Rammelhof: den Holzhammer braucht’s

Rammelhof mit Urgos Brutalos und Gina Machina (2. und 3. v.l.) Foto: Pascal Riesinger, z.V.g.
Rammelhof mit Urgos Brutalos und Gina Machina (2. und 3. v.l.) Foto: Pascal Riesinger, z.V.g.

Sie haben es wieder getan! Protest­song­gewinner Rammelhof veröffent­lichten Ende Mai ihr fünftes Album „Umwelt­schmutz“ und ergießen wieder Spott und Hohn über die Normalos.
Wir erreichten den aus dem Pielachtal stammenden Schlagzeuger Urgos Brutalos und die im Waldviertler Headquater Rammelhof lebende Sängerin Gina Maschina für einen Talk.

Fragen: Werner Harauer
Foto: Pascal Riesinger

City-Flyer: Urgos, stimmt es, dass du zwar „Gründungsmitglied“ von Rammelhof bist, die Band aber erst gegründet wurde, nachdem der Song „Wladimir (Put Put Putin)“ samt Video schon fertig war?

Urgos: Wir – der Große General, Gina Maschina und ich – haben uns tatsächlich erst beim Videodreh zu „Wladimir“ im beschaulichen Rammelhof im Waldviertel kennen gelernt, ich hatte den Song zwar vorher schon im Studio eingetrommelt, kannte aber die  Band vorher nicht. Der Videodreh war quasi der Urknall zu Rammelhof.

CF: Mit „Wladimir (Put Put Putin)“ habt ihr den fm4-Protestsongcontest im Jahr 2015 gewonnen. Im selben Jahr also, in dem die Band gegründet wurde. Habt ihr einen gewissen Erfolgsdruck bei der Produktion des ersten Albums verspürt? Den Druck, die Single toppen zu müssen?

Gina: Ehrlich gesagt, ja. Da der „Wladimir“ wie eine Bombe eingeschlagen hat, war die Latte ja sehr hoch gelegt. Wir hatten damals nur diesen einen Song und etliche Demos, aber keine Platte in der Hand. Wir mussten dann mit Vollgas die Songs fertigschreiben, um im selben Jahr die Platte „Die ganze Welt ist ein Rammelhof“ rauszuschmeißen. Aber wir können mit Druck recht gut umgehen. 😉

CF: Von fm4 wurdet ihr in der Folge weitgehend ignoriert. Kann das fm4-Publikum mit eurem Schmäh nichts anfangen?

Urgos: Es war dann so, dass FM4 beim Protestsongcontest um Rammelhof nicht herum kam. Wir wurden auch einige Zeit gespielt, aber im Grunde ist es so, wie bei allen Radios: sobald du „Rock“ spielst und ein wenig provokantere Texte hast, traut sich der Sender, oder der zuständige Redakteur schon nicht mehr drüber.

Gina: Österreich ist zumindest medial ein rockfeindliches Land. Wir haben zwar ein paar große Festivals, auf denen von Rock bis Metal alles gespielt wird, aber die Radios springen nur auf den Mainstream auf. Es gibt auch durchaus FM4-Hörer/innen, die sich wünschen würden, wenn das Programm wieder ein bisschen „rockiger“ werden würde, aber das passt mit dem Trend grad nicht ganz zusammen! „Rock is Dead“ … (lacht)

CF: Urgos, du bist aus dem Pielachtal. Wie bist du nach Rammelhof gekommen, ein Nicht-Ort an der tschechischen Grenze? Wie hast du den Großen General aus Rammelhof kennengelernt?

Urgos: Also nach Rammelhof bin ich mit dem Auto gekommen – ein Autofahrt in den Großen Wald … (lacht…).
Ich hab den Großen General bei einem Auslandseinsatz in der Türkei kennen gelernt! Er bei den Panzern, ich beim Roten Kreuz.

CF: Für euer neues Album habt ihr euch zwei Jahre Zeit gelassen. Was hat die meiste Zeit gekostet?

Gina: Das Warten hat die meiste Zeit gekostet (lacht). Ich denke wir haben uns irgendwie auch neu orientieren müssen. Es gab jede Menge Demos aber irgendwie war das alt, abgedroschen und hatte keinen Pfiff.

Urgos: Dann kam auch 2019 die „JBO Support Tour“ durch Deutschland dazwischen, welche auch sehr viel Zeit kostete!

Gina: … und nach der saugeilen D-Tour kamen auch plötzlich sieben neue Songs wie Z.B.:  „SUV“, „Der Große General“, „Frau sein“, „Gemma Billa“ daher.

CF: Ist der General für die Texte und die Musik verantwortlich?

Gina: Großteils. Der General und meine Wenigkeit tragen dazu bei, dass die Songs meistens schon halbwegs fertig sind. Trotzdem trägt die Band qualitativ sehr viel dazu bei, dass die Songs auch „gut“ und musikalisch hochwertiger werden. Und der Urgos Brutalos bringt auch immer ein paar gute Inputsputsputs (lacht) mit, sodass zumindest die peinlichsten Textpassagen rausgestrichen werden.

CF: Ihr nehmt euch vieler Themen an, die die letzten Jahre kontrovers diskutiert wurden: es gibt einen Song über den SUV-Proleten, über den Brexit, über das Frau Sein, über die Religionen („Burka“)…
Das Thema „Corona“ fehlt, ist sich wahrscheinlich zeitmäßig nicht mehr ausgegangen. Aber ich ahne, wie ihr das textmäßig abgehandelt hättet. Die satirische „Stoßrichtung“ in euren Texten scheint mir irgendwie vorhersehbar.

Gina: Ja natürlich, es ist immer satirisch, bissig, knapp bemessen, … im Prinzip leicht zu durchschauen. Wir tun so, als ob wir etwas überspitz formulieren, meinen aber das genaue Gegenteil. Zum Beispiel bei unserem neuen Video „SUV“ singen wir ja auch aus der Sicht des Prolos, „wie geil nicht so ein SUV ist mit den übergroßen Felgen“ usw. aber in Wahrheit meinen wir natürlich das Gegenteil!
Aber ja das stimmt – das zieht sich durch alle unserer Songs.
Aber es wäre auch komisch, wenn wir plötzlich Songs über Freundschaft und Liebe schreiben würden, oder? Und ja, Corona ist sich nicht mehr ausgegangen. Nur unser Video zum Song Loser ist offensichtlich in der Krise gefilmt worden.

CF: Ihr zitiert auf eurer Homepage HC vom WC mit dem Satz: „Wenn ich mich zwischen einem Konzert von Rammstein, Deichkind oder Green Day entscheiden müsste, würde ich zu Rammelhof gehen.“ Ich persönlich würde zu Deichkind gehen, weil die einen subtileren Schmäh haben. Braucht’s die Holzhammer-Methode wirklich?

Urgos: Ja, die Methode brauchts !!! Das ist halt unsere direkte Art und Weise, Themen raus zu lassen. Aber möglicherweise sind wir weniger „subtil“, mag sein. Vielleicht ist es auch meine Metal-Vergangenheit (Bastard Peels/d. Red.), dass ich das ganze nicht so als Holzhammer-Methode sehe. Da gibt’s viel viel schlimmeres !!!

CF: „Umweltschmutz“ rockt gewaltig. Da steckt viel musikalische Erfahrung dahinter. Bei welchen Bands spielen bzw. spielten Der Große General, Gina Maschina, Mario Granato, Du-Shan und du noch?

Gina: Es gibt nur Rammelhof !!! Rammelhof spielt nur bei Rammelhof!!!

Urgos: So ist es !!!

CF: Gina, wie nimmst du deine Rolle als Sängerin in der Band wahr? Wer ist nun der Frontmann bzw. die Frontfrau auf der Bühne? Gibt es keine Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Fans vor der Bühne?

Gina: Ich denke, wir matchen uns nicht um die Aufmerksamkeit des Publikums. Jeder hat so seine Rolle beim jeweiligen Song, die wird auch gerne angenommen haben und jeder von uns macht was er kann. Bei uns geht’s vor allem live nicht darum, wer weiter vorn steht, sondern wie wir den Text schauspielerisch verstärken und in Szene setzten können.

CF: Ich habe noch keinen Live-Auftritt von euch miterlebt und kann mir daher die Rolle von Pater Perdurabo auf der Bühne nicht vorstellen. Er steht als „Showman“ ja auch irgendwie im Rampenlicht. Ich stelle mir gerade einen sinnlichen Overkill vor. Ist das vielleicht bei euren Auftritten beabsichtigt?

Gina: Unsere live Show ist schon sehr „tight“ es ist immer was los. Ich und der General plus der Pater müssen uns oft umziehen und irgendwelche Requisiten auf die Bühne „zahn“. Also fad wird einem Zuseher mit Sicherheit nicht. Sollte es live ein Overkill sein, dann nicht beabsichtigt. Es werden eben Dinge, die live funktionieren beibehalten und jene, die nicht so toll sind, werden wieder fallengelassen.

Urgos: Ich bin der Meinung, dass grad heutzutage eine Show eine „Show“ ist, wenn sich auf der Bühne etwas abspielt. Man könnte es auch umgekehrt sehen: wenn eine Band eine Show spielt und keine Show macht, kann es nach drei Songs schon ziemlich langweilig werden.
Also: „Rocktheater“! Wer das als „overkill“ betrachtet, der soll zu Deichkind gehen! (lacht)

CF: Neben den klassischen Stadionrock-Gesten höre ich auf dem neuen Album auch Disco-Rhythmen und Wave-Einflüsse raus. Bei „Gemma Billa“ sogar einen orientalischen Groove. Habt ihr keine Angst, euch zwischen die Stühle zu setzen, weil ihr nicht einordenbar seid?

Gina: Das ist genau das, was wir wollen: gegen den Strom schwimmen und nicht den Einheitsbrei machen, den alle machen.

Urgos: Außerdem heißt unser neuer Stil „soca-rock“ (lacht) … gibts auf Wikipedia noch nicht, bitte um Geduld!!! 😉

CF: Wie viel hat euch die Kaufhauskette für den Song „Gemma Billa“ bezahlt?

Urgos: Brutto oder Netto ? € 925.328,- . Das wäre der Netto-Betrag.

CF: Die Produktion des Albums ist fett geworden. Wer ist dafür verantwortlich?

Gina: Mit der Kohle, die der Rewe Konzern an uns gezahlt hat, konnten wir uns ein richtig fettes Studio bauen lassen …

Urgos: Wir alle haben mittlerweile relativ viel Kilometer im Studio gemacht, sodass wir alles selbst recorden und mixen können. Jeder einzelne weiß, wie er sein Instrument gut auf „Band“ bringt. Einzige Ausnahme ist der Mastering-Prozess, da gehen wir zum altbewährten Tonmeister Martin Scheer.

CF: Rammelhof hat sich für Freitag, den 17. Juli am Feuerwehrfest in Tradigist angekündigt. Habt ihr außerdem einen Gig in der näheren Umgebung?

Gina: Das Tradigister Feuerwehr-Fest ist sicher killer. Ich kann dir auch sagen, welche Gigs wir dieses Jahr NICHT spielen, Süd Tirol – Alpenflair vor Boss Hoss, Fire Rock, jede Menge Deutschland- und Österreich-Gigs wurden wegen der Krise abgesagt. Aber schön, dass du Tradigist erwähnst 🙂 Zur Zeit ist bezüglich Gigs alles in der Schwebe.

CF: Ich bedanke mich vielmals für das Interview.

Urgos: Wir haben zu danken und würden uns freuen, wenn ihr uns mal live besucht !!!

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Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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