Linda Partaj malt Emotionen auf Leinwand

Linda Partaj in ihrem Atelier in Rennersdorf. Foto: privat
Linda Partaj in ihrem Atelier in Rennersdorf. Foto: privat

Bei der 75. Jahresausstellung des St. Pöltner Künstlerbundes am 15. Oktober im Stadtmuseum St. Pölten wird Linda Partaj ihre neuen Werke präsentieren. Die Ausstellung zum Anlass nehmend, lässt sich der City-Flyer die Herangehensweise und den Schaffensprozess von der 29-jährigen St. Pöltner Künstlerin erklären.

Interview: Werner Harauer
Foto: privat

City-Flyer: Wohnst du nach wie vor in Wien?

Linda Partaj: Ich habe mehrere Jahre in Wien gelebt und dort studiert. Mittlerweile ist mein Lebensmittelpunkt wieder in Niederösterreich, wo ich auch aufgewachsen bin. Ich arbeite nun in meinem Elternhaus, in dem im Moment zwar hauptsächlich Renovierungsarbeiten anstehen, aber grundsätzlich ist dort mein Zuhause und mein Arbeitsplatz.

CF: Bist du in St. Pölten gut vernetzt? In welchen Communities?

Linda Partaj: Ja, schon. Obwohl ´netzwerken´ nicht gerade zu meinen Stärken gehört, ist es mir wichtig, dass ich im St. Pöltner Kunst- und Kulturgeschehen mitwirken kann und Teil davon sein darf. Zum Beispiel bei Lames, im Sonnenpark, bei Initiativen im Zuge des Kulturhauptstarts, mit Freiluft und Kultur und auch bei dem St. Pöltner Künstlerbund bin ich immer wieder und gerne eingebunden.

CF: Du hast bei Barbara Putz-Plecko und bei Kirsi Mikkola studiert. Irgendwo hab ich gelesen, du warst auch bei Franziska Maderthaner?

Linda Partaj: Richtig. Ich habe in der Klasse von Barbara Putz- Plecko auf der Universität für Angewandte Kunst studiert und dort mehrere Malerei- Seminare bei Franziska Maderthaner belegt, welche mich tiefer in die Materie der Malerei gebracht haben. Auch Seminare bei der Malerin Mara Mattuschka, welche ein paar Semester bei uns unterrichtet hat, waren sehr prägend. An der Akademie der bildenden Künste war ich dann glücklicherweise in der Klasse von Kirsi Mikkola, mit dem Schwerpunkt auf figurative Malerei.

CF: An der Angewandten hast du „Kunst und kommunikative Praxis“ studiert. Ich habe an der Hauptuni Kommunikationswissenschaft studiert. Jetzt würde mich natürlich interessieren, welches Wissen bei “Kommunikativer Praxis” vermittelt wird …

Linda Partaj: Im Fokus steht der Austausch über die künstlerische Praxis, das forschende Handeln, die Kommunikation über die Entstehung und die Entwicklung von künstlerischen Prozessen. Es stand weniger die Praxis an sich im Vordergrund, sondern die Erarbeitung, das Konzept, die Recherchearbeit, die unterschiedlichen Phasen im Schaffensprozess, welche im Gespräch und im Austausch mit Mitstudierenden und Lehrenden Form annehmen.

CF: Deine Bilder zeigen Figuren oder Gesichter, meist vor einem flächigen Hintergrund. Die Menschen sind oft eingeschlossen oder werden be/verdrängt, ja durchdrungen von geometrischen Formen. Von einem autonomen, selbstbestimmten und selbstwirksamen Individuum, so wie es der Zeitgeist fordert, ist in deinen Bildern wenig zu spüren. Was treibt deine Figuren an?

Linda: Ich habe einen anderen Zugang. Ich sperre meine Figuren nicht ein, eher möchte ich, dass sie sich entfalten können, im Sinne einer Zerstreuung. Viele meiner Figuren sind in einem Bildraum eingebettet, in welchem die Grenzen nicht klar ersichtlich sind bzw. der sich – manchmal abstrakt, flächig oder in Formen – auflöst. Bei den Körpern ist das vor allem in meinen Grafiken auch oft der Fall. Mehrere Figuren überschneiden sich und diese Schnittstellen ergeben neue Formen, welche mich faszinieren. Ich sehe solche Schnittstellen als zwischenmenschliche Ebenen.

CF: Ok, so hab ich das noch nicht gesehen. Aber ein Individuum braucht, um ein solches zu sein, ein Innen und Außen. Die Haut ist quasi unser vorgelagerter Posten zur Außenwelt, der Umriss einer Figur auf dem Blatt Papier. Du machst die zwischenmenschlichen Ebenen über die Schnittstellen der Figuren sichtbar. Sind diese Ebenen nun “drinnen” oder “draußen”?

Linda: Bei den angesprochenen Schnittstellen überschneiden sich eben diese Bereiche, es geht mir um die Berührungspunkte zwischen dem Innen und dem Außen.

CF: Natur scheint kein Thema für dich zu sein. Bei der Durchsicht deines Portfolios habe ich lediglich ein paar leblose Äste und einen kapitalen Hirsch entdeckt.

Linda: Doch! Mir persönlich ist es ganz wichtig, so viel wie möglich draußen in der Natur zu sein, nur lasse ich nicht alles was mir etwas bedeutet deshalb in meine Bilder einfließen.

CF: Was ist für dich von Bedeutung, das du in deine Bilder einfließen lässt? Muss eine Künstlerin/ein Künstler Bildthemen wählen, die für sie/ihn von Bedeutung sind?

Linda: In gewisser Weise wählt jeder Themen, die ihn beschäftigen. Themen, denen man somit auch Bedeutung zumisst, ob positiv oder negativ behaftet. Mich beschäftigt der Umgang mit starken Emotionen und die Verarbeitung von einschneidenden oder aufwühlenden Geschehnissen, was sich oft auswirkt auf das eigene Verhalten und das deiner Mitmenschen, eben wie schon gesagt- dem Innen und Außen. Ich versuche Gefühlswelten und Zustände einzufangen, die in der künstlerischen Umsetzung der Arbeit mitschwingen.

CF: Weil ich jetzt ins Gendern verfallen bin: hast du das Gefühl, dass Frauen in der Malerei andere Themen wählen als Männer?

Linda: Die Themenwahl ist meiner Meinung nach nicht per se eine andere und in der Umsetzung hat sowieso jeder Mensch seinen eigenen Zugang.

CF: Bestimmt die Wahl des Themas, ob du dein Vorhaben mittels Malerei oder mittels Grafik umsetzt?

Linda: Nein, ich wähle das Medium je nach Verfassung. Nur entwickelt sich das Thema dementsprechend anders, weil ich bei Malerei und Grafik in unterschiedliche Details reinkippe und sich ein anderer Fokus ergibt.

CF: Du verwendest oft erdige Farben. Welchen Stellenwert hat die Farbe in deinen Bildern?

Linda: Die Farbgebung ist für mich sehr wichtig, da nuancierte Farbabstufungen im Stande sind, die Vielfalt an Stimmungen adäquat zu vermitteln. Der erdige, farbig-reduzierte, melancholische Ton ist Ausdruck für Vergangenes, etwas Nostalgisches, das mitschwingt, da ich zum Beispiel gerne auch mit altem Fotomaterial arbeite. Eine Variation vom Strich ist ebenso wichtig. Einfache Linien und Formen in Kontrast zu vielen Details und realistischen Ansätzen zu setzen, ist für mich wie ein Sprung zwischen Leichtigkeit und Schwere im Bild.

CF: In einem Interview hast du erwähnt, du thematisierst oft die enorme Reizüberflutung, der wir heute ausgesetzt sind. Wie kommst du mit damit zurecht, dass sich die Menschen nicht mehr auf eine Wahrheit einigen können? Ist das ein Thema in deinen Bildern?

Linda: Es ging mir nicht um die Wahrheit sondern viel mehr um die Wahrnehmung. In der Auseinandersetzung mit der heutigen Reizüberflutung hat mich eher der subjektive Wahrnehmungsprozess beschäftigt. Was bleibt in Erinnerung? Worauf legt man seine Aufmerksamkeit und warum? Was entsteht daraus? Die verschiedensten Eindrücke aus dem Kontext zu nehmen, neu zusammenzustellen und festzuhalten, hat mich länger beschäftigt und durch diese Auseinandersetzung sind viele Bilder entstanden, ohne dabei die eine besagte Wahrheit thematisieren zu wollen.

CF: Menschen sind das zentrale Thema in deinen Bildern. Versuchst du dabei, das Wesen der gemalten Person(en) einzufangen? Oder die momentanen Emotionen der Figur(en)?

Linda: Ich versuche gefühlte Momentaufnahmen einzufangen, welche Stimmungen, Zustände und Umstände transportieren. Ich projiziere Erlebtes und Emotionen auf Figuren, möchte aber nicht eine Person oder deren Wesen 1:1 darstellen. Für mich steht also nicht der Wiedererkennungswert eines bestimmten Menschen im Vordergrund, sondern ich sehe die Figuren als Darsteller, welche bedingungslos verkörpern, welche Themen mich gerade beschäftigen.

CF: Ist es von St. Pölten aus nicht wesentlich schwieriger, mit der nationalen Kunstszene, die sich hauptsächlich in Wien aufhält, in Kontakt zu bleiben? Die Voraussetzung im Kunstmarkt zu reüssieren besteht doch darin, ein Netzwerk aufzubauen und immer präsent zu sein.

Linda: Natürlich war das mit viel weniger Aufwand verbunden, als ich noch in Wien war und auf der Kunstuni studiert habe. Da ist man automatisch mehr im Geschehen und vernetzter. Jetzt ist es schon so, dass weniger über persönlichen Austausch entsteht, sondern viel mehr über digitalen Kontakt. Das hat die Coronapandemie aber generell verstärkt.

CF: Woran arbeitest du im Moment? Was beschäftigt dich?

Linda: Momentan arbeite ich an einem Plattencover für einen Schweizer Singersongwriter, der bald ein neues Album herausbringt. Das Coverbild ist schon ein ziemlich langer Prozess und entsteht aus meinen eigenen Gedanken zu seinen Texten und der Musik, eine Form der Übersetzung von Musik zu Bild, was auch interessant ist, welche neuen Interpretationsräume da entstehen. Der Austausch über die verschiedenen Zugänge zu Musik und bildender Kunst ist sehr bereichernd.

CF: Hast du in nächster Zeit eine Ausstellung, eine Beteiligung an einer Ausstellung in Aussicht?

Linda: Ja, die nächste große Gruppenausstellung wird ab dem 15. Oktober im Stadtmuseum St.Pölten zu sehen sein. Es ist die Jahresausstellung vom St. Pöltner Künstlerbund, wo ich auch in einem Raum neue Werke zeigen werde.

CF: Wir bedanken uns für das informative Interview und wünschen dir viel Erfolg für die kommende Ausstellung.

www.lindapartaj.at/

Werner Harauer
Folge mir

Schreib etwas dazu

Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

City-Flyer – die Stadt bei Tag und Nacht Foren Linda Partaj: Emotionen auf Leinwand

Ansicht von 0 Antwort-Themen
  • Autor
    Beiträge
    • #23750 Likes: 0
      Werner
      Verwalter
      9 Likes

      Wenn dir der Eintrag “Linda Partaj: Emotionen auf Leinwand” von werner gefallen hat, gib ihm ein “Like”. Wenn du mehr über den Autor erfahren willst, so klicke auf sein Profil. Wenn du etwas ergänzen willst, schreib einen Kommentar.

Ansicht von 0 Antwort-Themen
  • Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.