Lahmana: die Schönheit liegt im Kargen

Lahmana sind v.l.n.r: Stefan Dangl, Clemens Rosenthaler, Alexander Grubner Foto: Timna Rosenthaler, z.V.g.
Lahmana sind v.l.n.r: Stefan Dangl, Clemens Rosenthaler, Alexander Grubner Foto: Timna Rosenthaler, z.V.g.

Als reine Instrumental-Formation in Sachen Psychedelic bzw. Prog-Rock genoss das Trio, bestehend aus Stefan Dangl (guit.), Clemens Rosenthaler (dr.) und Alexander Gruber (bass), schon immer den Exotenstatus unter den St. Pöltner Bands. Anfang des Jahres wechselten sie ihren Bandnamen von dsud auf Lahmana und veröffentlichen nun ihr Debut-Album. Mit neuem Namen und erstem Album will das Trio raus aus dem Proberaum und rauf auf die Bühnen. Der City-Flyer konnte Alexander, den Bassisten von Lahmana, für ein Interview gewinnen.

Fragen: Werner Harauer
Foto: Timna Rosenthaler, z.V.g.

City-Flyer: Ihr habt am 2. Dezember des Vorjahres noch unter dem Bandnamen dsud ein Konzert im Freiraum gegeben. Im April dieses Jahres ist das Album “On Embracing a Blank Space” mit derselben Besetzung, aber unter dem Namen Lahmana erschienen. Warum habt ihr den Bandnamen gewechselt?

Alexander Gruber: Schon von Beginn an hatten wir Bedenken, aufgrund der negativen Assoziationen die das Wort „dsud“ oder besser gesagt das damit bezeichnete Wetterphänomen mit sich bringt. Uns war der Name der Band bisher aber nie so wichtig um daran etwas zu ändern, es brauchte schlichtweg einen Namen. Mit dem Release des Albums hat sich das natürlich geändert, denn damit ist der Name quasi in Stein gemeißelt und gemeinsam mit unserer Musik auch außerhalb des Proberaums und einiger rarer Konzerte präsent. Als sich dann im Winter erneut die Berichterstattung über die katastrophalen humanitären Folgen, die der Dsud klimawandelbedingt verursacht, häuften, haben wir im letzten Augenblick die Chance ergriffen und unserem Projekt einen neuen und diesmal wohl endgültigen Namen gegeben.

CF: Ein anderer Bandname bringt viel Arbeit mit sich. Ich denke da an den Wechsel der URL und der Mailadresse, die Fans und Booker müssen 
informiert werden, … steht das für den Aufwand?

Alexander: Das stimmt, so eine Namensänderung ist marketingtechnisch eine mittlere Katastrophe, aber ehrlich gesagt ist uns das Marketing weitgehend egal.

CF: Was unterscheidet dsud von Lahmana?

Alexander: Im Grunde nichts, außer der Name und dass wir jetzt ein Album haben.

CF: “Uns geht es um die Musik”, um dich zu zitieren. Habt ihr
 deshalb keinen Sänger und spielt alle Nummer instrumental ein?

Alexander: Jein. Derzeit benötigt es keinen Gesang um unsere musikalischen Vorstellungen zu verwirklichen. Es ist natürlich möglich, dass sich dies einmal ändert. Ehrlich gesagt glaube ich, dass die meisten Sänger*innen bei unseren Proben aber verzweifeln würden. Wir proben in einem winzigen Raum, bei ohrenbetäubender Lautstärke und wenn es sein muss, spielen wir die selben 4 Takte 3 Stunden lang im Kreis, um sie zu verinnerlichen – ich kenne keine/n Sänger*in, der/die sowas mitmacht.

CF: Bei Songs mit Gesang habe ich über die Texte die Möglichkeit Gefühle auszudrücken. Wie mache ich das über die Musik, sodass es die Hörer*innen verstehen? Oder wollt ihr gar nichts ausdrücken?

Alexander: Berufsbedingt muss ich dir da wiedersprechen. Es gibt tatsächlich einen großen Anteil an unserer Kommunikation und damit an der Möglichkeit uns auszudrücken, der vollständig nonverbal – also ohne Sprache abläuft. Menschen die gänzlich nonverbal – also ohne Sprache – kommunizieren (müssen), haben es ihn unserer Gesellschaft bedeutend schwerer „gehört“ und verstanden zu werden, sie drücken sich aber dennoch im gleichen Maße aus. Dies lässt sich analog sehr gut auf die Musik übersetzten. Wer Texte singt hat es somit bedeutend einfacher, aber auch wir haben etwas zu erzählen. Oft hat das sogar den Vorteil, dass der Inhalt nicht durch den Text konkret determiniert ist, sondern der Hörer:in mehr Spielraum für subjektives Erleben lässt.

CF: Wenn ihr gezwungen wärt einen Sänger, eine Sängerin zu rekruten,
welche/r würde am ehesten zu eurer Musik passen? Ein Growler? Eine Rapperin? Ein Sänger mit Falsettstimme?

Alexander: Darüber habe ich noch nie nachgedacht …

CF: Was macht die Faszination aus, sich beim künstlerischen Ausdruck ganz auf die Musik zu verlassen?

Alexander: Konkrete Texte nehmen der Musik oft den Möglichkeit für sich selbst zu stehen. Oft habe ich den Eindruck, dass bei Songs nur der Text gehört wird und gar nicht die Musik. Instrumentale Musik zwingt die Musiker*innen genauso wie die Hörer*innen also dazu, sich mit der Musik selbst zu befassen. Darüber hinaus müssen wir dadurch auch nicht immer konkrete Geschichten erzählen, sondern haben die Möglichkeit mit musikalischen Ideen zu experimentieren und diese im Laufe eines Songs zu entwickeln.
„Vague Shapes“ basiert beispielsweise auf einer kurzen rhythmischen Idee, die sich im Verlauf des Songs immer weiter variiert und entwickelt, bis sie gegen Ende hin an ihrem Höhepunkt angelangt ist. In gewisser Weise entwickeln diese Songs ein Eigenleben. Ist die Grundidee vorhanden, schreiben sie sich sozusagen von selbst. Die Herausforderung ist es dann, die Kontrolle zu behalten und das Essentielle auf den Punkt zu bringen. Und natürlich ist es manchmal gar nicht so einfach, das Ergebnis an seinem Instrument umzusetzen, deshalb auch das oben beschriebene stundenlange Proben der immer selben Takte.

CF: Das Album habt ihr bereits bei unserem Interview im April 2021 angekündigt. Ich nehme an, es wurde schon in groben Zügen fertiggestellt, als ihr noch unter dem Namen dsud agiert habt?

Alexander: Mit der Produktion des Albums haben wir im Frühjahr 2022 begonnen. Im Sommer 2023 waren schließlich die Aufnahme-Sessions abgeschlossen. Da es sich dabei aber um eine vollständig unabhängige Eigenproduktion handelt, benötigt dies natürlich einige Zeit. Schließlich war uns auch das Ergebnis wichtiger, als irgendeinen Zeitplan zu erfüllen. Insbesondere Stefans Rolle muss hier nochmals herausgestrichen werden. Er war es, der aus unsere unzählbaren Instrumenten-Takes in mühevoller Detailarbeit erst jene Klangwelt geformt hat. Ob das ganze jetzt ein Album oder eine EP ist, lässt sich schwer beantworten. Gibt es da konkrete Regeln? Wir haben einfach jene Songs aufgenommen, die wir veröffentlichen wollten, die wir im Gesamtkonzept als stimmig wahrnahmen und mit gut 30 Minuten wurde es ein sehr kurzes Album oder eine etwas zu lange geratene EP.

CF: Unter “dsud” versteht man eine mongolische Extremwetterlage.
”Lahmana” kommt aus dem Arabischen und heißt so viel wie “Unser
 Fleisch”. Was meint ihr damit?

Alexander: „Lahmana“ bedeutet zuallererst einmal gar nichts. Es wird sich vermutlich für jeden Namen in irgendeiner Sprache eine Bedeutung finden, doch unsere Intention war es, ein Kunstwort zu schaffen, das sich eben jeder möglichen Deutung entzieht. Wir haben also einfach so lange Silben aneinandergereiht, bis wir auf einen für uns gut klingenden Namen gestoßen sind.

CF: Ihr habt den Bandnamen in arabischen Schriftzeichen auf das
 Albumcover gedruckt. Am Cover ist außerdem eine karge Steppenlandschaft zu sehen. Habt ihr eine Affinität zu orientalischen Ländern?

Alexander: Mittel- und fernöstliche Bild- und Klangästhetik finde ich tatsächlich sehr ansprechend. Die Steppenlandschaft am Cover befindet sich allerdings in Bolivien, also am anderen Ende der Welt. Es sind also vielmehr die kargen und öden Landschaften – eben jener „blank space“- von denen wir auf diesem Album erzählen.

CF: Im fünften Song „ … and It Elevates“ höre ich auch arabische
 Einflüsse raus.

Alexander: Das tonale Material von „ … and It Elevates“, konkret die für europäische Hörer*innen ungewöhnlich platzierten Halbtonschritte, klingen tatsächlich sehr orientalisch, auch wenn dies musiktheoretisch eigentlich ein wenig komplexer ist. Die Verwendung dieser Tonleiter in der Rock-Musik, insbesondere im Psychedelic-Rock ist allerdings nichts Neues. In „ … and It Elevates“ bildet diese Tonleiter einen guten Kontrast zu den über weite Strecken präsenten, dröhnenden Bordun-Tönen und mahlt von Beginn an das Bild eben jener kargen Wüstenlandschaft. Der Rest der Geschichte darf gehört werden.

CF: Habt ihr eure Musik, die im Psychedelic-Rock und im Prog-Rock
 beheimatet ist, um Post-Rock-Einflüsse erweitert?

Alexander: Die Post-Rock-Einflüsse sind jedenfalls da und sicherlich auch hörbar. Grundsätzlich versuchen wir Genre-Zuordnungen eher zu vermeiden. Wir schreiben unsere Songs und proben sie so lange, bis sie so sind, dass wir damit zufrieden sind. Von der Idee bis zum fertigen Song gibt es dabei meist einen dynamischen und oft turbulenten Entwicklungsprozess. Welchem Genre der Song dann zuzuordnen ist bzw. in welche Schublade er zu stecken sein könnte, das dürfen andere entscheiden. Ich sehe das nicht als Aufgabe der Musiker*innen.

CF: Spielst du noch bei Green Coloured Sun?

Alexander: Ja, ich spiele weiterhin mit Green Coloured Sun. Durch einige personelle Wechsel war es in den letzten Jahren eher ruhig um die „Sonnen“, aber wir waren nicht untätig, sondern arbeiteten an vielen neuen Songs und starten seit letztem Herbst mit einer ganzen Reihe von Konzerten wieder durch. Aktuell denken wir auch über ein neues Album nach.

CF: Haben Stefan oder Clemens auch ein Sideprojekt am Laufen?

Alexander: Nein.

CF: Wohnt ihr noch alle in St. Pölten?

Alexander: Ja, wir sind alle in St. Pölten wohnhaft.

CF: Vielen Dank Alexander, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast.

www.facebook.com/lahmana.music/
Zum Album “On Embracing a Blank Space” auf Spotify

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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      Werner
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