Stencil Artist Labinsac: Schneller als der Trend

Wolfgang ‘Labinsac’ Mayer, eingefangen während einer Schaffenspause. Foto: privat
Wolfgang ‘Labinsac’ Mayer, eingefangen während einer Schaffenspause. Foto: privat

Auf orf.at erfuhr der interessierte Leser kürzlich von der boomenden Streetart-Szene, die auch in Wien ihren Niederschlag findet. Künstler werden engagiert um Premiummarken street credibility zu verleihen und manches landet im Museum. Für den Stencil Artist Labinsac ist der Trend weder neu, noch kommt er überraschend. Er mach das schon immer.

Seine Nicknames sind Legion: „Pater Kolbe“, „Labinsac“, „Isaac Labinsac“, „Wolf“, neuerdings „SÄqk“, und das sind nur jene, die er im Laufe seiner Tätigkeit als Streetart-Künstler verwendet(e). Und um die soll es hier gehen. Die Vergangenheit von Labinsac (so wollen wir ihn die nächsten 10 Minuten nennen) als Hip Hopper, Breakdancer, als Profi bei Mountainbike-Rennen und als Calisthenic-Promoter lassen wir hier außen vor.

Die Geschichte begann vor 35 Jahren, als der St. Pöltner sein erstes TAG an die Wand sprühte und dauert – mit Unterbrechungen – bis heute an. Im Jahr 2004 erweiterte Labinsac seine Skills und begann mit Stencil Graffiti zu experimentieren. „Stencils sind zurechtgeschnittene Schablonen aus Papier, die über das zu künftige Bild gelegt werden, über die ich dann Acryllack sprühe“, fasst er in knappen Worten, das eigentlich sehr aufwändige Verfahren zusammen. Mit dieser innovativen Technik haben Künstler wie Banksy und Blek Le Rat Weltruhm erlangt.

Inzwischen hat sich Labinsac von der ursprünglichen Schablonenkunst wegbewegt und verfolgt seinen eigenen Stil: „Während in meinen früheren Arbeiten die Technik des Stencil Graffiti dominierte, dient sie mittlerweile nur noch als Ausgangsprodukt. Die Werke werden anschließend mit meiner speziellen Messertechnik bearbeitet, wobei das Messer quasi einen Bleistift ersetzt.“ Vor allem bei Portraits liegt sein Fokus auf das Herausheben und bewusste Weglassen von Flächen, um den Charakter des Portraitierten einzufangen.

Wegen seines außergewöhnlichen Styles wenn es um Portraits geht hat Labinsac schon eine prominente Auftragsgemeinde vorzuweisen. Zuletzt fertigte er für ein sehr erfolgreiches Austro Pop Duo ein Graffiti in Wien an und hat die Ausgestaltung der Location eines großen Wiener Fußballvereins übernommen. In Zukunft stehen Auftragsarbeiten für Kruder und Dorfmeister, Money Boy und Craig Ignahz an. Und die Etablierung seiner eigenen Marke „SÄqk“.

Zeit über „seine“ Stadt nachzudenken findet er trotzdem. „Es braucht ein Zuhause für Streetart und Graffiti, das als innerstädtischer touristischer Treffpunkt mit Gastronomie und Shop funktioniert, sowie Räumlichkeiten für Workshops und einen dringend notwendigen Artist in Residence Bereich.“ SÄqk setzt auf die Kulturlandeshauptstadt 2024, die der urbanen Kunst den nötigen Boost verschaffen soll.

Der City-Flyer hat den Meister der Sprühdose und des Messers um ein Interview gebeten.

Interview: Werner Harauer
Foto: privat

City-Flyer: Ende Oktober 2020 wurde die Citysplash-Wand zum Thema “Halloween” neu gestaltet. Hast du dir die Werke angesehen?

Labinsac: Ja klar.

CF: Hast du Kontakt zu St. Pöltner Sprayern?

Labinsac: Ja sicher.

CF: Sagt dir Sert One etwas?

Labinsac: Yesss … ich hoffe er bleibt dran … würd gern mit ihm sprayen.

CF: Deine Nicknamen sind Legion. “Pater Kolbe”, “Labinsac”, “Isaac Labinsac”, “Wolf”, …. Wie willst du angesprochen werden?

Labinsac: SÄqk

CF: Ok, SÄqk. Im Vergleich zum Beginn der 10er-Jahre ist es medial recht ruhig um dich geworden. Das letzte, das von dir zu hören war, war deine Verhaftung. Wann war das? Und was ist da vorgefallen?

SÄqk: Zum Thema Medienpräsenz: Ich arbeite auftragsbezogen und habe daher keine Zeit für PR-Einschaltungen.
Die Verhaftung war im August 2019 anlässlich der Anfertigung eines Graffitis beim HTL Übergang. Es war für mich persönlich ärgerlich, ist aber relativ gut ausgegangen.

CF: Was sagst du zu folgendem Satz: “Konkret wird auch Graffiti im legalen Bereich, und wenn keine sexistischen, rassistischen Botschaften etc. involviert sind, als positiver Impuls in unserer Landeshauptstadt wahrgenommen.”

SÄqk: Aha. Das ist ein typischer Satz eines Bürokraten.

CF: Wann hast du mit Graffitis begonnen und seit wann machst du vor allem Stencils? Welchen Überlegungen gingen deiner Entscheidung voraus, dich auf Stencils zu spezialisieren?

SÄqk: Graffiti mache ich seit 1986, mit Unterbrechungen, Stencil Graffiti mache ich seit 2004 – durchgehend. Wenn man sich zumutet, Trends zu erkennen, dann war damals 2004 der Trend Stencil Grafitti der Grund, warum ich mich für diese Kunstform entschieden habe.

CF: Dein Style hat sich immer mehr zu detailgetreuen Porträts in überlebensgroßen Formaten sowie zu Stencils mit architektonischen Motiven hinbewegt. Hab ich deine künstlerische Entwicklung der letzten Jahre richtig zusammengefasst?

SÄqk: Jein, aber gut recherchiert. In meinen heutigen Arbeiten ist Stencil Grafitti nur das Ausgansprodukt, früher war es total dominant. Mittlerweile stehen Stencils für die Ausgangstechnik meiner Werke.

CF: Wie funktioniert deine Stencil-Technik?

SÄqk: Bei meiner Stencil-Technik liegt der Fokus auf das Herausheben und bewusste Weglassen von Bilddetails zum Beispiel bei Portraits, um die typischen Charaktereigenschaften einer Person  zu betonen.
Ist das die Antwort, die Du Dir vorgestellt hast? Wenn nicht, müsstest du oder die Leserinnen in Youtube Tutorials nachschauen.

CF: Passt schon. Im aktuellen internationalen Kunst-Zirkus spielt Streetart eine untergeordnete Rolle. Außer einigen großen Namen, wie z.B. Banksy meidet das Big-Biz die Streetart-Künstler. Hast du eine Erklärung dafür?

SÄqk: Man muss vorausschicken, dass das große Business in keinster Weise Streetart meidet. Ich verweise auf Kollaborationen von Nygo mit bathing ape und diversen anderen Marken, sowie darauf, dass heute keine große Firma, angefangen bei H&M bis Adidas, Coca Cola usw. mehr auf Streetart verzichten oder einen Bogen darum machen kann. Was du vielleicht meinst, ist die Etablierung der Streetart Kunst als museale Kunstform. Die ist wieder abhängig von einem großen Netzwerk, das eben nur aus Damien Hurst besteht.

CF: Ja, ich meinte den internationalen Kunstmarkt. Wenn schon die internationale Nachfrage nach Werken dürftig ist, wie schaut es dann am österreichischen Markt aus?

SÄqk: Der österreichische Kunstmarkt ist gar nicht so unbedeutend, wie man glauben möchte, siehe Heidi Horten, siehe Albertina, siehe Museum Leopold. Gleichzeitig hat der ö-Markt ganz große Künstlerinnen und Künstler hervorgebracht, die international anerkannt und nachgefragt werden. Das heißt, will man sich am ö-Markt etablieren und sich einen Namen machen, muss man zwangsweise ein großer Künstler sein. Ich kenne keine erfolgreiche österreichische Künstlerin, keinen erfolgreichen österreichischen Künstler, die/der nix drauf hat.

CF: Kann deine Kunst nicht nur international funktionieren? Das Zielpublikum ist in stp viel zu klein. Und jene, die es interessiert, haben nicht die Kohle Kunst zu kaufen.

SÄqk: Mittlerweile funktioniert meine Kunst nicht nur international, sondern auch in Österreich. Das Zielpublikum in STP ist nicht zu klein, sondern wird einfach nicht richtig bespielt. Dass die Streetart- und Graffiti-affinen Jugendlichen und modernen Erwachsenen für den Kunstankauf keine Kohle haben ist ein weltweites Problem.

CF: Du bist in St. Pölten verankert. Dank der Neuen Medien steht dir die Möglichkeit offen, Kontakte in der ganzen Welt zu knüpfen. Hast du dir das Internet zunutze machen können Aufträge zu bekommen?

SÄqk: Ja, das Internet ist eine Grundbedingung um international Kontakte zu knüpfen.

CF: Gibt es das Künstlerkollektiv Kg4 mit Florian Nährer, Marcus Hufnagl, Filius DeLacroix und dir als Mitglieder noch?

SÄqk: Ja, sicher. Wir haben uns nicht aus den Augen verloren und werden uns in der nahen Zukunft, wenn es die Zeit erlaubt, wieder treffen, um uns neue Schandtaten zu überlegen.

CF: Wie kommst du ohne Manager zurecht, wenn du mit Konzernen verhandelst?

SÄqk: Ich frage mich ständig, wie ich das schaffe …

CF: Um auf St. Pölten zurück zu kommen: Was kann die Stadt konkret für Streetart-Künstler machen?

SÄqk: Vieles, aber dazu würde ich mich gerne mit den Entscheidungsträgern an einen Tisch setzen und meine Inputs und meine Sichtweise bezüglich Streetart einbringen.

CF: Ich kenne zwei legale Plätze, wo sich Graffiti-Künstler beweisen können: die Citysplash-Wand und das Jugendzentrum Steppenwolf. Reicht das?

SÄqk: Das hat bis 2017 gereicht. Aber mit der Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas und St. Pöltens Transformation zur Kulturlandeshauptstadt 2024 reicht das in keinster Weise aus.

CF: Was hältst du von spraycity.at?

SÄqk: Ist ganz ok.

CF: Du hattest eine Ausstellung im Arkadenhof des Stadtmuseum St. Pölten. Ist das ein geeigneter Rahmen für Streetart? Ist das die Hilfe, die du dir wünscht?

SÄqk: Der Arkadenhof war ein toller Raum für meine Kunst, aber es reicht bei weitem nicht aus. Ich wünsche mir, dass Streetart und Graffiti ein zuhause findet.

CF: Kauft die öffentliche Hand Streetart-Kunst an?

SÄqk: Ja, hoffentlich mehr.

CF: Du hast immer wieder die Stadt in die Pflicht nehmen wollen und eine Innenstadt-Galerie für junge St. Pöltner Künstler gefordert. Ist eine Galerie nicht Sache eines Unternehmers? Der wiederum Kohle mit etablierten Künstlern verdienen muss, um die Miete zu zahlen?

SÄqk: Ja, das ist halt die klassische Sichtweise wie eine Galerie sich am Leben erhält. Ich sehe aber in der Etablierung einer Streetart Graffiti Location nach dem Berliner Vorbild nicht die Verkommerzialisierung und Vermarktung von Streetart, sondern vielmehr einen urbanen innerstädtischen touristischen Treffpunkt mit Gastronomie und Shop, sowie Räumlichkeiten für Workshops und einen dringend notwendigen Artist in Residence Bereich. Dass Konzerte aus dem elektronischen Bereich und Hip Hop mit der nötigen Infrastruktur dazu gehören, ist heute europaweit usus.

CF: Im Löwenhof etabliert sich gerade ein Treffpunkt für junge lokale KünstlerInnen, der STARTraum. Wäre das deiner Meinung nach eine Möglichkeit für die Stadt, ihrer Verantwortung für die Kunst nachzukommen?

SÄqk: Da muss man definieren, wie die Stadt Verantwortung für die Kunst übernehmen kann und soll. Aber klar, die Schaffung eines solchen Art Space ist meiner Meinung nach nicht nur für junge bildende KünstlerInnen, sondern für jede Künstlerin und jeden Künstler in der Stadt die geeignete Möglichkeit, ohne Proberaum in Kontakt mit einem Publikum zu treten.

CF: Stichwort Kulturhauptstadt: Wie schätzt du die Chancen ein, dass dabei etwas Nachhaltiges zustande kommt?

SÄqk: Ich spreche nur für die urbane Kunst, also Graffiti und Streetart, sowie Hip Hop. Da STP, was das Urbane betrifft, noch eher jungfräulich ist, kann ich mir vorstellen, dass die Kulturlandeshauptstadt 2024 der urbanen Kunst den nötigen Boost verschaffen wird.

CF: Die Corona-Krise hat gezeigt, dass Kultur in Zeiten der Not eine untergeordnete Rolle spielt. Hilfe für KünstlerInnen stand/steht an letzter Stelle der Prioritätenliste der Politiker. Und ich fürchte, auch bei der Bevölkerung. Was müsste deiner Meinung nach die öffentliche Hand tun, um den KünstlerInnen rasch und unbürokratisch zu helfen?

SÄqk: Ich spreche wieder nur für 3100. Unbürokratisch kann man den KünstlerInnen nur mit laufenden Aufträgen helfen und mit der Ausstattung des Kulturstadtrates mit einem jährlich fix vereinbarten Betrag, der nur und nur der urbanen Kunst zugute kommt. Da spreche ich von einem Budget Rahmen von 100K bis 300K €. Alles andere würde die Kunst zu sehr einschränken und ins Politische abdriften.

CF: Die Workshops, die du in der Vergangenheit angeboten hast, sind durch die Corona-Bestimmungen keine Option. Kannst du dir für die Zukunft vorstellen, wieder unterrichtend tätig zu sein?

SÄqk: Unterrichtend tätig zu sein wäre mir ein großes Anliegen.

CF: Du warst schon in vielen Bereichen Trendsetter in St. Pölten: Hip Hopper, Breakdancer, Profi bei Mountainbike-Rennen, Graffiti- und Stencil-Artist, Calisthenic-Promoter, hast Workshops für Kinder mit psychischer Beeinträchtigung durchgeführt, … Hattest du nie Angst, dich zu verzetteln?

SÄqk: Nein, urbane Formen, sei es mit der Kunst oder mit der Bewegung, helfen mir bei der ständigen Weiterentwicklung meiner Person als Künstler und Mensch.

CF: Künstler im 21. Jahrhundert zu sein bedeutet immer mehr, sich zur eigenen Marke zu stilisieren. Ist das für dich wichtig? Hast du diesbezüglich einen Plan?

SÄqk: Die KünstlerInnen im 21. Jahrhundert MÜSSEN wie eine Firma agieren. Jede gut funktionierende Firma hat nicht nur einen Business-Plan, sondern auch ein Logo, die nötige PR und auch die Produkte, die in Summe die Marke ergeben. Ja sicher, die Etablierung der Marke “SÄqk” wird einen Großteil meiner Arbeit der nächsten Jahre in Anspruch nehmen. Und ich bin gespannt, wie die ersten Kollaborationen ausschauen. Ich bin für alles offen und bereit.

CF: Du hast mir geschrieben, dass du für ein Austro Pop Hero Duo ein Graffiti in Wien anfertigst und dir die Ausgestaltung der Location eines großen Sport- Traditionsvereines übertragen wurde. Wie bist du zu den Aufträgen gekommen?

SÄqk: Durch harte Arbeit und dadurch, dass mein Style, wenn es um Portraits geht, außergewöhnlich ist und das auch eben von diesen Herrschaften wertgeschätzt wird.

CF: Was planst du noch für die unmittelbare Zukunft?

SÄqk: In der unmittelbaren Zukunft gibt es Garnelen und mittelfristig gibt es Auftragsarbeiten für Kruder und Dorfmeister, Money Boy und Craig Ignahz. Und außerdem die endlich anstehende Graffiti-Reise nach LA und die Einladung eines großen österreichischen Künstlers.

CF: Ich bedanke mich für das Interview.

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Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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      UncleSam3100
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      Der ist gut: “…. mit der Ausstattung des Kulturstadtrates mit einem jährlich fix vereinbarten Betrag, der nur und nur der urbanen Kunst zugute kommt. Da spreche ich von einem Budget Rahmen von 100K bis 300K €.” 🤣
      Is eh nur die Hälfte von den Reparaturkosten, damit der Klangturm wieder wasserdicht ist 😇

      • #20550 Likes: 0
        Werner
        Verwalter
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        Für die Reparaturkosten zum Abdichten des Klangturms wird wohl das Land und nicht die Stadt aufkommen müssen.
        Sonst wäre das Kulturbudget der Stadt wohl aufgebraucht.

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