Raphaela Edelbauer – Die Inkommensurablen

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Tiroler Pferdeknecht findet in Wien zwei Gefährten und begibt sich mit ihnen auf einen abenteuerlichen 24-Stunden Trip durch das kriegseuphorische Wien des Jahres 1914.

Wir schreiben den 30. Juli 1914, in der Stadt herrscht Kriegsbegeisterung, man erwartet am folgenden Tag die russische Generalmobilmachung. Der Tiroler Pferdeknecht Hans hat sich vom Hof davongestohlen und ist mit dem Nachtzug nach Wien gefahren, um einen Termin bei der Psychoanalytikerin Helene Cheresch zu bekommen. Der 17-jährige ist davon überzeugt, die Gedanken anderer lesen zu können, kurz bevor diese sie aussprechen. Trotz seiner einfachen Herkunft ist er mit Literatur sehr vertraut: Ein Vikar gibt ihm bei jedem seiner wöchentlichen Besuche bei ihm ein Buch mit, welches er in einer Woche fertiggelesen haben muss, was ihm auch stets mühelos gelang.

Vor dem Eingang von Helene`s Haus lernt Hans die Mathematik-Doktorandin Klara (die an inkommensurablen (= irrationalen) Zahlen forscht und dem „Lumpenproletariat“ entstammt und Adam (aus einer wohlhabenden Offiziersfamilie) kennen. Sie sind beide bei Helene in Behandlung und sollen ebenfalls übernatürliche Fähigkeiten besitzen und Teil eines „Traumclusters“ sein.

Zusammen mit ihnen begibt er sich auf einen schrägen Trip durch Wien, der ihn u.a. in den Hauptsaal des Musikvereins bringt, wo Adam mit Kollegen Schönbergs „Zweites Streichquartett op. 10“ zu proben, später zu einem Essen bei Adams Eltern, um danach ins Nachtleben abzutauchen. Nicht unbeachtet bleibt auch Wien`s Kaffeehauskultur, die durch „Café Griensteidl“ und „Café Sperl“ würdig vertreten wird. Letztgenanntes gibt es zum Glück immer noch, ersteres schloss 2017 für immer seine Pforten.

Zu einen der stärkeren Szenen im Roman gehört der düstere Weg durch die Wiener Kanalisation, um in die geheime Kaschemme „Trabant“ zu gelangen:

„Schwarz wie Jauche warf sich die Dunkelheit über ihn. Sie wurde durch die Stille verdichtet, die mit jeder abwärts gestiegenen Stufe die Straßengeräusche von ihm fortzuziehen schien. Hans griff nach den gusseisernen Haken, die senkrecht der nackten Mauer entsprangen; er tastete unsicher wie ein Blinder, seine Arme waren trotzige Stöcke.“

Raphaela Edelbauer hat mit ihrem neuen Roman erneut eine wortgewaltige und bildstarke Geschichte erschaffen. Im Gegensatz zu den beiden Vorgängern mag hier jedoch der Funke nicht so leicht und vollständig überspringen. Dieses ganz Besondere an Edelbauers bisherigen Werken wird hier durch ein „zu viel“ an Themen und Wortakrobatik ausgebremst. Wer ein wahrer Fan von Edelbauer ist, lässt sich dadurch jedoch nicht abschrecken.

Raphaela Edelbauer
Die Inkommensurablen
Roman | Klett-Cotta, 2023
350 Seiten | € 25,70

 

Claudia Zawadil
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Claudia Zawadil
DI (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Arthouse Cinema-Fan und Vinyl-Lover.

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      miss_marple
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