Litha fordert mehr Mut ein: “rein ins frische Wasser”

Litha, Foto © Fabia Wallnöfer, z.V.g.
Litha, Foto © Fabia Wallnöfer, z.V.g.

Neugierig auf eine fordernde Stimme, elektronische Beats und einen tief hängenden Bass? Lisa Lurger, die ihr Leben lang Musik gemacht hat, nahm sich eine lange Auszeit von der Bühne. Nach Jahren der musikalischen Stille schenkte sie der Welt unter ihrem neuen Künstlernamen Litha im April und August dieses Jahres zwei Songs, die wichtige Stationen ihres Lebens abhandeln. Die Texte geben persönliche Erfahrungen wieder und werden von dramatischer Elektronik begleitet.

Interview: Werner Harauer
Foto: Fabian Wallnöfer z.V.g.

City-Flyer: Die Kelten nannten die Mondgöttin “Litha”, die sie Ende Juni zur Sommersonnenwende feierten. Der Überlieferung atmet Litha ein und aus und mit jedem Atemzug “wird etwas” und mit jedem Ausatmen “vergeht etwas”. Ein starkes Bild. Kannst du dich mit dieser starken Frauenfigur identifizieren?

Lisa Lurger: Durchaus. Mir ist meine Balance und Ausgewogenheit sehr wichtig. Ich gehe zum Jahresende in mich, lass Dinge los, bedank mich für alles Schöne und schau voller Ideen und Wünsche ins neue Jahr. Rund um die Sommersonnenwende gibt’s dann eine kleine Auffrischung meiner Visionen. Insofern gibt’s den Fokus auf “was wird” und “was vergeht”, um gut in meine Kraft zu kommen.

CF: Im Video deiner Debut-Single “Mercy” tanzt du in einer Lagerhalle. Obwohl du dich als Opfer besingst wirkst du sehr entschlossen. Worum geht es in dem Song?

Lisa: Im Song “Mercy” erzähle ich von der Fremdbestimmung und Ausgeliefertheit, die viele Frauen bei Geburten im Krankenhaus erleben müssen. Der Tanz steht im Gegensatz dazu. “Mercy” ist einerseits Aufarbeitung eines relativ unbesprochenen Themas – Grobheiten, schmerzhafte Eingriffe, verbale Verletzungen im Krankenhaus vor, während und nach Geburten. Andererseits fordere ich Selbstbestimmung auf, die Wahrung persönlicher Grenzen, die Achtung der Würde und Entscheidungsfreiheit von Frauen. Dafür braucht es vor allem eine Stärkung des Gesundheitssystems, um geburtsrelevante Ausbildungen attraktiver zu machen und Arbeitsplätze zu besetzen, damit der Druck vom Personal genommen wird und so Frauen und Kinder sichere Geburten erleben können.

CF: In der Nachfolge-Single “Tired” brichst du aus ermüdenden Beziehungen aus. Es sind meist die Frauen, die einen Schlussstrich ziehen. Worum geht es in diesem Song genau?

Lisa: Sich losreißen von den Ketten, die uns zurückhalten. Das ist “Tired”. Wir bewegen uns innerhalb unserer bekannten, wenn auch nicht bewährten, Muster: Was uns bekannt ist, kann uns nicht überraschen. Da Überraschungen oft auch unangenehme Gefühle mit sich bringen können, die Angst vor dem Unbekannten, finden wir uns in unserem Alltagstrott wieder. Dieser Alltag macht zwar wenig Spaß, aber immerhin kennen wir ihn. So wie im Gleichnis mit dem angeketteten Elefanten. Deshalb: raus aus der Dürre und rein ins frische Wasser!

CF: Die beiden Singles handeln von sehr frauenspezifischen Problemen. Fühlt sich für mich an wie ein Self-Empowerment. Auf welche Wirkung zielst du bei deinen HörerInnen? Hast du ein Bild von ihnen?

Lisa: Ich ziele auf keine spezielle Wirkung. Ich schreib die Songs, die im Moment da sind und sich aufdrängen. Im schönsten Fall können sich viele Menschen etwas davon mitnehmen, fühlen sich gestärkt und werden berührt.
Bei der Veröffentlichung der ersten Single “Mercy” hab ich schon angenommen, dass der Song Frauen, die Geburt erlebt haben, anspricht. So war’s auch. Ich hab viele Nachrichten von Frauen erhalten, die dankbar sind für den Raum, den das Thema aufmacht.

CF: Die beiden Videos sind auch sehr gelungen. Sind sie vom selben Regisseur?

Lisa: Vielen Dank, das freut mich! Die Regiefrage ist so nicht ganz zu beantworten. Ich hatte die Ideen für beide Videos und hab dann die Konzepte geschrieben. Manu Diem ist in solchen Ideenfindungs- sowie Entscheidungsphasen eine wichtige Vertraute für mich. “Mercy” war eigentlich mit einem anderen Team geplant, das kurzfristig abgesagt hat. So kam schicksalshaft die schöne Zusammenarbeit mit Christopher Panzenböck (Schnitt) und Fabian Wallnöfer (Kamera) zustande. Ein sehr kleines Team also. Noch kleiner war’s bei “Tired”. Mit Manu Diem und Benjamin Skalet (Kamera, Schnitt) war das Video in ein paar Stunden gedreht und geschnitten.

CF: Die Gegenüberstellung der Landschaften, in denen du dich im Video von “Tired” bewegst, finde ich sehr gelungen. Auf der einen Seite das Wüstenhafte einer Schottergrube und auf der anderen Seite der tropische Garten. Sie sollen wahrscheinlich die gewünschte und die tatsächliche Gefühlswelt darstellen. Bleibt der “Garten Eden” nicht eine Wunschvorstellung für uns?

Lisa: Wie sieht wohl der Garten Eden aus? Ein blühender Paradiesgarten, der bewässert und gepflegt werden muss, damit er der Dürre nicht ausgesetzt wird. Ich glaube, wir alle wünschen uns den ganz persönlichen Garten Eden und ich bin überzeugt, wenn wir uns selbst aufmerksam zuhören, und wahrnehmen, was wir wirklich wollen, wofür unser Herz brennt und dem nachgehen und den Fokus auf unsere Herzenswünsche legen, bewegen wir uns im Paradiesgarten. Was braucht mein Garten Eden, um saftig zu blühen? Das ist eine wichtige und spannende Frage!

CF: Du hast das Label “Green Papaya Records” gegründet, um deine Musik zu vermarkten. Was machst du noch alles selbst?

Lisa: Das stimmt. Der Schritt war wichtig für mich und meine Entscheidung wieder Musik zu veröffentlichen. Im letzten halben Jahr hab ich mich viel mit Social Media beschäftigt – wie funktioniert das System, was braucht diese Online-Welt, wie will ich mich darin bewegen, usw. Da komm ich auch in Berührung mit Selbstvermarktung. Ich hab vor, das Booking zu machen. Mal sehen. Irgendwann will ich auch selbst produzieren. Das braucht allerdings noch Zeit für Knowhow.

CF: Ist dein Produzent, der Schlagzeuger Andreas Lettner, der bei Projekten wie Lylit und 5K HD mitwirkt, auch für die Musik von Litha verantwortlich?

Lisa: Es ist eine schöne Zusammenarbeit, bei der wir beide für die Musik verantwortlich sind. Ich schreib die Songs, nehm die Vocals auf, plus Klavier und anderen Details. Andi setzt dann sein Bild vom Song um, mit allen Sounds und Beats.

CF: Ich hab in einige deiner musikalischen Favoritinnen auf den Plattenteller gelegt. Mit FKA Twigs und Sevdaliza hast du dir die Latte hoch gelegt, wobei ich durchaus einige Gemeinsamkeiten feststellen konnte. Wie würdest du deine Musik charakterisieren?

Lisa: Reduzierte, drohnenartige Synths, melodiöse Klavierrollen und mehrstimmige vocal layer, elektronische Beats und soulige Lines. Samtseidig, kraftvoll, entschieden. So würd ich das spontan beschreiben.

CF: Es ist auch schon 10 Jahre her, als du mit Sixtus Preiss und Georg Kostron in der Band “Super Czerny” gesungen hast. Damals hast du auch die ersten Songs selbst geschrieben. “Super Czerny” war stark von Techno beeinflusst. Welchen Unterschied macht es, einen Song für “Super Czerny” und für “Litha” zu schreiben?

Lisa: Einen riesengroßen Unterschied, haha! Super Czerny Songs sind zum Einen durch Jams entstanden, zum anderen hat Georg viel geschrieben. Wir waren eine Band, die sich selbst und andere nicht ganz ernst genommen hat und vor allem live sehr viel Spaß hatte. Bei Improsets hab ich irgendwelche Hooks gesungen, manche davon sind mir hängengeblieben und ich hab sie bei folgenden Konzerten eingebaut.
Litha-Songs schreib ich alleine mit dem Ziel an meinen Kern anzuknüpfen, hinschauen, was mich wirklich beschäftigt und berührt. Da komm ich immer wieder an meine Grenzen und das will ich auch. Ich seh’s als Prozess und versuch dabei trotzdem nicht allzu streng mit mir zu sein.

CF: Du hast 2016 eine Babypause eingelegt und die Musik ruhen lassen. Wann hast du mit dem Musikmachen wieder begonnen? Und war “Litha” gleich dein Einstieg?

Lisa: Es war eine 4-jährige Pause in der zwei Kinder in meine Welt gekommen sind. Anfang 2020 bin ich dann mit einem intensiven Kurs bei Kristian Nekrasov und dem Beginn der Zusammenarbeit mit Andreas Lettner künstlerisch wieder in die Gänge gekommen. In der Zeit hab ich mich dann auch für meinen Namen Litha entschieden.

CF: Hattest du in der Babypause je die Absicht, dich als Künstlerin überhaupt zurückzuziehen? Oder stand für dich von vornherein fest, dass du dich nach einer gewissen Auszeit neuen Musikprojekten zuwenden wirst?

Lisa: Ich war vor der ersten Geburt so naiv, dass ich dachte, ich könne zwei Wochen nach errechnetem Geburtstermin eine Show spielen. Die Zerstörung meines Körpers hab ich unterschätzt. Naja. Ich bin davon ausgegangen, dass ich Familie und Musik gut unter einen Hut bring in den ersten Babyjahren. Das war fordernder als gedacht. Zum Glück ist mein Mann mein Held und wir teilen uns alles gerecht auf, so dass Zeit und Raum ist für uns beide, so auch für die Kunst. 2019 gab’s wieder die Klarheit musikalisch aktiv zu werden. Es war mein starker Wunsch Musik von mir in der Welt zu lassen. Das ist nämlich nicht vergänglich.

CF: Du hattest erst kürzlich einen gemeinsamen Auftritt mit den Gravögl. Thomas Gravogl stammt wie du aus dem Bezirk Lilienfeld. Habt ihr vor, das öfter zu machen?

Lisa: Thomas und ich spielen seit mehr als 15 Jahren miteinander. Das ist für mich die Kategorie “Musik machen bis wir alt sind”. Von dem her, ja, das werden wir noch ganz oft machen.

CF: Wie geht es nun weiter? Ich hab gelesen, du nimmst ein Album auf?

Lisa: Ein Album wird kommen. Wann es genau veröffentlicht wird, ist grad nicht ganz klar. Nächstes Jahr vermutlich. Im Herbst kommt wieder eine neue Single.

CF: Hast du in nächster Zeit einen Live-Auftritt?

Lisa: Ich tüftel grad mit einer ganz feinen Band das Live-Set aus. Jay Choma und Manu Diem singen und spielen Synths, Michael Naphegyi spielt Schlagzeug. Alles mit Ruhe und Bedacht. Es gibt noch keine offiziellen Termine. Ein Newsletter wird’s verraten, oder instagram.

CF: Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast.

Zum Video “Mercy
Zum Video “Tired

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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