Madame Nielsen – Das Monster

 

 

 

 

 

 

 

 

Madame Nielsen nimmt uns mit auf einen bizarren und anspruchsvollen Trip ins Manhattan der frühen 1990er Jahre. Ein junger Russe möchte dort Teil der berühmten Avantgarde-Performancetruppe “The Wooster Group” werden.

Im Herbst 1993 landet der 25-Jährige namenlose Protagonist in Soho/Manhattan, um dort der “The Wooster Group” beizutreten, zu der auch sein Vorbild Willem Defoe gehört. Er hat nur sehr wenig Geld bei sich und die Kopie eines A5-Heft mit Kontaktdaten von Personen, bei denen er nach Rücksprache übernachten kann. Bei den ersten Nummern geht niemand ans Telefon, doch bei seinem fünften Versuch meldet sich eine besonders feminine männliche Stimme, die ihn schließlich für die nächste Nacht zu sich einlädt.

Von nun an verbringt er seine Tage in „The Performing Garage“ in der Wooster Street, wo er hofft, endlich Teil der Show werden zu können, seine Nächte hingegen bei den zierlichen, blondierten, mit Seidenpyjamas bekleideten Zwillingen Jerry & Bruce, die ihre ganz eigenwillige, brutale Performance mit ihm treiben. Nacht für Nacht vollzieht sich die gleiche Inszenierung zu dem auch ein elektrischer Stuhl, vier Stück Sushi sowie mit Velours ausgekleidete Räume und Sex gehören. Doch mag das Ritual auch noch so abartig sein, er kommt von den Zwillingen nicht los.

Abends, zwischen seinen beiden Welten, besucht der junge Mann Bar und Buchladen, vergnügt sich mit einer der Wooster-Performerinnen in deren Badewanne oder spricht mit Susan Sonntag. Seinem Ziel, endlich auf der Bühne mitzuwirken, kommt er jedoch nicht näher. Und doch ist etwas im Gange, bewegt sich auf ein Ende zu, „zieht die Zeit sich zusammen“.

“Plötzlich sieht er die Brüder in einem ganz neuen Licht, nicht als Rätsel, kleine perverse Gnome, Performancekünstler, Replikanten oder unheimlich lebendige
Kopieprodukte aus Champbell`s oder Warhols Factory, sondern Menschen, die sich geopfert oder vielmehr hingegeben haben für eine andere Form menschlichen Seins.”

Die Performancekünstlerin und Autorin Madame Nielsen serviert mit „Das Monster“ keine leichte Kost, dafür aber ein sehr außergewöhnliches Romanexperiment. Das Buch zeigt intensiv, wie schmal der Grat zwischen Mensch, Maschine und Monster sein kann.

Die Werke von Pop-Art Künstler Andy Warhol spielen eine große Rolle im Buch, wie etwa „Electric Chair“, „Car Crash“, „Campbell’s Soup Cans“ und „The Andy Warhol Diaries“, die sich der Protagonist im legendären Buchladen „The Strand“ kauft. Von Warhol stammt auch der Satz “I want to be a machine” von 1963.

The Wooster Group, bei der auch Madame Nielsen (damals noch unter ihrem bürgerlichen Namen Claus Beck-Nielsen) in den Neunzigern Mitglied war, gilt als Vorreiter des postdramatischen Theaters und wurde 1975 im New Yorker Stadtteil Soho gegründet. Im Gegensatz zum traditionellen Theater kombiniert die Truppe bei ihren Arbeiten multimediale, performative und theatrale Formen der Kunst. The Wooster Group wäre Anfang Juni 2020 bei den Wiener Festwochen zu Gast gewesen, die jedoch nicht wie geplant stattfinden können.

Madame Nielsen „Das Monster“
Kiepenheuer & Witsch | 2020 | Hardcover
240 Seiten | € 20,60

 

Claudia Zawadil
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Claudia Zawadil
DI (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Bücherwurm und Vinyl-Lover.

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