Julia Halbwachs zeigt im Grünschnabel Street Art

Kunstsammler Martin Voglhuber, Gastronomin Julia Halbwachs und Künstler Andi Fränzl während der Dekoration der Wände im Café Grünschnabel, Foto © Jürgen Thoma, z.V.g. (mehr Bilder siehe Galerie am Ende des Artikels)
Kunstsammler Martin Voglhuber, Gastronomin Julia Halbwachs und Künstler Andi Fränzl während der Dekoration der Wände im Café Grünschnabel, Foto © Jürgen Thoma, z.V.g. (mehr Bilder siehe Galerie am Ende des Artikels)

Nach Corona hat sich Julia Halbwachs vom Café Grünschnabel etwas besonderes einfallen lassen. Gemeinsam mit Martin Voglhuber und Andreas Fränzl bietet sie den Gästen jetzt auch Superfood für’s Auge.

Das Superfood Café „Grünschnabel“ in der Kremsergasse 25 entwickelte sich im Herbst 2019 zum Hotspot für jun­ge Menschen, die eine nachhaltige und gesunde Lebensweise schätzen. Nach zweimonatiger coronabedingter Nachdenkpause entschloss sich Chefin Julia Halbwachs, das Alleinstellungsmerkmal des Cafés nachzuschärfen, weil „sich der typische Grünschnabel-Besucher nach etwas sehnt, das komplett anders als die bisherigen Gastro-Konzepte in St. Pölten ist“.

Julia bat ihren Bekannten, den Kunstsammler Martin Voglhuber um ein paar Leihgaben für ihr Café. Dieser hat sich das Lokal angesehen und war von der Idee begeistert, dort Bilder aus seiner Sammlung auszustellen. „Der Grünschnabel ist ein kleines aber äußerst fei­nes Café mit einer Gewölbedecke wie in einer Kapelle, die man von außen nicht vemutet“, zeigt er sich von der neuen Aus­stellungsfläche beeindruckt. Vogl­huber hat sich hauptsächlich auf internationale Street Art von D-Face, Faile, BastNY, Dain und Banksy spezialisiert, dachte aber, ein St. Pöltner Künstler wür­de die Schau abrunden. „Mir fielen die Bilder von Andi Fränzl ein, dessen Kunst ich sehr schätze und der für mich viel zu unterbewertet ist. Seine Wer­ke erinnern mich stark an Adam Neate.“

Fränzl arbeitete gerade an einer „Corona Serie“ und was sofort bereit, einige seiner neuen Werke im Café auszustellen, weil „wir Cafés wie den Grünschnabel brauchen, damit die Künstler*innen aus St. Pölten sichtbarer werden.“

Der City-Flyer führte ein Interview mit den drei Unternehmer*innen
Interview: Werner Harauer
Fotos: Jürgen Thoma

CF: Julia, du hast im Herbst 2019 das Superfood Café „Grünschnabel“ in der Kremsergasse 25 eröffnet. Ein halbes Jahr später musstest du wegen Corona unfreiwillig schließen. Woher nimmst du nach diesem schlimmen Start die Kraft als Gastronomie weiter zu machen?

Julia: Es war schon lange mein Traum, dieses Geschäftskonzept zu verwirklichen und ich sehe das Potential, das mein Konzept hat. Ich möchte unbedingt sehen, was ich damit noch schaffen bzw erschaffen kann und wohin mich mein Weg mit meinem Grünschnabel führt. Die Nachfrage nach Health Food und das Gesundheitsbewusstsein der Konsumenten steigen immer mehr und deshalb möchte ich – jetzt nach der Krise mehr den je – die erste Anlaufstelle in St. Pölten für gesundheitsbewusste Menschen sein. Mein Ziel ist das gesündeste und nachhaltigste Café in St. Pölten zu sein.

CF: Martin, wie kam eigentlich die Kollabo zwischen Julia, Andi und dir zustande?

Martin Voglhuber: Julia kontaktierte mich während der Corona Krise. Bis dahin kannten wir uns nur flüchtig. Sie wusste, dass ich Kunst sammle und bat mich um ein paar Leihgaben für’s Lokal. Ich hab mir dann die Location genauer angesehen und war sofort von der Idee begeistert dort Bilder aus meiner Sammlung auszustellen. Ein kleines aber äußerst feines Café mit einer Gewölbedecke wie in einer Kapelle, von außen nicht erwartbar. Beim Auswählen der Bilder haben wir dazu noch festgestellt, dass wir verwandt sind.
Dann kam uns noch die Idee, zu den Internationalen Street Art Künstlern Bilder von Andi Fränzl zu hängen, dessen Kunst ich sehr schätze und der für mich noch viel zu unterbewertet ist. Mich erinnert er stark an Adam Neate. Auf einen Anruf von mir war er sofort einverstanden.

CF: Hast du Bilder von Fränzl in deiner Sammlung?

Martin: Bislang noch nicht, aber das kann sich schnell ändern 😉 Ich habe zwar Werke österreichischer Künstler, wie z.b. von Bruno Gironcoli, Roman Träxler und Marc Adrian, sammle aber hauptsächlich internationale Street Art von D-Face, Faile, BastNY, Dain, Banksy, Blek le Rat, Shepard Fairey, Paul Insect, Titifreak, Dan Witz, Nick Walker oder Static.

Die heimischen Künstler müssen sichtbarer werden.

Andi: Kooperationen forcieren und mehr Austausch anstreben bringt alle weiter. Die heimischen KünstlerInnen müssen sichtbarer werden. Von Musik bis zur bildenden Kunst. Daher freue ich mich, dass mir im Grünschnabel die Möglichkeit geboten wird auszustellen. Die Initiative von Martin Voglhuber und Julia Halbwachs ist super und eine Win-Win Situation für alle.
Die Corona Zeit war ideal, um meine zeichnerischen und malerischen Aktivitäten noch weiter zu forcieren. Mein letzter Einkauf vor dem Lockdown waren Keilrahmen und Farben. Ich hatte Zeit und den nötigen Fokus Neues auszuprobieren und meine „Corona-Series“ sind letztendlich ziemlich umfangreich geworden und in Teilen auch im Grünschnabel zu sehen.

CF: Martin, worin liegt deine Absicht, einige Bilder deiner Sammlung auszustellen? Willst du Werbung für Banksy machen? Oder etwas verkaufen?

Martin: Werbung hat Banksy schon lange nicht mehr nötig. Schon gar nicht von mir. Und verkaufen will ich auch nichts.
Ich wünsche mir in St.Pölten ein Lokal, wie ich es sonst nur in Berlin, Amsterdam oder Paris gesehen habe.
Ich helfe Julia ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen in dem sie sich wohlfühlt und wenn ich selbst auf eine Bowl oder einen Kaffee in den Grünschnabel gehe, fühle ich mich wie im eigenen Wohnzimmer. Diese Empfindung sollen natürlich auch die Gäste haben. Der visuelle Eindruck und die angebotenen Produkte sollen übereinstimmen.

CF: Julia, Bilder von Künstlern in deinem Café aufhängen zu lassen bedeutet für dich einen Mehraufwand an (Organisations)Arbeit. Welche Absicht steckt hinter deiner Entscheidung?

Julia: Ich möchte meinen Kunden etwas besonderes bieten, das es so noch nicht gibt in St. Pölten. Quasi ein Alleinstellungsmerkmal.

CF: Wie würdest du die typischen „Grünschnabel“-Besucher beschreiben?

Julia: Junge Menschen, die an einer nachhaltigen und gesunden Lebensweise interessiert sind.

CF: Hat der typische Besucher deiner Einschätzung nach auch kulturelles Interesse und kann mit den Werken von Fränzl und Banksy etwas anfangen?

Julia: Ich denke, dass sich der typische Grünschnabel-Besucher nach etwas sehnt, das anders als das bisher gebotene ist, das besonders ist. Und mit der neu geschaffenen Atmosphäre im Grünschnabel kann ich ihm das bieten.

CF: Wie steht es um die moderne Bildende Kunst in St. Pölten, wenn sich aus eurem Konzept ein Alleinstellungsmerkmal ableiten lässt

Martin. Was in der St. Pöltne Kunstszene passiert, entzieht sich meiner Kenntnis. Damit hab ich mich nie beschäftigt.

Andi: Es gibt nach wie vor eine Menge zu tun und viel Luft nach oben.
Mit dem „Kulturhauptstadt-Trigger“ hab ich mich noch intensiver mit der Stadt und dem aktuellen Kulturleben beschäftigt, auch an Konzepten geschrieben (zB. für ein neues Stadtfestival) bzw. vor kurzem mit Klaus Urban an einem weiterführenden Konzept von „Stadt-Land-Fluss“ gearbeitet, das 2021 wieder stattfinden soll.
Leider ist aus der Europäischen Kulturhauptstadt nichts geworden, aber es gilt jetzt dran zu bleiben, die Motivation von vielen KünstlerInnen der Stadt zu nutzen und gemeinsam bessere Grundlagen für eine lebendige Szene herzustellen, die die Stadt mit oder ohne diesen Titel braucht.
Bei der bildenden Kunst zum Beispiel würde St. Pölten mehr Kunst im öffentlichen Raum, wie großflächige Streetart oder andere skulpturale Kunstwerke, guttun. Eine Galerie für zeitgenössische Kunst oder ein Kunstraum wäre auch wichtig.

CF: Julia, was hältst du persönlich von den ausgestellten Bildern? Gefallen sie dir?

Julia: Ich persönlich liebe die Bilder und freue mich, dass ich einem regionalen Künstler quasi eine Plattform bieten kann und dass ich allgemein die Menschen mit großartiger Kunst von bekannten Künstlern auf so einfachem Wege zusammen bringen kann.

CF: Andi, deine Motive zeichnen sich durch starke Umrisse aus, die mich am Keith Haring erinnern. Außerdem sind sie sehr ornamental, werden Figuren zerlegt und „verkehrt“ wieder zusammengebaut, was mich wieder an den späten Picasso erinnert. Wo würdest du deine Einflüsse herleiten?

Andi: Sorry, ich kann diese Frage wirklich nur schwer bis gar nicht beantworten. Ich mag einfache und ausdrucksstarke Grafik – mag Schiele genauso wie ich die russische Avantgarde bzw. Konstruktivismus mit Rodschenko oder Collagen von Kurt Schwitters sehr mag – aber ich weiß nicht ob mich das beeinflusst hat.

Grünschnabel: mit Superfood für’s Auge und den Magen durch die Krise

CF: Ist das der richtige Zeitpunkt für eine Ausstellung im öffentlichen Raum? Bemerkt ihr einen Unterschied im Gebaren der Gäste? Benehmen sie sich irgendwie anders? Vorsichtiger?

Julia: Ich bemerke schon einen Unterschied im Vergleich zur Zeit vor der Krise. Die Kundenfrequenz ist immer noch nicht so wie vorher, und ich habe das Gefühl, die Menschen sind verwirrt bezüglich der vielen Vorschriften und dem, was erlaubt ist und was nicht. Durch die krisenbedingten finanziellen Unsicherheiten, die wahrscheinlich viele Menschen mehr oder weniger betreffen, denke ich auch, dass die Menschen eher gehemmt sind, sich etwas nicht lebensnotwendiges wie einen Café-Besuch zu gönnen.

CF: Als ausgebildete Ernährungsberaterin liegt dir die Gesundheit der Menschen am Herzen, was sich auch am Speiseplan des Lokals ablesen lässt. Wie geht es dir damit, wenn beim Kampf gegen das Virus die Ernährung eine solch untergeordnete Rolle spielt? Der Trend ging bislang in die entgegengesetzte Richtung, quasi: „die richtige Ernährung ist der Garant für ein hundertjähriges Leben“.

Julia: Als jemand, der eine gesunde Ernährung als Fundament der Gesundheit betrachtet, finde ich es natürlich extrem schade, dass nirgends erwähnt wird, welche Rolle gerade die Ernährung in so einer Gesundheitskrise spielen kann. Vorbeugen durch Aufbauen eines starken Immunsystems funktioniert nur mit gesunder Ernährung richtig gut. Das wird leider in den Medien nicht kommuniziert.

CF: Andi, du organisierst Veranstaltungen in St. Pölten, bis als DJ in heimischen Lokalen tätig und jetzt als Aussteller. Was bedeutet dir eine lebendige Kulturszene in St. Pölten gerade in Zeiten wie diesen?

Andi: Sehr viel. Ich bin ja schon eine Zeit dran, egal ob mit LAMES, dem ehemaligen Café Publik oder dem aktuellen Kulturhauptstadt Prozess.
Der Zielpunkt 2024 bleibt ja und es gibt auch einen neuen Kulturentwicklungsplan der Stadt bis 2030. Das wird hoffentlich auch der Kulturszene helfen und neue Möglichkeiten eröffnen. Es ist, glaub ich allen klar, dass die Kulturszene frische Impulse, Formate, Einrichtungen, Räume, Bühnen und Treffpunkte braucht – gerade in Zeiten wie diesen.

CF: Martin, kannst du dir vorstellen, öfter als ausstellender Sammler in Erscheinung zu treten, oder ist der „Grünschnabel“ eine einmalige Sache?

Martin: Es ist nicht das erste Mal, dass ich meine Sammlung für eine Ausstellung zur Verfügung gestellt habe. Kunst sollte von so vielen wie möglich gesehen werden. Für den Grünschnabel haben die jüngste Galeristin St. Pöltens und ich wieder Pläne im nächsten Jahr. Aber die werden noch nicht verraten.

CF: Du du Andi? Hast du auch schon Pläne über die aktuelle Ausstellun hinaus?

Andi: Insgesamt will ich die bildende Ebene weiter pushen, wieder T-Shirts und Prints machen, großformatiger werden, auch mal eine größere Wand gestalten, … das würde mich sehr reizen.

Große Veränderungen stehen an

CF: Die meisten kulturinteressierten Menschen werden dich als Sänger der ehemaligen Vocalgroove-Band Bauchklang kennen. Als Grafiker trittst du erst in jüngster Zeit in Erscheinung, obwohl du in der Angewandten gelernt hast. Ist Zeichnen dein neues Steckenpferd? Oder so da mehr daraus werden? Eine eigene Marke etwa?

Andi: Die visuelle Bereich war neben der Musik eine Ebene, die mich immer schon angesprochen und inspiriert hat. Ich hab von Kindheitstagen an gezeichnet. An der „Angewandten“ hab ich das natürlich weiter gepflegt und es wäre durchaus möglich gewesen, dass ich die Grafik-Schiene auch jobmäßig weitergemacht hätte, wenn es mit Bauchklang nicht so abgegangen wäre. Ich hab dann die gesamte Grafik für Bauchklang gemacht, ebenso wie das Artwork für den Kulturverein Lames usw.
Seit wir mit der Band pausieren, hab ich mich wieder stärker auf die bildnerische Ebene konzentriert und bin damit auch stärker an die Öffentlichkeit gegangen. Neben einer gewissen Präsenz auf Facebook, Instagram usw. war ich auch Teil von Ausstellungen in Wien, St. Pölten, Salzburg (Akta, Künstlerbund, Lames, Subsalon) auf dem einen oder anderen Kunst-Markt mit Shirts und Drucken vertreten.

CF: Eine Zeitlang lag dein Fokus in Wien, nun bist du wieder vermehrt in stp anzutreffen. Was dürfen die St. Pöltner Szenenmenschen in nächster Zeit von dir erwarten?

Andi: Bei LAMES steht ein größerer Prozess an. Wir werden die Häuser renovieren und schreiben gemeinsam mit unserem Partnerverein Sonnenpark (siehe auch Interview mit Markus Weidmann-Krieger vom Sonnenpark, d. Red.) gerade an einem gesamtheitlichen Nutzungskonzept für den Ort. Das könnte insgesamt sehr spannend werden – auch für die gesamte Szene. Es sollen neue größere Räume entstehen und auch eine ganzjährige Nutzung streben wir an.
Daneben bin ich am Mitkonzipieren von einer speziellen „Parque del Sol“-Ausgabe – die wahrscheinlich auch anderes heißen wird und den aktuellen Corona-Einschränkungen angepasst wird. Die Veranstaltungsreihe wird diesmal, soviel kann ich verraten, länger dauern und der Fokus wird auf den künstlerischen Prozess im Sonnenpark gerichtet sein.
Wie schon oben erwähnt werde ich auch bei „Stadt-Land-Fluss“ mitgestalten und es gibt für 2021 schon einige Ideen dazu.
Ich würde auch gerne andere Projekte, die während des Kulturhauptstadt-Prozesses entstanden sind, „in die Realität bringen“ und helfen diese umzusetzen. Da würde es auch unter anderem um bildenden Kunst im öffentlichen Raum gehen.
Musikalisch werde ich hoffentlich bald wieder als DJ aktiv sein können. Es wäre fein meine Aufleg-Reihe „Club-Tandem“ im Cinema-Paradiso fortzusetzen und auch weitere Räume in St. Pölten zu bespielen. Die Stadt ist musikalisch unterversorgt – und das sollten wir gemeinsam ändern 😉

CF: Auch im Grünschnabel?

Andi: Why not?

CF: Ich bedanke mich, dass ihr euch Zeit genommen habt und wünsche viel Erfolg bei euren Vorhaben.

Eine Bildauswahl von Andi Fränzl: cargocollective.com/art-fraenzl
Artwork von Andi Fränzl für den Musikproduzenten Gerald Peklar

Am Samstag, den 11. Juli 2020 findet ab 18:00 im Grünschnabel ein gemütlicher Eröffnungsabend der kleinen aber feinen Ausstellung statt.
Bis 24 Uhr gibt’s Musik und Drinks bei freiem Eintritt

Zur Veranstaltungsankündigung

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Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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