Kali Malone: hypnotische Sounds im Gotteshaus

Kali Malone im St. Pöltner Dom

2. Mai 2024: Schon der Gang zum St. Pöltner Dom macht Hoffnung, mit Kali Malone heute einem besonderen Ereignis beiwohnen zu dürfen. Kein Tisch im und vor dem Café Schubert ist unbesetzt, eine vielstimmige Kakophonie verschiedener Dialekte schwebt wie eine Wolke über den Herrenplatz.

Gegen 21 Uhr macht sich auch die Nachhut auf den Weg und bald sind die letzten Plätze der Kirchenbänke und provisorischen Sitzgelegenheiten im Hauptschiff besetzt. Schon setzen die minimalistischen Orgel-Drones der aus Denver, Colorado, stammenden Organistin und Elektroakustik-Komponistin Kali Malone ein. Die in Stockholm lebende Amerikanerin ist der erste Live-Act beim Kulturfestival Tangente St. Pölten aus der Programmschiene „Orgel experimentell“. Und wie ihr vermutet,  hat die Performance der renommierten Musikerin mit christlicher Liturgie rein gar nichts zu tun.

Die knapp 30-jährige Klangkünstlerin ist bekannt für ihr Faible für tiefe Frequenzen, was Stephen O’Malley und Greg Anderson von der Doom-Metal Band Sunn o))) im Herbst des Vorjahres dazu bewog, die Organistin für ein Konzert der Band in der Wiener Arena zu buchen. Erstgenannter sollte Malone auch im St. Pöltner Dom bei den vierhändigen Orgelstücken begleiten. Gesichtet habe ich ihn nicht, welches der Stücke vierhändig gespielt wurde, entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis.

Apropos “sehen”: das visuelle Erleben eines Orgelkonzertes unterscheidet sich von einem klassischen Pop/Rock/ …-Konzert schon deshalb, weil die Orgel im Chorgestühl verbaut ist und die Organistin somit nicht sichtbar hinter und über den Köpfen der Zuschauer*innen spielt.
Zu sehen gibt es an diesem Abend dennoch genug. Das Innere der barocken Kirche ist mit rotem Scheinwerferlicht ausgeleuchtet, was dem Gewölbe mehr den Anschein eines Purgatoriums denn eines Gotteshauses gibt. Die Heiligenstatuen in den Nischen wirken wie erstarrte Zombies, allerlei Messing-Behältnisse scheinen mit glühenden Kohlen gefüllt, die ideale Umgebung also, um den moll-lastigen Subfrequenzen ein Ohr zu schenken, oder zwei.
Der Bauch allerdings, der bei minimalistischen Drones aufgrund der exorbitanten Lautstärke eine nicht unwesentliche Rolle spielt (siehe Sunn o))), kommt dabei zu kurz. Die Töne der Orgel hallen unverstärkt in den Raum, was die bedrohlichen Sounds nur noch halb so bedrohlich klingen und den Bauch kein bisschen grummeln lässt.

Nach der ersten halben Stunde haben sich die Zuhörer*innen entschieden: ein kleiner Teil verlässt genervt das Gotteshaus. Ein weiterer Teil hat sich der Monotonie ergeben, lümmelt erschlagen in den Bänken und hofft auf ein baldiges Ende. Der glückliche Rest des Publikums hat einen meditativen Zugang zu den hypnotischen Sounds in einer perfekten akustischen Umgebung gefunden und verliert sich sinnbefreit im Selbst.

Nach einer guten Stunde – der letzte Ton ist eben erst im Gewölbe verhallt – steht Kali Malone am anderen Ende des Kirchenschiffes und nimmt vor dem Altar die Ovationen des wieder im Diesseits gelandeten Publikums dankbar entgegen.

Anzumerken wäre noch, dass vermutlich 90 Prozent der Zuhörer*innen aus Wien kamen. Gäste aus Linz waren wohl kaum anwesend, diese hatten die Performance 14 Tage zuvor schon bei freiem Eintritt am “Steam Club 2024” in Linz gesehen.

Kali Malone auf Bandcamp
Tolle Fotos von der Orgel im St. Pöltner Dom, auf der Kali spielte.
Tolle Fotos von esel.at von Malones Konzert im St. Pöltner Dom.

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Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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