July Fellner: Nichts ist, wie es scheint

July Fellner ganz privat mit ihren Katzen. Foto: privat, z.V.g.
July Fellner ganz privat mit ihren Katzen. Foto: privat, z.V.g.

#STPvonaußen – Sie ist Powerfrau und Katzenmama. Morgens Steuerberaterin, abends Rockröhre. Sie ist FeAther und 4LE4, verrückt und mysteriös. Vor allem aber ist sie July Fellner! 32 Jahre, geboren und aufgewachsen in St. Pölten und Frontsängerin der Heavy-Metal Band Aeons of Ashes. Dabei widerspricht sie jedem Klischee und wirft so ein ganz neues Licht auf die sonst so dunkle Metal-Szene.

Mit 15 sah man es ihr an. Ein Nietenhalsband, dunkle Haare, Bandshirts und Netzhandschuhe verrieten Julys musikalische Leidenschaft auf den ersten Blick. Dass July Fellner diese Begeisterung jemals auf die Bühne bringen würde, hätte sie damals nicht gedacht. Als 4LE4 (Alea) begeistert sie seit April 2023 die St. Pöltner Metalheads. Doch die finsteren Klänge und tiefschwarzen Bühnenoutfits der Kunstfigur verraten mittlerweile nur noch wenig über die Person hinter dem düsteren Make-up.

Daheim tauscht sie heute Springerstiefel gegen Plüschhausschuhe, Lack und Leder gegen Jeans, die strenge Flechtfrisur wird zu einem lockeren Zopf und von Make-up – keine Spur. Nostalgische Disneysongs und Julys Lieblingshits der 90er schallen durch die helle, lichtdurchflutete Wohnung. Nichts erinnert an die neblige Bühnenszenerie und dunklen Vocals mit denen die Sängerin ihre Fans begeistert. Denn wenn sie sich für die Band in Alea verwandelt, taucht sie in eine ganz andere Welt ein. Eine finstere, aus der Zeit gefallene Welt, in der, wie die Band selbst sagt, nichts ist wie es scheint. Die düsteren Vocals der zwei Frontsänger Tim und July, beziehungsweise: „TheGrandMaester“ und „4LE4“, entführen die Zuschauer musikalisch in das sogenannte Wasteland2570.

Eine eigens von der Band entwickelte Fantasiewelt in Form eines transmedialen Rollenspiels. Es erlaubt den Fans interaktiv in ein postapokalyptisches Szenario einzutauchen und dabei in neue individuelle Charaktere zu schlüpfen. Auf der Bühne verkörpert July dann die mysteriöse Magierin Alea. Ihre Reise begann allerdings selbst als Fan der Band und Teil des Rollenspiels. Anfangs erforschte sie das Wasteland noch unter dem Pseudonym „FeAther“. Eine naturverbundene, äußerst tierliebe und inspirierende Kriegerin. Den finsteren Gigs der Band schien dieser aufgeweckte Charakter jedoch nicht ganz gerecht zu werden. Und so verwirklichte sie sich mit ihrem Alter Ego Alea im wahrsten Sinne des Wortes einen Traum der genauso gut zur Band passt, wie zu ihr. Denn hinter solchen Fantasiewelten steckt, entgegen aller Klischees, mehr als nerdiger Zeitvertreib. Was Menschen in einem Rollenspiel verkörpern, verrät eine Menge über ihre eigenen Interessen und Wünsche.

In Feather bringt die Österreicherin ihre Liebe zur Natur, zu Tieren und ihre quirlige, unterhaltsame Art zum Ausdruck. Die vierfache Katzenmama ist gerne unter Menschen, genießt die Gesellschaft und ist ständig unterwegs. Ab und zu nimmt sie sich jedoch ein Beispiel an Charakteren wie Feather und genießt auch die Zeit für sich. Der Bühnencharakter Alea hingegen entstand aus einem Traum. Für die Bühne übernimmt July diese Rolle. Sie verrät durch ihre Schreibweise (4LE4) nicht nur den Geburtstag der Österreicherin (4.4.), sondern personifiziert auch das, was July im beruflichen Kontext ist: selbstbewusst, charismatisch und eine Frau, die weiß was sie will. Freundlich bezeichnet sie es selbst als eine Art „Bossbitch-Attitude“, die man als weibliche Steuerberaterin in manch einer Zusammenarbeit braucht. „Wenn ich das Gefühl habe, nicht für voll genommen zu werden, denke ich mich in Powercharaktere wie Alea hinein und versuche deren Energie auf mich zu übertragen“, erklärt July.

Aus einer Laune heraus entschied sie sich nach der Schule gegen den langjährigen Traum des Medizinstudiums und besuchte fortan die Wirtschaftsuniversität Wien. Dass sie den Arztkittel gegen Zahlen, Rechnungen und Steuern eintauschte, bereute sie jedoch nie. „Mein Motto ist: Du kannst alles erreichen, selbst wenn das gar nicht das Ziel war“, sagt sie grinsend und bezieht sich damit sowohl auf den Beruf als auch auf die Musik. Auf Knopfdruck wird die kompetente Steuerberaterin zur Rockröhre auf der Bühne. Und obwohl die Kontraste nicht größer sein könnten, meistert sie Woche für Woche den Spagat zwischen Beruf, Bühne und Privatleben.

Von dem Mindset und der Ausstrahlung eines Charakters wie Alea profitiert sie dabei extrem. Solche Rollen anzunehmen, ist für sie wie Therapie. In interaktive Spiele wie Wasteland2570 einzutauchen, vergleicht die Sängerin mit einem Buch, das man nicht nur liest, sondern lebt. Und wenn sie als Alea auf der Bühne steht, ist es als könnte sie July für einen Moment pausieren. Als stressig nimmt sie das Leben zwischen Bandproben und Steuerberatung dabei kaum war. Sie mag die Mischung aus Action mit der Band und ruhiger Büroarbeit. Doch obwohl beruflicher Erfolg und ihr Selbstbewusstsein auf der Bühne nach der Definition einer Powerfrau klingen, distanziert sie sich von dem Begriff. „Sensible Menschen, eine Mutter oder jemand, der sich ganz alleine um den Haushalt kümmert, ist genauso Powerfrau. Das ist ein ziemlich weiter Begriff und hat nichts damit zu tun auf einer Bühne zu stehen.“ meint sie.

Dass ihre beruflichen Ambitionen und ihre Präsenz als Sängerin eine gewisse Stärke erfordern, dessen ist sie sich bewusst. Dennoch ist sie bescheiden und vor allem eines: Dankbar! Sie weiß, dass ihre Erfolge in der Musik und Karriere nicht nur das Ergebnis des eigenen Ehrgeizes sind. Die Offenheit der Band für weibliche Vocals in der Metal-Szene, verständnisvolle Kollegen, Freunde und Familie, die sie in jeder Hinsicht unterstützen und die Stadt St. Pölten, die Projekte wie Aeons of Ashes fördert wie keine zweite. All das erleichterte July den Weg vom Büro auf die Bühne.
Sie beschreibt, wie vielseitig die kleine Stadt durch Angebote wie den Freiraum wird, wie St. Pöltner sich deshalb auch extremeren Kunstformen wie Death-Metal öffnen und wie facettenreich die Stadt dadurch wird. „In so einem bunten Haufen fällt keiner negativ auf“, ergänzt sie grinsend. Hier ist jeder willkommen, für jede Kunst findet sich eine Bühne und es lohnt sich immer, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Denn: Nichts ist wie es scheint. Eine österreichische Kleinstadt entpuppt sich als kulturelle Schatztruhe, Steuerberater scheinen nicht so prüde wie vermutet, fiktive Rollenspiele sind mehr als nur fiktiv und Metalheads gar nicht so düster wie befürchtet.

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Autorin: Klara–Sophie Heim
Foto: privat

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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      Werner
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