Jonathan Perry: dem Wahren verpflichtet

Jonathan Perry Foto: Shirin Bajalan, z.V.g.
Jonathan Perry Foto: Shirin Bajalan, z.V.g.

An einem Tag im Jänner 2021 spazieren Jonathan Perry und Peter Kaiser durch die Straßen von St. Pölten und ärgern sich über die aktu­­elle Politik. Weil Ärger nichts bringt, beschlie­ßen die beiden Literatur-Enthusia­sten diesen zu kanalisieren. „Anger is an energy“ wusste schon John Lydon und plötzlich steht die Herausgabe eine Literaturzeitschrift im Raum. „Die Brache“­ nimmt ihren Anfang.

Interview: Werner Harauer
Foto: Shirin Bajalan, z.V.g.

City-Flyer: Wie alt bist du?

Jonathan Perry: 30 Jahre

CF: Du hast einige Umwege gemacht, bis du bei der Literatur gelandet bist. Ich habe gelesen du hast in einer Band gespielt und warst Straßenmusikant? Ist da was dran?

Jonathan Perry: Ja, da ist wohl was dran. Wir, meine Frau Shirin Bajalan und ich, hießen Belach, und traten einige Male in Niederösterreich, Oberösterreich und Wien auf. Das ist jetzt allerdings schon mehrere Jahre vorbei. Ebenso die Straßenmusik.

CF: Was bedeutet es, Straßenmusikant zu sein? Das macht man ja nicht in der Hoffnung einmal berühmter Popstar zu werden.

Jonathan Perry: Straßenmusik zu machen, ist wohl eine gute Schule für Musiker: Man lernt, sich trotz Ablenkungen auf das Musizieren zu konzentrieren. Dann überwindet man seine Scheu vor Publikum und mit Glück kommt auch ein wenig Geld zusammen. Man wird nicht reich davon und in den allermeisten Fällen auch nicht berühmt. „Popstar“ ist ein Wort, das mir nur schwer über die Lippen kommen will.

CF: Hast du eigene Songs getextet?

Jonathan Perry: Ja, aber die meisten habe ich nicht aufgenommen und bereits wieder vergessen.

CF: Du bist bekannt für deine Gedichte. Schreibst du auch Prosatexte?

Jonathan Perry: Tatsächlich schreibe ich in der letzten Zeit kaum noch Gedichte, es entstehen stattdessen wieder vermehrt Prosastückchen, also Beobachtungen, kleine Geschichten des Alltags vielleicht, Notizen, Impressionen, …

CF: So weit entfernt sind die Dichter gar nicht von den Popmusikern, wenn ich an Bob Dylan denke, der den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Aber was bewog dich dazu in die Dichtkunst zu wechseln?

Jonathan Perry: Ich mache ja weiterhin Musik, nur spiele ich sie höchstens meiner Frau oder meiner Tochter vor.

CF: Ist es schwieriger einen Songtext oder ein Gedicht zu schreiben?

Jonathan: Ich würde sagen, dass es egal ist, welche Art von Kunst man macht. Sie wird, wenn sie wahrhaftig sein soll, immer dasselbe vom Künstler verlangen: Blut und Schweiß.

CF: Ich muss gestehen, ein Gedicht bewegt mich nicht. Auf Drängen meiner Ex-Freundin hab ich Octavio Paz gelesen und mich wirklich bemüht. Aber scheinbar fehlt mir die Phantasie, um Gedichte zu „fühlen“. Was muss man mitbringen um der Dichtkunst zu verfallen?

Jonathan: Warum sollte man ihr denn verfallen? Man muss keine Gedichte lesen, um das zu fühlen, was sie, die Dichtkunst, ausmacht, und was freilich nur schwer in einem Interview zu sagen ist. Vermutlich meine ich die Poesie, von der Philipp Jaccottet ungefähr gesagt hat, ihre Glut wäre fähig, das Eisen des Schicksals zu biegen. Das ist wohl das Gefühl, das ich meine, und dafür braucht es wahrscheinlich nicht einmal die Kunst, in welcher Form auch immer.

CF: Ich bin ja nicht der einzige, der Schwierigkeiten mit der Lyrik hat. Lyrikbände verkaufen sich grottenschlecht. Die Lyriker kämpfen um die Gunst einer winzigen Käuferschicht. Jedes musikalische Subsub-Genre hat wahrscheinlich mehr Fans. Wie motivierst du dich angesichts solcher ernüchternder Umstände?

Jonathan: Gar nicht, es ist deprimierend, aber das Schreiben ist ja nicht unbedingt abhängig vom Publikum. Es gibt laut Walter Benjamin geistliche Gebäude, die an Stellen, auf Dächern etwa, wunderbare Kunstwerke haben, aber man kann sie vom Boden aus nicht sehen. Das sind also Kunstwerke, die nicht für den Betrachter geschaffen wurden. So kann man sich natürlich einreden, dass es sinnvoll ist, was man macht. Und dann ist es auch einfach so. Warum muss man sich auch motivieren und wofür? Ich bin ja keine Firma.

CF: Du bist Gründungsmitglied der Brache, einer regelmäßig erscheinenden St. Pöltner Literaturzeitschrift. Die Brache will in ihrer sechsten Ausgabe junge Autor*innen Raum geben. Bis 30. August können Interessierte Lyrik und lyrische Prosa an die Redaktion senden. Der Andrang hält sich aber bisher in Grenzen. Hast du das Gefühl, junge Menschen interessiert Literatur nicht mehr?

Jonathan: Die wenigsten Menschen interessieren sich für Literatur, in der jüngeren Generation kommt natürlich noch hinzu, dass sie zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringt, wenn du mich fragst. Und wer sein Leben vor dem Bildschirm vergisst, sich immerzu ablenkt, zerstreut, dem werden sich halt weniger oder eher oberflächlich existenzielle Fragen stellen. Der Raum, in dem diese Fragen zu einem kommen, ist aber der, in dem auch so etwas Feines, Versponnenes wie Poesie entstehen kann. Obwohl die Älteren mittlerweile auch schon ganz dem Smartphone verfallen sind. Und dann ist für das Desinteresse natürlich auch die Literatur beziehungsweise der Literaturbetrieb selbst schuld, weil er sich nur schwer von hohlgewordenen Traditionen befreien kann.

CF: Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Bücher gedruckt und gekauft werden – ob sie auch gelesen werden wage ich zu bezweifeln. In St. Pölten ist der Andrang bei literarischen Veranstaltungen jedoch überschaubar. Ist St. Pölten ein hartes Pflaster für Literatur?

Jonathan: Ob Sankt Pölten im Speziellen ein hartes Pflaster für Literatur ist? Das glaube ich nicht, und es gibt auch gut besuchte hiesige Veranstaltungen, zumindest meiner Erfahrung nach.

CF: Es werden/wurden in stp originelle Versuche unternommen, die Jugend für Literatur zu interessieren. Ich denke da etwa an die Veranstaltungsreihe „Lesestoff und Schnaps“ von Marlies Eder. Oder im weitesten Sinne an die Slams, die eine zeitlang boomten. Hat die Brache eine Idee, wie die Jugend zu gewinnen sei? Ist ihr das überhaupt ein Anliegen?

Jonathan: Es ist ihr offenbar ein Anliegen, sonst hätten wir ja nicht dieses Heft für junge Literatur initiiert. Das ist sicher nett, aber im Übrigen glaube ich, dass heute genauso wie vor hundert und vor zweihundert Jahren junge Leute auf dieselbe Weise zu Lesern oder selbst zu schöpferischen Menschen werden – weil es, das Schöpferische, in ihnen steckt und geweckt wurde. Dieses Wecken ist vielleicht eine Aufgabe der Literatur und ihrer Verbände.

CF: Mit den Literaturzeitschriften etcetera und Die Brache hat St. Pölten zwei Publikationen die sich dem geschriebenen Wort widmen. Wie würdest du einem Unkundigen den Unterschied zwischen den beiden Periodika beschreiben?

Jonathan: Das etcetera ist aufwändiger gestaltet, mit Hochglanzpapier, Gesprächen, Illustrationen in Farbe, Berichten, Rezensionen. Die Brache hingegen beschränkt sich aufs Wesentliche, also auf das Gedicht beziehungsweise auf die poetische Prosa und die Illustration. Sie ist somit luftiger. Außerdem geben wir keine Heft-Themen vor.

CF: Lass uns einen Sprung in die Vergangenheit machen: Seit wann gibt es die Brache?

Jonathan: Die Brache gibt es seit Frühling 2021, wenn ich mich jetzt nicht irre.

CF: Peter Kaiser, Johannes Schmid und du haben die Brache ins Leben gerufen. Wie bist du zu den beiden gestoßen?

Jonathan: Peter Kaiser habe vor einigen Jahren in der Buchhandlung Schubert kennengelernt, er war es auch, der Johannes Schmid zur Brache geholt hat.

CF: Welche Motivation steckte dahinter dich für dieses Projekt zu engagieren?

Jonathan: Es war im Jänner 2021, Peter und ich gingen spazieren und sprachen über Politik, ärgerten uns über gewisse unbegründete oder überbordende Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, da nahmen die Hefte für Poesie ihren Anfang. Ich kann nur für mich sprechen: ich wollte dem Hässlichen der Zeit etwas entgegensetzen, etwas, das jenseits von Politik ist, dem Schönen, Guten, Wahren einen Raum gibt.

CF: Die Brache betont, möglichst unabhängig von öffentlichen Stellen zu operieren. Kann eine Literaturzeitschrift Gefahr laufen, von der Politik, von den Behörden korrumpiert zu werden?

Jonathan: Das Problem ist, das die künstlerische oder ideelle Haltung nicht so gut mit jener der Politik harmoniert. Im Gegensatz zum schöpferischen Menschen, denkt der Poltiker, wenn er von einem St. Pöltner Poesieheft hört, daran, wie er es nutzen kann, für den Tourismus etwa. Und das muss er auch. Von Gefahr würde ich deshalb nicht sprechen. Förderleistungen sind meines Wissens weder für Künstler noch für Institutionen an parteiideologische Bedingungen geknüpft.

CF: Welche Aufgaben fallen dir bei der Erstellung einer Ausgabe der Brache zu?

Jonathan: Ich nehme vor allem an den Textauswahl-Tagen teil. Außerdem trage ich meine Ideen bei. Für die kommende Präsentation der Brache im Rahmen des Blätterwirbels am 12. Oktober habe ich mich um die Musikauswahl gekümmert. Es werden zwei Cello-Stücke eines jungen Komponisten zu hören sein. Sein Name ist Philipp Manuel Gutmann, und wenn du mich fragst, gehört seine Musik zu dem Schönsten, was derzeit an zeitgenössischer Musik zu finden ist.

CF: Zu den Gründungsmitgliedern der Brache gesellten sich in der Zwischenzeit Corinna Bergmann und Antonia Leitner. Welche Funktion haben die beiden Frauen inne?

Jonathan: Grundsätzlich machen alle alles. Corinna Bergmann scheint mir aber vor allem zuständig zu sein fürs Kontakteknüpfen, Antonia Leitner betreibt im Internet zwei Kanäle für die Brache.

CF: In welcher Form kann man euch unterstützen?

Jonathan: Man könnte zum Beispiel als Mäzen ein Heft finanzieren. Die meisten Einnahmen der letzten Zeit kommen aber über den Heftverkauf.

CF: In welcher Form könnt ihr angehende Literat*innen unterstützen?

Jonathan: Das wäre eine gute Frage an den Herausgeber, Johannes Schmid. Da gibt es zum Beispiel die Autorenvorstellungen im Internet, dann wäre die Schreibwerkstatt zu nennen, außerdem natürlich die Heftpräsentationen.

CF: Befassen wir uns mit einem praktischen Beispiel: Ich bin ein Teeanger 😄 und würde gerne einen Text von mir in der nächsten Brache abgedruckt sehen. Hast du für mich einen Tipp, welche Themen, welcher Stil, … besonders wohlwollend aufgenommen wird?

Jonathan: Nein, es soll ja eben nicht ein Stil, ein Thema sein, dass wir dann von Heft zu Heft nur noch variieren. Aber begrenzen kann ich es vielleicht schon, sehr grob: Ich zumindest würde das formvollendete, aber vielleicht moralisch verwerfliche Werk in nahezu allen Fällen dem gut gemeinten, politisch engagierten, aber formschwachen Werk vorziehen.

CF: Ich habe eine Schreibblockade und denke mir, ich schreibe nur Mist und alle anderen können das viel besser? Rätst du mir den Griff zur Flasche?

Jonathan: Wenn nichts dagegenspricht.

CF: Wie läuft es mit deinem Output? Schreibst du gerade an einem Gedichtband? Wo veröffentlichst du demnächst?

Jonathan: Demnächst kommt ein Band mit kurzen haiku-ähnlichen Gedichten im Kärnter-Sisyphus-Verlag heraus, ich glaube im September. Die sind 2020 und 2021 entstanden. Und woran ich zurzeit schreibe, das sind, wie gesagt, kleine Beobachtungen, Betrachtungen, vielleicht sogar auch ein, zwei Verse, hin und wieder.

CF: Wirst du bei der Heftpräsentation der Brache Nummer 6 am 12. Oktober im Stadtmuseum St. Pölten zur Girrte greifen?

Jonathan: Nein

CF: Vielen Dank für das Interview.

diebrache.wordpress.com/

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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