Ludwig Lusser: Im Flow mit der Königin

Ludwig Lusser (c)Daniela Matejschek
Georg Ludwig Lusser an der Domorgel in St. Pölten Foto © Daniela Matejschek

#STPvonaußen – St. Pölten, die Domorgel und Ludwig Lusser gehören einfach zusammen. Sein Spiel lässt die Zuhörer nicht nur das klassische Orgelrepertoire erleben, die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern schafft eine gänzlich neue Orgelkunst.

Mit Willen, Fleiß und vor allem Faszination sitzt er mit gerade elf Jahren das erste Mal an der Orgel. Ein majestätisches Instrument mit einer unglaublichen Klangvielfalt, die Königin der Instrumente genannt. Das aber schien ihn nicht einzuschüchtern. „Die Orgel hatte auf mich einen so massiven Eindruck gemacht, aber nicht beängstigend oder erschreckend, sondern viel mehr faszinierend“, erzählt er lächelnd. Seitdem ist das Orgelspielen ein stetiger Begleiter im Leben von Ludwig Lusser.

Geboren wurde er 1969 in Innervillgraten und stammt aus einer musikalischen Bergbauernfamilie. Mit zehn Jahren kam er auf das Internat in Schwaz. Begonnen hat er mit dem Klavierspielen, es sei „wie ein Blitz“ in ihn hineingefahren, als er zum ersten Mal ein Klavier gesehen hat. Zu seinem Glück waren die Lehrer*innen und Erzieher*innen des Internats selbst sehr musikinteressiert. Seine musikalische Begabung wurde dadurch früh erkannt und gefördert. Zuerst wurde ihm ein Platz in einer Klavierklasse am Innsbrucker Konservatorium vermittelt. Später verhalf ihm sein damaliger Orgellehrer Raimund Runggaldier in die Orgelklasse des bekannten Domorganisten Reinhard Jaud. Heute ist Ludwig Lusser selbst Domorganist in St. Pölten und unterrichtet Kirchenmusik am Diözesankonservatorium der Stadt.

Während seiner beruflichen Laufbahn arbeitete er selbst mit vielen bekannten Komponisten zusammen. Erich Urbanner ein österreichischer Komponist und Musikpädagoge, vertraute ihm die Uraufführung eines seiner Stücke an, das Lusser im Rahmen des Klangspuren Festivals in Schwaz 2013 aufführte. Während der Planung des Festivals wurde er auch anderen Komponisten vorgeschlagen. Jörg Herchet, ein deutscher Komponist, fragte ihn ebenfalls, ob er ein Stück von ihm auf dem Festival spielen könnte. „Da fühlt man sich natürlich schon geschmeichelt“, erzählt Lusser schmunzelnd.

Bevor man ein Stück auf der Orgel aufführt, ist viel Vorarbeit gefragt, die auch Zeit in Anspruch nimmt. So hat er zwei Jahre vor der Aufführung angefangen, sich mit den Werken der Komponisten zu beschäftigen. Das Stück muss man mit verschiedenen Registern „einregistern“. Das ist letztendlich entscheidend für die Klangfarbe. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Komponist und Organist ist hier sehr hilfreich, besonders wenn es sich um eine Uraufführung handelt. „Es ist natürlich fantastisch als Musiker, wenn man mit dem Komponisten überhaupt sprechen kann.“ Für Lusser selbst war die Arbeit mit Erich Urbanner und Jörg Herchet ein fruchtbarer Austausch, bei dem das gegenseitige Vertrauen während der gemeinsamen Arbeit immer weitergewachsen ist.

Lusser selbst komponiert nicht, seine schöpferischen Anlagen kann er jedoch in der Improvisation ausleben. Durch stundenlanges Improvisieren in seiner Kindheit an Klavier und Orgel hat er sich selbst sehr schnell intuitiv technische Fertigkeiten angeeignet. So hat sich seine musikalische Entwicklung rasch fortgesetzt. Heute hält es ihn – wie damals – neugierig und bei der Improvisation kommt das eigene Ausdrucksgefühl zum Zug. Beim Spielen der Orgel ist Lusser für sein Publikum vorerst nicht sichtbar. Das bedeutet, das Einzige, womit er sich in diesem Moment ausdrückt, ist vorerst der Klang seiner Musik und welches Gefühl er dem Hörenden damit vermittelt. Auch wenn er ein Stück auf der Orgel spielt und es eigentlich nur reproduziert, wird es immer ein wenig nach Ludwig Lusser klingen. Denn bei genauerer Betrachtung des Notentextes wird man merken, dass die Persönlichkeit vom Spielenden in den Klang der Musik mit einfließt.

Nicht nur der Organist lässt das Stück unterschiedlich klingen. Auch auf welcher Orgel gespielt wird, ist von Bedeutung. „Orgeln aus verschiedenen Jahrhunderten spielen sich unterschiedlich“, erklärt er. Kein Instrument gleicht einem anderen, das gilt auch bei der Orgel. Je nach Stilepoche hat das Instrument ganz unterschiedliche Anforderungen. Auch der Ort, in dem die Orgel gespielt wird, verändert letztendlich den Klang. Hier wird bei Lusser vor allem eine Charaktereigenschaft bedeutend – Flexibilität. Er muss fähig sein, sich so auf das Instrument einzustimmen, dass es dann stiladäquat passt. Das kann auch mal ganze zwei Tage dauern. In seinem Studium in Wien hat er zunächst auf einer sogenannten „Kompromissorgel“ spielen gelernt. Begeistert erzählt Lusser: „Wenn man dann Musik zum Beispiel von Frescobaldi aus dem 16. Jahrhundert in Italien auf einer Orgel spielen kann, für die das Stück gemacht wurde, da gehen einem als Organist Ohren und Augen auf!“

Als Ludwig Lusser 2006 nach St. Pölten kam, sah er in seiner Wahrnehmung sehr viele kleine „Nitsch-Plätze“. In einer Galerie wurden Kunstwerke von Hermann Nitsch ausgestellt und im Kunstkino wurden Nitsch-Filme präsentiert. „Ich fühlte mich wie in einer Art Nitsch-Oase“, erzählt er. Nitsch war ein österreichischer Maler und Aktionskünstler und ist für seine umstrittene Kunst bekannt. Im Jahr 2020 ergab sich dann eine gemeinsame Zusammenarbeit mit Nitsch persönlich. In der Konzert-Reihe „Orgel Plus 2020“ gestalteten sie zusammen mit Tänzer*innen und Domchor ein beeindruckendes, musikalisches Gesamtkunstwerk über die Themen Kreuz, Passion und Auferstehung. Die Zusammenarbeit mit Nitsch selbst beschreibt Lusser als sehr berührend: „Für mich als Musiker war ihn so intensiv kennengelernt zu haben, wie wenn ich Bach persönlich getroffen hätte.“

Eines seiner jüngsten Projekte beendete er letztes Jahr im Oktober. Eine elf Jahre in Anspruch nehmende Gesamteinspielung aller Orgelwerke von Anton Heiler. Fast ununterbrochen beschäftigte er sich mit diesem Projekt. Ludwig Lusser entwickelte dabei eine Art natürliche Besessenheit durch Faszination, Willen und eisernem Durchhaltevermögen.

Er investiert viel Zeit in das Realisieren neuer Projekte und in seine Lehrstelle am Diözesankonservatorium für Kirchenmusik in St. Pölten. Weit weg von der Orgel findet man Ludwig Lusser bei hochalpinen Touren oder beim Mountainbike-Fahren. Bei Treffen mit seinen Freunden oder gemeinsamer Zeit mit seiner Familie genießt er aber auch den Abstand zur Musik. „Dennoch, bei Geburtstagsfeiern improvisiere ich dann schon mal Happy Birthday“, sagt er lachend.

Doch immer, wenn der St. Pöltner Domorganist spielt, „ist es für mich etwas unbeschreiblich Seliges, es ist erhellend, man bekommt als Musiker, wenn man in der Musik drin ist, das Gefühl, die Musik spielt mit einem selbst“, erklärt er. Es sei wie eine Art herrlicher „Flow“, der kaum zu beschreiben sei. Besonders das Spielen auf der Orgel im St. Pöltner Dom ist für Lusser einfach beglückend und erfüllend. Er beschreibt sie als zeitlos und von unfassbarer Klangschönheit in allen Registern und Pfeifen.

Text: Nele Gregor
Foto: Daniela Matejschek

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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      Werner
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