KulturhauptSTART treibt Entwicklungen voran

Klaus Urban von der Plattform KulturhauptSTART . Foto privat, z.V.g.

Die Enttäuschung über den Jury-Entscheid, wer Europäische Kulturhauptstadt 2024 wird, war groß. Die Plattform KulturhauptSTART hatte am Dienstag, den 12. November zum Public Viewing in den STARTraum geladen. Hier konnten die versammelten Menschen am Bildschirm live mitverfolgen, wie sich im Bundeskanz­leramt Mitbewerber Bad Ischl den Titel holte.
Klaus Urban, der Kopf des Vereins KulturhauptSTART, der St. Pöltens Freie Kulturszene beim Bewerbungsprozess vertrat, gibt sich am folgenden Tag prag­matisch: „Jetzt wissen wir, woran wir sind und können weiter unsere Schritte für ein spannendes St. Pölten planen.“
Ob es einfach sein wird, die verschiedenen Interessensgruppen zusammenzuhalten, wenn das gemeinsame Ziel „Kulturhauptstadt“ fehlt, wird sich zeigen. Der seit 2016 tätige Verein bringt einige Voraussetzungen mit, die ein Ge­lingen ermöglichen: ein gutes Einvernehmen mit Vertreter*innen der Stadt, einen spannenden Raum im eigentlich ganz bunten Löwenhof, wo das Frauen­zentrum, das KUNST:WERK und das Paradies der Fantasie untergebracht sind und viele Menschen, die Ideen zur kulturellen Weiterentwicklung der Stadt haben und umsetzten möchten. „Mit diesen Voraussetzungen können wir viel Neues schaffen, das die Stadt über 2024 hinaus unheimlich bereichern wird“, ist Urban überzeugt.

Interview: Werner Harauer
Foto: privat

City-Flyer: Wo hast du heute das Ergebnis der Jury erfahren? Im Bundeskanzleramt?

Klaus Urban: Nein, mit der Repräsentation der Bewerbung waren wir in der 2. Phase nicht betraut, daher haben wir zum Public Viewing in den STARTraum geladen und da die Entscheidung mitverfolgt.

CF: Wie war deine erste Reaktion? Was hast du dir gedacht?

Klaus: Erleichterung. So oder so war klar, dass KulturhauptSTART sich wieder verändern und neu erfinden wird müssen, egal mit welchem Ergebnis. Jetzt wissen wir woran wir sind und können weiter unsere Schritte für St. Pölten planen und setzten.

CF: Hast du einmal gezweifelt, dass St. Pölten nicht Europäische Kulturhauptstadt werden könnte?

Klaus: Ja, immer wieder. Der Prozess ist gewachsen und breiter geworden, was auch bedeutet dass mehr Leute beginnen mitzureden und -entscheiden. Die dabei eingeschlagene Richtung hat uns als Plattform mit klaren Vorstellungen aus dem vorangegangenen Prozess, die wir quasi als Erbe mitbekommen haben, nicht immer gefallen.

CF: Die Bewerbung zur Kulturhauptstadt ging 2016 von der freien Kulturszene aus. Warst du von Anfang mit dabei?

Klaus: Die Initiative KulturhauptSTART geht auf eine Ausstellung in der FH St. Pölten im selben Jahr zurück, die ich als Student der Architektur mit Unterstützung der TU Wien – Abteilung Städtebau geplant und umgesetzt habe. Zeitgleich war das Projekt mit dem wir uns österreichweit ein Jahr zuvor theoretisch auseinandergesetzt haben so vielversprechend, dass ich gemeinsam mit Christoph Lind im Vinzenz Pauli eine Podiumsdiskussion in informelleren Ambiente organisiert habe, um dem Potential auf den Zahn zu fühlen. Damals auf der Bühne: Susanne Wolfram, Michaela Steiner, Ronald Risy und Jakob Redl – die Geburtsstunde von KulturhauptSTART.

CF: Habt ihr den Arbeitsaufwand einigermaßen einschätzen können?

Klaus: Niemals. Wir haben hier unsererseits keine stichhaltigen Zahlen, aber die letzten Jahre waren für alle Beteiligten immens viel Arbeit, besonders für die Aktiven bei der Plattform, die sich zu Anfang ehrenamtlich und in den letzten 2 Jahren finanziert vom Bewerbungsbüro St. Pölten 2024 gerade so über Wasser halten konnten und nebenbei noch anderen Beschäftigungen nachgegangen sind.

CF: Der Verein Kulturhauptstart vertrat quasi die Freie Kulturszene St. Pölten. In welchem Umfang konntet ihr euch bei der Plattform St. Pölten 2024 mit Ideen rein reklamieren?

Klaus: Einleitend möchte ich klar stellen, dass wir zwar zur Bewerbung beigetragen und daran engagiert mitgearbeitet haben, die Abwicklung, die Schwerpunkte und das Schreiben der Einreichung aber alleine beim Bewerbungsbüro St. Pölten 2024 lag. Die Verwechslungsgefahr zwischen uns beiden war bis zum Ende groß.
Zu Anfang war es vor allem der Geist und das Erbe der Initiative aus der Bevölkerung, der viel bewirkt hat. Es war klar, dass mit einer offenen Einbindung aller Bürger*innen gearbeitet werden muss, um diesem gerecht zu werden. Das ist mit dem Kulturforum #1 unter Leitung des damals frisch eingesetzten Büros St. Pölten 2024 und unter Beteiligung von Raum.Position (Verfahrensbegleitung Partizipation), Stadt und Land, sowie uns auch gelungen, aber nicht so geblieben.
Die für’s Bidbook I von uns verfassten Dossiers, als Resultat unserer Arbeit und Essenz der Fokusgruppen bei denen wir hören wollten wo im „täglichen“ Engagement der Schuh, sowohl bei freien Kulturarbeiter*innen als auch im Sozialbereich, drückt, sind in die Kulturstrategie 2030 eingeflossen. Diese wurde im September im Gemeinderat verabschiedet. Wir haben unsere Sichtweise in den uns zugänglichen Arbeitsgruppen/Treffen zu inhaltlichen Punkten dargelegt und das für uns so wichtige Projekt „Grätzellabor“ als Motor für das Gemeinwesen, Nachbarschaft und Identitäten dieser Stadt und ihrer Stadtteile weiterentwickelt. Und wir haben mittels verschiedenster Formate (z.B.: Salon24 – Stadtwohnzimmer oder das Eintagesfestival Stadtlandfluss) versucht den Leuten Lust zu machen sich mit ihrer Expertise einzubringen und Eigeninitiative zu fördern, im Sinne einer Bürger*innenschaft die Verantwortung übernehmen will und auch bekommt.

CF: St. Pölten hat eine lebendige Freie Kulturszene, die jene der beiden anderen Bewerber in ihrer Anzahl und Vielfalt übertrifft. Spielt beim Bewerbungsprozess zur Kulturhauptstadt die „Kultur“ gar keine so maßgebliche Rolle?

Klaus: Kultur ist ja nicht gleich Kunst im Sinne von Musik, Malerei, Literatur, etc., sondern wird in diesem Rahmen sehr breit ausgelegt. Hinzu kommt, dass man natürlich alle 6 von der EU definierten Kriterien zur Zufriedenheit der Jury erfüllen muss, aber wo diese ihren Schwerpunkt legt weiß man natürlich nicht. Weiters hat die freie Kulturszene im Verband mit den anderen Einrichtungen (z.B.: FH) oder Häusern (Festspielhaus) eine kleinere Rolle (z.B.: mit LAMES als fixe Spielstätte) gespielt. Damit sind wir natürlich nicht glücklich, zeigt aber auch dass die Protagonist*innen an einem gemeinsamen Auftreten arbeiten müssen, um in Zukunft nicht mehr so leicht übergangen zu werden. Dieser Wunsch wurde in den letzten Jahren auch mehrfach von Vereinen und Einzelpersonen an uns herangetragen.

CF: Du schreibst in eurer Aussendung, dass ihr Bodenhaftung, Emotion und die St. Pöltner*innen verloren habt. Was meinst du konkret damit?

Klaus: Dass die Inhalte der Bewerbung immer schwerer nachvollziehbar und zu vermitteln waren, was bei den regelmäßigen Journaldiensten im STARTraum auch eine unserer Aufgaben war. Vieles ist am Bedarf der Stadt, die kulturelle Infrastruktur oder die Lebensrealität der Bewohner*innen in puncto Zusammenleben, vorbeigegangen. Damit verliert man über kurz oder lang Interessierte und Mitstreiter*innen vor Ort, die man aber für die Weiterentwicklung und Positionierung der Stadt ganz dringend braucht. Das haben wir alle schmerzlich lernen müssen.

CF: Was haben die drei Jahre für dich persönlich gebracht? Was kannst du mitnehmen?

Klaus: Unglaublich viel. Neue (Er-)kenntnisse und Fähigkeiten, tolle Freund- und Bekanntschaften, die hoffentlich bleiben und die Bestätigung, dass sich selbst zu fordern fast immer lohnt und dennoch eine gewisse Vorsicht im Umgang miteinander angesagt ist, besonders wenn sich das Bauchgefühl meldet. Summa summarum habe ich die Stadt und mich selbst in den letzten 4 Jahren viel besser kennengelernt. Trotz der Strapazen oder des Ausgangs eine tolle Zeit.

CF: Wie geht es mit dem Verein KulturhauptSTART weiter? Wird er für den Plan B noch gebraucht?

Klaus: KulturhauptSTART hat auch 2016 nicht um Erlaubnis gefragt, wir haben einfach im besten Gewissen gestartet, andere von unserer Idee überzeugt und einen gemeinsamen Weg gefunden. Wir haben aktuell tolle Voraussetzungen: ein gutes Einvernehmen mit Vertreter*innen der Stadt, einen spannenden Raum im eigentlich ganz bunten Löwenhof (Frauenzentrum, Kunst:Werk und Paradies der Fantasie) und viele Menschen die Ideen dazu haben und umsetzten möchten. Ich bin mir sicher diese Zutaten zusammenzuführen und daraus Neues entstehen zu lassen lohnt sich, macht auch wieder unheimlich viel Spaß und wird die Stadt über 2024 hinaus unheimlich bereichern. Das war immer unser Ziel.

CF: Vielen dank für das Interview

Nachzulesen auf www.cityflyer.at:
Wird St. Pölten 2024 Kulturhauptstadt?
Kulturell reif für die Kulturhauptstadt 2024

Bidbook I
Bidbook II

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Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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