eine Mischung aus alledem. Die Idee kam mir an einem Sonntag Abend. Ein paar Tage später stand das Lineup fest.

CF: Ist es das Ohnmachtsgefühl, wenn sich eine riesige Militärmaschinerie gegen hilflose Zivilisten erhebt, das dich antreibt? Oder ist es dein Sinn für Recht und Gerechtigkeit in der Art: „Wenn das jede/r machen würde, dann wär bald überall Krieg?“

Harry Stöckl: Was da gerade geschieht, geht über meine Vorstellung. Natürlich ist immer irgendwo ein Krieg auf dieser Welt. Und das ist immer furchtbar. Wir haben auch schon in der Vergangenheit für Flüchtlinge gesammelt und gespendet. Diesesmal ist der Krieg sehr nahe. Ohnmachtsgefühl ist es nicht. Jedoch muss ich helfen! Da kann ich gar nicht anders.

CF: Erhältst du organisatorische Unterstützung von der Szene?

Harry Stöckl: Ja, es haben sehr viele Menschen ihre Hilfe angeboten! Auch außerhalb der Musikszene. Der Bürgermeister von Ober-Grafendorf Rainer Handlfinger zb. war der Erste, der mich angschrieben hat und mir die Pielachtalhalle zur Verfügung gestellt hätte.

CF: Ist das Lineup mit The Attic, Gravögl, Nattastoy, Litha, Freischwimma und Jangoony schon fix? Oder habt ihr noch einen Slot frei?

Harry Stöckl: Geanau. Dieses Lineup wird es!

CF: Wie viel Zeit hast du für die einzelnen Bands eingeplant?

Harry: Die Bands spielen zwischen 30 und 40 Minuten.

CF: Hattest du bislang einen hohen zeitlichen Aufwand?

Harry: Ja eigentlich schon! 😀 Es hat sich jetzt beruhigt. Aber die ersten Tage war ich nur am Handy.

CF: Am 24. Februar begann der Angriffskrieg der Russen. Bereits am 13. März, also 2 1/2 Wochen später, fand ein großes Benefizkonzert für die Ukraine im Festspielhaus statt. Warum habt ihr eine so lange Vorlaufzeit von fast 2 Monaten? Sollte es nicht einfacher sein ein paar Rocker zu organisieren, als ein Orchester?

Harry: Ein Event mit sechs Bands zu organisieren ist immer schwierig. Vor allem braucht man eine Location die noch einen Termin frei hat. Ich finde, dass das eigentlich sehr gut funktioniert hat.

CF: Es haben sich sechs Bands angekündigt. Zwei aus dem Bezirk St. Pölten, zwei aus dem Bezirk Lilienfeld und eine aus dem Waldviertel. Haben sich die Bands nach einen Aufruf in den Sozialen Medien bei dir gemeldet? Oder ging das alles über Mundpropaganda?

Harry: Die meisten Bands haben mich angeschrieben, weil ich einen Aufruf gestartet hab. Ein paar wollte ich dabei haben und hab sie direkt angeschrieben.

CF: Die auftretenden Bands sind gut miteinander vernetzt. Wie aber seid ihr auf Freischwimma gestoßen? Hat die Band auch Verbindungen nach stp?

Harry: Florian Kargl und ich sind auf FB befreundet. Er war einer der Ersten, der sich gemeldet hat.

CF: Haben sich außer den MusikerInnen auch andere Personen gemeldet, die helfen wollen? Zum Beispiel ein Buffett zubereiten, Sachpreise für eine Tombola zur Verfügung stellen, gratis Werbung machen, etc.

Harry: Es haben sich viele Menschen angeboten um Flyer zu verteilen oder um sich um ein Catering zu kümmern. Vielen Dank nochmal an alle!

CF: Wie ist die Stimmung unter den MusikerInnen? Bist du auch auf Ablehnung gestoßen? Gibt’s auch „Putinisten“ unter den MusikerInnen, die nicht mitmachen wollten?

Harry: Gibt es sicher. Ich kenn keine.

CF: Weißt du von anderen St. Pöltner Szenen, ob die ähnliche Benefizkonzerte, Clubbings, … planen?

Harry: Nein.

CF: Warum zeigen KünstlerInnen viel mehr Engagement gegen Unrecht, als andere gesellschaftliche Gruppierungen? Sportveranstaltungen würden sich anbieten, aber auch unkonventionelle Veranstaltungen, wie Yogakurse gegen Spenden, …, oder krieg ich das einfach nicht mit?

Harry: Musik war immer schon politisch. Obwohl es Leute gibt die sagen, dass sich Musiker aus der Politik raushalten sollen. Diese Leute haben anscheinend die letzten 60 Jahre geschlafen. Ich weiß es nicht. Machen Sportler das nicht?

CF: Inhaltlich beschäftigen sich die Texte von Bands aus den letzten Dekaden hauptsächlich über private Befindlichkeiten. Wird sich der Rückzug ins Private aufgrund der Realpolitik totlaufen? Planen Nattastoy einen „Friedenssong“?

Harry: Wir haben auf unserem Album einige Songs die sich mit Politik befassen und anderen Themen. Und ich bin tatsächlich gerade dabei, einen Song über diesen Krieg zu schreiben. Leider sind dramatische Zeiten immer die besten Songlieferanten.

CF: Verlangt die Gesellschaft zu viel von den MusikerInnen, wenn diese differenzierte politische Betrachtungen in Songform gießen sollen? Wenn sie aufgrund ihrer medialen Präsenz/Prominenz von den Bühnen herab und aus Medien die „richtigen“ Worte an ihre ZuhörerInnen finden sollen?

Harry: Ich glaube, dass das jede Band selbst entscheiden muss ob sie das will oder nicht. Meistens suchen sich die Zuhörer sowieso Bands aus, die das von sich aus machen.

CF: Reicht eine undifferenzierte Betroffenheit aufgrund des Unrechts, das dem Schwächeren widerfährt, um zu handeln?

Harry: In diesem Fall denke ich ist es ganz einfach. Es wird ein ganzes Land überrollt und es sterben Frauen und Kinder. Die Männer müssen kämpfen. Man sollte immer differenzieren. Das fällt hier allerdings schwer.

CF: Wir müssen davon ausgehen, dass im Verlauf des Krieges auch die Ukrainer Kriegsverbrechen begehen. Wird dann die Solidarität des Westens mit der Ukraine verflogen sein?

Harry: Meiner Meinung nach ist der Krieg alleine schon ein Verbrechen. Und den hat Putin begonnen. Natürlich wird auf beiden Seiten das Schlimmste zum Vorschein kommen. Was würdest du machen, wenn jemand deine Familie töten will? Ob das die Solidarität gefährdet, weiß ich nicht.

CF: Wie gehst du mit KollegInnen um, die textmäßig in den Dreck hauen, wie die Band Rammelhof mit ihrem Song „Wladimir (Put Put Putin)„?
Rechtfertigen die Songzeilen

„Wo ist da jetzt der Unterschied, ob Diktatur – Demokratie?
Drauf stehen tut was anderes, aber drin ist fast das Gleiche“

den Schenkelklopfer? Für jemanden, der in einer Diktatur lebt, müssen die Zeilen ziemlich absurd klingen.

Harry: Rammelhof wollen, denke ich, generell mit ihren Texten provozieren. Was ja nicht schlecht ist, weil so die Menschen zu denken beginnen. Ob sie das ernst meinen, weiß ich nicht. Aber zumindest war der Song in der Ukraine ein Hit.

CF: Das gesammelte Geld kommt einem SOS Kinderdorf in der Ukraine zugute, hab ich wo gelesen? Stimmt das?

Harry: Genau. Wir wollen speziell die geflüchteten Kinder unterstützen.

CF: Das Benefiz findet am 16. April statt. Bis dahin kann sich die Situation massiv ändern. Was passiert mit dem Geld, wenn sich das Kinderdorf plötzlich auf russisch annektiertem Gebiet befindet?

Harry: Ich glaube, dass das SOS Kinderdorf schon schauen wird, dass das gespendete Geld in die richtigen Hände kommt. Das liegt dann allerdings nicht mehr in meiner Macht.

CF: Ich bedanke mich für das Interview. Wollen wir hoffen, dass kein zweites Ukraine-Benefiz notwendig sein wird. Ich wünsche euch ein volles
Haus, um ordentlich helfen zu können.

Harry: Vielen Dank!

Tickets gibt’s auf freiraum-stp.com

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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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