musik.stp – das St. Pöltner Musik-Schaufenster

Martin Rotheneder, der Künstlerische Leiter des Freiraum St. Pölten, im hauseigenen Studio. Foto musik.stp, z.V.g.
Martin Rotheneder, der Künstlerische Leiter des Freiraum St. Pölten, im hauseigenen Studio. Foto musik.stp, z.V.g.

St. Pöltner Musiker*innen präsentieren sich auf musik.stp via Videos auf den Social Media Kanälen. Martin Rotheneder, der künstlerische Leiter der Kulturhalle Freiraum, begann Ende 2020 mit der Umsetzung seines Herzensprojektes, welches die St. Pöltner Musikszene mittels Videos und Digitalmarketing auf Social Media sicht- und erlebbar machen soll. Rotheneder, der die redaktionelle Arbeit, Kamera und Schnitt sowie das Marketing übernimmt, hat mit Mario Kern, Wolfgang Matzl, Sebastian Haas und Benjamin Muhr ein kompetentes Team im Rücken. Wir haben einige Fragen.

Interview: Werner Harauer
Foto: musik.stp

City-Flyer: Was steckt hinter musik.stp?

Martin Rotheneder: musik.stp soll dabei helfen, aus eindimensionalen Namen dreidimensionale Persönlichkeiten in den Köpfen der Menschen entstehen zu lassen. Wir wollen Musiker*innen und ihre Werke genauso wie Kulturarbeiter*innen und ihre Initiativen für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar(er) und erlebbar(er) machen. Und damit die Schwelle zur eigenen Nutzung verringern.

CF: Gibt es Vergleichbares in anderen Bundesländern?

Martin: Mir ist noch nichts bekannt, ich hab dazu aber auch noch nicht ausführlich recherchiert.

CF: Du hast in einem Interview vom “spürbaren Aufschwung der St. Pölten Live-Szene” gesprochen. Hat sich das vor Corona in den Besucherzahlen im Freiraum niedergeschlagen?

Martin: Ja, absolut. Es gab ein paar Meilensteine, Aha-Erlebnisse wo man gemerkt hat, dass sich was tut. Eines der ersten war das Konzert von The Attic mit NFMS am 23. März 2019 mit ca. 120 Besucher*innen, getoppt hat das dann noch der Abend von The Zsa Zsa Gabor’s mit Salamirecorder, Los Fastidios und Rather Raccoon Anfang Februar diesen Jahres mit über 200 Gästen, das hat alle aus den Socken gehauen. Aber nicht nur im Freiraum, auch die Kooperationen mit der Musikalischen Innenstadt in den letzten Jahren haben gezeigt, dass das Interesse an Musik aus St. Pölten wieder breiter wird.

CF: Bist du der Mastermind von musik.stp?


Martin: Von mir stammt das Konzept und die Vision, mit Digitalmarketing und Videos auf Social Media die St. Pöltner Musikszene sicht- und erlebbar zu machen. Das darf ich nun gemeinsam mit meinen Kollegen umsetzen und strategisch lenken. Operativ mach ich die redaktionelle Arbeit, Kamera und Schnitt sowie das digitale Marketing. Das ganze ist ein lange gehegtes Herzensprojekt, ich hab mich wahnsinnig gefreut, als wir im Sommer das OK für die Umsetzung bekommen haben. Durch die Labelarbeit für meine eigenen Projekte arbeite ich ja schon seit mehr als zehn Jahren im Bereich Musikmarketing, hab aber immer schon den Wunsch gehegt, mein angehäuftes Wissen und die gesammelten Erfahrungen auch für andere sinnvoll einsetzen zu können. Letztes Jahr durfte ich schon mal den Release vom Nattastoy-Album begleiten, das war eine super Erfahrung. Im ersten Lockdown im Frühjahr hab ich dann die Gelegenheit genutzt, um in einem Online-Lehrgang meine Digitalmarketing-Skills nochmal stark zu vertiefen (und bin auch immer noch dabei). Das Wissen und die Erfahrungen daraus sind dann 1:1 ins musik.stp Konzept geflossen. Und seit wir gestartet sind lerne ich am Weg wiederum laufend Sachen dazu, das daugt mir echt sehr!

CF: Wer arbeitet noch mit und in welcher Funktion?

Martin:Sebastian Haas kümmert sich wie gewohnt um den guten Ton und vieles darüber hinaus. Benjamin Muhr zaubert wie immer fantastisches Licht. Wolfgang Matzl ist unser Mann für alles Archivarische und natürlich vor allem enger Partner, wenn’s um inhaltliche Abstimmungen geht. Mario Kern führt für uns die Interviews, da sind wir sehr glücklich, dass wir ihn an Bord holen konnten. Die komplette grafische Gestaltung kommt von Bernhard Kettner, der selbst ja als Sänger der Band Tate aktiv war und damit auch das nötige Gespür für das Thema mitbringt. Darüber hinaus haben wir vor allem in der Vorbereitungs- und Startphase tolle Unterstützung von Stephan Eder (Video), Christina Kanika Oum (Social Media) und Anja Benedetter (Maske) bekommen. Aktuell bin ich auch in regem Austausch mit Steve Ponta (Selecta Weasel, Warehouse), er liefert wichtige Inputs was die elektronische Szene in St. Pölten angeht, vor allem für unsere Spotify Playlist.

CF: Geht das Projekt vom Freiraum aus?

Martin: Ja. Wir können damit unsere Arbeit für die regionale Szene fortsetzen, auch wenn gerade keine Konzerte stattfinden dürfen.

CF: Wer war der allererste act, um den ihr euch angenommen habt?

Martin: Die ersten beiden Drehs waren mit Olivia Goga und Slooga.

CF: Welche Musiker*innen werden bei euch auf „Sendung“ gehen?

Martin: Wir haben zum Projektstart eine Liste mit Musiker*innen, Kulturarbeiter*innen, Musikfamilien und Lokalbetreibern angelegt, die unsere Szene im Laufe der Jahrzehnte geprägt haben und die wir mit den Videos langfristig gerne vorstellen möchten – derzeit über 170 Namen, wobei aber sicher noch vieles fehlt. Etwa zeitgleich mit der Idee für die Dachmarke kam auch Jugendgemeinderat Gregor Unfried mit der Idee für einen St. Pölten Sampler zu uns. Daraus wurde schließlich eine Doppel-Vinyl-LP mit ingesamt 16 Beteiligten, die haben wir dann auch gleich mal begonnen zu Drehs einzuladen. Dazu gibt’s dann so Anlässe wie den Youngster Of Arts, die den Drehplan auch ein wenig mitgestalten. Ansonsten werden wir wohl im Laufe der nächsten Jahre peu à peu unsere Liste abarbeiten. Wer wann drankommt ergibt sich dann unterwegs, da gibt’s auf keinen Fall ein Ranking, wir freuen uns auf alle Gespräche und Live-Sessions gleichermaßen. Wir sind aber trotzdem immer dankbar für Input, weil manches fällt selbst bei genauer Beobachtung unter den Tisch.

CF: Muss er/sie schon mal im Freiraum aufgetreten sein, damit er/sie in Frage kommt?

Martin: Nein, gar nicht. Natürlich sind viele schon mal bei uns auf der Bühne gestanden, aber ein Kriterium ist das auf keinen Fall.

CF: Spielen die Musiker*innen für die Videoaufnahmen extra ein paar Songs auf der Freiraum-Bühne?

Martin: Die Live-Sessions werden alle exklusiv für musik.stp gedreht. Wir filmen in der Regel einen Song. Das mag zwar nicht nach viel klingen, ist aber tatsächlich ganz schön fordernd. Denn bis der Sound passt, die Band gut eingespielt ist und ich meine Wege für die Kameraführung gefunden hab dauert es meist.

CF: Kommen ausschließlich Musiker in Frage?

Martin: Erstmal ja. Die Liste ist lang genug, da haben wir mal ein paar Jahre zu tun.

CF: Wo steht der berühmte „Orange Slice“ für den Interviewpartner?

Martin: „Orange Slice“ ist der Sessel, in dem die Interviewten sitzen. Ein Design-Klassiker aus den 60ern und eine Leihgabe von Wolfgang Matzl. Der Aufnahmeraum ist unsere Bühne im Freiraum, quer bespielt.

CF: Wie fühlen sich die Künstlerinnen bei den Aufnahmen? Hast du den Eindruck, dass sie wegen des ungewöhnlichen Rahmens nervös sind?

Martin: Die meisten sind erstmal total geflasht vom leiwanden Licht und dem schönen Setting. Ein bissl Nervosität spürt man anfangs schon, allerdings schafft Mario Kern schnell eine angenehme Atmosphäre mit seiner Interviewführung, dass das eigentlich meist rasch in Vertrautheit und Wohlgefühl umschlägt.

CF: Wie sind die Reaktionen der MusikerInnen? Wie jene der Fans? Wird die Plattform angenommen?

Martin: Durch die Bank sehr positiv. In den ersten vier Wochen sind wir auf Facebook bei über 500 und auf Instagram bei mehr als 350 Abonnent*innen angekommen, das zeugt schon von enormem Interesse, was uns irrsinnig freut!

CF: Welche Genres wollt ihr abdecken? Von Volksmusik und Schlager bis Jazz und Schranz?

Martin: Genres sind für uns eher zweitrangig. Wir legen den Fokus in erster Linie auf die kreative Szene, sprich all jene, die eigene Kompositionen spielen, und spannen den Bogen hier von Livemusik bis hin zu Elektronik. Im Moment ist das vor allem U-Musik, also Unterhaltungsmusik, im Abgrenzung zu E-Musik, also „Ernster Musik“ oder landläufig „Klassik“. Das liegt aber vorwiegend darin begründet, dass wir bei U-Musik die meiste Expertise und Szenekenntnis mitbringen und bei E-Musik eher blind umhertappen würden. Offen bleiben wir trotzdem immer.

CF: Habt ihr euch ein Ziel gesetzt, wie viele Zugriffe ihr erreichen wollt?

Martin: Als ich am 16. November die Social Media Kanäle auf „öffentlich“ gesetzt und den ersten Teaser gepostet hab, war mein vorsichtiges Ziel bei 100 Abonnenten auf Facebook in der ersten Woche. Das haben wir gleich am ersten Tag erreicht, in der ganzen Woche waren’s dann schon über 300. Wir hatten ja zu Beginn den großen “Youngster Of Arts” Schwerpunkt mit Sinikka Monte und Felix Schnabl (Salamirecorder), drum möchte ich noch die kommenden Wochen mit unterschiedlichen Artists und Interviewten abwarten, bevor ich mich traue weitere Prognosen zu machen.

CF: Ihr wollt auch alle zwei Jahre einen Vinyl-Sampler herausbringen. Unter welchen Gesichtspunkten werden die Songs ausgewählt? Nach dem Motto “best of stp”?, oder “bisher auf Tonträger nicht erschienen”? Gibt es Kuratoren? Gibt es alle zwei Jahre einen anderen Schwerpunkt? Oder schmeißt ihr wie beim damaligen “3100”-Sampler Kraut und Rüben unter der Dachmarke stp zusammen?

Martin: Beim Sampler hatten wir ein Kuratorenteam, das nach möglichst objektiven Kriterien eine Vorauswahl getroffen hat. Wichtig war z.B. etwa, dass die Artists im Zeitraum 2019 und 2020 etwas veröffentlicht hatten und auch live in der Stadt aktiv waren. Da es ja um einen Tonträger gehen sollte fiel die Wahl fast logischerweise auf Vinyl als Medium, was halt auch automatisch die Zahl der Tracks einschränkte. Wir hatten dann rasch so viele Artists beisammen, dass es letztlich Doppel-Vinyl sein „musste“, um keine allzu großen Kompromisse einzugehen. Von manchen Artists kamen dann bereits veröffentlichte Songs, manche stellten uns aber exklusives Material zur Verfügung, das in der Form zum ersten Mal am Sampler erscheinen wird. Doppel-Vinyl hat dann den Vorteil, dass man auf jeder der vier Seiten einen eigenen inhaltlichen Bogen spannen kann, damit konnten wir dem „Kraut- und Rüben“ Prinzip ganz gut entkommen und wie ich finde ein sehr stimmiges Gesamtwerk schaffen.
Sicher wird man den einen oder anderen Artist vermissen, denn nicht alle konnten oder wollten diesmal dabei sein und sich ihre Teilnahme lieber für “Ausgabe Zwei” aufheben. Und das eine oder andere wird uns trotz aller Sorgfalt auch durch die Finger gerutscht sein. Aber das wird einfach beim nächsten Mal nachgeholt.

CF: Wann ist die Veröffentlichung des ersten Samplers geplant?

Martin: Da hat uns leider Corona ordentlich ins Werk gepfuscht. Im Sommer hatten wir noch einen Release vor Weihnachten im Blick, heute sind wir bei einem Lieferdatum Mitte Februar, aber auch das kann sich noch ändern. Bei der Produktion von Vinyl ist viel Handarbeit nötig, wenn also ganze Produktionsteams in Quarantäne müssen verzögert sich alles um Wochen. Letztlich werden wir aber dafür sorgen, dass jeder mitbekommt, wann der Sampler veröffentlicht werden kann.

CF: Ihr tragt alle auf Spotify vorhandenen Songs aus der Hand von St. Pöltens Künstler*innen zusammen und ladet Leute aus der St. Pöltner Musikbranche ein, eine Spotify-Playlist aus bis zu 20 Songs zu erstellen, die dann auf den Social Media Kanälen veröffentlicht wird.
 Ich persönlich finde das die beste Idee seit der Erfindung des City-Flyer. Warum kam die Idee erst jetzt?

Martin: Wenn ich mir die Veröffentlichungsdichte von St. Pöltner Artists auf Spotify so anschaue, dann ist erst in den letzten zwei Jahren weit mehr veröffentlicht worden, als in den Jahren davor, vor allem von Nachwuchskünstler*innen. Und es fehlt ja leider ganz vieles aus früheren Zeiten und auch Leute wieder Dieter Libuda haben ihre Sachen noch gar nicht dorthin ausgeliefert. Drum glaub ich wäre sowas wie diese Playlist gar nicht viel früher machbar gewesen. Aber ich freu mich sehr, dass dir die Idee so gut gefällt!

CF: Mir gehen in der stp-Playlist maßgebliche Interpreten ab. Ohne Faust, Cosmic Crotonbugs oder Peter Pan, um nur einige prominente Beispiele zu nennen, kann die Playlist das St. Pöltner Musikgeschehen der letzten Jahrzehnte nicht widerspiegeln. Habt ihr vor, die Lücken zu schließen?

Martin: Manches ist in Arbeit, manches wünscheswert, manche Lücke wird aber auch vielleicht nie zu schließen sein. Bands wie Peter Pan oder Espresso haben ihre Hits damals zum Teil bei Major Labels veröffentlicht, dort liegen bis heute die Veröffentlichungsrechte und vermutlich wenig bis gar kein Interesse an einem digitalen Release, bei dem es vermutlich keine großen Verkaufserwartungen gibt. Denn wirklich rechnen tun sich bei Spotify ja nur Tracks, die millionenfach gestreamt wurden, und das ist aus St. Pölten alleine halt leider nicht realistisch. Aber ich hab schon die eine oder andere Lösungsidee dafür im Kopf, das wird dann ein Projekt für 2021.

CF: Die Künstler*innen bekommen so gut wie kein Geld, wenn ihre Songs auf Spotify gespielt werden. Zudem erfährt man im Gegensatz zu discogs.com so gut wie nichts über die jeweiligen Künstlerbiografien …

Martin: Wieviel man über einen Künstler auf Spotify erfährt liegt eigentlich in dessen Händen bzw. des Labels oder Managements. Über „Spotify for Artists“ hat jeder die Möglichkeit, sein Profil selbst zu gestalten, eine Biografie einzustellen, Fotos hochzuladen oder auch Tourdaten zu integrieren. Nicht alle machen sich dann auch die Arbeit, aber möglich wäre es schon.

CF: Was ganz anderes.  pitchfork.com  hat ‘Fetch The Bolt Cutters’ von Fiona Apple eben zum Album des Jahres gewählt. Angenommen du würdest die Songs der “STP-Playlist” beifügen: wie viele Hörer würden es checken, dass das keine St. Pöltner Band sein kann?

Martin: Es ist schon viel herausragende Musik aus St. Pölten gekommen – das Debutalbum von Wandl wurde auf Platz 4 der Musikexpress-Jahrescharts 2017 gewählt, Bauchklang haben quasi ihr eigenes Genre erfunden und weltweit dafür Anerkennung bekommen etc. So gesehen wäre es natürlich auch hier denkbar. Aber für Leute, die sich so intensiv mit Musik beschäftigen wie wir, wäre es schon eine kleine Sensation, wenn sowas von hier käme, weil das Album ist schon SEHR gut und ist find ich eine irrsinnig gute Momentaufnahme der Zeit, in der es veröffentlicht wurde.

CF: Ich bedanke mich für das ausführliche Interview.

www.facebook.com/musikstp

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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