Jeanette Winterson – Frankissstein

 

 

 

 

 

 

 

Die britischen Schriftstellerin Jeanette Winterson hat mit ihrem neuen Roman keine Neuauflage des “Frankenstein”-Klassikers geschrieben, auch wenn dieser eine wichtige Rolle spielt. Das Buch handelt von künstlicher Intelligenz und einer trans-humanen Zukunft, dem menschlichen Körper und der Liebe und bewegt sich auf zwei Zeitebenen.

1816, “Im Jahr ohne Sommer” befinden wir uns mit der 19-jährigen Mary Shelley am Genfersee in der Villa Diodati, wo sie ihren berühmten Roman erschaffen hat. Sie ist dort mit ihrem Mann Percy, Lord Byron und dessen Arzt John Polidori. Ebenfalls dabei ist Mary`s Stiefschwester Claire Clairmont, die mit Byron eine Affäre hat.

Die andere Geschichte geschieht in der nahen Zukunft und handelt von Transgender-Mann und Chirurg Ry Shelley und Wissenschaftler Victor Stein, die eine berufliche, wie intime Beziehung verbindet. Ry versorgt Victor, der ein Fachmann auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und Kryonik*-Forscher ist, mit Körperteilen. Was er lange nicht weiß: Victor arbeitet auch in einem geheimen, unterirdischen Labor, in dem er mit der Wiederbelebung von Leichenteilen experimentiert. Die Protagonisten der Zukunft sind sozusagen die modernen Varianten zu denjenigen der ersten Erzählebene.

Am liebsten, sagt Victor, würde ich mich selbst uploaden. Das heißt,
mein Bewusstsein auf ein Substrat transferieren,
das nicht aus Fleisch gemacht ist.

Als skurrile Nebenfigur treibt der schmierige Ron Lord sein Unwesen, der weibliche Sex-Bots für einsame Männer produzieren lässt. Kaum zu glauben, dass er mit der afro-amerikanischen und sehr gläubigen Claire eine Beziehung eingeht. Doch wie sagt man so schön: Die Wege des Herrn sind unergründlich. Claire hat sich überzeugen lassen, dass man auch „Bots for Jesus”, also christliche Gefährtinnen, herstellen soll.

Jeanette Winterson ist mit „Frankissstein“ eine unterhaltsame und klug durchdachte Geschichte über den Menschen, die Liebe und eine trans-humanen Zukunft gelungen.

*Kryonik: Konservierung u.a. von einzelnen Organen (meist dem Gehirn), um in der Zukunft zu versuchen, sie „wiederzubeleben“.

Jeanette Winterson „Frankissstein“
Kein & Aber | 2019
400 Seiten | € 24,70 (Hardcover)
Bewertung: 4,5/5

 

Claudia Zawadil
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Über den Autor

Claudia Zawadil
DI (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Bücherwurm und Vinyl-Lover.

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