Miss Marple: 15 Jahre stampfender Groove

Miss Marple feiert ihre 15-jährige Radiosendung „BlackXplosion“ Foto: Werner Harauer, z.V.g.
Miss Marple feiert ihre 15-jährige Radiosendung „BlackXplosion“ Foto: Werner Harauer, z.V.g.

In der Sendung „BlackXplosion“ spielt die Radiomacherin Miss Marple an jedem ersten Montag im Monat auf Campus & Cityradio 94,4 gut abgehangene Schwarze Musik. Im April sind es 15 Jahre, seit Claudia Zawadil aka Miss Marple ihre erste „BlackXplosion“ gezündet hat.

Mit Erscheinen dieser City-Flyer Ausgabe am 4. April geht auch die Radiosendung „BlackXplosion“ mit einem zweistündigen Special ab 21 Uhr on air. Claudia Zawadil oder Miss Marple, so ihr DJ-Name, feiert das 15-jährige Sendejubiläum ihres Treffpunkts „für Black Music der 60er, 70er und frühen 80er Jahre (plus einer Prise aktueller Releases)“ mit doppelter Sendezeit, in der sie Anekdoten aus ihrer Sendegeschichte erzählt und einen „Best of“-Musikmix spielt.
(die Sendung ist ab dem 5. April online auf cityflyer.at, Link ganz unten rechts und via „Cultural Broadcast Archive“ nachzuhören)

Die jeden ersten Montag im Monat von 21 bis 22 Uhr auf Campus und Cityradio 94,4 ausgestrahlte Sendung ist der älteste noch laufende Fixpunkt des Senders. Während Miss Marple in den Anfangsjahren fast ausschließlich Soul, Funk und Disco auf den Turntables zuließ, fanden später auch Specials zu Afrobeat oder Early House den Weg in den Äther. Schwerpunktsendungen über Northern Soul oder Elektro-Funk, also über Genres, die man kaum im Radio zu hören bekommt, zählen zu den beliebtesten Formaten und werden gerne von anderen freien Radios übernommen. „Aber in den letzten paar Jahren schummle ich ab und an auch Neuerscheinungen ins Programm, die ich ins Herz geschlossen habe, zum Beispiel Songs der britischen Rapperin Little Simz“, zeigt sich die Radiomoderatorin und DJane von ihrer weniger puristischen Seite.
Man muss kein Nerd sein, der sich tief in die Materie Schwarzer Musik reinkniet, um bei „BlackXplosion“ das Radio anzuwerfen, weil „die Musik in meinen Sendungen im Vordergrund steht. Der geschichtliche Background wird nebenbei geliefert.“

Das Interview im Anschluss anlässlich des 15-jährigen Bestehens von „BlackXplosion“ führte Werner Harauer, von dem auch das Foto stammt.


City-Flyer: Deine Sendung heißt „BlackXplosion“ und im Untertitel „Der Treffpunkt für Black Music der 60er, 70er und frühen 80er Jahre“ Das sind quasi 2 1/2 Jahrzehnte schwarze Musikgeschichte. Das ist überwältigend viel 🙂 Bewältigbar?

Miss Marple: „… und einer Prise aktueller Releases“ hast du vergessen. Das ist in der Tat ein sehr umfangreiches Programm. Aber es geht mir ja nicht darum, jedes jemals veröffentlichte Lied zu spielen. Es gibt mit Sicherheit noch eine Reihe musikalischer Perlen oder zusätzliche Hintergrundinfos, die ich bisher nicht entdeckt habe.

CF: Hast du die Genres, die du abdecken willst, erweitert und deshalb den Untertitel deiner Sendung mit „… einer Prise aktueller Releases“ geändert?

Miss Marple: Exakt das war der Grund. In den Anfangsjahren habe ich fast ausschließlich Soul, Funk & Disco präsentiert. Schon seit längerem mache ich aber auch immer wieder Specials zum Beispiel zu Afrobeat oder Early House.

CF: Deutet die Reihenfolge der Genres im Untertitel an, was dir am Wichtigsten ist?

Miss Marple: Die Reihenfolge habe ich aufgrund der Geburtsstunden der jeweiligen Genres gewählt. Sie ist unabhängig von meinen musikalischen Vorlieben.

CF: Es gibt auch weiße Soul, Funk & Disco-InterpretInnen. Bleiben die in deiner Sendung außen vor?

Miss Marple: Nicht ganz. Es gibt ja auch Bands, in der Schwarze und Weiße gemeinsam Musik machten, wie z.B. „Sly & The Family Stone“ oder „Supermax“; diese werden selbstverständlich gespielt. Und ich mache auch Ausnahmen für Vorreiter wie Giorgio Moroder oder auch für Kraftwerk, denn von den deutschen Elektro-Pionieren wurden viele schwarze Artists und Producer aus den USA beeinflusst, die ich öfters in meinen Sendungen spiele. Auf den sogenannten „Blue Eyed Soul“ (Soul von Weißen) verzichte ich jedoch.

CF: Wenn wir bei den Genres bleiben, so stehen Soul, Funk und Disco für ganz unterschiedliche Gefühlsregungen.
Für mich steht „Soul“ für Troubles in der Arbeit, in der Liebe, … Soul steht sehr oft für Weltschmerz. „Funk“ steht für mich für ein schwarzes Selbstbewusstsein, sowohl sexuell, als auch politisch.
Und „Disco“ steht für Eskapismus, für das Ausklinken aus der tristen Wirklichkeit, was vor allem in der frühen Discokultur für die Schwulen von Bedeutung war.
Wie bringst du das in deiner Sendung unter einem Hut? Machst du Sendungsblöcke? Hat jede Sendung einen Schwerpunkt?

Miss Marple: Es ist kein Problem für mich, diese Genres zu mischen. Musik ist für mich dazu da, um den Alltag zu vergessen, sich zu entspannen oder abzutanzen. In den Texten spiegelt sind oft auch eine Protesthaltung der Künstler wider, wenn sie über heikle Themen wie Rassismus oder Gewalt in Beziehungen singen. Aber beim Musik hören sollte man sich trotzdem den Melodien und Rhythmen hingeben, finde ich.
Ich mache aber auch immer wieder gerne Schwerpunkt-Sendungen wie z.B. zu Northern Soul oder zu Elektro-Funk, in denen sich dann wirklich alles nur um das jeweilige Genre und dessen kulturellen Hintergründe dreht.

CF: Wenn du die 15 Jahre Revue passieren lässt: hat sich etwas an deiner Sendung während der Jahre geändert?

Miss Marple: Während ich früher wirklich nur die alten Songs aus den 60er/70er/80er Jahren aufgelegt habe, kommen in den letzten paar Jahren auch immer wieder mal Neuerscheinungen dazu, die etwas „fresher“, der Zeit angepasst sind. Als aktuelles Beispiel nenne ich die Musik der britischen Rapperin Little Simz, die ich großartig finde.

CF: Was verbindet dich mit einer Musik, bei deren Höhepunkt du gar noch nicht auf der Welt warst?

Miss Marple: Ich war eigentlich schon sehr früh der Vintage-Typ, dem Musik, Möbel oder Modestile aus den 50er, 60er oder 70er Jahren besser gefallen haben. Woher diese Vorliebe kommt, weiß ich nicht.

CF: Glaubst du, dass die HörerInnen deiner Sendung in den 60ern, 70ern und frühen 80ern schon auf der Welt waren?

Miss Marple: Die meisten wohl eher schon, aber ein paar Junge gibt es sicher, die sich ebenso für diese Oldschool-Sounds interessieren.

CF: Soul, Funk und Disco sind Mitte der 80er Jahre nicht einfach verschwunden. Warum hast du die Grenze mit Mitte der 80er Jahre gezogen?

Miss Marple: Die Musik hat sich ihrer Zeit angepasst und wurde moderner, was nicht immer meinen Geschmack trifft. Und die Hochblüte war etwa ab Mitte der 80er vorbei. Danach wollten Viele, vor allem Jüngere, ganz andere Musik hören.
Es ist auch nicht in meinem Sinne, zu viele Jahrzehnte zu mischen, da käme ich mir ja wie eine dieser kommerziellen DJane’s vor, die „Kraut und Rüben Hits“ an einem Abend auflegen müssen.

CF: Ist es als MusikerIn und auch als HörerIn wichtig, die Musikgeschichte zu kennen?

Miss Marple: In erste Linie möchte ich mein Publikum mit guter Mucke verwöhnen. Wenn sich jemand nicht bis ins Detail mit den jeweiligen Artists oder Genres beschäftigen möchte, habe ich kein Problem damit.

CF: Hits sind Momentaufnahmen, die so schnell vergehen, wie sie gekommen sind. Warum soll sich ein Hörer/eine Hörerin damit auseinandersetzen, auf welche Tradition der Hit basiert? Warum soll er/sie das Original kennen, wenn die Coverversion der Hit ist?

Miss Marple: Ich finde es schon wichtig, das Original eines Songs zu kennen, nicht nur die jeweilige Coverversion, die gerade ein Hit ist. Schließlich ist der Urheber der Grund, dass es das Cover überhaupt gibt. Der Auslöser, warum ich so denke, war der Song „Tainted Love“ (1981) von Soft Cell, den ich genial finde. Als ich aber durch die Recherechen für eine meiner Sendungen entdeckt habe, dass das „nur“ ein Cover ist und das Original von Gloria Jones von 1976 stammt, war ich (von den „Weißbroten“) enttäuscht.
Unglaublich viele Songs von schwarzen Musikern wurden gecovered, The Rolling Stones taten sich da besonders hervor. Und fast niemand weiß es.

CF: Ist „BlackXplosion“ eher etwas für Musik-Nerds, oder lässt sie sich ohne viel Hintergrundwissen auch hören?

Miss Marple: Man muss kein Nerd sein, der tief drin in der Materie steckt. In meinen Sendungen steht die Musik im Mittelpunkt; es gibt außerdem ein paar Mal im Jahr reine Musiksendungen ohne Moderation.

CF: Wie findest du „neues“ altes Material? Sind die Quellen nicht mal versiegt?

Miss Marple: So schnell sind die Quellen nicht versiegt, da ich es mir zum einen nicht nehmen lasse, echt geniale Songs immer wieder mal aufzulegen und zum anderen seit einiger Zeit ja auch aktuelle Releases in die Sendung mit hineinnehme, wie ich schon erwähnt habe.

CF: Es gibt wie in jeder anderen Musikrichtung kommerzielle Tracks und Tracks, die in den verschiedenen Subkulturen hoch geschätzt werden. Welche bevorzugst du?

Miss Marple: Hier differenziere ich zwischen Sendung und Auflegerei: In meiner Sendung gibt es häufig rare Tracks, die nie zu Hits wurden, aber dennoch gut/sehr gut sind. Sie taugen jedoch nicht immer für eine DJ-Night. Beim Auflegen verwende ich daher meistens Klassiker, die jede/r kennt und schnell in die Beine fahren, aber auch ein paar unbekannte, tanzbare Scheiben, damit die Leute zumindest ein wenig „Neues“ kennenlernen. Für mich ist es öde, ständig die gleichen Songs zu hören bzw. aufzulegen. Dafür gibt einfach zu viel sehr gute Musik.

CF: Manche Tracks werden zuerst in der Subkultur groß und später ein riesiger kommerzieller Hit. Mir fällt da von Sylvester „You Make Me Feel (Mighty Real)“ ein. Die Masse der Menschen kaufte den Hit, tanzte dazu macho-mäßig wie John Travolta im Studio 54 und hat überhaupt nicht gecheckt, dass es sich um eine Schwulenhymne handelte. Ist das für dich ok, wenn man den Kontext, in dem der Song entstand, vollkommen ausblendet?

Miss Marple: Man sollte über die Entstehungsgründe eines Songs meiner Meinung nach schon Bescheid wissen, es ist aber durchaus okay, wenn man beim Konsumieren dieser Nummern nicht ständig daran denkt.

CF: Wie laufen die Sendungsvorbereitungen? Wie lange recherchierst du?

Miss Marple: Für Recherche & Vorproduktion ca. 3 Stunden. Bei Sendungen ohne Moderation ca. 1,5 Std.

CF: Wie behältst du den Überblick? Hast du ein Sendungsarchiv? Weißt du, wann du den Song XY das letzte Mal gespielt hast?

Miss Marple: Alle meine Sendungsfiles werden von mir privat archiviert und auch auf das „Cultural Broadcast Archive“ upgeloaded. Dort kann man sich die Sendungen kostenlos anhören und herunterladen.

CF: Hörst du dir die Sendung am ersten Montag im Monat von 21 bis 22 Uhr auch noch selbst an?

Miss Marple: Einige Sendungen pro Jahr höre ich mir an, um mögliche Verbesserungen meiner Moderation vornehmen zu können.

CF: Wird es zu deinem 15-jährigen Sendungsjubiläum eine besondere Sendung geben?

Miss Marple: Es gibt am 4. April eine 2-stündige Sendung. Die 1. Stunde mit Anekdoten zur BlackXplosion-Geschichte und die 2. Stunde mit einem „Best of Mix“. Für das Best of hätte ich allerdings 1-2 Stunden mehr gebraucht. 😉

CF: Du gestaltest die am längsten laufende Sendungen auf Campus- und Cityradio. Hast du für die Redakteur-Rookies einen Tipp, wie sie sich immer wieder auf’s Neue motivieren können, um ihre Sendung jahrelang am Leben zu erhalten?

Miss Marple: Es gibt dazu keine allgemeinen Tipps, jeder Mensch ist da anders. Es gibt und gab immer wieder Student*innen und Leute außerhalb der FH, die es cool gefunden haben, eine eigene Sendung zu haben, aber bald wieder damit aufgehört haben, weil sie gemerkt haben, wie viel Arbeit wirklich dahinter steckt, die noch dazu unbezahlt ist. Als Studentin hatte ich einige Zeit lang jede Woche eine Sendung. Wenn du Arbeitnehmerin bist, einen Partner und auch noch andere Interessen hast, geht sich das Sendungmachen einmal die Woche nicht mehr aus.

CF: Du hast die Sendung zuerst wöchentlich, dann 14-tägig und zuletzt monatlich zusammengestellt. Werden wir dich bald nurmehr einmal im Jahr hören?

Miss Marple: Ich mache die Sendung schon seit längerer Zeit nur mehr einmal im Monat und dabei wird es bleiben.

CF: Ohne groß nachzudenken: wer fällt dir jeweils als erst(e) Soul/Funk/Disco-InterpretIn ein?

Miss Marple: Aretha Franklin / The Meters / Donna Summer

CF: Prince oder Michael Jackson?

Miss Marple: Jackson hat natürlich auch sehr gute Songs, aber Prince war einfach der Bessere und weniger kommerziell orientiert. Vor ein paar Jahren hab ich Prince eine eigene Sendung gewidmet …

CF: Betty Davis oder Betty Lavette?

Miss Marple: Ich mag beide, jedoch ist mir Lavette deshalb lieber, weil sie vielseitiger war.

CF: Single- oder Maxi-Version?

Miss Marple: Im Club die Maxi, im Radio die Single.

CF: Wo hingehen? James Brown Live at the Apollo? Oder Funkadelic Live at Meadowbrook?

Miss Marple: Sieht man darüber hinweg, dass JB sich gegenüber seinen Musikern und Frauen schrecklich verhalten hat, dann natürlich eindeutig sein Konzert mit den „Famous Flames“ im Apollo Theater 1962.

CF: Ich bedanke mich für das Interview und wünsche dir noch viel Erfolg für die nächsten 15 Jahre.

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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