In seinem neuen, famosen Roman verwebt Maxim Biller erneut eine wahre Familiengeschichte mit fiktiven Elementen und lässt in „Mama Odessa“ seine verstorbene Mutter zur Hauptfigur werden.
Die liebevoll erzählte Geschichte handelt von der in den 1970er Jahren von Odessa nach Hamburg ausgewanderten Familie Grinbaum. Der Ich-Erzähler ist Sohn Mischa, der als Schriftsteller tätig ist. Seine Eltern finden in der neuen Heimat nicht das erhoffte Glück. Mutter Aljona vermisst Odessa (den dort ging es ihr und dem Sohn viel besser), der Vater, ein großer Verehrer des Zionismus, möchte unbedingt nach Israel, doch seine Frau ist dagegen. Für den Sohn wurde alles einfacher, als er so gut Deutsch konnte, dass seine Mitschüler „Angst vor ihm und seinen Beleidigungen hatten“ und ihn in den Pausen nicht mehr hänselten. Als der Vater eines Tages alleine in Israel einen Kibbuz besucht, verliebt er sich in eine Deutsche und trennt sich von seiner Frau.
Mischas Mutter verwirklicht erst sehr spät im Leben ihre Schriftstellerinnenkarriere und veröffentlicht ein Buch, ein Zweites fertig zu schreiben gelingt ihr vor ihrem Tod nicht mehr. Sie kam vor vielen Jahren, als sie mit dem Auto des Ehemannes fuhr, durch ein Nervengift, welches von KGB-Agenten auf das Lenkrad gesprüht wurde, in Berührung. Dieses hatte im Laufe der Jahre ihren Körper immer mehr vergiftet.
„Mama Odessa“ ist eine liebevoll, nicht linear erzählte Geschichte über eine Einwandererfamilie und ihren Nöten in der neuen Heimat. Das Buch enthält auch mehrere in kursiv gesetzte Texte, die aus der Feder von Mischas Mutter stammen.
Biller war es auch in diesem Buch wichtig, Zeitgeschichte einfließen zu lassen. So werden unter anderem die Gräueltaten, welche die Deutschen und Rumänen den Juden beim „Massaker von Odessa“ 1941 angetan haben, thematisiert. Russische Vertreterinnen und Vertreter der schönen Künste dürfen aber ebenso nicht fehlen und finden ihren Platz in Gestalt der Dichterin und Schriftstellerin Anna Achmatowa und dem Poeten und Sänger Wladimir Wyssozki.
Würde nicht gerade wieder einer dieser schrecklichen Kriege im Gange sein, man würde nach dem Lesen dieses Buches sofort seine Koffer packen wollen und nach Odessa reisen, um mit der Romanfigur Aljona auf der Potemkinsche Treppe zu verweilen. Doch die Hafenstadt ist nun kein Ort der Sehnsucht mehr, der Gedanke daran erfüllt einem mit tiefen Weltschmerz.
Maxim Biller
Mama Odessa
Roman | Kiepenheuer & Witsch
232 Seiten | € 25,20
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