Martin Rotheneder: die Welt besser machen

Martin Rotheneder, Foto © Christoph Haiderer, z.V.g.
Martin Rotheneder, Foto © Christoph Haiderer, z.V.g.

Während Technokraten fieberhaft nachhaltige Methoden zur Wohlstandssicherung suchen und Politiker den Einfluss unseres Lebensstils auf die Biosphäre – je nach Couleur – entweder groß- oder kleinreden, verhält sich die Popkultur bislang recht still. Eine rühmliche Ausnahme macht jetzt Martin Rotheneder mit seinem Song „Gipfel“.

Interview: Werner Harauer
Foto: Christoph Haiderer, z.V.g.

City-Flyer: Im Frühjahr dieses Jahres hast du deine ersten beiden Mundart-Songs „Unbekanntes Leben“ und “I loss die Seepferdchen taunzn” online gestellt. Gab es einen Auslöser, warum du plötzlich deutschsprachige Texte singst?

Martin Rotheneder: Heuer im Frühjahr bin ich mal eine ganze Weile kaum vom Arbeiten weggekommen, da hat sich dann einiges aufgestaut und ich bin am Abend nochmal rausgegangen um den Kopf ein bissl freizukriegen. Irgendwie war Singen dann ein nötiges Ventil und der Druck irgendwie so groß, dass es meine Alltagssprache – also Mundart – sein musste. Sonst hatte ich fast immer nur Englisch gesungen, weil ich die Sprache liebe und auch fast nur englischsprachige Musik höre, aber es war in dem Moment offenbar doch nicht so nahe an meinen Emotionen wie eben Mundart. Da ich immer nach einer gewissen Wahrhaftigkeit und emotionalen Direktheit in meiner Musik suche war es für mich klar, dass ich da mal dranbleiben muss.

CF: Hast du mit den beiden Songs noch etwas vor? Oder waren das nur Testballons, um die Reaktion des Publikums zu checken?

Martin Rotheneder: „Seepferdchen taunzn“ war mehr ein Testballon, wie das für einen ganzen Song klappt, fast ein bissl wie eine Übung. Erst für mich selbst und dann um mal zu schauen, was andere dazu sagen. „Unbekanntes Leben“ ist beim Spazierengehen mehr aus einer Emotion heraus entstanden. Die Emotion ist da offenbar auch gut drin konserviert, weil ich krieg bis heute Gänsehaut wenn ich ihn mir anhör. „Unbekanntes Leben“ wird auch bald als nächste Single rauskommen!

CF: Inzwischen hast du die Songs „Hamgaung” und „Gipfel“ auf diversen Plattformen veröffentlicht, die auf einer EP mit zwei weiteren, noch unveröffentlichten Songs zu finden sein werden. Warum gerade vier Songs? Hängen diese Songs zusammen? Haben sie Gemeinsamkeiten, außer den Dialekt?

Martin Rotheneder: Die Gemeinsamkeit der Songs ist der Kaiserberg, so nenn ich – zumindest mal als Arbeitstitel – auch die EP. Wer nicht in St. Georgen wohnt wird damit wenig anfangen können, aber das ein schöner Ort in meiner Umgebung an dem viele der Texte oder Songideen entstanden sind. Das Video zu „Hamgaung“ wurde dort gedreht, ebenso wie viele Teile des Videos von „Unbekanntes Leben“. Und auch der erste Impuls, Mundart zu singen, war dort.

CF: „Gipfel“ unterscheidet sich wesentlich von den drei bisher veröffentlichten Mundart-Songs. Während Zweitere nur mit Akustikgitarre eingespielt wurden, hast du „Gipfel“ für eine Band komponiert (Akustik-, E-Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keys). Wie hat sich das ergeben?

Martin Rotheneder: Mit Ausnahme von „Hamgaung“ sind alle Songs voll ausproduziert, die Versionen von „Unbekanntes Leben“ und „Seepferdchen taunzn“ auf meinen Social Media Kanälen waren nur schnell mit dem Handy gefilmte Akustikversionen – das mach ich gern mal mit neuen Ideen. Die größere Instrumentierung bringt einfach mehr Farben ins Spiel, ich kann damit manche Emotionen verstärken. Und es macht eine Menge Spaß.

CF: Es gibt auf YouTube zwei Versionen des Songs „Gipfel“. Eine Studio-Version und eine Studio Live-Session. Hast du bei der Studio-Version alle Instrumente selbst eingespielt?

Martin Rotheneder: Ja, genau. Ich hab da eine ganz witzige Arbeitsweise entwickelt. Ich spiel ja seit vielen Jahren auch Beats mit der rechten Hand auf der Akustikgitarren. Als ich in den letzten Jahren begonnen hab, Schlagzeugsounds in meine Arrangements einzubauen, hab ich da erst einfach die MIDI-Noten mit der Maus zu meinen Gitarrenspuren dazugemalt. Das hatte aber den Nachteil, dass ich eher zum Click aufnehmen musste, was ein wenig die Lebendigkeit gehemmt hat. Ein Kollege aus Hamburg hat mich dann auf die Idee gebracht, ein Feature meiner Audiosoftware zu verwenden, dass automatisiert nach den Wellenformen meine Bassdrum- und Snareschläge auf der Gitarre erkennt und eine MIDI-Spur draus macht, der ich dann die Sounds geben kann, die mir gefallen. Das hat mir die Freiheit geschenkt, meine eigene Groove und natürlichen Tempobewegungen beizubehalten und gleichzeitig aber die leiwanden Sounds zu haben in Ergänzung zur Akustikgitarre. Ansonsten spiel ich mich mit den Sachen, die bei mir im Studio stehen: Ein altes Fender Rhodes E-Piano, Bass, E-Gitarren, eine Zither usw.

CF: Bei der Studio Live-Session spielten Daniel Letschka, Gerald Schaffhauser, Harry Stöckl und Felix Teiretzbacher mit. Hast du ihnen den Link zur Studio-Version geschickt und gefragt, ob sie den Song mit dir einspielen wollen?

Martin Rotheneder: Ja, genauso war’s! Ich dachte mir grade bei dem Song wäre es super, wenn mehr als eine Stimme die Botschaft von „Gipfel“ rausruft.

CF: Worin liegt aus deiner Sicht der Unterschied zwischen erster und zweiter Version?

Martin Rotheneder: Am meisten sicher im Tempo, das war live etwas schwungvoller und lebendiger. Ansonsten bin ich erstaunt, wie sehr sich die beiden Versionen soundmäßig ähneln.

CF: Mir persönlich gefällt die Studio Live-Session besser. Deine Stimme kommt hier viel impulsiver rüber. Der ganze Song ist knackiger, so als ob ihr euch gegenseitig angestachelt hättet …

Martin Rotheneder: Ich hab die beiden Versionen jetzt noch nicht im 1:1 Vergleich gehört, aber mir gefällt auch die Live-Version sehr gut! Fünf Menschen bringen einfach nochmal mehr Energie rüber als einer. Und mit dem Anstacheln hast du sicher recht, ja!

CF: In den besten Momenten des Songs erinnert mich deine Stimme an Reinhard Fendrich. Ist das jetzt ein Kompliment für dich?

Martin: Absolut, ja! Ich hab als Kind sehr viel Fendrich von meinen Eltern und aus dem Radio gehört, da gab’s ganz großartige Songs und Alben, er ist ein super Sänger! Selbst mir ist der klangliche Vergleich schon manchmal in den Sinn gekommen. Danke

CF: „Gipfel“ ist dein bisher kommerziellster Song, obwohl er „eine unbequeme Wahrheit“ mitteilt. Willst du dein Anliegen möglichst vielen Menschen nahebringen?

Martin: Eine interessante Wahrnehmung, spannend! Ich hatte eher Sorge, dass der Song zu sperrig sein könnte. Also wird’s wohl genau passen Ich will der Botschaft keine Steine in den Weg legen, würde mich aber nicht künstlich verbiegen, um irgendjemand zu erreichen.

CF: Meines Wissens wurde der Song auf Ö3 bislang nicht gespielt, auf Radio FM4 aber schon. Woran liegt es deiner Meinung nach, dass „Gipfel“ von Ö3 ignoriert wird, obwohl er ein richtiggehender Ohrwurm ist? Am Thema?

Martin: Auf FM4 hatte der Song einen Einsatz, Airplay gibt’s dort auch nicht. Das Angebot an guter Musik alleine aus Österreich ist derzeit so enorm hoch, da findet einfach nicht immer alles Platz. Und ja, vielleicht ist das Thema zu schwierig, aber dafür fehlt mir noch das Feedback von Ö3, aber ich werd einfach gleich mal nachfragen …

CF: Im Song geht es um unseren Wohlstand, der zum großen Teil durch den Raubbau an der Natur gewachsen ist. Welchen persönlichen Zugang hast du zu dem Thema? Sorge um die zukünftige Generation? Um den Frieden, … ?

Martin: Um Frieden mach ich mir weniger Sorgen, als Vater zweier noch kleinerer Kinder liegt mir die Zukunft nachfolgender Generationen aber natürlich schon sehr am Herzen. Aber wenn die eher dunklen wissenschaftlichen Prognosen zu Klimaveränderungen eintreten – was sie bisher leider oft taten – und wir es nicht schaffen, rechtzeitig gegenzusteuern, dann betriffts nicht erst spätere Generationen, sondern auch uns noch ziemlich.

CF: Im Grunde genommen handelt es sich bei dem Text um einen politischen Song, der sich aber nicht an die Politiker richtet, sondern an uns alle. Sind wir Konsumenten die richtigen Adressaten?

Martin: Ich finde beides wichtig. Wenn das Bewusstsein für nötige Veränderungen bei einer Mehrheit der Bevölkerung da ist, tut sich auch die Politik leichter, diese umzusetzen.

CF: Solche „Appelle“ an den Hörer galten lange Zeit als „uncool“ in Popsongs. Ist die Zeit wieder reif, um zu moralisieren?

Martin: Ich hab da auch lange mit mir gehadert, aber letztlich geht’s da um so viel, dass ich meine persönliche Befindlichkeit und Angst, als uncool angesehen zu werden – und die gab’s natürlich auch – gut hinanstellen konnte.

CF: Deine Themenwahl nötigt mir Respekt ab. Der/die klassische Ö3 HörerIn wird sich m.M. aber nicht angesprochen fühlen. Oder hast du das Gefühl, dass sich die Mehrheit der ÖsterreicherInnen ein „downsizen“ ihres Lebensstandards vorstellen kann?

Martin: Wie man an unserer Türkis-Grünen Koalition und den derzeit guten Wahl-Prognosen für die Grünen in Deutschland sehen kann, geht das Thema schon ziemlich in die Breite. Ich kann jetzt nichts über die Ö3-Hörer_innen sagen, da fehlen mir die Zahlen, aber ich hab bei den Leuten, die sich den Song auf Facebook angehört haben schon gesehen, dass vor allem die Jungen von 18 bis 35-40 Jahre stark darauf reagieren. Was das Downsizen angeht: Wie man im ersten Lockdown gesehen hat war es möglich, innerhalb kurzer Zeit den Alltag extrem umzukrempeln, weil man sich weitgehend kollektiv einig darüber war, dass dies wohl, extrem vereinfacht gesagt, das geringere Übel sei als an Corona zu erkranken oder zu sterben. Je bedrohlicher der Klimawandel wird, desto mehr wird’s dann vermutlich auch in die Richtung gehen. Schaut man sich Ereignisse wie den Tornado in Tschechien oder das Hochwasser in Deutschland an, geht’s ja nicht nur um den Erhalt von Wohlstand, sondern um’s nacke Überleben. Ich denke, da wird man automatisch kompromissbereiter.

CF: Ich habe mich gleichfalls mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt, finde aber deine vorgeschlagene Alternative – vom Gipfel „a stickl weida nach unten“ zu steigen – wenig zielführend. Hast du das Gefühl, den Text in Watte packen zu müssen, damit du die HörerInnen überhaupt erreichen kannst? Oder anders gefragt: „Ist die Wahrheit dem Menschen überhaupt zumutbar?“

Martin: Die Textzeile heißt für mich: Brauchen wir wirklich alle zwei Jahre ein neues Smartphone, oder kann man nicht das Alte doch so lang benutzen, bis es tatsächlich kaputt ist? Brauchen wir wirklich einen 8K Fernseher, oder kann man einen guten Film nicht auch in HD genießen? Braucht man ein Buch wirklich so dringend, dass man’s auf Amazon über Nacht liefern lassen muss, oder kann man das nicht auch in der Buchhandlung Schubert kaufen oder bestellen – und dabei noch ein nettes Gespräch führen?

CF: Am Gipfel „kennan boid nimma mehr Leit oman stehn“, lautet eine Textzeile. Wer soll oben stehen bleiben (dürfen)? Und wer muss runter? Und wo dürfen die zwei zusätzlichen Milliarden Menschen stehen, die bis zum Jahr 2100 geboren werden?

Martin: Würde die gesamte Weltbevölkerung so leben wie wir Österreicher, bräuchten wir mehr als 3 Erden für die dafür nötigen Ressourcen. Selbst weltweit sind’s noch knapp 1,8 Planeten – soweit die Zahlen von overshootday.org, dort gibt’s auch ein eine Reihe von Lösungsvorschlägen. Das hat nicht unbedingt was mit der Bevölkerungszahl zu tun, das ist vor allem der Idee des ewigen Wirtschaftswachstums geschuldet, das darauf keine Rücksicht nimmt. Es können also unmöglich alle auf den Österreichischen “Gipfel”, es braucht einen Kompromiss ein wenig weiter unten.

CF: Vier Fünftel der Menschheit sehen nicht einmal bis zum Gipfel. Die kennen nur die Mühen der Ebene, wollen aber auch ein Stück weit rauf. Für die ist das Lied nicht geschrieben?

Martin: Darüber hab ich schon mal den Song “In my little bubble” geschrieben. Ein Song pro Thema

CF: Ich kann mir gut vorstellen, „Gipfel“ aus dem Lautsprecherwagen einer „Fridays for Future“-Demo zu hören. Ist es das, was du damit erreichen willst?

Martin: Das würde mich sehr freuen, ist aber kein erklärtes Ziel. Ich will einfach dem Thema meine zusätzliche Stimme verleihen und vielleicht anderen, die ähnliches Denken – und da gab’s schon einiges Feedback in die Richtung – das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind. Und vielleicht fällt’s dann leichter, im Kopf die Kurve der Veränderung etwas abzuflachen, dass man nicht das Gefühl hat, man muss von heute auf morgen alles ändern, sondern dass es ein wenig fließender geht und weniger weh tut.

CF: Ich kann mir auch gut vorstellen, in Zukunft vermehrt Songs in der Art wie „Gipfel“ von anderen KünstlerInnen im Radio zu hören. Du hättest dann eine Vorreiterrolle inne. Schlecht?

Martin: Nicht mein Ziel, aber schön wär’s natürlich!

CF: Vielen Dank für das spannende Interview.

 

Gipfel

wir haum den gipfel gseng
kemma jetzt bitte wieder owegeh
es wird scho richtig eng
es kennan nimmer mehr leid oman steh

owa a stickl weiter unten
is die aussicht a nu sche
hod ma johre, toge, stundenlang
nu ausreichend zum leben

rennt ma nimmer mehr nur runden
sondern glei von A noch B
hod ma irgendwann des gfüh
dass ma wo aukummt in da wöd

wir haum den gipfel gseng
kemma jetzt bitte wieder owegeh
uns wird die luft scho zweng
kennan do nimmer sehr laung oman steh

owa a bissl weiter unten
foit des atmen ned so schwer
es san wertvolle sekunden
waun de um san geht nix mehr

samma afoch so verschwunden
wieder zruck ins gleiche meer
doch des meer von heute gibt
boid nur mehr öl und plastik her

wir haum den gipfel gseng
kemma jetzt bitte wieder owegeh
es wird scho weitergehen
glei waun die sun aufgeht wird’s weidageh

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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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