Martin Rotheneder: Spurensuche im Innersten

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Martin Rotheneder Foto: Konstantin Mikulitsch, z.V.g.

Für Martin Rotheneder ist der 6. Oktober der offizielle Schlusspunkt einer langen Identitätssuche. An diesem Tag erscheint sein Album „Endlich wieder Feia“, auf dem er in zwölf Songs die bisher schwierigsten Jahre seines Lebens verarbeitet. Wer jetzt an die rabenschwarzen Lieder von Ludwig Hirsch denkt, liegt komplett falsch, denn Rotheneders Gedanken enden nicht im Zynismus, sondern nehmen stets eine positive Wendung.

Würde es sich bei den Songs des eben erschienenen Albums „Endlich wieder Feia“ um Instrumentalstücke handeln, niemand käme auf die Idee, unter welchen schweren Geburtswehen diese in die Welt entlassen wurden. Ein Ohrwurm reiht sich an den nächsten, die Fülle an Ideen, die unterzubringen waren, erinnert an den Drang hallenfüllender Bands der 80er-Jahre, nichts dem Zufall zu überlassen. Nur steht hinter „Endlich wieder Feia“ keine Band, sondern Martin Rotheneder, der alle Texte geschrieben, alle Songs komponiert und alle Instrumente selbst eingespielt hat. Es sind dann auch die anspruchsvollen Mundart-Texte, die sich der gefälligen Musik entgegenstellen, zum Nachdenken anregen und viele Fragen aufwerfen. Wir haben einige Textpassagen herausgegriffen und den Künstler nach deren Bedeutung befragt.

Text und Interview: Werner Harauer
Foto: Konstantin Mikulitsch, z.V.g.

City-Flyer: Beim Hören deines Albums gewinnt man den Eindruck, du bist während der Arbeit daran „vom Schatten ins Licht“ getreten. In „I Renn Und I Renn“ kommst du trotz aller Mühen nicht an und würdest am liebsten stehen bleiben. Beim Song „Und So Schnö Is Wieder Montog“ freust du dich auf die Hektik des Arbeitsalltags, weil jene, die „was zum tuan haum, haum a wos zum reden“. Du kommst vom Grübeln ins Tun. Welche Conclusio ergab dein Nachdenken, das dich zum Handeln führte?

Martin Rotheneder: Nachdenken tu ich immer schon viel, das alleine kann’s also nicht gewesen sein 😉 Ich würd’s mal so sagen: Ich bin einigen seelischen Ballast losgeworden. Ohne den war dann einfach viel mehr Energie da und das Tun kommt dann eher von selbst.

CF: Für mich als Paradepessimisten ist das alles schwer nachvollziehbar. Aber für mich wirst du das Album auch nicht geschrieben haben. Aus rein therapeutischen Zwecken auch nicht. Wen willst du damit erreichen?

Martin Rotheneder: Ideen für Songtexte entstehen meist, weil was raus muss, weil mich was beschäftigt. Der Part ist also eher therapeutisch. Ein fertiger Song, den ich dann auch veröffentlichen will, wird aber erst draus, wenn ich auch irgendwelche Lösungen zu bieten hab. Das ist für mich dann auch das Spannende, Aufregende dabei. Ich dreh ein Thema im Kreis, beleucht es von verschiedenen Seiten und irgendwann kommt dann vielleicht was, das sich nach Silberstreif am Horizont anfühlt. Das ist für mich selbst wertvoll, aber ich will es dann auch mit anderen teilen, die vielleicht an einem ähnlich Punkt stecken, weil dann kann man nochmal gemeinsam drüber reflektieren und kommt vielleicht wieder auf was Neues.

CF: Der Song „Unbekanntes Leben“ ist von der Chronologie her der Beginn der Reise durch deine Gefühlswelten. Darin lacht dich ein Weg an, den du nicht kennst und der dich „weida bringt, als i jetzt sein kaun“.
Zwischenruf: Bringt dich nicht (fast) jeder Weg weiter? Bringt dich nicht selbst ein Innehalten weiter?
Die Idee, nur ein bestimmter Weg führe zum wahren Ich erscheint mir absurd, weil sich das Ich durch meinen zurückgelegten Weg jeden Tag verändert. Wie du an anderer Stelle sinngemäß singst, ist der „Weg das Ziel“. Mir fällt dazu Josef Hader mit seinem Lied ein „Und langsam weama wia ma san.“
 Gibt es in dir ein unveränderteres „Kern-Ich“, das es wie einen Schatz zu entdecken gilt?

Martin Rotheneder: Grundsätzlich steckt dahinter meine allgemeine Neugierde für das Neue. Im Song dient das vor allem als Metapher für meine zu dem Zeitpunkt seelische Rastlosigkeit und Suche nach einem emotionalen Ort, der sich hoffentlich leichter anfühlt. Die Metapher kommt aber von der realen Lust drauf, beim Autofahren irgendwo abzubiegen wo ich noch nie war. Zuletzt hab ich das gemacht, als ich das fertige Album-Master im Auto durchgehört hab, da bin ich einfach durch die Gegend gefahren, und wenn wo eine Abzweigung war, hab ich sie genommen. Das kann man sich am täglichen Alltagsweg ja nicht immer erlauben, da hat man feste Bahnen auf denen man bleiben muss, drum ist die Idee dieses mystischen Wegs ja dann auch so spannend!
Tatsächlich hab ich auch immer versucht, dieses „Kern-Ich“ wie du es beschreibst, freizulegen, ja.

CF: In „Graz Oder Venedig“ bist du wieder auf der Reise und kannst dich nicht entscheiden, welche Richtung du nehmen sollst. Da wo du jetzt bist, wolltest du eigentlich nie hin. Und in die „Tür, wo’s aussa leicht“ kommst du nicht rein.
Ist diese Gefühlsregung nicht allzu menschlich? Bei Schubert heißt es:

 Ich wandle still, bin wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer: wo? 
Im Geisterhauch tönt´s mir zurück: 
»Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!«
Das zu wissen macht die Entscheidungsfindung um einiges einfacher (is eigentlich eh wurscht ;-)
 Ist diese Idee eines wahren Kern meiner Person, dessen Auffinden Voraussetzung für mein Seelenheil/Glück ist, nicht ein sehr romantischer Gedanke? Ist diese Idee nicht der Über-Individualisierung der westlichen Überflussgesellschaft geschuldet?

Martin Rotheneder: In meinem Fall hat es mehr mit Identität als mit Individualisierung zu tun. Ich war an einem Punkt, wo ich mich über nichts hätte beschweren müssen, wo alles Glück vor mir lag, um es etwas pathetisch auszudrücken. Und trotzdem war da immer die Frage, ob das genügt, ob ich nicht noch auch woanders sein sollte. Ich glaub, so geht’s vielen Menschen, grade in der westlichen Welt, wo man im Überfluss lebt, weitgehend befreit von ernsthaften existenziellen Sorgen. Und trotzdem fühlt man, dass da noch was fehlt, dass das ja vielleicht noch nicht alles gewesen sein könnte. Das kommt von so einem Zieldenken … wenn ich das und das erledigt hab, dann … ein Urlaub, etwas bestimmtes Kaufen, die Pension … oder als Musiker „erfolgreich“ sein, was auch immer das genau heißt. Ich hab dann lernen müssen, den Blick auf den Weg zu richten, weil das ständige Nachjagen einer vermeintlich besseren Zeit hat mich irgendwann aufgefressen. Daher auch Identität, weil wenn ich mich bzw. meinen Wert immer nur über etwas definiere, das unerreichbar vor mir liegt, dann fehlt mir ja immer was, dann bin ich immer ein „Mängelexemplar“, um es mit Sarah Kuttner auszudrücken 😉

CF: Im oben genannten Song kommt auch der Satz vor: „Meistens is gscheida, wann I ka Zeitung les.“ Das denkt sich wohl die Mehrzahl der Menschen seit den späten 80er Jahren, die es sich mittels „Cocooning“ gut eingerichtet haben. Diese Form der Weltabgewandtheit und Gleichgültigkeit hat uns in den letzten Jahrzehnten auch nicht weiter gebracht. Ist die Generation X zu alt um zu revoltieren? Zeigen uns die „Fridays For Future“ wie’s geht?

Martin Rotheneder: Das mit dem Zeitunglesen im Song hängt direkt mit „woher kummt des, dass i oft ned weidaschloffn kau“ zusammen. Bei mir haben sich mit der Zeit starke Ängste entwickelt, die mir dann irgendwann auch den Schlaf geraubt haben. Das hat mich dazu gezwungen, Abstand zu den Medien zu halten. Inzwischen bin ich wieder ein bisschen näher gerückt, finde aber diese Überinformiertheit der heutigen Zeit eher problematisch, weil’s leicht dazu führt, dass man sich Problemen gegenüber eher wie gelähmt fühlt und depremiert da sitzt anstatt zumindest im Kleinen zu agieren. „Is eh scho wurscht“ ist für mich schlimmer, als haarklein zu wissen was grad auf der Welt überall passiert, gerade in Hinblick auf die Klimathematik. Und Fridays for Future find ich großartig, ich bewundere ihren Einsatz sehr und helf auch gern mit, wenn sich’s wo ergibt!

CF: Im Song „Gipfel“ schlägst du vor einen Gang zurück zu schalten, vom Gipfel ein Stück runter zu klettern. Damit forderst du die Abschaffung des Kapitalismus, der darauf angewiesen ist, nach dem Gipfel den nächsten, noch höheren Gipfel zu erklimmen. Ohne „Wachstum“ kollabiert der Kapitalismus, was ungefähr die Auswirkungen des Untergangs von Rom hätte. Verlangt du den Hörer*innen da nicht zu viel ab?

Martin: Mir geht’s in dem Song vor allem um das Thema Ressourcen und Nachhaltigkeit. Ich bin irgendwann mal auf den „Earth Overshoot Day“ aufmerksam geworden, also den Tag im Jahr, an dem die Ressourcen der Erde für unsere Lebensweise aufgebraucht sind, die restlichen Tage leben wir quasi auf Pump. Ausgegangen ist sich das zuletzt vor rund 50 Jahren, heute sind wir in Österreich schon Anfang April, weltweit im Sommer. Wenn wir superprivilegierten Westeuropäer bereit sind, ein klein wenig von unserem Gipfel herunter zu kommen, machen wir es der Politik leichter, den Kapitalismus dort zu regulieren, wo er uns langfristig schweren Schaden zufügt. Und in manchen Punkten funktioniert das ja auch schon, künftig müssen Handys ja zum Beispiel wieder Akkus haben, die man selbst austauschen kann. Ich spür generell eine wachsende Bereitschaft in der Bevölkerung für Veränderungen, weil dass es klimatechnisch schon recht eng wird, ist glaub ich inzwischen allen ziemlich klar. Und ich glaub auch, dass es uns gut tun wird, wenn wir Dinge wieder mehr wertschätzen, sie reparieren oder weiterverkaufen anstatt sie wegzuwerfen.

CF: Im Song „(In Mir Brennt) Endlich Wieder Feia“ führst du Zwiesprache mit dir selbst? Führt dein Ich einen battle mit deinem Über-Ich? Wenn du zu weit weg von dir bist, von welchem Ich hast du dich zu weit weg bewegt? Das Ich vom Über-Ich? Oder das Über-Ich vom Ich?

Martin: Dass ich da mit mir selber schimpfe hab, ich ja eigentlich erst sehr spät erkannt. Man kann den Song ja auch als Befreiungsschlag von einer toxischen Beziehung lesen und so war das auch für mich sehr lange. Erst wie der Song ganz fertig war, konnte ich das raushören, was den Song für mich immer interessant gemacht hat, da stand ich dann nicht mehr so nah dran. Wie schon vorher erwähnt bin ich in den letzten eineinhalb Jahren ja viel emotionalen Ballast losgeworden, da hab ich dann unterbewusst wohl meinem früheren Ich die Meinung sagen müssen 😉

CF: Ist es nicht eine sehr egoistische Einstellung, alles von sich herzeigen zu wollen („Zeig alles her von mir“)? Man sollte für die Menschen im eigenen Umfeld berechenbar bleiben, d.h. ihrem Bild, das sie sich von dir gemacht haben weitgehend entsprechen. Wenn jeder Mensch seine Widersprüchlichkeit in der Gesellschaft ausleben wollte, wäre dann der Alltag nicht unberechenbar?

Martin: Das hat für mich ganz viel mit Scham zu tun. Wie verletzlich darf ich mich (vor allem als Mann) zeigen? Werde ich als schwach oder auch egozentrisch gesehen, wenn ich offen sag, wie’s mir geht? Diese Angst schwingt in mir immer mit, obwohl ich inzwischen gelernt habe, wie wichtig und wertvoll es ist, sich nicht immer nur stark, sondern auch mal schwach zu zeigen. Also „alles“ herzuzeigen und nicht nur eine geschönte Version davon, wie wir es so lange von der Musikpresse vorgelebt bekommen haben.
Was du da mit der Berechenbarkeit im Umfeld ansprichst ist ein interessanter Gedanke, weil das ist gerade jetzt für mich ein wesentlicher Antrieb, so offen über diese Dinge zu reden. Denn bei mir hat sich in den letzten Jahren einfach viel verändert zu früher, auch wenn man das oberflächlich nicht gleich sieht. Also eine Art „Neuberechnung“ für mein Umfeld vielleicht 🙂

CF: Im Song „Olles Wird Guad“ führst du wieder Zwiesprache mit dir selbst?
 Der Pessimist übergibt das Ruder dem Optimisten, im Vertrauen, dass der Optimist letztendlich recht haben möge und „ollas guad wird“. Die Zweifel sind aber unüberhörbar vorhanden. Ist das so? Und ist das so schlimm?

Martin: Ich hab damals grad gelernt, dass Vertrauen der Gegenpol zur Angst ist, und zwischen denen gab’s bei mir zu der Zeit grad eine ordentliche Schieflage. Ich musste also eine neue Balance zwischen diesen beiden Punkten finden und das hab ich im Song verarbeitet. Also ich hab schon gespürt, dass es in eine gute Richtung geht, aber ganz so weit war ich halt noch nicht.

CF: Die Songs auf dem Album beschäftigen sich mit deiner Befindlichkeit. „Gipfel“ macht hier eine Ausnahme.
Interessant ist, worüber du NICHT singst. Du verlierst kein Wort über das Erstarken der Rechtsparteien in Europa (und weltweit), ebenso wenig darüber, dass wieder Krieg in Europa herrscht. Findest du hierüber keine Worte?

Martin: Die Themen kommen schon vor bei mir, ich nenn sie halt nicht so direkt beim Namen, sondern geh auf meine Art damit um. Als der Krieg in der Ukraine losging ging’s mir eine Zeit lang gar nicht gut, ich hatte große, fast lähmende Angst davor, dass das zu uns übergreift. Ich hab das auf meine Art im Song „Summa mit dir“ verarbeitet und meinem Vertrauen (eben als Gegenpol zur Angst) eine Liebeserklärung gemacht: „Du druckst die dunklen Wolken weg für mi…du kennst kan Kriag (und a ka Pandemie)“. In „Nur Mitanaunda“ such ich einen Umgang damit, dass Menschen auf Lösungsansätze für alltägliche Probleme kommen, die mich vor den Kopf stoßen und gar nicht meinem Weltbild entsprechen. Der Titel verrät wohl auch hier meine optimistische Grundhaltung;-)

CF: Vielen Dank für das Interview.

Martin: Danke für deine spannenden Fragen und dass du dir die Zeit genommen hast, dich so intensiv mit meinem Album zu beschäftigen!!

6. Oktober, 20:00 Uhr, Freiraum: „Endlich wieder Feia“ Album Release Konzert mit Martin Rotheneder und Band
www.martinrotheneder.com

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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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