René Voak über den Festivalbetrieb

René Voak © Matthias_Koestler
René Voak © Matthias_Koestler

Einerseits: Es gab kaum einen ungünstigeren Zeitpunkt, als gerade jetzt ein neues Musik-Festival ins Leben zu rufen. Andererseits: Die KünstlerInnen brauchen in dieser schwierigen Phase Unterstützung von allen Seiten. Mit dem neuen Festivalformat “musik.stp Festival” stellt die Stadt ihre MusikerInnen ins Rampenlicht. Warum das musik.stp Festival eine Chance ist, was es dabei zu beachten gilt und wie es mit dem Festivalbetrieb in der Vergangenheit lief und wie er in Zukunft weitergehen wird, verrät uns Veranstaltungsprofi und VAZ-Co-Geschäftsführer René Voak.

Interview: Werner Harauer
Foto: Matthias Köstler

City-Flyer: Die Stadt St. Pölten organisierte mit dem “musik.stp Festival” ein Open Air, auf dem die momentan angesagtesten St. Pöltner MusikerInnen aufgetreten sind. Wie wichtig ist es für junge Künstler an Veranstaltungen wie diesen teilzunehmen?

René Voak: Für jede Künstlerin und jeden Künstler ist die Präsentation vor Publikum etwas Einzigartiges. Mit diesem Format “musik.stp” ist es der Stadt gelungen, eine Präsentationsplattform sowohl in den digitalen Medien als auch analog auf Vinyl oder nun live auf einer großen professionellen Bühne zu schaffen. Somit hat diese Veranstaltung große Bedeutung für die lokale und überregionale Szene, die sich einem Publikum über die Stadtgrenzen hinaus präsentieren kann. Dies könnte ein wichtiger Meilenstein für den künstlerischen Werdegangs sein.

CF: Am Ratzersdorfer Badesee fanden schon viele Open Air Veranstaltungen statt, wie z.B. das “Stereo am See“. Welches Potential siehst du im Venue? Ist es der geeignete Standort für das musik.stp Festival?

René Voak: Ich verbinde viel Nostalgie mit diesem Open-Air-Venue, wenn ich mich an die vielen Seefeste, “Beach Manias” und “Stereo am See” Festivals erinnere. Der Standort ist ideal für die Größe des musik.stp Festivals und kann schon einige Konzert-Highlights aufweisen, wie z.B. das allerletzte Konzert von Ludwig Hirsch, die britische New-Wave-Band The Human League, Roots Vibration, Samy Deluxe, Wir sind Helden, Mia. u.v.m.

CF: Wie viele Besucher braucht es, dass eine solche Veranstaltung allgemein als Erfolg gewertet werden kann?

René Voak: Hier zählt meines Erachtens ein anderer Erfolgsmaßstab und zwar die Chance, dass St. Pöltner Musikerinnen und Musiker eine neue Auftrittsplattform bekommen. Die bekanntesten Bands haben vor einer Handvoll Personen ihre ersten Auftritte absolviert. Darum kann es nur ein Erfolg werden, egal bei welchem Wetter.

CF: Werden Nach eineinhalb Jahren Festival-Abstinenz deiner Einschätzung nach mehr Leute Festivals besuchen? Oder hat die Festival-Manie durch die Pandemie generell einen Dämpfer bekommen?

René Voak: Ich glaube, dass viele Tourismus-, Event- und Freizeitakteure eine Rückeroberung des Publikums anstreben müssen. Dies gilt auch für den Festivalsektor. Einfacher ist es bestimmt nicht geworden.

CF: Kann sich heute ein privater Veranstalter über ein Festival trauen, auf dem nur lokale Größen spielen und das von der öffentlichen Hand nicht bezuschusst wird?

René Voak: Das hängt natürlich auch von der Größe und den damit verbundenen Kosten eines Festivals ab. Generell ist es immer eine Herausforderung als privater Veranstalter in die schwarzen Zahlen zu kommen.

CF: Wie lange plant man für ein Festival in der Größe eines musik.stp Festivals?

René Voak: Coronabedingt haben sich die Planungszeiträume sogar verkürzt, da man beinahe im Wochenrhythmus neue Veranstaltungsparameter berücksichtigen muss bzw. manchmal auch Möglichkeiten zur Verwirklichung erfährt. Darum ist es nicht ungewöhnlich, wenn innerhalb von wenigen Monaten ein völlig neues Veranstaltungsformat entsteht. Je größer die Veranstaltung, desto länger die Vorlaufzeit, manchmal sogar bis zu 18 bzw. 24 Monate.

CF: Du kennst beide Seiten: Macht es – abgesehen vom finanziellen Risiko – einen Unterschied, ob ein Privater veranstaltet oder die öffentliche Hand?

René Voak: Das finanzielle Risiko macht wohl einen sehr bedeutenden Unterschied für den privaten Veranstalter aus, beginnend bei der Planung über die Werbemaßnahmen bis zur Durchführung. Für das Publikum spielt dieser Umstand eine untergeordnete Rolle.

CF: Es hängt vor allem von der Stimmung des Publikums und der auftretenden Künstler ab, ob ein Festival ein Erfolg wird. Wo siehst du die kleinen Schrauben, die der Veranstalter justieren muss, um die Veranstaltung zum Erfolg zu führen?

Voak: Richtig, es sind oft die kleinen Schrauben, die für Künstler und Publikum einen echten Unterschied ausmachen. In erster Linie wird die Stimmung gehoben, wenn sowohl Publikum als auch Künstler die Liebe im Detail erkennen. Das beginnt schon beim Empfang der Protagonisten, was sowohl für Publikum als auch Künstler gilt, geht über eine coole Performance samt krönendem Abschluss, der sich in Zugaben ebenso niederschlagen kann wie in technischen Überraschungen und endet bei einer problemlosen Abreise samt emotionaler Nachbereitung, etwa in Form von Pics, Videos & Co.

CF: Es wird viel darüber gesprochen, in die “Normalität” zurückzukehren. Gehören Musikfestivals zur Normalität? Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen Festivals etwas Besonderes, aber sicher nicht die Norm waren.

Voak: Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob die “alte” Normalität überhaupt so erstrebenswert ist. Ich bin mir aber sicher, dass sich auch am Festivalsektor vieles ändern wird, was aber durchaus auch positive Effekte mit sich bringen kann.

CF: Du warst ursprünglich Vertragsbediensteter im Magistrat St. Pölten und hast im Jahr 1996 die Leitung des Büro V übernommen. Gab’s das Büro V vor dir auch schon?

Voak: Nein, das Büro V – Jugend-, Kultur- und Veranstaltungsmanagement der Stadt St. Pölten gab es davor nicht.

CF: Das Büro V war unter anderem für die Organisation des St. Pöltner Hauptstadtfestes verantwortlich, welches anlässlich der Hauptstadtwerdung im Jahr 1986 ins Leben gerufen wurde. Worin bestand deine Aufgabe?

Voak: Ich war für die Organisation, Planung, Programmierung und Abwicklung des Hauptstadtfestes von 1996 bis 2002 verantwortlich. Ich war also mit dem klassischen Eventmanagement zu dieser Veranstaltung betraut.

CF: Du warst dem Kulturstadtrat Dr. Siegfried Nasko unterstellt, der die Idee des Hauptstadtfestes sehr ambitioniert umsetzte. Weißt du den Grund, warum er so fest hinter dem Hauptstadtfest stand?

Voak: Siegfried Nasko förderte immer künstlerische und kulturelle Ideen, Projekte und Menschen. Er war in vielerlei Hinsicht ein großer Visionär über Kultur- und Staatsgrenzen hinweg.
Ganz zentral war aber dabei auch immer die Förderung der lokalen Kunst- und Musikszene und da war das St. Pöltner Hauptstadtfest immer ein wichtiger Fixpunkt im jährlichen Veranstaltungskalender der Stadt St. Pölten. Hier konnte man als Künstler und Kulturinteressierter die ersten Erfahrungen sammeln bzw. war das HSF auch ein Sprungbrett für die lokale Musikszene und zum damaligen Zeitpunkt eine bedeutende Veranstaltung.

CF: Im Laufe der Jahre bespielten zahlreiche Weltstars wie Kool & The Gang (1992), Falco (1993), David Bowie und Neneh Cherry (1996), Deep Purple (1999) Fettes Brot (2001) oder die No Angels (2009) die Bühne am Domplatz und das bei freiem Eintritt (außer Bowie). Auch die heimischen Künstler fanden ihren Platz auf den bis zu 13 Bühnen in der Innenstadt. Überhaupt zeichnete sich das Programm durch ein Darbietungs-Potpourri aus den verschiedensten Bereichen aus – von Sportveranstaltungen über volkstümliche Musik bis zu oben genannten Rock- und Popstars. Würde ein Hauptstadtfest in dieser Form heute noch funktionieren?

Voak: Eins-zu-eins kann man so ein Fest nicht mehr in die Gegenwart transferieren, betrachtet man alleine die Ausgabenseite. Aber auch ein Stadtfest hätte sich weiterentwickelt und darum kann es natürlich generell auch funktionieren.
Man darf aber nicht vergessen, dass sich das kulturelle Angebot in St. Pölten massiv verändert hat, denkt man an die Vielzahl an neuer Festivals, an diverse Einzelkonzerte in allen Genres u.v.m. – all das gab es vor zwanzig Jahren nicht in dieser Ausprägung.

CF: In welchem Jahr fand das letzte von dir organisierte Hauptstadtfest statt?

Voak: Das letzte von mir organisierte Hauptstadtfest fand vom 5. bis 6. Juli 2002 mit Reamonn (Rea Garvey), T-Rex, Tito und Tarantula, DJ Tomekk u.v.a. statt.

CF: Die Firma NXP, deren Miteigentümer du bist, hat das VAZ im selben Jahr gepachtet. War das der Grund deines Ausscheidens vom Magistrat?

Voak: Ja, ich hatte den Betrieb des VAZ St. Pölten kurzfristig interimistisch im Jahr 2002 mit NXP (Gründungsjahr: 1992) übernommen. Nach Ausschreibung und Interesse der Weiterführung war für mich klar, dass ich mich hier zu 100% auf die neuen Aufgaben konzentrieren möchte und hier ein klarer Schlussstrich gezogen werden muss.

CF: Das Hauptstadtfest gab es noch bis zum Jahr 2009. Im selben Jahr fand das erste Frequency Festival in St. Pölten statt. War das Frequency der Grund für das Aus des Hauptstadtfestes?

Voak: Nein, das Frequency Festival war mit Sicherheit nicht das Aus des Hauptstadtfestes. Bedenkt man, dass wir schon in den Jahren 2006 bis 2008 das NUKE Festival und das legändere Lovely Days Festival 2006 und 2007 sowie andere Festivalformate im VAZ St. Pölten hatten.

CF: Die Frequency-Fans schickte man heuer auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Lange Zeit hieß es, das Frequency könne coronabedingt nicht stattfinden.  Vielen ist wohl ein Stein vom Herzen gefallen als sie erfuhren, dass das Festival heuer doch abgehalten wird und sogar um einen Tag länger, nämlich von 19. bis 22. August. Mitte Juli dann das endgültige Aus für 2021 …

Voak: Ja, das Frequency Festival wird 2021 leider nicht stattfinden.

CF: Das Frequency hat sich am VAZ-Gelände quasi nur eingemietet. Anders verhält es sich mit dem Beatpatrol Festival, das ihr im Haus organisiert. Wird es aus heutiger Sicht das Elektronikfestival geben?

Voak: So unglaublich es auch für mich klingt, aber: Ich kann es nicht sagen. Viele Veranstaltungen werden aktuell vorbereitet und umfassend geplant und in letzter Sekunde dann doch wieder verschoben oder abgesagt. In Planung sind wir aber mit allem.

CF: Wie fühlt es sich an, wenn man sehr viel Zeit und Geld in ein Projekt wie zum Beispiel ein Festival investiert und im Vorfeld keine Ahnung hat, ob es stattfinden wird können?

Voak: Es fühlt sich gar nicht gut an. Man lernt zwar nach mehr als 16 Monaten mit diesem Damoklesschwert zu leben, findet aber keine richtige Lösung für diesen Umstand. Da hilft trotzdem nach wie vor nur eine positive Herangehensweise und das Prinzip Hoffnung.

CF: Gibst du dem Konzept des Festival mittelfristig eine Zukunft?

Voak: Ja, Festivals haben vor allem dann eine große Zukunft, wenn sie sich mit den Bedürfnissen des Publikums und der Umgebung weiterentwickeln.

CF: Derzeit müssen die Besucher bei Veranstaltungen im Freien keine Maske tragen, Mitarbeiter aber schon. Der Mindestabstand beträgt aktuell einen Meter. Ab Juli könnte zusätzlich die Besuchergrenze fallen, auch die Sitzplätze könnten dann frei gewählt werden. Ist das mit der Idee eines Festivals vereinbar? Und ist das exekutierbar?

Voak: Solange es Einschränkungen gibt, bedeutet dies auch Einschnitte für ein Festivalformat. Festivals stehen ja oft für ein gewisses Freiheitsgefühl und eine produktive Leichtigkeit, die mit den COVID-Maßnahmen stark eingeschränkt werden. Nichtsdestotrotz wird man sich damit arrangieren müssen, obwohl eine Exekutierbarkeit je nach Größe des Festivals auch eine Mammutaufgabe darstellt.

CF: Auch das Warehouse ist bei euch in “Untermiete” und darf seit kurzem wieder Party machen. Wie liefen die ersten Veranstaltungen?

Voak: Die ersten Veranstaltungen liefen ausgesprochen gut. Das Publikum ist hungrig nach Kunst und Kultur!

CF: Die Firma NXP betreibt außerdem eine Bowlinghalle, das Lasertron in stp und Graz, das an das VAZ angeschlossene Musikcenter, … alle Firmen fallen in den Unterhaltungsbereich. Zeugt das von einer gewissen Affinität der Geschäftsführung zur Unterhaltung? Oder ist in diesem Bereich einfach der Gewinn am höchsten?

Voak: Alle Projekte und schließlich Firmen entstanden aus einer großen Leidenschaft. Dies war seit der ersten Firmengründung im Jahr 1992 immer unser und mein Ansporn. Die wirtschaftliche Umsetzung wurde erst im zweiten Schritt geprüft. So gab es durchaus auch schon viele Projekte im Laufe der letzten 30 Firmenjahre die zwar toll und ambitioniert waren aber letztendlich auch gescheitert sind. Man könnte salopp behaupten, dass von hunderten Ideen nur eine Idee auch wirklich überlebt.
Als Beispiel möchte ich hier das NXP Music Center nennen. Mit sechs Jahren habe ich in der Musikschule St. Pölten bei Werner Hainitz begonnen die klassische Konzertgitarre zu erlernen. Die Liebe zur Musik und zum Musikinstrument war schon im Kindesalter vorhanden und dabei denkt man noch wenig an “Gewinn” . Wenn ich heute durch unser Musikgeschäft gehe, werden alte Erinnerungen wach und die Aura inmitten von Musikinstrumenten ist für mich nach wie vor unbeschreiblich.

CF: Mit Blick auf die Pandemie ist es doch ein gewaltiges Risiko, nur auf den Unterhaltungsbereich zu setzen. Hast du in Zukunft vor, dein Portefolio zu diversivizieren?

Voak: JA, ich arbeite täglich daran.

CF: Vielen Dank für das Interview.

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

City-Flyer – die Stadt bei Tag und Nacht Foren René Voak: Ein Festival wie „Damals“

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